mini|hochkant|Herman Wildenvey
Herman Theodor Wildenvey (geboren Herman Theodor Portaas; * 20. Juli 1885 in Mjøndalen, Kommune Nedre Eiker, Provinz Buskerud, Norwegen; † 27. September 1959 in Larvik, Provinz Vestfold, Norwegen) war einer der meistgelesenen norwegischen Lyriker des 20. Jahrhunderts.Bjarte Birkeland: Herman Wildenvey. In: Edvard Beyer (Hrsg.): Norges Litteraturhitorie. 8 Bände. Oslo 1995, Band 4, S. 598. In geringerem Umfang schrieb er auch Prosa und Dramatik.
Leben Kindheit und Schulausbildung mini|Der Hof Portåsen, auf dem Herman Wildenvey aufwuchs (Foto von 2013) Herman Wildenvey kam 1885 auf dem Häuslerhof Smedjordet in Mjøndalen, 12 Kilometer westlich der Stadt Drammen, als uneheliches Kind zur Welt. Sein Vater, ein dem Pietismus zugewandter Landwirt, hatte sich noch während der Schwangerschaft von Hermans Mutter getrennt und deren jüngere Schwester geheiratet. Als das Kind drei Jahre alt war, holte es der Vater zu sich auf den hoch im Wald gelegenen Hof Portåsen, während seine leibliche Mutter von Ort zu Ort zog und später einem Holzhändler im Tal den Haushalt führte. Nach eigenem Empfinden wuchs Wildenvey „annähernd elternlos“Zit. nach Tom Lotherington: Herman Wildenvey – under det skjønnes skjønne fane. In: Kjell Heggelund u. a. (Hrsg.): Forfatternes litteraturhistorie. 4 Bände Band 3: Fra Herman Wildenvey til Tarjei Vesaas. Oslo 1981, S. 7–16, hier: S. 10. auf; seine Mutter bezeichnete er zeitweise als „Tante Hanna“ oder sogar „Tante Mama“.Herman Wildenvey: Mein Pegasus und die Welt. Einzig berechtigte Übersetzung von Elisabeth Ihle, Berlin 1938, S. 8. Die wirren Familienverhältnisse trugen dazu bei, dass teilweise bis weit in das 20. Jahrhundert hinein 1886 als sein Geburtsjahr galt.Tom Lotherington: Herman Wildeney. In: Store Norske Leksikon. Abgerufen am 1. April 2013. Zur wichtigsten Bezugsperson für den Heranwachsenden wurde die Großmutter, die ihn mit der Volksüberlieferung vertraut machte und ihm noch vor dem Besuch der Schule das Schreiben beibrachte.Zit. nach , www.wildenvey.com. Abgerufen am 20. März 2013.
Nachdem er die Volksschule absolviert hatte, bot sich ihm die Gelegenheit, ein Jahr auf der Buskerud Nedre Amtskole, einer Art mobilen Provinzschule für Jugendliche nach der Konfirmation, zu verbringen. Die Schule wurde von dem „sonderbaren Aufklärungsnomaden“Herman Wildenvey: Mein Pegasus und die Welt. Einzig berechtigte Übersetzung von Elisabeth Ihle, Berlin 1938, S. 96. Engebret Moe Færden betrieben, einem unorthodox denkenden Theologen, der mit seiner Bildungseinrichtung von Ort zu Ort zog und jeweils ein bis zwei Jahre lang Kurse für die Landjugend abhielt. Hier redigierte Wildenvey zusammen mit einem Mitschüler die Schulzeitung, für die erste, noch unbeholfene Texte entstanden. 1902 gelang es ihm, freier Mitarbeiter der Tageszeitung Drammens Blad zu werden, in der er auch einige Gedichte unterbringen konnte. Er bat den Verleger der Zeitung erfolgreich darum, ihm bei der Herausgabe eines kleinen Bandes mit Lyrik behilflich zu sein. Im Alter von 17 Jahren legte Wildenvey – unter seinem bürgerlichen Namen Portaas – die Sammlung Campanula vor, die allerdings kaum Beachtung fand.
