mini|Der Anfang von Cattanis Vorwort zu seiner Schrift Tre libri d’amore in der Ausgabe Venedig 1561. Der Autor begründet seine ungewöhnliche Entscheidung, ein philosophisches Thema in italienischer Sprache zu behandeln.
Francesco Cattani da Diacceto (genannt il Pagonazzo oder il Vecchio, latinisiert Franciscus Cataneus Diacetius, auch Diacetus; * 16. November 1466 in Florenz; † 10. April 1522 ebenda) war ein italienischer Humanist und Philosoph. Als Schüler Marsilio Ficinos war er Platoniker und vertrat eine stark vom Neuplatonismus geprägte Lehre, die er gegen Einwände von Aristotelikern verteidigte. Sein Hauptinteresse galt der Metaphysik, der Ästhetik und der Theorie der Liebe. Er unterrichtete an der Universität seiner Heimatstadt Florenz und galt bei den Zeitgenossen als Ficinos geistiger Erbe.
In der Moderne fand Cattani früher bei den Philosophiehistorikern relativ wenig Beachtung, denn man hielt ihn für einen unoriginellen Vermittler von Ficinos Lehre. Die neuere Forschung hat demgegenüber sein System als Ganzes und die eigenständigen Aspekte seines Denkens in den Blick genommen.
Leben Cattani stammte aus einer wohlhabenden Florentiner Patrizierfamilie, deren ursprüngliche Heimat die Ortschaft Diacceto östlich von Florenz war. Er wurde als Sohn von Zanobi Cattani am 16. November 1466 in Florenz geboren. Zur Unterscheidung von einem gleichnamigen entfernten Verwandten gaben ihm Zeitgenossen später nach seiner Kleidung den Beinamen il Pagonazzo („der Violette“); erst lange nach seinem Tod nannte man ihn il Vecchio („der Ältere“), um ihn von einem gleichnamigen Enkel zu unterscheiden. Sein Vater starb früh. Über Cattanis Kindheit und frühe Jugend ist nur bekannt, dass er eine solide humanistische Ausbildung erhielt. Anscheinend eignete er sich Grundkenntnisse des Altgriechischen an. Als Achtzehnjähriger heiratete er Lucrezia Capponi, mit der er sieben Söhne und sechs Töchter hatte. Sie starb 1518.Paul Oskar Kristeller: Francesco da Diacceto and Florentine Platonism in the Sixteenth Century. In: Kristeller: Studies in Renaissance Thought and Letters, Rom 1969, S. 287–336, hier: 296.
Cattani gehörte zum Umkreis der Familie der Medici, die in seiner Jugendzeit in der Republik Florenz eine führende Stellung einnahm. Schon sein Großvater Paolo war Anhänger der Medici gewesen. Zum Studium ging Cattani nach Pisa; sein dortiger Philosophielehrer war der Aristoteliker Oliviero Arduini.Cesare Vasoli: Ficino, Savonarola, Machiavelli, Torino 2006, S. 268; Simone Fellina: Alla scuola di Marsilio Ficino, Pisa 2017, S. 15 f. und Anm. 1. Zu seinen Studienkollegen zählte der junge Kardinal Giovanni de’ Medici, der spätere Papst Leo X., zu dem er engen Kontakt hielt. Von Pisa aus trat er 1492 in briefliche Verbindung mit dem Florentiner Humanisten und Philosophen Marsilio Ficino, der sich als Übersetzer und Kommentator von Platons Dialogen einen Namen gemacht hatte und sich eifrig um die Verbreitung des platonischen Gedankenguts bemühte. Im folgenden Jahr wurde Cattani Schüler des profilierten Platonikers. Nach der Studienzeit kehrte er in seine Heimatstadt zurück. Dort blieb er in der Umgebung seines Lehrers, bis dieser 1499 starb. Ficino schätze ihn als Freund und Kollegen und sah in ihm seinen künftigen Nachfolger als Zentralfigur eines philosophischen Zirkels.Paul Oskar Kristeller: Francesco da Diacceto and Florentine Platonism in the Sixteenth Century. In: Kristeller: Studies in Renaissance Thought and Letters, Rom 1969, S. 287–336, hier: 296–298; Sabrina Ebbersmeyer: Sinnlichkeit und Vernunft, München 2002, S. 136; Simone Fellina: Alla scuola di Marsilio Ficino, Pisa 2017, S. 16 f.
