mini|Torfabbaukahn im Schleppkanal mini|Torfgewinnung mini|Aufgeschichteter Torf

Der Begriff Moorkolonisierung oder Moorkolonisation bezeichnet die Urbarmachung von Land und die Ansiedlung von Menschen in Moorgebieten. Die Moorkolonisierung in Ostfriesland erstreckte sich über einen Zeitraum von mehreren hundert Jahren und fand erst im 20. Jahrhundert ihren Abschluss. Die Region im äußersten Nordwesten Deutschlands war seit dem Holozän von ausgedehnten Mooren bedeckt, die seit dem Mittelalter – mit Unterbrechungen – planmäßig besiedelt wurden. Die stets besser werdenden technischen Voraussetzungen und unterschiedliche rechtliche Gegebenheiten bestimmten dabei Art und Weise der Kolonisierung.

Moor Die Hochmoorgebiete in Ostfriesland und Oldenburg überzogen einst ein Viertel des Landes und entstanden über Jahrtausende hinweg durch das hier vorherrschende Klima.Eilert Ommen: Die ostfriesischen Fehntjer. Eine regionale Studie, S. 30. Häufige und starke Regenfälle durchnässten den Boden stärker, als er durch Verdunstung und Abfluss in Richtung Küste wieder trocknen konnte, so dass sich Moos ausbreitete. Starben die Mooswurzeln ab, verhinderte das Wasser deren Zersetzung und es entstand ein sumpfiger, torfiger Untergrund mit Wasserlöchern und spärlichem Baumbewuchs. Das Torfwachstum betrug dabei etwa einen Millimeter pro Jahr, im Verlauf der Jahrtausende entstanden so Torfschichten von mehreren Metern Dicke. In Ostfriesland gibt es sowohl Niedermoore als auch Hochmoore. Niedermoore weisen häufig ähnliche Bedingungen wie Hochmoore auf, sie entstehen jedoch nicht durch Regenwasser, sondern durch Grundwasservorkommen in Form von Teichen und kleineren Flüssen. Bei günstigen ökologischen Bedingungen kann aus einem Niedermoor später ein Hochmoor werden, dessen Entwicklung dann nicht mehr vom Bodenwasser abhängig ist. Das Hochmoor hingegen erhält seine Feuchtigkeit ausschließlich aus Niederschlägen und es besteht keinerlei Verbindung mehr zum Grundwasser.Eilert Ommen: Die ostfriesischen Fehntjer. Eine regionale Studie, S. 31. Das Hochmoor saugt das Wasser wie ein Schwamm auf und wölbt sich uhrglasartig zu einem Polster, das 1,5 bis 4 Meter in die Höhe wachsen kann.

Aufstrecksiedlungen im Mittelalter Siedlungen in Form von Reihendörfern ergaben sich aus den geologischen Gegebenheiten, die die Siedler vorfanden. Im Brookmerland reichten in damaliger Zeit die Hochmoore bis an den Geestrand heran. Um die Moore nutzbar zu machen, bauten die Siedler ihre Dörfer in Reihenform und trieben anschließend die Entwässerung der Moore dergestalt voran, dass sie parallel zueinander verlaufende Entwässerungsgräben in die Moore gruben. Jeder Siedler hatte dabei ein Anrecht auf einen Streifen Moor in einer zuvor vereinbarten Breite. Grundsätzlich unbegrenzt war die Länge des zu kolonisierenden Stück Moores, allerdings war die Länge beim damaligen Stand der Mittel schon allein technisch limitiert. Die Nutzung der Moore beschränkte sich daher zunächst auf die Randzonen der Moorgebiete.Ekkehard Wassermann: Aufstrecksiedlungen in Ostfriesland. Ein Beitrag zur Erforschung der mittelalterlichen Moorkolonisation. (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, Band 61; zugleich Göttinger geographische Abhandlungen, Heft 80), Verlag Ostfriesische Landschaft, Aurich 1985, S. 119. Das Ergebnis dieser Art der Moornutzung waren Reihendörfer mit ihren Upstreeken.

