Abū Huraira (; gestorben 678, 679 oder 680) war ein Gefährte des islamischen Propheten Mohammed, der vor allem als Überlieferer von Hadithen bekannt ist. Mit mehr als 3300 Hadithen, in deren Überliefererkette er erscheint, ist er im sunnitischen Islam zahlenmäßig der wichtigste Gewährsmann prophetischer Traditionen überhaupt. Schon die Prophetengefährten sollen ihn wegen seiner überbordenden Erzählfreude kritisiert und bezweifelt haben, dass er alles, was er von Mohammed mitteilte, auch wirklich bei ihm gesehen oder gehört hatte. Vom zweiten Kalifen ʿUmar ibn al-Chattāb wird berichtet, dass er Abū Huraira bei Androhung von Gewalt, sich weiter als Überlieferer von Aussprüchen Mohammeds zu betätigen. Die Muʿtaziliten führten später Abū Huraira als Paradebeispiel für die Unglaubwürdigkeit der nur von Einzelpersonen überlieferten Hadithe an. Traditionalistische Gelehrte verteidigten ihn gegen diese Vorwürfe. Im 20. Jahrhundert flammte die Debatte über die Frage der Glaubwürdigkeit der von ihm überlieferten Hadithe erneut auf.

Nach Gautier Juynboll sind die meisten auf Abū Huraira gestützten Traditionen erst in der Zeit von Mālik ibn Anas entstanden. Die historische Figur Abū Huraira kann ihm zufolge nicht für die unter seinem Namen verbreiteten Traditionen verantwortlich gemacht werden.

Leben Abū Huraira gehörte dem südarabischen Stamm Daus an, der zu dem größeren Stamm der Azd gehörte.Juynboll: Abū Hurayra. 2015. Es gibt Quellen, die davon berichten, dass er sich schon um das Jahr 619 zum Islam bekehrte.Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 18, 171. Die neue Religion wurde ihm demnach durch seinen Stammesgenossen at-Tufail ibn ʿAmr vermittelt, der nach Mekka gereist war und dort den Islam angenommen hatte. Um 620 soll Abū Huraira dann selbst in Begleitung at-Tufails nach Mekka gereist sein und dort mit Mohammed zusammen getroffen sein, bevor er wieder zu seinem Stamm zurückkehrte.Vgl. Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 17–21.

Nach anderen Überlieferungen bekehrte sich Abū Huraira erst kurz vor Mohammeds Feldzug nach Chaibar im Jahr 628 zum Islam,Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 19. als er mit 80 anderen Stammesgenossen nach Medina auswanderte. Dort gehörte er zu den sogenannten Ahl as-Suffa („Leute des Schattendachs“), einer Gruppe von ärmeren Prophetengefährten, die in unmittelbarer Nähe zu Mohammed in seiner Moschee lebten. Zeitweise war er bei Mohammed auch als Diener tätig. Es heißt, dass die beiden öfter Hand in Hand auf gemeinsamen Gängen in der Stadt zu sehen waren.Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 57. Im Dhū l-Qaʿda 629 begleitete er den Prophetengefährten Ibn al-Hadramī nach Bahrain. Ein Jahr später nahm er an dem Feldzug nach Tabūk teil, um kurze Zeit danach erneut mit der Steuerkarawane nach Bahrain zurückzukehren.Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 171.

Ab etwa 641 diente er dem Kalifen ʿUmar ibn al-Chattāb als Statthalter von Bahrain. Im Jahre 644 rief ihn ʿUmar jedoch nach Medina zurück und konfiszierte sein Privatvermögen unter dem Vorwurf, er habe sich am Vermögen der Gemeinde bereichert. Da Abū Huraira die Maßnahme für rechtswidrig hielt, weigerte er sich, das Geld herauszugeben. ʿUmar soll ihn daraufhin so lange beschimpft und mit der Peitsche geschlagen haben, bis er das Geld im Schatzhaus einzahlte. ʿUmar wollte ihn zwar wieder nach Bahrain zurückschicken, doch weigerte sich Abū Huraira mit dem Hinweis auf die erlittene Vermögenseinbuße und die beschämende Behandlung.Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 113f. ِِAls 656 der Kalif ʿUthmān ibn ʿAffān in seinem Haus belagert wurde, war Abū Huraira den Quellen zufolge einer derjenigen, die beim Kalifen blieben. Er soll die Moral der Belagerten gestärkt haben, indem er andeutete, dass der Prophet ʿUthmān den Vertrauenswürdigen genannt habe, der Menschen aus Prüfungen und Katastrophen retten würde.Wilferd Madelung: The Succession to Muhammad. A study of the early caliphate. Cambridge 1997. S. 133.

