mini|Villa Farnesina (Nord) mini|Villa Farnesina (Süd)
Die Villa Farnesina (auch Villa della Farnesina oder kurz Farnesina genannt) ließ der toskanische Bankier und Geschäftsmann Agostino Chigi als Ausdruck seines Reichtums und seiner humanistischen, künstlerisch geprägten Lebensart von 1508 bis 1511 von Baldassare Peruzzi im römischen Stadtteil Trastevere erbauen. Bekannte Künstler des frühen 16. Jahrhunderts wie Raffael, Sebastiano del Piombo, Giovanni Antonio Bazzi (gen. Sodoma), Giulio Romano, aber auch Peruzzi selbst statteten die Räume aus. 1579 ging sie in den Besitz des Kardinals Alessandro Farnese über, von dem sie ihren Namen erhielt.
Sie ist in ihrer stilistischen Harmonie und ihrer Eleganz eines der bedeutendsten profanen Bauwerke der Hochrenaissance in Rom und bildet durch die Architektur, die künstlerische Ausstattung und die Gartenanlage ein Gesamtkunstwerk dieser Zeit. Heute ist die Villa im Besitz der Accademia dei Lincei und zum Teil als Museum zugänglich. Temporäre Ausstellungen ergänzen die historische Sammlung.
Standort und Lage Lage im Stadtgebiet Roms Im Jahre 1500 war die Via Janiculensis von der Porta Septimiana durch die Porta Santo Spirito zum Borgo nur ein Landweg mit spärlicher Bebauung.Ferdinand Gregorovius: Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, Kap. 376. Papst Julius II. ließ die Straße begradigen und gab ihr den Namen Lungara. An ihrem Ende, nahe der Porta Septimiana, hatten die Familien Riario und Farnese Landhäuser und Weingärten. Agostino Chigi erwarb dort im Mai 1505 ein Grundstück, das bis an den Tiber reichte und auf dem später die Villa entstand.
Heute liegt die Villa in einem Dreieck zwischen der Via della Lungara 230 und dem Lungotevere Farnesina und ist noch immer umgeben von einem Parkgrundstück. Der einstige Zugang zum Tiber ist durch die Errichtung der Schutzmauern in den 1880er-Jahren und der Hauptverkehrsstraße entlang des Tibers verloren gegangen. An der gegenüberliegenden Seite der Via Lungara erstreckt sich der im 18. Jahrhundert erbaute Palazzo Corsini, in dem die Accademia Nazionale dei Lincei (Akademie der Wissenschaften Italiens) heute ihren Hauptsitz hat. Die Einbettung in das Grundstück und die Lage am Fluss lassen das antike Vorbild einer Villa suburbana erkennen, die Repräsentation und Zurückgezogenheit in das Private verbindet.
Garten der Farnesina Ganz im Zeitgeschmack des Cinquecento umgab den Palast ein Garten, im Süden der Giardino segreto und zum Tiber hin, an das Gelände angepasst, u. a. ein Zier- sowie Wein- und Obstgarten, wie ihn der, der in Rom etwas auf sich hielt, besaß. Nördlich der Villa am Tiberufer befand sich eine Loggia oder Pergola und eine angelegte Grotte, ebenfalls Teile eines Lustgartens der Zeit. Einige literarische Quellen und Gedichte lassen ein Bild der reichen Blumen- und Pflanzenvielfalt entstehenPietro Aretino Ragionamento: 'Oh il bello orto; certo certo egli pò disgraziarne il giardino del Chisi in Trastevere' (Oh das schöne Gärtchen; es kann ganz sicher mit dem Garten des Chigi in Trastevere aufnehmen).
Zum originalen Garten-Programm sind keine Pläne Peruzzis vorhanden, dennoch kann davon ausgegangen werden, dass Gebäude und Garten im Sinne einer Gesamtanlage geplant wurden. Das Grundkonzept, die Einheit zwischen Natur und Kunst, zur Erbauung von Körper und Geist, ein bereits in der Antike angestrebtes Ideal, stand dafür Pate. Im Laufe der Zeit veränderte sich die Garten-Anlage und deren Abmessungen immer wieder, wie einige in der Zeitfolge entstandenen Veduten und Stiche dokumentieren. mini|Römisches Fresko im Museo Nazionale – Palazzo Massimo
Wohl aus dem 17. Jahrhundert stammt eine Inschrift im Garten, deren Herkunft und Sinn nicht erschlossen ist:Villa Farnesina La Villa“Quisquis huc accedis: quod tibi horridum videtur mihi amoenum est; si placet, maneas, si taedet abeas, utrumque gratum”, sinngemäß übersetzt: Wer immer Du hier heranstrittst: Was Dir schaurig scheint, ist mir lieblich. Wenn es (Dir) gefällt, magst Du bleiben; wenn es (Dich) ekelt, magst Du gehen – beides ist (mir) recht.Nach Klaus Bartels, in Freiburger Universitätsblätter Heft 163, 43. Jahrgang (2004): Roms sprechende Steine: Ein Spaziergang über die sieben Hügel und durch zwei Jahrtausende (S. 23)
Die Casa della Farnesina
Unter den Gärten der Villa und der Via della Lungara wurde eine antike Villa aus der frühen Kaiserzeit, die sogenannte Casa della Farnesina, entdeckt.
