Jacques Le Goff (* 1. Januar 1924 in Toulon; † 1. April 2014 in Paris) war ein französischer Historiker. Der Experte für die Geschichte des europäischen Mittelalters (Mediävistik) gehörte zur sogenannten Annales-Schule der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris.
Leben Herkunft und Jugend Le Goff wurde als Sohn eines Lehrers in der Hafenstadt Toulon geboren. Dort wuchs er ohne Geschwister auf. Er besuchte Gymnasien in Toulon und Marseille sowie zur Vorbereitung auf ein Studium das renommierte Lycée Louis-le-Grand in Paris. Die erste prägende Erfahrung mit dem Mittelalter wurde im Alter von zwölf Jahren durch die Lektüre des Ritterromans Ivanhoe von Walter Scott geweckt. Unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs war Le Goff vom romantisch-verklärten England des 12. Jahrhunderts fasziniert, „weil es [das Mittelalter] die nahezu magische Kraft besaß, mich in ein fremdes Territorium zu versetzen, mich aus den Wirrnissen und Unzulänglichkeiten der Gegenwart herauszureißen und sich mir damit gleichzeitig erregender und klarer zu präsentieren“.Jacques Le Goff: Auf der Suche nach dem Mittelalter. Ein Gespräch. München 2004, S. 13. Seine tiefreligiöse Mutter gründete eine Freundesgruppe der katholisch geprägten Zeitung L’Aube. Die Zeitungsartikel dazu wurden von ihm eifrig gelesen, und er entwickelte ein brennendes Interesse an der Politik.
Am 28. November 1942 floh er in die Alpen und schloss sich der Résistance an. Einen Tag zuvor war auf Anordnung des Vichy-Regimes die französische Flotte am Hafen versenkt worden. In den Kriegswirren entschied er sich, Historiker zu werden.Andreas Sohn: Vom Appetit auf Geschichte und von der Liebe zum lebendigen Gedächtnis. Zu Leben und Werk des Historikers Jacques Le Goff (1924–2014). In: Historisches Jahrbuch. 135, 2015, S. 524–556, hier: S. 526.
Akademische Laufbahn In Paris nahm er 1945 das Studium der Geschichte an der École Normale Supérieure auf. Das an der Pariser Sorbonne vermittelte Mittelalterbild mit einem Schwerpunkt auf der Auswertung urkundlicher Quellen erschien ihm langweilig und einseitig. Er wollte sich fast schon vom Mittelalter abwenden. Für kurze Zeit verfiel er in „die wunderbare Welt Goethes, Heines, Rilkes und Thomas Manns“ und wollte ein Germanistikstudium aufnehmen.Jacques Le Goff: Auf der Suche nach dem Mittelalter. Ein Gespräch. München 2004, S. 23. Doch der Einfluss von Maurice Lombard und Michel Mollat du Jourdain eröffnete ihm die ganze Bandbreite des Mittelalters. Prägend war vor allem auch der Kontakt mit der École des Annales, eines Zusammenschlusses von Historikern, die ein Geschichtsbild auf breitester Quellenbasis vertraten. Ein „definitives Interesse“ für das Mittelalter weckte in ihm der Mediävist Charles Edmond Perrin an der Sorbonne.Jacques Le Goff: Auf der Suche nach dem Mittelalter. Ein Gespräch. München 2004, S. 24.
Die Jahre 1947 und 1948 verbrachte er in Prag. Dort verfasste er seine erste universitäre Arbeit Les Origines de l’université Charles de Prague au milieu du XIVe siècle. Nachhaltig prägte ihn der Februarumsturz von 1948, den er als Stipendiat vor Ort unmittelbar miterlebte. Dieser kommunistische Umsturz veränderte seine politische Einstellung. Er entschied sich, auf keinen Fall der kommunistischen Partei Frankreichs zu folgen.Andreas Sohn: Vom Appetit auf Geschichte und von der Liebe zum lebendigen Gedächtnis. Zu Leben und Werk des Historikers Jacques Le Goff (1924–2014). In: Historisches Jahrbuch. 135, 2015, S. 524–556, hier: S. 531. Sein Studium endete 1950 mit der Agrégation (Abschluss mit Lehrberechtigung an einem Gymnasium) im Fach Geschichte.