In Florenz beteiligte sich Cattani am politischen Leben. Er zählte zu den Parteigängern der Medici, deren dominierende Rolle in der Republik sehr umstritten war. Mehrmals ist er als staatlicher Amtsträger bezeugt. Im Jahr 1510 gehörte er dem achtköpfigen Sicherheitsausschuss (otto di guardia) an; Anfang 1520 erlangte er das befristete Amt des gonfaloniere di giustizia („Bannerträger der Gerechtigkeit“), der als Vorsitzender der Signoria, des wichtigsten Regierungsorgans, unter allen Beamten das höchste Ansehen genoss. Außerdem erhielt er im November 1512 den Auftrag, die Republik als Gesandter bei Kaiser Maximilian I. zu vertreten, doch kam diese Reise nicht zustande. Nach Rom reiste Cattani 1513 und 1518; dort bereitete ihm Papst Leo X. einen wohlwollenden Empfang.Paul Oskar Kristeller: Francesco da Diacceto and Florentine Platonism in the Sixteenth Century. In: Kristeller: Studies in Renaissance Thought and Letters, Rom 1969, S. 287–336, hier: 303; Eva Del Soldato: The Elitist Vernacular of Francesco Cattani da Diacceto and Its Afterlife. In: I Tatti Studies in the Italian Renaissance 16, 2013, S. 343–362, hier: 358.
Im Jahr 1501 erhielt Cattani das Angebot, an der Florentiner Universität, dem Studio fiorentino, aristotelische Philosophie zu unterrichten, obwohl er in Pisa den Doktorgrad nicht erworben hatte. Zunächst lehnte er dies ab, doch im folgenden Jahr nahm er den Vorschlag an, nachdem die Universität ihr Vergütungsangebot auf 200 Florin jährlich verdoppelt hatte. Später betrug sein relativ hohes Jahresgehalt 525 Florin. Zum Stoff seiner Lehrveranstaltungen gehörten Naturlehre, Seelenkunde und Ethik.Peter Godman: From Poliziano to Machiavelli, Princeton 1998, S. 206 Anm. 134; Eva Del Soldato: The Elitist Vernacular of Francesco Cattani da Diacceto and Its Afterlife. In: I Tatti Studies in the Italian Renaissance 16, 2013, S. 343–362, hier: 360; Armando F. Verde: Lo Studio Fiorentino 1473–1503. Ricerche e Documenti, Bd. 2, Firenze 1973, S. 218 f. Wahrscheinlich erteilte er außerdem in seiner Wohnung Unterricht in platonischer Philosophie. In Florentiner Humanistenkreisen erfreute er sich hohen Ansehens; er beteiligte sich an den Diskussionen im Gelehrtenzirkel der Orti Oricellari und gehörte der Sacra Accademia Medicea an. Zu seinen Freunden zählte der Dichter und Sprachforscher Gian Giorgio Trissino.Simone Fellina: Alla scuola di Marsilio Ficino, Pisa 2017, S. 21 f.; Paul Oskar Kristeller: Francesco da Diacceto and Florentine Platonism in the Sixteenth Century. In: Kristeller: Studies in Renaissance Thought and Letters, Rom 1969, S. 287–336, hier: 298–303; Paul Oskar Kristeller: Cattani da Diacceto, Francesco. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 22, Rom 1979, S. 507–509, hier: 507 f.
Cattani hatte zahlreiche Schüler, darunter Luigi Alamanni, Antonio Brucioli, Zanobi Buondelmonti, Iacopo da Diacceto, Donato Giannotti, Luca della Robbia, Giovanni Rucellai, Filippo Strozzi und Piero Vettori.Paul Oskar Kristeller: Francesco da Diacceto and Florentine Platonism in the Sixteenth Century. In: Kristeller: Studies in Renaissance Thought and Letters, Rom 1969, S. 287–336, hier: 322 f.
Werke Cattani schrieb in lateinischer Sprache, doch von zwei Werken, die von der Liebe handeln, verfasste er zusätzlich italienische Versionen. Zu seinen Lebzeiten wurden seine Werke nur abschriftlich verbreitet;Siehe dazu Paul Oskar Kristeller: Francesco da Diacceto and Florentine Platonism in the Sixteenth Century. In: Kristeller: Studies in Renaissance Thought and Letters, Rom 1969, S. 287–336, hier: 304. erst nach seinem Tod wurde im Zeitraum 1526–1563 der größte Teil gedruckt. Einige sind erst 1986 veröffentlicht worden.Siehe zum Folgenden die Übersicht bei Paul Oskar Kristeller: Cattani da Diacceto, Francesco. In: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 22, Rom 1979, S. 507–509, hier: 508 f. und die ausführlichere Darstellung bei Paul Oskar Kristeller: Francesco da Diacceto and Florentine Platonism in the Sixteenth Century. In: Kristeller: Studies in Renaissance Thought and Letters, Rom 1969, S. 287–336, hier: 304–318 sowie Simone Fellina: Alla scuola di Marsilio Ficino, Pisa 2017, S. 23–26.