Fehnsiedlungen

Etymologie des Begriffs Fehn Einige Ortsnamen in Ostfriesland werden mit dem Gattungsbegriff Fehn (oder Veen, wie im Niederländischen) gebildet. Die Endung -fehn verweist darauf, dass es sich dabei um eine Moorsiedlung handelt. In niederdeutschen Urkunden aus dem 15. Jahrhundert bedeutet das Wort Fehn zunächst lediglich „Siedlung im Moor“, wie etwa im Beispiel Veenhusen. Erst nach der Anlegung von Großefehn (1633) bekam das Wort in Ostfriesland eine weitere, konkretere Bedeutung als terminus technicus für eine Moorsiedlung, die entlang eines eigens dazu gegrabenen Kanals, eines Fehnkanals, angelegt wurde.Arend Remmers: Von Aaltukerei bis Zwischenmooren. Die Siedlungsnamen zwischen Dollart und Jade. Verlag Schuster, Leer 2004, ISBN 3-7963-0359-5, S. 257. Gleichwohl entstanden in der Folgezeit auch Moorsiedlungen, die nicht entlang eines Fehnkanals angelegt wurden und trotzdem die Namensendung -fehn tragen. Im Allgemeinen wird unter einem Fehn (auch: Fehnsiedlung, Fehnkolonie) in der heutigen Wissenschaft dennoch eine Moorkolonie entlang eines Kanals verstanden.Jürgen Bünstorf: Die ostfriesische Fehnsiedlung als regionaler Siedlungsform-Typus und Träger sozial-funktionaler Berufstradition. (Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte Ostfrieslands, Band 45; zugleich Göttinger geographische Abhandlungen, Heft 37), Selbstverlag des Geografischen Instituts der Universität Göttingen, Göttingen 1966, S. 20: „Kanäle als bestimmende Grundrißelemente zeichnen die Physiognomie der Fehnsiedlungen aus (...).“ Zur genaueren Unterscheidung wird in der Literatur aber zuweilen auch zwischen „echten“ (mit Fehnkanal) und „unechten“ Fehnen (ohne Kanal) unterschieden.

Entstehung der Fehnkolonien mini|Graf Ulrich II. erteilte die Erlaubnis zur Gründung von Ostfrieslands erster Fehnkolonie.

Die Fehnkolonien der niederländischen Provinz Groningen dienten als Vorlage für alle später folgenden Fehnsiedlungen in Ostfriesland. In der Provinz Groningen wurde bereits seit dem 15. Jahrhundert in unmittelbarer Nähe der Stadt Groningen, in Kropswolde, Torf gegraben und auf dem Wasserweg in die Stadt transportiert.Jürgen Meyer, die ostfriesischen Fehne., S. 17. An den späteren Fehngründungen in Ostfriesland wirkten niederländische Ingenieure, Kartographen und Fehnmeister mit. Viele in Ostfriesland tätige Fehnunternehmer stammten selbst aus den Niederlanden. Während sich die niederländischen Fehne zu großen Industriedörfern und Städten weiterentwickelten, blieben die ostfriesischen Fehne wohlhabende, gewerbereiche DörferLübbert Eiken Lübbers: Ostfrieslands Schiffahrt und Seefischerei, S. 34. und konnten sich ihren Charakter im Wesentlichen bis heute bewahren.

Die Hintergründe für die Gründung der ersten Fehnsiedlungen waren, wie es in der Geschichte Ostfrieslands oft der Fall war, größtenteils außerhalb der Landesgrenzen zu finden. Torf war zu jener Zeit der wichtigste Brennstoff der Ostfriesen. Zudem sorgten verbesserte Entwässerungsmöglichkeiten und damit höhere Ernteerträge in der Marsch für den Aufstieg des Gulfhauses, für dessen Bau vermehrt Klinkersteine benötigt wurden, was wiederum den Brennstoffbedarf der Ziegeleien erhöhte, welche die Klinkersteine herstellten. Obgleich die Region reich an Torf war, bezogen Städte wie Emden und fruchtbare ländliche Gegenden wie die Marschen den Torf zu großen Teilen aus der benachbarten niederländischen Provinz Groningen und zum kleineren Teil auch aus dem benachbarten Saterland.

