mini|Karte der politischen Gliederung der Niederlande (2012) Der Anarchismus in den Niederlanden hatte seinen UrsprungSiehe hierzu: Arie Hazekamp: Oorsprong van het anarchisme in Nederland. („Ursprung des Anarchismus in den Niederlanden“). In: Ravage. Nr. 16, Dezember 2002. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Wurzeln lagen in den radikalen und revolutionären Ideologien der Arbeiterbewegung, im antiautoritären Sozialismus, den Freidenkern, in zahlreichen Vereinen und Organisationen die eine freiheitliche Gesellschaftsform anstrebten. Im Ersten Weltkrieg arbeiteten Einzelpersonen und Gruppen von Syndikalisten und Anarchisten verschiedener Strömungen zusammen, für Kriegsdienstverweigerung und gegen die Politik der Regierung. Der gemeinsame Widerstand war gegen Imperialismus und Militarismus gerichtet. Die Ablehnung und der Widerstand gegen den Krieg aus christlichen Motiven ging hauptsächlich vom Bond van Christen-Socialisten („Bund der christlichen Sozialisten“; BCS) aus.Herman Noordegraaf: Scheiding der geesten: over revolutie en geweld in 1920. Niederländisch, abgerufen am 9. April 2013.

Den Anarchismus in den Niederlanden zu erwähnen, ohne die sozialistische Arbeiterbewegung mit einzubeziehen, ist kaum möglich. Der bekannteste Anarchist, F. D. Nieuwenhuis, kam aus sozial-demokratischen Kreisen und hatte viel dazu beigetragen, aus der Arbeiterklasse einen historischen Faktor zu machen.Autor: Max Beer. De socialistische arbeidersbeweging in Nederland („Die sozialistische Arbeiterbewegung in den Niederlanden“). Niederländisch, abgerufen am 26. April 2013. Als Soziale Bewegung hatte der Anarchismus in den Niederlanden bis Anfang des Zweiten Weltkrieges größeren Einfluss auf den sozialen Wandel der Gesellschaft in kultureller, politischer und sozialer Hinsicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Anarchismus erst in den 1960er Jahren durch die Provo-Bewegung wiederum aktiv und einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.Interview mit Michel (von der „Anarchistische Groep Amsterdam“) über Anarchismus in den Niederlanden. Interview von 2010. Deutsch, abgerufen am 7. Juni 2013.

Der Christliche Anarchismus,Christianarchie – Vrede und vrije mensen. Homepage von: Christlicher Anarchismus – Friede und freie Menschen. Niederländisch, abgerufen am 24. April 2013.Für die Bedeutung des Tolstojanismus als christlich-anarchistische Strömung im niederländischen Anarchismus siehe Dennis de Lange: Die Revolution bist Du! Der Tolstojanismus als soziale Bewegung in den Niederlanden. Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2016. der Antiautoritäre Sozialismus und der Christliche Sozialismus waren, ebenso wie der Anarchosyndikalismus, von nicht zu unterschätzender Bedeutung in den Niederlanden. Ebenfalls Genossenschaften, kommunistische Organisationen und verschiedene Vereinigungen, die sich im 19. Jahrhundert für freie Meinungsäußerung, Toleranz und Menschenwürde einsetzten. Sie mussten gegen die Willkür von Staat und Kirche ankämpfen. Sie standen am Anfang des modernen Liberalismus, Sozialismus, dem Antimilitarismus und Anarchismus.Siehe hierzu: Jan Bank, Maarten van Buuren: 1900. Hoogtij van burgerlijke cultuur. S. 350.

Leitende Personen des frühen Sozialismus in den Niederlanden waren, so die Autoren J. Bank und M.v. Buuren, die Frühsozialisten Hendrik Gerhard (1829–1886), Jan Stoffel (1852–1921) und Ferdinand Domela Nieuwenhuis (1846–1919). Sie vertraten die Ansicht, dass das „soziale Elend“ der Arbeitnehmer der private Grundbesitz (particulier grondbezit) war, und strebten eine Föderation von gesellschaftlichem Grundbesitz an.Siehe hierzu: Jan Bank, Maarten van Buuren: 1900. Hoogtij van burgerlijke cultuur. S. 443.

Der Freidenker und Anarchist Anton Levien Constandse (1899–1985) schrieb in Het anarchisme in de Nederlanden („Der Anarchismus in den Niederlanden“), dass sich im Norden der Niederlande ein halbes Jahrhundert lang, von 1890 bis 1940, eine anarchistische Bewegung entwickelte, die im Verhältnis größer war als in anderen europäischen Ländern, ausgenommen Spanien.Siehe hierzu: A.L. Constandse: Het anarchisme in de Nederlanden. In: Ons Erfdeel. S. 361 und 363.