Von 1950 bis 1951 war er für ein Schuljahr Lehrer an einem Lycée in Amiens. Mit einem Stipendium hatte er von 1951 bis 1952 einen Aufenthalt in Oxford am Lincoln College. Er war 1952/53 an der École française de Rome und beeindruckt von dem mediterranen Lebensgefühl und den Forschungsmöglichkeiten der Vatikanischen Bibliothek.Andreas Sohn: Vom Appetit auf Geschichte und von der Liebe zum lebendigen Gedächtnis. Zu Leben und Werk des Historikers Jacques Le Goff (1924–2014). In: Historisches Jahrbuch. 135, 2015, S. 524–556, hier: S. 527.
An der Université Lille erhielt er eine Assistentenstelle bei Michel Mollat du Jourdain. Dort war er von 1954 bis 1959 tätig.Jacques Le Goff: Auf der Suche nach dem Mittelalter. Ein Gespräch. München 2004, S. 71. Im Jahr 1960 ging er zu Fernand Braudel an die 6. Sektion der École Pratique des Hautes Études in Paris, wo er 1962 Professor wurde. 1972 wurde er als Nachfolger Braudels Präsident der sechsten Sektion der École Pratique des Hautes Études und blieb dies, auch als diese 1975 unter dem Namen École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) eine eigenständige Hochschule wurde, bis zu seiner Pensionierung 1977. Im Jahr 1978 gründete er die Groupe d’anthropologie historique de l’Occident médiéval (GAHOM), an der er bis 1992 mitwirkte. Er hielt Lehrveranstaltungen bis in das siebzigste Lebensjahr. Zu seinen akademischen Schülern gehörte unter anderen Jean-Claude Schmitt.
Auf einer Dienstreise in Warschau hatte er 1962 die Ärztin Hanka Dunin-Wąsowicz kennengelernt. Sie heirateten im selben Jahr. Seitdem hatte er enge Verbindungen zu Polen. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor. Seine Frau starb 2004.Andreas Sohn: Vom Appetit auf Geschichte und von der Liebe zum lebendigen Gedächtnis. Zu Leben und Werk des Historikers Jacques Le Goff (1924–2014). In: Historisches Jahrbuch. 135, 2015, S. 524–556, hier: S. 526. Daraufhin verfasste er mit dem Buch Avec Hanka einen Rückblick auf vier Jahrzehnte ehelichen und familiären Lebens.Jacques Le Goff: Avec Hanka. Paris 2008.
Letzte Jahre und Tod In den letzten zehn Jahren seines Lebens war er auf einen Rollstuhl angewiesen. Er zog es daher vor, Kollegen und Weggefährten zum fachlichen Austausch in seiner Wohnung zu empfangen.Andreas Sohn: Vom Appetit auf Geschichte und von der Liebe zum lebendigen Gedächtnis. Zu Leben und Werk des Historikers Jacques Le Goff (1924–2014). In: Historisches Jahrbuch. 135, 2015, S. 524–556, hier: S. 529. Er starb im Alter von 90 Jahren im April 2014.
Sein Tod fand ein großes Echo in Presse, Rundfunk und Fernsehen. Die französische Tageszeitung Le Monde widmete neben der neuen französischen Regierung einen Nachruf dem Tod des Historikers auf ihrer Titelseite.Andreas Sohn: Vom Appetit auf Geschichte und von der Liebe zum lebendigen Gedächtnis. Zu Leben und Werk des Historikers Jacques Le Goff (1924–2014). In: Historisches Jahrbuch. 135, 2015, S. 524–556, hier: S. 524. Die Todesmeldungen hoben seine Rolle als Vermittler, Aufklärer, Gründer und Wegbereiter hervor.Pierre Monnet: Nekrolog Jacques Le Goff (1924–2014). In: Historische Zeitschrift. 300, 2015, S. 283–288, hier: S. 283. In Deutschland veröffentlichten die großen Tageszeitungen ausführliche Nachrufe auf Le Goff, was bei einem französischen Mediävisten nicht die Regel ist.Pierre Monnet: Jacques Le Goff et l’Allemagne, Jacques Le Goff en Allemagne. In: Jean-Claude Schmitt, Jacques Revel (Hrsg.): Hommage à Jacques Le Goff. Paris 2015, S. 119–130. Zu seinem Gedenken wurde am 27. Januar 2015 an der Bibliothèque nationale de France in Paris ein Kolloquium abgehalten.
