mini|hochkant=1.2|Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer (Goya). Die „fiktiven Paläste [der Literatur] müssen in ihrem Innersten von einem realen Ungeheuer bewohnt sein wie von einem Minotaurus im Labyrinth des Königs Minos“Mosebach, Martin: Das Bett. dtv, München 2002, S. 509. ISBN 978-3-423-13069-1. Nach dieser Ausgabe wird zitiert.
Das Bett ist der Titel eines zuerst 1983 erschienenen und 2002 in einer vom Autor neu durchgesehenen Ausgabe publizierten Romans des deutschen Schriftstellers Martin Mosebach.
Handlungsübersicht Der Roman schildert den Besuch Stephan Korns und seiner Mutter Florence im Frankfurt der Nachkriegszeit sowie seine unglückliche Liebe zur Tante des Erzählers. In eingeblendeten Rückblicken werden die Familiengeschichten und die Schicksale der Protagonisten, vorwiegend während des Zweiten Weltkrieges, entfaltet.
Hauptthematik ist die in den Teilüberschriften zum Ausdruck kommende Beziehungsproblematik des Protagonisten zu seiner Kinderfrau Agnes und seiner Mutter. Diese Konstellation symbolisiert die Entwurzelung bzw. die Identitätssuche und Neuorientierung des mit seinen Eltern nach New York emigrierten Sohnes einer jüdischen Familie.
Die Geschichte Stephan Korns Stephans Vater Willy, Sohn einer Frankfurter Unternehmerfamilie, lernt bei einem Aufenthalt in New York Florence Gutmann kennen, die Tochter einer reichen jüdischen Upper-Class-Familie. Sie akzeptiert seinen Heiratsantrag trotz ihres Empfindens, dass der bodenständig-hessische Ehemann nicht ihrer gesellschaftlichen Stellung entspricht. Nach der Heirat lebt sie mit ihm, der stolz darauf ist, eine derart repräsentative Frau in seine Heimat zurückgeführt zu haben, und den beiden Söhnen, Willy jun. und Stephan, als Nachbarn der Familie des Erzählers in einer Villa im Frankfurter Westend. Florence fühlt sich hier als in die Provinz versetzte Fremde. Die Erziehung Stephans überlässt sie Agnes, die vorher als Haushälterin bei Monsignore Eichhorn, dem Beichtvater der Mutter des Erzählers, gearbeitet hat. Zu ihr entwickelt das Kind eine enge gefühlsmäßige Bindung, was sich auch dadurch ausdrückt, dass Stephan später ihre für ihn gestrickten Pullover als Fetische aufbewahrt.
In der Biographie des Protagonisten spiegelt sich die Emigrationsgeschichte zahlreicher deutscher Juden: Gerade noch rechtzeitig vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und der Judendeportation in Deutschland verkaufen die Korns ihre Fabrik sowie die Villa und retten sich in die Vereinigten Staaten. Der mit dem Vater des Erzählers gleichaltrige Stephan ist während des Krieges Kurier des US-Botschaft in Paris und beim Pétain-Regime in Vichy.
Bei einem seiner Paris Aufenthalte lernt er in der Wohnung des blinden Malers Bonetti die Baltin Aimée von Leven kennen (Dritter Teil, I), die nach der Besetzung Estlands durch Stalin mit Hilfe einer sozialistischen Jugendorganisation nach Westeuropa geflüchtete Tochter von ehemaligen Großgrundbesitzern (Zweiter Teil, II). Sie pflegt ihre ererbte disziplinierte Haltung der adeligen Überlebenskünstlerin und nutzt („sie wollte überhaupt niemals Schmerz empfinden“Mosebach, S. 182.), da sie zu diesem Zeitpunkt ohne Geld und Pass ist und ihre Wirtin ihr gekündigt hat, durch ein raffiniert inszeniertes Spiel die Möglichkeit, mit Stephan in die Provence zu fliehen, und wird dort seine Geliebte (Dritter Teil, II). „Das warme Paradies des vegetativen Glücks“Mosebach, S. 435. in Narbonne, wo sie im Hotel Midi logieren, endet für beide, als die Besetzung Südfrankreichs durch deutsche Truppen bevorsteht und Aimée hofft, durch eine Heirat einen Pass für die Ausreise zu erhalten. Stephan vermutet, dass sie nur aus diesem taktischen Grund mit ihm eine Liebesbeziehung eingegangen ist. Auch will er keine feste Bindung und reist ohne sie nach Vichy ab. Doch kehrt er bald darauf beschämt an den Urlaubsort zurück und erfährt, dass seine Freundin und andere Flüchtlinge die Stadt bereits verlassen haben, um mit Hilfe einer Schlepperbande über die Grenze zu gelangen. Später hört er, dass diese Gruppe verraten und getötet wurde.