De pulchro (Über das Schöne), Cattanis erste Schrift, umfasst drei Bücher. Die erste Version entstand im Zeitraum 1496–1499, die endgültige Fassung wurde erst nach dem 7. Oktober 1514 vollendet. Trotz des Titels behandelt De pulchro nicht nur die Ästhetik, sondern ist eine umfassende Darstellung der Metaphysik und Kosmologie des Autors. Panegyricus in amorem (Lobrede auf die Liebe, vor 1508); die italienische Version Panegirico allo amore verfasste Cattani ungefähr um dieselbe Zeit. Der Panegirico wurde 1526 in Rom von dem Drucker Ludovico degli Arrighi herausgebracht. Cattanis von Begeisterung getragene Darstellung fußt auf Platons Dialogen Phaidros und Symposion sowie auf Ficinos Schrift De amore (Über die Liebe). De amore (Über die Liebe, 1508); die italienische Fassung Tre libri d’amore vollendete Cattani vor dem 8. August 1511. Der Drucker Gabriele Giolito de’ Ferrari veröffentlichte die italienische Version 1561 in Venedig. Das Werk gehört zur in der Renaissance geschätzten Traktatliteratur über die Liebe, stellt aber im Unterschied zu anderen Abhandlungen den philosophischen Aspekt des Themas gegenüber dem literarischen in den Vordergrund. Die Liebe wird im Sinne des platonischen Verständnisses dargestellt, doch in der italienischen, für eine breitere Öffentlichkeit bestimmten Fassung sind platonische Ausdrücke durch christliche ersetzt. Cattani hielt es für nötig, seine Entscheidung zu begründen, über ein „göttliches“ Thema wie die Liebe auch in der italienischen Volkssprache statt nur lateinisch zu schreiben, denn er meinte, dass viele ihm dies verübeln würden. Dazu bemerkte er, es gebe eine innerseelische Sprache, die naturgegeben und für alle Menschen dieselbe sei, und äußere Sprachen, welche die Menschen willkürlich erfunden hätten. Die äußeren Sprachen seien Abbilder der inneren Sprache und als Ausdrucksmittel für philosophische Inhalte alle gleich geeignet.Eva Del Soldato: The Elitist Vernacular of Francesco Cattani da Diacceto and Its Afterlife. In: I Tatti Studies in the Italian Renaissance 16, 2013, S. 343–362, hier: 349 f., 353, 357. Ein unvollendeter Kommentar zu Platons Dialog Symposion, der nach den ersten beiden Reden des Dialogs abbricht. Lateinische Paraphrasen von Platons Dialog Politikos und der Platon zugeschriebenen Dialoge Anterastai und Theages sowie der Schrift Über den Himmel des Aristoteles und des ersten Buches von dessen Meteorologica. Die Grabrede für Lorenzo di Piero de’ Medici, den 1519 verstorbenen Herzog von Urbino, die Cattani auf Wunsch des Kardinals Giulio de’ Medici, des späteren Papstes Clemens VII., verfasste. Einige Briefe, darunter ein vor 1509 an den französischen Prälaten Germain de Ganay gerichtetes Schreiben, das in den Handschriften den Titel Apologia contra Parisienses philosophos pro Platone (Verteidigung Platons gegen die Pariser Philosophen) trägt. Zwei Universitätsreden zum Lob der Philosophie sowie einleitende Reden zu Vorlesungen über die Nikomachische Ethik des Aristoteles und über das zweite Buch von dessen Schrift De anima. Zwei Dichtungen: eine Canzone und ein Epigramm auf Antonio Squarcialupi. Nicht erhalten geblieben sind zwei weitere Werke: Ein Plotin-Kommentar und eine Paraphrase der Physik des Aristoteles.Simone Fellina: Alla scuola di Marsilio Ficino, Pisa 2017, S. 23. Lehre Verhältnis zu den philosophischen Traditionen