Diese Anlage wurde 1880 bei der Befestigung der Tiberufer entdeckt. Bisher ist nur ein Teil der unter dem Garten gelegenen Villa ausgegraben. Es wird vermutet, dass diese Villa urbana anlässlich der Hochzeit zwischen Marcus Vipsanius Agrippa und Iulia, der Tochter des Augustus, gebaut worden ist. Die im Zuge der Ausgrabungen freigelegten Wandmalereien und Stuckreliefs befinden sich heute im Museo Nazionale Romano – Palazzo Massimo.
Geschichte des Gebäudes
Bauherr und Besitzer Agostino Chigi (* 1466; † 1520), aus einer reichen Bankiersfamilie aus Siena stammend, war eine einflussreiche, ehrgeizige und mit ausnehmendem Geschäftssinn ausgestattete Persönlichkeit sowie ein bedeutender Kunstmäzen im Rom des beginnenden 16. Jahrhunderts, mit besten Beziehungen zum Kirchenstaat. Seinen gesellschaftlichen Aufstieg sicherte er sich unter Papst Alexander VI., der ihm die päpstlichen Salinen und den Alaunabbau in den Tolfabergen verpachtete. Er genoss auch den Schutz der nachfolgenden Päpste Julius II. und Leo X., mit denen er nicht nur die finanziellen Interessen, sondern auch die Begeisterung für die Künste und die Antike teilte. 1509 nahm Papst Julius II. Agostino Chigi in die Papstfamilie auf und gestattete ihm, die Eiche der Familie Della Rovere in seinem Wappen zu führen.
Im Besitz Agostino Chigis Nach Erwerb des Grundstücks beauftragte Chigi den ebenfalls aus Siena stammenden namhaften Architekten und Künstler Baldassare Peruzzi mit dem Bau der Villa. Das Leben in einem Landhaus außerhalb der Stadt, die Villeggiatura, war eine typische Lebensgewohnheit in der italienischen Renaissancezeit.M. Azzi Visentini: La villa in Italia. Quattrocento e Cinquecento. Die Idee geht auf antike Vorbilder (z. B. Cicero – Villa am Tusculum) und Schriften zurück, in denen die Idee eine wichtige Rolle spielte, die Verbindung von Landwirtschaft, Erholung und Studium mit der kultivierten Lebensart der Städter zu erreichen.
Der Baubeginn war der 22. April 1506, wohl aufgrund einer vermeintlich günstigen Planetenkonstellation und auch, weil dieses Datum für den Gründungstag der Stadt Rom gehalten wurde. Bereits nach zwei Jahren Bauzeit erteilte Agostino Chigi den ersten Auftrag zur Innenausstattung an Peruzzi; es war die Dekoration des Raumes mit dem Fries. Im Sommer 1511 konnte der Bauherr dem Papst Julius II. seine elegante Villa zeigen.
Papst Leo X., dessen Papstwahl er finanziell unterstützt hatte, war ebenfalls mehrfach Gast im Hause Chigis und begeisterte sich an den humanistischen Diskussionen, Festessen und Theateraufführungen, die im Hof vor der Nordfassade stattfanden. Als Bühne diente die Loggia „Amor und Psyche“. Die Feste, die in der Villa gefeiert wurden, waren legendär. Das Fest anlässlich der Taufe seines zweiten Sohnes Lorenzo bildete dabei den Höhepunkt an Verschwendung und Luxus. Es gab nicht nur die ausgefallensten Speisen; nach Gebrauch warf man das Silbergeschirr in den Tiber. Angeblich hatte Agostino Chigi aber vorsorglich im Fluss Netze spannen und das wertvolle Tafelgeschirr später wieder einsammeln lassen. Das letzte der überlieferten Feste fand anlässlich der Hochzeit zwischen Agostino Chigi und Francesca Ordeaschi, im Beisein des Papstes Leo X., am 28. August 1519 in der „Sala delle Prospettive“ statt.
Die Künstler Sodoma, Sebastiano del Piombo und Pietro Aretino lebten zeitweise als Gäste in dem Gebäude.