Kristiania, USA, Kopenhagen Obwohl er aus bescheidenen Verhältnissen stammte und sein frommer Vater jede irdische Gelehrsamkeit für „eitel Geistesverderbnis“Herman Wildenvey: Mein Pegasus und die Welt. Einzig berechtigte Übersetzung von Elisabeth Ihle, Berlin 1938, S. 103. hielt, bemühte er sich um eine höhere Schulbildung. Nach dem Besuch der Mittelschule in Hokksund belegte er ab Herbst 1903 einen einjährigen Abitur-Vorbereitungskurs in der Hauptstadt Kristiania. Die Zerstreuungen der Großstadt und die Gelegenheitsarbeiten, zu denen er aufgrund seiner ökonomischen Lage gezwungen war, hielten ihn jedoch von einem konzentrierten Studium ab. Als ihm ein Onkel aus Minnesota vorschlug, in die Vereinigten Staaten zu emigrieren, und seinem Schreiben das Ticket für die Überfahrt gleich beilegte, zögerte Wildenvey keinen Moment und begab sich im Juni 1904 an Bord des Dampfers Norge. Seinen Zielhafen New York erreichte das Schiff jedoch nicht. Es lief auf eine Untiefe in der Nähe der kleinen Insel Rockall westlich der Hebriden auf und ging unter. Die bis zu diesem Zeitpunkt größte Schiffskatastrophe auf dem Nordatlantik kostete 635 der 795 Menschen an Bord das Leben.Per Kristian Sebak: Titanic’s Predecessor. The SS Norge Disaster of 1904. Laksevåg 2004. Wildenvey gelangte in eines der wenigen Rettungsboote und wurde vom Trawler Salvia geborgen, der die Schiffbrüchigen in die englische Hafenstadt Grimsby brachte. Kurz darauf gelangte er auf der Saxonia von Liverpool aus zunächst nach Boston. Von dort aus erreichte er per Bahn das Ziel seiner Reise, die Kleinstadt Hutchinson im südlichen Minnesota.Herman Wildenvey: Mein Pegasus und die Welt. Einzig berechtigte Übersetzung von Elisabeth Ihle, Berlin 1938, S. 185 ff.
Auf Wunsch des Onkels besuchte er zunächst in Saint Paul ein Priesterseminar, allerdings ohne größeren Erfolg. Es folgte eine rast- und orientierungslose Zeit, in der er mehrere kurzfristige Jobs annahm. So arbeitete er in der Landwirtschaft, als Aushilfslehrer in South Dakota und als Journalist für skandinavische Blätter. In Kalifornien trat er in den Dienst der amerikanischen Marine und gelangte während seines ersten Einsatzes bis vor die Küste der Philippinen, wo er krankheitsbedingt jedoch nicht an Land gehen konnte. Aufgrund seiner schwächlichen Physis wurde er von den Streitkräften „ehrenhaft entlassen“. Wenig später heuerte er auf dem deutschen Schiff Ramses an, das entlang der Pazifikküste verkehrte. Er entging knapp dem Erdbeben von 1906, das einsetzte, als das Schiff die Region um San Francisco gerade hinter sich gelassen hatte. Mit der Ramses und einem weiteren deutschen Schiff steuerte er Hafenstädte in Guatemala, Costa Rica und Chile an.
Über Hamburg reiste er zurück nach Norwegen, wo er das Pseudonym Herman Wildenvey annahm, das er vom Namen eines Baches in der Nähe seines Geburtsortes ableitete.Herman Wildenvey: Mein Pegasus und die Welt. Einzig berechtigte Übersetzung von Elisabeth Ihle, Berlin 1938, S. 81 f. Im Sommer 1907 arbeitete er als Fremdenführer für ein Hotel in Otta. Da sich wegen der schlechten Witterung kaum Touristen einfanden, hatte er reichlich Gelegenheit, Gedichte zu überarbeiten, die während seiner Reisen entstanden waren. Im Herbst reichte er seine Texte beim Verlagshaus Gyldendal ein. Der dortige Lyrik-Lektor Vilhelm Krag, selbst ein erfolgreicher Schriftsteller, bestellte Wildenvey zu sich nach Hause und ließ sich dessen Gedichte vorlesen. Sein Urteil lautete: „Ich wäre ein Trottel, wenn ich nicht sein Talent erkennen würde.“
Am 8. Dezember 1907 erschien bei Gyldendal der Gedichtband Nyinger (etwa: Lagerfeuer; siehe Abschnitt Künstlerisches Schaffen), der heute als eigentliches Debütbuch Wildenveys sowie als eine seiner bedeutendsten Veröffentlichungen gilt. Viele positive Rezensionen sorgten dafür, dass die Erstauflage des nur 66 Seiten starken Werkes binnen zwei Wochen vergriffen war. Der bekannte Autor und Kritiker Nils Kjær gab in der Zeitung Verdens Gang seiner Verwunderung darüber Ausdruck, dass „inmitten all der Literatur unglaublicherweise ein echter Poet aufgetaucht“ sei. Sein als erfrischend und unsentimental empfundener Ton kam beim Publikum so gut an, dass von den Nachfolgebänden, die 1908, 1911, 1913 und 1916 erschienen, teilweise über 10.000 Exemplare abgesetzt wurden – zu einem Zeitpunkt, als Norwegen kaum mehr als zwei Millionen Einwohner zählte. Schon 1917, anlässlich des 10-jährigen Jubiläums von Nyinger, gab Gyldendal einen Sammelband mit den besten Gedichten Wildenveys heraus. Seine Popularität manifestierte sich allmählich auch in außerordentlich gut besuchten Vortragstourneen und Lesungen.