Geschichte Vorläufer (Auswahl) Der Anarchismus in den Niederlanden wurde anfangs als communistisch-anarchime, danach als sociaal-anarchisme (gemeint ist der Kommunistische Anarchismus), revolutionair-socialisme („revolutionärer Sozialismus“) und anarcho-syndicalisme (Anarchosyndikalismus) bezeichnet.

Personen des christlichen und jüdischen Glaubens verschiedener Richtungen, die das Christen- und Judentum mit sozialistischen und anarchistischen Ideen in Zusammenhang brachten, insbesondere Pfarrer und Prediger, bekamen allgemein den Namen rode Dominee („roter Pfarrer“). Sie predigten die „Freiheit des Denkens“ und eine „moderne“ Theologie. So gab es zum Beispiel in der Provinz Friesland um 1932 siebzehn „sozialistische Pfarrer“, wovon vierzehn Mitglied der Sociaal-Demokratische Arbeiderspartij (Sozialdemokratische Arbeiterpartei; SDAP) waren. Die „roten Pfarrer“ trugen viel dazu bei, dass der Unterschied zwischen dem christlichen und jüdischen Glauben, der Arbeiterbewegung, und dem Anarchismus überbrückt wurde.Autoren: Paul Denekamp und Herman Noordegraaf. Titel: De geschiedenis van ‘rooie dominees’ in Nederland (Die Geschichte der ‚roten Pfarrer‘ in den Niederlanden). In der Zeitschrift onvoltooid verleden, Nr. 16, 2002. Niederländisch, abgerufen am 19. Mai 2013.