Nach dem Krieg lebt Stephan bei seinen Eltern in New York. Florence macht sich Gedanken über sein Phlegma, sein allgemeines Desinteresse und bespricht die Symptome mit dem Psychoanalytiker Dr. Tiroler, der wegen der Heilungserfolgsquote eigentlich nur Gesunde behandelt, jedoch bei dem Sohn seiner von ihm verehrten Nachbarin eine Ausnahme macht. Bei seinen Gesprächen verliebt er sich, allerdings ohne Hoffnung auf Realisierung, in Frau Korn und schlägt ihr vor, mit ihm zu einer C.G. Jung-Tagung in die Schweiz zu reisen. Er diagnostiziert nach seiner Theorie des Wunschtraums als Ersatzbefriedigung eine Sohn–Mutter–Bindung, die er auflösen möchte. Seine Versuche stoßen jedoch auf die Ablehnung des Patienten, dem das Interesse des Seelenarztes an seinem Innenleben als Eingriff in seine Privatsphäre vorkommt, wie auch auf das Unverständnis von dessen unsensiblem Vater, welcher seine Skepsis gegenüber der Psychoanalyse, die auch seine Frau zu erfassen droht, durch unhöfliche Bemerkungen mit südhessischem Akzent zum Ausdruck bringt: „[E]in [irrer] Patient pro Familie reicht.“Mosebach, S. 354.
Tiroler empfiehlt eine Schocktherapie: Stephan wird zur Entwicklung seiner Persönlichkeit nach Frankfurt geschickt, um den Wiederaufbau der väterlichen Autoreifenfabrik bei Hanau zu kontrollieren (Erster Teil, II). Er fährt jedoch, anstatt sich um die Geschäfte zu kümmern, sofort zu Agnes’ Siedlungshäuschen in einer Vorstadtgegend und schläft dort tagsüber in einer Art Regressionszeit im Bett seiner Kinderfrau.
Zur weiteren Auffrischung seiner Erinnerungen besucht er den Vater des Erzählers. Dessen Schwägerin, eine Französischlehrerin am katholischen St. Ursula-Gymnasium, die zu diesem Zeitpunkt ihre Ferien bei der Familie ihrer älteren Schwester verbringt, verliebt sich bei einer Fahrt nach Würzburg zur ausgebrannten Residenz der Fürstbischöfe in den Gast.
Einige Tage später unternimmt Stephan auch einen Spaziergang durch den an das Westend anschließenden Stadtteil Bockenheim (Zweiter Teil, III und IV). Zusammen mit der Tante spürt er der Stimmung in einem alten geschlossenen Vorstadtkino, dem Titania-Palast, nach, erlebt die „mürben Reize der Farbenwelt“Mosebach, S. 256. der Straßen und erzählt in einer Konditorei der gebannt lauschenden Begleiterin, deren sanfte Schönheit er nun entdeckt, lebhaft von Pariser Theaterbesuchen in der Rue Chaptal Montmartre. Die beginnende Liebesbeziehung wird durch die Ankunft Florences abgebrochen.
Nachdem die Mutter einige Zeit keine Nachrichten von ihrem Sohn erhalten hat, durchsucht sie beunruhigt sein Zimmer und findet in einer Schublade von Agnes gestrickte Wollsachen (Erster Teil, III). Sie bespricht sich mit Tiroler, der nach einem Zusammenbruch, als Folge der Auseinandersetzung mit Willy über seine reichen Patienten, im Hospital liegt. Die nächsten Aktionen entstehen aus einem gegenseitigen MissverstehenMosebach, S. 360 ff.: Der Psychoanalytiker rät Florence, im Gegensatz zu seiner Theorie, Stephan zurückzuholen, er möchte jedoch, dass die Geliebte diesen Vorschlag ablehnt und bei ihm in New York bleibt. Sie dagegen denkt, der heimlich Geliebte lese die Wünsche ihrer Seele und schicke sie zu ihrem kranken Sohn.
Bei ihrer Ankunft in Frankfurt findet sie im Hotelzimmer Stephans den noch nicht geöffneten Liebesbrief der Tante und deutet ihn als weiteres Alarmsignal, dass ihr Sohn ihr entgleitet (Erster Teil, IV). Florences besucht sogleich die Familie des Erzählers und fährt nach dem Essen mit der Tante zu einem Restaurant in Kronberg, wo sie ihr erklärt, Stephan sei ein kranker Mann und eine Liebesbeziehung dürfe ihn nicht gefährden. Diese verspricht, das Opfer bringen und betet für die Erlösung des Geliebten von seinen seelischen Leiden.