Werk Sein Werk wurde von Otto Gerhard Oexle zu den „reichsten und interessantesten der internationalen Mittelalterforschung“ gezählt.Otto Gerhard Oexle: Das Andere, die Unterschiede, das Ganze. Jacques Le Goffs Bild des europäischen Mittelalters. In: Francia. 17, 1990, S. 141–158, hier: S. 141 (Digitalisat). Sein erstes Buch verfasste er über Die Intellektuellen im Mittelalter (1957, deutsche Übersetzung 1986). Als seine wichtigsten Arbeiten galten ihm seine 1964 veröffentlichte Darstellung Kultur des europäischen Mittelalters (deutsche Übersetzung 1970) und seine 1996 erschienene Biographie Ludwigs des Heiligen (deutsche Übersetzung 2000).Pierre Monnet: Nekrolog Jacques Le Goff (1924–2014). In: Historische Zeitschrift. 300, 2015, S. 283–288, hier: S. 285.
In den 1980er und 1990er Jahren war er mit Georges Duby Herausgeber eines Bandes der von Duby herausgegebenen Reihe zur l’Histoire de la France urbaine. Mit René Rémond gab er die Werkreihe l’Histoire de la France religieuse und mit André Burguière und Jacques Revel die zweibändige l’Histoire de la France heraus. Zusammen mit Jean-Claude Schmitt war er Herausgeber der Dictionnaire raisonné de l’Occident médiéval. Für dieses über 1200 Seiten umfangreiche Sachwörterbuch mit 82 Artikeln konnten die beiden Herausgeber 68 Autoren aus verschiedenen Ländern gewinnen.Rudolf Schieffer: Das ganze Mittelalter von A –Z. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 60, 2004, S. 571–580, hier: S. 577 (online); Heribert Müller in: Historische Zeitschrift. 272, 2001, S. 440–442.
Biographie Ludwigs des Heiligen Le Goff gehörte zu der Annales-Schule, die einen strukturgeschichtlichen Ansatz verfolgte und Lebensdarstellungen von Einzelpersonen kritisch einstufte. Le Goff rehabilitierte jedoch die Biographie. Mit Le Goff rückte das Individuum wieder in das Zentrum. Er legte über Ludwig den Heiligen eine Biographie vor und begründete sie damit, dass das „Kollektive seinerseits [...] zum Individuellen führt“.Jacques Le Goff: Wie schreibt man eine Biographie? In: Fernand Braudel (Hrsg.): Der Historiker als Menschenfresser. Über den Beruf des Geschichtsschreibers. Berlin 1990, S. 103–112, hier: S. 103. Er arbeitete 15 Jahre an seiner Biographie und kam zu der Erkenntnis, „daß die historische Biographie zu den schwierigsten Arten der Geschichtsschreibung gehört“.Jacques Le Goff: Ludwig der Heilige. Stuttgart 2000, S. 4. In seiner Biographie wollte er Ludwig nicht als individuelle Persönlichkeit vorstellen, sondern zeigte ihn als Repräsentanten gesellschaftlicher Typen: als König, als Heiligen, als heiligen König. Er gliederte seine Biographie in drei große Teile. Im ersten Teil verfolgte er das Leben Ludwigs von der Geburt (1226) bis zum Tod (1270) und bis zur Heiligsprechung (1297). Der zweite Teil befasst sich mit der Erinnerung an den heiligen Ludwig und seine Zeitgenossen, und der dritte Abschnitt widmet sich Ludwig dem Heiligen als christlichem König. Seine Biographie fand in der Fachwelt viel Zustimmung und wurde teilweise sogar begeistert aufgenommen.Thomas Winkelbauer: Plutarch, Sueton und die Folgen. Konturen und Konjunkturen der historischen Biographie. In: Ders.: Vom Lebenslauf zur Biographie. Geschichte, Quellen und Probleme der historischen Biographik und Autobiographik. Referate der Tagung „Vom Lebenslauf zur Biographie“ am 26. Oktober 1997 in Horn. Horn 2000, S. 9–46, hier: S. 45. Für Robert Fossier war das Werk „ein Kompendium der gelehrten anthropologischen Forschung und der Sezierung des Innenlebens“.Besprechung der Biographie von Robert Fossier in: Revue Historique 601, 1997, S. 269–271. Vgl. dazu Thomas Winkelbauer: Plutarch, Sueton und die Folgen. Konturen und Konjunkturen der historischen Biographie. In: Ders.: Vom Lebenslauf zur Biographie. Geschichte, Quellen und Probleme der historischen Biographik und Autobiographik. Referate der Tagung „Vom Lebenslauf zur Biographie“ am 26. Oktober 1997 in Horn. Horn 2000, S. 9–46, hier: S. 45.
Plädoyer für ein langes Mittelalter