Wegbereiter des Sozialismus und Anarchismus in den Niederlanden war unter anderem der christliche Sozialist Leendert de Baan (1880–1929), Pfarrer und Befürworter der Wehrdienstverweigerung. Politisch war er ein Anhänger vom Bond van Christen-Sozialisten.J.J.Kalma: Portret L. de Baan. In: Biografisch Woordenboek van het Socialisme en de Arbeidersbeweging in Nederland BWSA. Mit weiterführenden Links. Niederländisch, abgerufen am 24. April 2013. Veröffentlicht in BWSA 4, 1990, S. 11 und 12 − Der religiöse Sozialist und Pfarrer Henri Wilhelm Philippus Elize van den Bergh van Eysinga (1868–1920), aktiv im Socialistisch Verbond. Er propagierte einen „revolutionären Sozialismus“ (revolutionair-socialisme) und Kommunismus.Herman Noordegraaf: Portret H.W.Ph.E. van den Bergh van Eysinga. In BWSA 3, 1988, S. 10–12. − Johannes Antonius Hendrikus van den Brink (1865–1933), Priester und erstes sozialistisches Mitglied im Gemeinderat von Limburg. Mitglied der SDAP und seit 1904 Sozialist. Er wurde als „abtrünniger Priester“ (afvallige priester) kritisiert. In Vorlesungen machte er Propaganda für den Sozialismus und sah Kirche und Gottesdienst als Gefahr für die Menschheit und den gesellschaftlichen Fortschritt. Ab 1910 hielt er Lesungen für die Freidenker-Vereinigung De Dageraad.Herman Noordegraaf: Portret Johannes Antonius Hendrikus van den Brink. In BWSA 5, 1992, S. 29–32. − Der Wortführer der „roten Pfarrer“ in der niederländischen Provinz Friesland, Jan Anthonie Bruins Jr. (1872–1947), kam durch F.D. Nieuwenhuis zum Sozialismus. Er war Gründer des christlich-sozialistischen Wochenblattes De Blijde Wereld. Er war unter anderem aktiv bei der „Arbeiter-Jugend“ (Arbeiders Jeugd) und der Nederlandsche Vereeniging tot Afschaffing van Alcoholhoudende Dranken („Niederländische Vereinigung für Abschaffung von Spirituosen“).J.J. Kalma: Portret J.A. Bruins. In BWSA 2, 1987, S. 29–31. − Der „rode Dominee“ Frederik Willem Nicolaas Hugenholtz (1868–1924) äußerte Kritik am Kapitalismus. Er wollte eine arbeiderskerk (wörtlich: „Arbeiterkirche“) gründen, bekam jedoch Schwierigkeiten mit der Bevölkerung, die ihn als Pfarrer entlassen wollte. 1899 wurde er Propagandist für die Sociaal-Demokratische Arbeiderspartij (SDAP).Siehe hierzu: Jan Bank, Maarten van Buuren: 1900. Hoogtij van burgerlijke cultuur. S. 350. − Jan Lambertus Faber (1875–1958), ebenfalls ein „roter Pfarrer“, Zweite-Kammer-Mitglied für die SDAP. Als Pazifist und Mitglied der christlich-antimilitaristischen Vereinigung Kerk en Vrede („Kirche und Friede“) hatte er einen großen Anhang unter sozialistisch eingestellten Arbeitern.Herman Noordegraaf: Portret Jan Lambertus Faber. In. BWSA 6,1995, S. 65–68. mini|Ferdinand Domela Nieuwenhuis, um 1875 − Ferdinand Domela Nieuwenhuis, Pfarrer und Pionier des Sozialismus in den Niederlanden. 1889 bekannte er sich zum Anarchismus.Siehe hierzu: Albert de Jong: Van Christen tot Anarchist en ander werk van F. Domela Nieuwenhuis. Uitgeverij A.W. Bruna &Zoon, Utrecht 1970, S. 232. − Hendrik Gerhard (1829–1886) wurde de vader van het socialisme in Nederland (wörtlich: „der Vater des Sozialismus in den Niederlanden“) genannt, Mitglied von De Dageraad und Freidenker. Sein Ideal war gelijk recht voor allen („gleiches Recht für Alle“). Er war aktiv in der Friedens- und Arbeiterbewegung und lehnte Gewalt zur Erreichung einer sozialistischen Gesellschaft ab.Dik Nas: Portret Hendrik Gerhard. In: BWSA 8, 2001, S. 45–50. − Johan Jacob Ledewijk (1871–1942), Befürworter des kommunistischen Anarchismus (sociaal-anarchisme), Gründer der Federatie van Vrijheidlievende Communisten („Föderation der freiheitsliebenden Kommunisten“), Redakteur der Zeitschrift De Vrije Communist und De Toekomst von der Federatie van Revolutionaire Socialisten („Föderation der revolutionären Sozialisten“) sowie aktiv bei dem Sociaal-Anarchistisch Verbond.H.J. Scheffer: Portret J.J. Lodewijk. In: BWSA 2, 1987, S. 85–87. − Abraham Mozes Reens (1870–1930), Propagandist für den revolutionären Sozialismus und Anarchismus. Gründer der anti-belastingvereniging („Antisteuer-Vereinigung“) und der Zeitschrift Opstand („Aufstand“).Salvador Bloemgarten: Portret A.M. Renz. In: BWSA 3, 1988, S. 173–175. − Sjoerd Si(e)brens van Veen (1828–1897), einer der ersten christlichen Sozialisten. Anhänger von F.D. Nieuwenhuis und vor allem aktiv in der Provinz Friesland. 1888 Gründer des Sociaal-Democratische Bond („Sozialdemokratischer Bund“) in der Provinz Friesland. Er verkündigte das revolutionaire van de bijbelse boodschap („das Revolutionäre aus der biblischen Botschaft“). Spätere christliche Sozialisten erklärten, dass durch das Wirken von van Veen der christliche Sozialismus in Friesland Gehör fand.J.J. Kalma: Portert S.S. van Veen. In: BWSA 2, 1987, S. 161. − Daniël van der Zee (1880–1969) gilt als Pionier des christlichen Sozialismus. 1907 Mitgründer vom Bond van Christen-Socialisten („Bund von christlichen Sozialisten“, BCS). Redakteur der Zeitschrift Opwaarts (etwa „Aufwärts“) und Vorstandsmitglied vom Religieus-Socialistisch Verbond („religiöser sozialistischer Bund“) und vom Instituut voor Arbeidersontwikkeling (wörtlich: „Institut für Arbeiterentwicklung“; IvAO).Herman Noordegraaf: Portret D. van der Zee. In: BWSA 2, 1987, S. 189–191.

Sozialismus und Anarchismus 19. Jahrhundert In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Gemeinsamkeiten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, zwischen dem antiautoritären Sozialismus und Anarchismus größer als die Unterschiede. Die Grenzen zwischen den beiden Weltanschauungen waren fließend. Um 1870 waren die sozialen und ökonomischen Verhältnisse in den Niederlanden in einer Krise: hohe Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne, Kinderarbeit, Kindersterblichkeit und Alkoholkonsum. Wohnungen und Lebensmittel waren ungenügend vorhanden. Zu dieser Zeit wurde die Stimmung des Proletariats immer radikaler, was auch in der Zeitschrift Recht voor Allen zum Ausdruck kam. Die erste soziale Gesetzgebung verbot 1874 die Kinderarbeit: Kindern unter zwölf Jahren war es verboten zu arbeiten.Autor: Folkert Anders. Vom 1. Februar 2011. De sociale kwestie in Nederland (1870–1918) Niederländisch, abgerufen am 9. April 2013.