Florence legt daraufhin den gemeinsamen Abreisetermin fest. Ihr Sohn widerspricht ihr nicht, ist jedoch unentschlossen, ob er ihrer Anordnung folgt. Beim Abschiedsbesuch bei Ines trifft er die tot geglaubte Aimée, die in Südfrankreich Eddi Oppermann geheiratet hat und so gerettet wurde. Er flieht wie betäubt aus dem Haus und fliegt ohne Nachricht an die Familie des Erzählers mit seiner Mutter zurück nach New York. So sieht er nicht den Zustand der Tante (Dritter Teil, III), die sich, äußerlich kindlich heiter, geistig verwirrt in ihre Innenwelt eingesponnen hat. Er behält sie als Geliebte, die ihn von der Magie der Agnes befreit hat, in traumhafter Erinnerung.
Die Familie des Erzählers Die Ereignisse vor und während des Zweiten Weltkrieges kontrastieren mit der scheinbaren Nachkriegs-Normalität des Erzählers in der zum großen Teil zerstörten Stadt: Aimée Oppermann sieht er gelegentlich, wenn sie ihren Sohn mit dem Auto von der Schule abholt, oder zusammen mit Madame Ines Wafelaert, einer aus Belgien stammenden Freundin Florences, die nach der Bombardierung ihrer Villa in einer Notunterkunft lebt, bei Dichterlesungen Monsignore Erich Eichhorns, zu denen er seine Mutter begleitet (Zweiter Teil, I).
In seinem den Krieg unversehrt überstandenen Elternhaus im Westend erlebt er die Spannung zwischen dem klassisch gebildeten Vater, dessen Vorträge bei seiner Mutter zu einer „Aversion gegen die Bücherwelt“Mosebach, S. 30. ihres Mannes führen. Diese wird als katholische „gläubige Rationalistin, die dem Kausalitätsprinzip […] große Ehrfurcht [entgegenbringt]“,Mosebach, S. 23. charakterisiert. Sie geht aber gewohnheitsmäßig zur Beichte beim Monsignore, obwohl sie eigentlich nichts zu berichten hat als das Naschen vom rheinischen Apfelkraut in der Vorratskammer, der „Stätte einer der vernichtendsten Niederlagen ihrer Moral.“Mosebach, S. 24.
Literarische Einordnung Das Bett ist der erste Roman der Frankfurt-Pentalogie des Schriftstellers. Es folgen im historischen Ablauf: Westend, Eine lange Nacht, Das Blutbuchenfest und Der Mond und das Mädchen.
Struktur Die Handlungen konzentrieren sich im Wesentlichen auf zwei Ebenen: Den Frankfurt-Besuch des Protagonisten und die Geschichte der Familie Korn. Erster Teil: Agnes Kapitel I: Rückblick: Familiengeschichte des Ich-Erzählers Kapitel II: Besuch Stephan Korns in Frankfurt, sein Regressions-Schlaf bei dem ehemaligen Kindermädchen Agnes. Der Ausflug mit der Familie des Erzählers nach Würzburg, die Bekanntschaft mit der Tante, die sich in ihn verliebt Kapitel III: Rückblick: Situation Florence, Willy und Stephan Korns in New York Kapitel IV: Florence reist nach Frankfurt und wirkt auf die Tante ein, die Beziehung zu ihrem Sohn zu beenden. Diese bringt, um den Geliebten zu retten, das empfohlene Opfer. Zweiter Teil: Stephan Kapitel I: Erinnerung des Ich-Erzählers an die Zeit seiner Kommunion bei dem Dichter-Priester Monsignore Eichhorn Kapitel II: Rückblick: Emigrationen vor dem Zweiten Weltkrieg: Die Tochter baltischer Großgrundbesitzer Aimée von Leven flieht von Estland nach Paris, wo sie mit Ines Wafelaert, einer alten Freundin ihrer Eltern, zusammentrifft. Die jüdische Familie Korn, welche nach der Eheschließung in Frankfurt wohnt, verkauft ihr Haus und übersiedelt nach New York. Kapitel III und IV: Stephan und die Tante bringen deren Schreibmaschine zur Reparatur und verlieben sich in einem Café in Bockenheim, wo Korn Theatergeschichten von Paris erzählt, ineinander. Dritter Teil: Florence Kapitel I: Rückblick: Die Geschichte der Ehe des Frankfurters Willy Korn mit Florence Gutmann aus der New Yorker Upper-Class. Ihre platonische Liebesbeziehung zu Dr. Tiroler im Zusammenhang mit dessen Therapieversuchen bei Stephan Kapitel II: Rückblick: Stephans Bekanntschaft mit Aimée von Leven in Paris und ihre Affäre in Narbonne während des Zweiten Weltkrieges Kapitel III: Stephans Unentschlossenheit, nach New York zurückzukehren, seine überstürzte Abreise, nachdem er auf Aimée Oppermann trifft, ohne Abschied von der geistig verwirrten Tante
Realität und Phantasie