Nach der Veröffentlichung von Nyinger unternahm Wildenvey mehrere Auslandsreisen, unter anderem nach Rom und erstmals nach Paris. Im Herbst 1911 lernte Wildenvey die sieben Jahre jüngere, von den Lofoten stammende Kaufhausangestellte Jonette Pauline „Gisken“ Kramer-Andreassen kennen, die er am 4. Februar 1912 heiratete.Gisken Wildenvey, Fylkeseksikon. nrk.no. Abgerufen am 20. März 2013. Kurz darauf zog das Paar nach Kopenhagen, wo es für knapp zehn Jahre seinen Lebensmittelpunkt hatte und zahlreiche dänische Künstler (z. B. Piet Hein) kennenlernte. 1922 wurde bei einem Brand die Wohnung der Wildenveys komplett zerstört, sodass die Eheleute sich entschlossen, wieder nach Norwegen zu ziehen.
Stavern mini|hochkant=1.2|Wildenveys Haus Hergisheim in Stavern
Da sie durch das Feuer alles verloren hatten, wohnten Gisken und Herman Wildenvey vorübergehend in einem Hotel in Stavern (bis 1930 Fredriksvern), einem kleinen Ort an der norwegischen Südküste. In der Nähe des Meeres gefiel es dem Paar so gut, dass es dort ein eigenes Haus errichten ließ, das zum Neujahr 1928 bezugsfertig war. Nach ihren Vornamen Herman und Gisken nannten sie ihre neue Bleibe Hergisheim. In dem weißen Holzhaus stellte Wildenvey weitere Gedichtbände zusammen und versuchte mehrfach auch, in anderen Genres Fuß zu fassen. Sein Ehrgeiz richtete sich besonders auf die Erneuerung des Versdramas, allerdings größtenteils ohne Erfolg. Sein einziger Roman, der ebenfalls recht zurückhaltend aufgenommen wurde, erschien 1928 unter dem Titel Et herrens år (Ein Jahr des Herrn). Einen ersten autobiographischen Text veröffentlichte Wildenvey 1932 im Alter von 47 Jahren. Später formte er ihn zu einer Trilogie (1937–1940) um, die mit Illustrationen von Tore Hamsun auch in Deutschland erschien. Parallel begann auch seine Frau, sich als Autorin zu etablieren. Das erste Buch von Gisken Wildenvey, einen Erzählband, hatte die Kritik 1925 noch zurückgewiesen. Ihre in mehrere Sprachen übersetzte Andrine-Tetralogie (1929–1955) fand jedoch viele Leser; der zweite Band der Serie wurde 1952 in Norwegen erfolgreich verfilmt. Hergisheim war damit zum Wohn- und Produktionsort zweier Schriftsteller geworden. Daneben entwickelte sich das Haus allmählich zu einem Treffpunkt befreundeter Künstler.
Als Lyriker erreichte Herman Wildenvey einen Ruhm wie kaum ein anderer Autor seiner Generation. Zur festen Tradition wurden seine alljährlichen Auftritte in der Aula der Universität Oslo, die sogar der norwegische König Haakon VII. regelmäßig besuchte. Schon zu Lebzeiten wurden viele Gedichte Wildenveys von bedeutenden Komponisten, darunter Johan Halvorsen, Christian Sinding, Geirr Tveitt, Eyvind Alnæs und Ludvig Nielsen, vertont. 1931 bewilligte ihm das Storting, das norwegische Parlament, eine jährliche Künstlergage.Audun Knappen: Wildenvey, Hermann – Et øyeblikksportrett. In: Terra Buskerud. Abgerufen am 24. April 2013. 1955, vier Jahre vor seinem Tod, wurde er zum Kommandeur des Sankt-Olav-Ordens ernannt.
Die Ehe von Gisken und Herman Wildenvey blieb kinderlos, 1941 adoptierte das Paar jedoch die Tochter Hanna. Wildenvey starb 1959 in einem Pflegeheim in Larvik. Sein Grab befindet sich im sogenannten Ehrenhain auf dem Friedhof Vår Frelsers Gravlund in Oslo.
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