mini|hochkant=1.5|Überschwemmung der Yorkstr. am 14. April 1902Das Unwetter in Berlin am 14. April 1902 war hinsichtlich der Niederschlagsmenge und der Jahreszeit (Schwergewitter treten meist im Hochsommer auf) außergewöhnlich. Nach einem Wolkenbruch standen die Straßen Berlins stundenlang unter Wasser; es waren Dammrutsche und Hauseinstürze zu beklagen. In elf Stunden fielen insgesamt 166 mm Regen; dies blieb bis 1959 die höchste in Berlin gemessene Niederschlagsmenge an einem Tag. Verlauf des Unwetters Der Meteorologe Gustav Hellmann (1854–1939) veröffentlichte in der Meteorologischen Zeitschrift einen Artikel darüber,Gustav Hellmann: Wolkenbruch in Berlin am 14. April 1902. In: Meteorologische Zeitschrift, 19. Jahrgang, Oktober 1902, S. 463–645 der hier auszugsweise wiedergegeben wird.

Hellmann analysierte „das überaus heftige Gewitter, das am Montag, den 14. April, gegen 3 Uhr morgens ausbrach, bis 8.45 Uhr morgens dauerte und von einem so heftigen Regen begleitet war, wie ihn Berlin noch nicht erlebt hat. (…)

Der Regenfall begann bald nach 3 Uhr morgens, war stark bis gegen 9 Uhr vormittags und hielt mit Unterbrechungen, aber sehr viel schwächer, noch bis gegen 2 Uhr nachmittags an. In diesem Zeitraum von kaum 11 Stunden wurden gemessen:

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Am größten sind die Unterschiede im Regenfall in der Richtung von W nach E. Am Ostrande der Stadt beträgt die Menge 10–20 mm, in 7 km Entfernung nur 4 mm, und östlich einer Linie, die etwa in der Richtung Jüterbog – Zossen – Wriezen, also nur 28 km östlich von Berlin, verläuft, regnete es überhaupt nicht.

Das Gebiet des Maximal-Regenfalls mit beiläufig 150–170 mm liegt im nordwestlichen Theile der inneren Stadt und dürfte kaum einen halben Quadratkilometer groß sein.

Aber auch nach W hin ist der Abfall der Regenmenge groß; denn nur 11 km westlich vom Maximalgebiet, in Ruhleben bei Spandau, werden bloß 29 mm gemessen.

Am geringsten sind natürlich die Unterschiede in der Richtung von NNE nach SSW, in der das Unwetter fortgeschritten ist. (…) Über den Verlauf des Wolkenbruchs in Berlin selbst geben die Aufzeichnungen einiger Pluviographen an den städtischen Pumpstationen (…) nähere Auskunft. (…) Der Regenfall scheint (…) zwischen 5 und 6 Uhr morgens am ergiebigsten gewesen zu sein. Bald nach 6 Uhr (6.10 bis 6.16 Uhr wird notiert) fiel in einem Theil der inneren Stadt auch starker Hagel, der bis gegen 6.40 Uhr anhielt. Er wurde von den Wasserströmen, die sich auf den Straßen gebildet hatten, nach tiefer gelegenen Orten und in die Häuser fortgeschwemmt, wo er bis gegen Mittag, ja stellenweise bis zum nächsten Tage noch liegen blieb und in Dutzenden von Eimern weggeschafft werden musste. Dieser Hagel hat durch Verstopfung der Röhren etc. sicherlich auch dazu beigetragen, dass die enormen Wassermassen langsamer abflossen und der durch sie angerichtete Schaden, den man nach vielen Hunderttausenden von Mark bemessen darf, noch größer wurde, als er bei bloßem Regenfall gewesen wäre. Der Straßenverkehr erlitt am Vormittag erhebliche Störungen, und sogar der Schulunterricht musste ausfallen, was in Berlin wohl noch nie dagewesen ist.“

Zu beachten ist dabei, dass sich der Artikel auf das damalige Stadtgebiet Berlins bezieht, das bis zur Erweiterung 1920 nur das heutige unmittelbare Zentrum umfasste. Eine stadtklimatische Untersuchung von 1990 lässt offen, ob in den höheren Lagen des Bereichs Wilmersdorf-Schöneberg-Tempelhof nicht ähnlich hohe Regenmengen wie in Pankow und Wedding gefallen sind, die nur mangels Messstellen nicht registriert wurden.Horst Malberg, G. Frattesi: Über die Ursachen der Niederschlagsstrukturen im Stadtgebiet von Berlin. In: Zeitschrift für Meteorologie 40, 1990, S. 387–394

Hermann Stade (1867–1932)Lebensdaten nach: Meteorologen und Meteorologinnen aus dem deutschen Sprachraum. Ein biographisches Findbuch. Selbstverlag des Deutschen Wetterdienstes Offenbach am Main 1998, ISBN 3-88148-335-7, S. 109 veröffentlichte eine Untersuchung zu dem Unwetter,H. Stade: Das Gewitter zu Berlin am 14. April 1902. S. XXVII in der das Abendblatt der Staatsbürger-Zeitung vom 14. April 1902 zitiert wird (nach dem Scan notiert):

Stade selbst schreibt:

Ursachen des Unwetters Da 1902 ausschließlich „traditionelle“ Wetterbeobachtungen in Bodennähe erfolgten, bleibt die nachträgliche Analyse der Wetterlage unsicher. Weder die Untersuchung H. Stades noch das synoptische Archiv der Wetterzentralewetterzentrale.de lassen eindeutige Schlüsse auf die Ursachen der Katastrophe zu. Eine Interpretationsmöglichkeit ist bodennah einfließende Warmluft, die durch einen Höhentrog labilisiert wird. Geringe Luftdruckgegensätze in der Höhe dürften der Grund gewesen sein, weshalb die Gewitterzellen so langsam zogen und lange über der Stadt verweilen konnten. Ungewöhnlich dabei ist die von Hellmann genannte und vom synoptischen Archiv der „Wetterzentrale“ gestützte Zugrichtung von Nordost nach Südwest, die auf ein „Ost-“ oder „Warmlufteinschubgewitter“ schließen lässt. Diese Gewitterform ist selten (nach der Untersuchung H. Stades wurden die Berliner Meteorologen von der Entwicklung überrascht) und tritt nur an quasistationären Warmfronten auf, die so langsam wandern, dass an ihnen Wellenbildungen möglich werden;Meyers Kleines Lexikon Meteorologie. Meyers Lexikonverlag Mannheim/Wien/Zürich 1987, S. 289 und 446 Auch der Hinweis Stades, dass mehrere Gewitterzellen bei und über der Stadt gestanden haben könnten, deutet in diese Richtung. Gewitter dieser Art zeichnen sich oft durch besondere Heftigkeit aus. Zusätzlich können nächtliche Labilisierung durch Abstrahlung an der Wolkenobergrenze und die Erhöhung der Niederschlagstätigkeit durch den „Stadteffekt“ verstärkend gewirkt haben.