mini|Emden um 1640 auf einer Karte von Matthäus Merian: Gut erkennbar sind die 1606 bis 1616 errichteten Festungsanlagen, welche die Stadt im Dreißigjährigen Krieg schützten. mini|Torf als Brennmaterial In Ostfriesland kam es im 16. Jahrhundert wie auch anderswo zu einem Anstieg der Bevölkerung. Die Wohn- und Kontorhäuser der Bürger und Kaufleute in den Städten, das Handwerk und die Industrie sowie höhere Ansprüche an den Wohnkomfort, der einen Bauboom von Backsteinbauten auslöste, erforderten große Mengen an Brennmaterial. Der Bedarf an Brennmaterial konnte dabei im waldarmen Küstenraum Ostfrieslands nur mit Torf gedeckt werden. Neben dem Hausbrand für die Wohn- und Kontorhäuser verschlangen Ziegeleien und Kalkbrennereien große Mengen an Brenntorf, eine weitere kaufkräftige Abnehmerschaft für den Torf waren die wohlhabenden Marschbauern, die in ihren Gulfhäusern Kachelöfen betrieben, die aus den Niederlanden stammten und mit Torf befeuert wurden.Hans Jürgen Nitz; die mittelalterliche und frühneuzeitliche Besiedlung von Marsch und Moor zwischen Ems und Weser, in: Siedlungsforschung. Archäologie Geschichte Geologie, Bonn 1984 Bd. 2, S. 69. Fehnsiedlungen entstanden in Ostfriesland über einen Zeitraum von ungefähr 250 Jahren. Zu einer Häufung erster Fehngründungen kam es zwischen 1630 und 1660.Jürgen Meyer, die ostfriesischen Fehne., S. 16. In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges und den unmittelbaren Nachkriegsjahren brach die Versorgung der großen Städte mit Brennmaterial wegen des eingeschränkten Handels zusammen, wovon in Ostfriesland vor allem die Stadt Emden betroffen war.Jürgen Meyer, die ostfriesischen Fehne., S. 16. 1621 trat in den Niederlanden ein Torfausfuhrverbot in Kraft, da das waldarme Land den Brennstoff selbst dringend benötigte.

In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges stockte die Lieferung des saterländischen Torfes, Emder Kaufleute baten daher beim ostfriesischen Landesherrn um die Erlaubnis, eigene Fehnkolonien in Ostfriesland gründen zu dürfen. Zwar wurde die Stadt Emden selbst aufgrund ihrer kurz zuvor fertiggestellten Festungsanlagen nicht von feindlichen Truppen eingenommen und befand sich daher in einer recht komfortablen Lage, bekam allerdings die Auswirkungen des Krieges in Form zahlreicher Flüchtlinge aus dem Umland zu spüren, die den Brennstoffbedarf der Stadt zusätzlich erhöhten.Bernd Kappelhoff: Geschichte der Stadt Emden von 1611 bis 1749. Emden als quasiautonome Stadtrepublik. Verlag Rautenberg, Leer 1994, ISBN 3-7921-0545-4, S. 349. (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. 11)

Das ostfriesische Grafenhaus selbst war mit den Folgen der Einquartierung fremder Truppen beschäftigt und konnte wegen seiner stets knappen Finanzlage keine Fehnkolonien aus eigenen Mitteln finanzieren. Die Torflieferungen aus dem Saterland, die Ostfriesland und Emden bis dahin mit Brenntorf versorgten, blieben aus, und es waren Kaufleute, welche die ersten Fehne in Ostfriesland gründeten, um die Stadt Emden mit Torf versorgen zu können.Jürgen Meyer, die ostfriesischen Fehne., S. 17.

Graf Ulrich II. erteilte die Erlaubnis zur Gründung der ersten Fehnkolonie. Die Fehnsiedlungen in Ostfriesland wurden anfangs von Privatleuten gegründet. Ebenso wie in den Niederlanden waren die Gründer in Ostfriesland meist Bürger und Kaufleute, die über das nötige Kapital verfügten und entweder als Einzelunternehmer (Entrepreneure) oder als Unternehmergruppen (Compagnien) agierten.Hans Jürgen Nitz; die mittelalterliche und frühneuzeitliche Besiedlung von Marsch und Moor zwischen Ems und Weser, in: Siedlungsforschung. Archäologie Geschichte Geologie, Bonn 1984 Bd. 2, S. 69. Die ostfriesische Landesherrschaft (Grafenhaus) konnte sich wegen eigener Finanzschwäche nicht an den kapitalaufwendigen Unternehmungen beteiligen und verpachtete stattdessen große Moorgebiete an Privatunternehmer.Hans Jürgen Nitz; die mittelalterliche und frühneuzeitliche Besiedlung von Marsch und Moor zwischen Ems und Weser, in: Siedlungsforschung. Archäologie Geschichte Geologie, Bonn 1984 Bd. 2, S. 69. So wurden in Ostfriesland die ersten fünf Fehnsiedlungen Großefehn, Lübbertsfehn, Hüllenerfehn und Boekzetelerfehn von Emder Kaufleuten gegründet, die sich in Compagnien zusammentaten, um die Finanzierung der Fehnsiedlungen sicherzustellen.