Als während des Kalifats von Muʿāwiya I. (661–680) der umayyadische Prinz Marwān Gouverneur von Medina war, setzte er Abū Huraira während seiner Abwesenheitsphasen als Stellvertreter ein. Außerdem diente ihm Abū Huraira als Muezzin.al-Balḫī: Qabūl al-aḫbār wa-maʿrifat ar-riǧāl. 2000, Bd. I, S. 183. Zu Spannungen mit dem Gouverneur kam es allerdings, als Marwān den medinensischen Kaufleuten erlaubte, Sakk genannte Gutscheine für ihre Nahrungsmittel auszustellen, und Abū Huraira zusammen mit Zaid ibn Thābit bei ihm vorstellig wurde und einen Ausspruch des Propheten vorbrachte, der diese Art Handelstransaktionen angeblich untersagte.Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 152.

Abū Huraira hatte in der Nähe von Dhū l-Hulaifa, dem Punkt, wo die Pilger aus Medina den Ihrām anlegten, ein Landgut. Dort soll noch seine alte Mutter den Haushalt geführt haben.Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 132f. Nach Ibn Kathīr starb Abū Huraira in seinem Haus (dār) in ʿAqīq.Ibn Kaṯīr: al-Bidāya wa-n-Nihāya. 1992, Bd. VIII, S. 114.

Name Abū Huraira ist vor allem unter seiner Kunya bekannt. Deren Bedeutung (Abū Huraira = „Vater des Kätzchens“) soll darauf zurückgehen, dass er eine kleine Katze besaß, die er besonders liebte. Das Wort Huraira wird in der Verbindung mit Abū diptotisch.Vgl. Hemgesberg: Abu Huraira. 1965, S. 38.

Über Abū Hurairas eigentlichen Namen (Ism) gibt es sehr unterschiedliche Angaben: ʿAbd ʿAmr, ʿUmair, Sukain, Burair usw.Vgl. Hemgesberg: Abu Huraira. S. 39–43. Verbreitet war die Überlieferung, dass sein Name in der Dschāhilīya ursprünglich ʿAbd Schams war und er anlässlich seiner Konversion zum Islam vom Propheten den neuen Namen ʿAbd ar-Rahmān (bzw. ʿAbdallāh) verliehen bekam.Hemgesberg 32f und al-Ḥāzimī: ʿUǧālat al-mubtadiʾ wa-fuḍālat al-muntahī fī n-nasab Ed. ʿAbdallāh Kunūn. Kairo 1973, S. 59, Z. 5–6 Digitalisat.

Seine Rolle als Überlieferer Abū Huraira ist einer der wichtigsten Hadith-Überlieferer. Allein der Musnad von Baqī ibn Machlad enthielt 5374 Traditionen, die auf ihn zurückgeführt wurden. Von diesen nahm al-Buchārī 446 in seinen Sahīh auf.Juynboll: The authenticity of the tradition literature: Discussions in modern Egypt. 1969, S. 67. Wie ʿAbdallāh ibn ʿAbbās war Abū Huraira für die Überlieferung biblischer Erzählstoffe von Juden und Christen bekannt.Vgl. Reuben Firestone: Journeys in Holy Lands. The Development of the Abraham-Ishmael legend in Islamic exegesis. Albany 1990. S. 9, 31–38. Kaʿb al-Ahbār wird mit der Aussage zitiert: „Ich kenne von denen, die die Tora nicht lesen können, niemanden, der sie besser kennt als Abū Huraira.“aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. II, S. 600. Allerdings berief man sich auch bei Traditionen zu rechtlichen, rituellen und theologischen Fragen auf seine Autorität. Auch viele als frauenfeindlich eingestufte Hadithe werden auf Abū Huraira zurückgeführt.Abou El Fadl: Speaking in God's Name. 2001. S. 215.

Zweifel an der Glaubwürdigkeit Abū Hurairas im frühen Islam Schon im Milieu der frühen Hadith-Überlieferer gab es allerdings Zweifel an den von Abū Huraira verbreiteten Hadithen. Diejenigen, die an ihrer Authentizität zweifelten, gingen davon aus, dass er erst relativ spät zum Islam konvertiert war und auch nicht in der unmittelbaren Nähe Mohammeds gelebt hatte. Es gibt eine große Anzahl von Berichten darüber, dass Prophetengefährten Abū Huraira dafür kritisierten, dass er so viele Berichte vom Propheten überlieferte.Abou El Fadl: Speaking in God's Name. 2001. S. 216. Ibn Qutaiba (gest. 899) schreibt zum Beispiel über Abū Huraira:

ʿĀ'ischa nahm besonders daran Anstoß, dass Abū Huraira vom Propheten den Ausspruch überlieferte: „Ein schlimmes Vorzeichen (šuʾm) liegt in drei Dingen: dem Haus, dem Reittier und der Frau“. Nach ihrer Auffassung hatte der Prophet hier nur die Araber der Dschāhilīya mit ihrem Gerede zitiert, diese Meinung aber nicht selbst vertreten. Deswegen beschuldigte sie Abū Huraira der Lüge.al-Balḫī: Qabūl al-aḫbār wa-maʿrifat ar-riǧāl. 2000, Bd. I, S. 186 und Juynboll: The authenticity of the tradition literature: Discussions in modern Egypt. 1969, S. 83f. Nach einem Bericht, der über Chālid ibn Saʿīd auf dessen Vater zurückgeführt wird, sagte ʿĀ'ischa einmal: „O Abū Huraira, was sind das für das für Hadithe, die uns über dich vom Propheten erreichen? Du hast nur das gehört, was wir auch gehört haben, und hast nur gesehen, was wir auch gesehen haben.“al-Balḫī: Qabūl al-aḫbār wa-maʿrifat ar-riǧāl. 2000, Bd. I, S. 175f. In der späteren Hadith-Literatur wird erzählt, dass Abū Huraira auf diesen Einwand erwidert habe, dass sie durch Spiegel, Schminke und Verschönerung für den Propheten abgelenkt gewesen sei, ihn jedoch nichts von ihm abgelenkt habe.an-Naisābūrī: Al-Mustadrak. 2002, Bd. III, S. 582.