Chigi lebte ab 1511 zusammen mit seiner jungen zweiten Frau Francesca Ordeaschi, die er erst 1519 ehelichte, sowie seinen zwei Söhnen und zwei Töchtern in der Villa. Anlässlich seiner Hochzeit verlas er sein Testament, das bis heute erhalten ist. Die Verfügungen zur Villa nahmen einen breiten Raum ein, unter anderem sollte der Besitz niemals verpfändet oder verkauft und so der Name Chigi für immer mit der Villa verbunden bleiben. Als Agostino Chigi am 11. April 1520 starb, waren die Erben der Villa seine beiden Söhne Alessandro Giovanni und Lorenzo Leone.
Übernahme durch die Farnese Sieben Monate nach dem Tod Chigis verstarb seine Frau, ein Jahr später der älteste Sohn Alessandro Giovanni, 1523 der posthum geborene Sohn Agostino. Der Bruder des Erbauers, Sigismondo, bezog mit seiner Familie die Villa, verließ diese jedoch kurz vor seinem Tod 1526. Unmittelbar vor dem Sacco di Roma 1527 lebten gemäß einer Volkszählung 22 Personen in dem Gebäude.Arnold Esch: Wege nach Rom. S. 62. 1577 wurde die Versteigerung der Villa anberaumt, jedoch durch den Kaufvertrag mit Kardinal Alessandro Farnese überflüssig. Er war schon seit langem an der Villa interessiert, bedeutete dies doch die wertvolle Erweiterung seines angrenzenden Weingartens, der Vigna Farnese. Die Familie Farnese besaß den berühmten Palazzo Farnese in Rom und den Palazzo Farnese in Caprarola – beide Bauwerke ließ Alessandro Farnese, der spätere Papst Paul III. errichten. Die Farnese planten, den römischen Palazzo Farnese durch eine Brücke über den Tiber mit der Villa della Farnesina zu verbinden. Von diesem Projekt wurde 1603 jedoch nur der erste – heute noch zu sehende – Brückenbogen über die Via Giulia ausgeführt.
Bis 1626 nutzte der römische Familienzweig der Farnese die Villa, die durch Erbfolge an die Herzöge von Parma fiel, das in Parma und Piacenza regierende herzogliche Haus der Farnese. Diese vermieteten sie an prominente Gäste, wie 1633 an Kardinal Richelieu, 1652 an Kardinal Friedrich von Hessen-Darmstadt, 1655/56 an die Königin Christine von Schweden und ab 1661 an französische Botschafter Ludwigs XIV.Ch. L. Frommel: Die Farnesina und Peruzzis architektonisches Frühwerk. S. 18 f.
Weitere Besitzgeschichte In die Zeit um 1650 fiel die erste Renovierung des Palastes und die Schließung der Loggien durch Glastüren zum Schutz vor Witterungseinflüssen. Ende des 17. Jahrhunderts veranlasste der Herzog von Parma weitere Renovierungsarbeiten. 1731 übernahm durch eine Erbschaft das französische Königshaus der Bourbonen nach dem Aussterben der Farnese das Herzogtum und damit auch die Villa. Anschließend fiel sie Karl IV. von Neapel und beider Sizilien zu und diente weiterhin zur Unterbringung von hohen Würdenträgern am Hof oder in der Kurie. In der Zeit von 1741 bis 1747 wurden weitere Sanierungsarbeiten an der Villa vorgenommen und die Räume bzw. Loggien mit wertvollen Antiken aus dem Palazzo Farnese ausgestattet. In den Stichen von Giuseppe Vasi kann man den äußeren Zustand zu dieser Zeit erkennen.
1864 war die Villa Farnesina Wohnsitz des spanischen Botschafters in Neapel, Salvador Bermúdez de Castro, Fürst von Ripalta, der ihn in Erbpacht erwarb, grundlegend sanierte und auch bauliche Veränderungen vornehmen ließ. Dazu gehörten die Verlegung des Haupteingangs und die Schaffung des Vestibüls am Südeingang, die Veränderung der Belvedereloggia und die erneute Anlage des Gartens. 1927 erwarb das Königreich Italien die Villa, die sie zum Sitz der Accademia d’Italia machte und 1944 die Eigentumsrechte an die Accademia dei Lincei, der von Fürsten Cesi 1603 gegründeten Akademie der Wissenschaften, übergab. Diese, im gegenüberliegenden Palazzo Corsini untergebracht, nutzte sie für offizielle Empfänge. Von 1950 bis zum Umzug in den Gebäudekomplex Palazzo Poli/Palazzo della Calcografia 2008 befand sich dort außerdem das Gabinetto Nazionale delle Stampe mit einer bedeutenden grafische Sammlung für Drucke und Zeichnungen. Sie gehört seit 1978 zum Bestand des Istituto Nazionale delle Stampe, dem heutigen Istituto Centrale per la Grafica.
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