In ähnlicher Weise reagierte Abū Huraira auch auf die Kritik der anderen Prophetengefährten an seiner überbordenden Erzählfreude. In einem Hadith, den Muslim ibn al-Haddschādsch überliefert, wird er mit den folgenden Worten zitiert:

In einer anderen Version des Hadith, die über Saʿīd ibn al-Musaiyab überliefert ist, lauten die Worte Abū Hurairas:

Nach Ibn Qutaiba hielten sich die Prophetengefährten daraufhin von Abū Huraira fern. Er aber setzte seine Erzählungen über das, was der Prophet angeblich alles gesagt hatte, fort.Ibn Qutaiba: Taʾwīl Muḫtalaf al-ḥadīṯ. 1999, S. 91. Abū Huraira soll selbst damit geprahlt haben, dass er noch viel mehr von dem Propheten wisse, es aber lieber verberge, weil man ihn sonst mit Schuhen und Kot beschmeißen und für verrückt erklären würde.Muhammad ibn Saʿd: Kitāb aṭ-Ṭabaqāt al-kabīr. 1912, Bd. II/2, S. 119.

Der zweite Kalif ʿUmar ibn al-Chattāb ging in seiner Kritik an Abū Hurairas Überlieferungsfreude sogar noch weiter. Nach dem Bericht des Prophetengefährten Sā'ib ibn al-Yazīd (gest. 710) drohte er damit, Abū Huraira in das Gebiet der Daus zurückzuschicken, falls er nicht damit aufhöre, Hadithe vom Gottesgesandten zu überliefern.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. II, S. 600f. Und Abū Dschaʿfar al-Iskāfī (gest. 854) wird mit dem Bericht zitiert, dass ʿUmar Abū Huraira wegen seiner übermäßigen Überlieferungsaktivität mit der Dirra geschlagen habe.Ibn Abī l-Ḥadīd: Šarḥ Nahǧ al-balāġa. Ed. Muḥammad Abū l-Faḍl Ibrāhīm. Kairo 1959. Bd. IV, S. 67f. Abū Huraira soll später selbst gesagt haben, dass er erst nach ʿUmars Tod Aussprüche vom Gottesgesandten vortragen konnte, weil er vorher die Peitschenhiebe gefürchtet habe.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. II, S. 602f. Nach einem anderen Bericht sagte er, dass er Hadithe überliefere, die er zur Lebenszeit ʿUmars nicht hätte vortragen können, weil er ihm sonst den Schädel zertrümmert hätte.aḏ-Ḏahabī: Siyar aʿlām an-nubalāʾ. 1996, Bd. II, S. 601.

Das Bild Abū Hurairas bei Muʿtaziliten und Murdschiiten Später verwiesen die Muʿtaziliten und Murdschi'a gerne auf Berichte, die Abū Huraira lächerlich machen sollten. So führte an-Nazzām einen Bericht an, nach dem Abū Huraira seine Hadithe mit der Formel einzuleiten pflegte: „Mein Vertrauter hat mir berichtet (ḥaddaṯanī ḫalīlī)“. Daraufhin soll ʿAlī ihn einmal gefragt haben: „Seit wann ist der Prophet dein Vertrauter (ḫalīl), Abū Huraira?“Ibn Qutaiba: Taʾwīl Muḫtalaf al-ḥadīṯ. 1999, S. 73. Und Abū Dschaʿfar al-Iskāfī (gest. 854) zitierte ʿAlī mit der Aussage, dass bezüglich des Gottesgesandten Abū Huraira der größte Lügner aller Menschen sei.Ibn Abī l-Ḥadīd: Šarḥ Nahǧ al-balāġa. Ed. Muḥammad Abū l-Faḍl Ibrāhīm. Kairo 1959. Bd. IV, S. 68. Nach einem Bericht, den Abū l-Qāsim al-Balchī (gest. 931) zitiert, soll ʿAlī, als er davon hörte, dass Abū Huraira bei der rituellen Waschung und beim Ankleiden mit der rechten Seite begann, bewusst bei der rituellen Waschung mit der linken Seite begonnen haben, um Abū Huraira zu widersprechen.al-Balḫī: Qabūl al-aḫbār wa-maʿrifat ar-riǧāl. 2000, Bd. I, S. 185.