Obervorschütz ist der südlichste und mit etwa 1.300 Einwohnern nach der Kernstadt der größte Stadtteil der Kleinstadt Gudensberg im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis.

Geographie Geographische Lage Das Haufendorf liegt im historischen Chattengau rund 2 km südsüdwestlich der Kernstadt. Es befindet sich direkt nördlich des westlichen Eder-Zuflusses Ems. Die Nachbarorte, im Uhrzeigersinn beginnend im Nordnordosten, sind Gudensberg, Maden (zu Gudensberg), Niedervorschütz (zu Felsberg), Cappel, Obermöllrich, Werkel (alle drei zu Fritzlar) und Dorla (zu Gudensberg).

Unweit nordwestlich führt die Bundesautobahn 49 vorbei, zu deren Anschlussstelle Gudensberg etwa 4 km, anfangs auf der nach Gudensberg führenden Kreisstraße 10, zurückzulegen sind.

Topographie, Geologie und Gewässer Zu den Basaltkuppen der Umgebung gehören im Nordwesten der „Nacken“, der als geologische Besonderheit einen sonst sehr seltenen waagerechten Basaltsäulenverlauf aufweist, sowie die Kuppe des Judenfriedhofs im Westen. Der fruchtbare tiefbraune Lößboden, der sich an den vom Wind abgewandten Seiten angesammelt hat, liegt auf einer Tonschicht, und wegen der Fruchtbarkeit des Bodens wird die Gegend zwischen Gudensberg und Fritzlar volkstümlich „Hessenlandes Krone“ genannt („Dorla, Werkel, Lohne – Hessenlandes Krone“). Die Tonschicht ist mit Gipskristallen und geringen Mengen Eisenerz (Bohnerz) durchsetzt; erst 1866 wurde der jahrhundertealte Abbau des Bohnerzes endgültig eingestellt.

Der „Flutgraben“, der westlich des Dorfes in die Ems mündet, ist sehr wasserreich und wurde früher zur Trinkwassergewinnung genutzt. In seinem Quellgebiet befindet sich eine (heute ungenutzte) Wassergewinnungsanlage. Die „Waals Quelle“ liegt westlich des Dorfes. Im ehemaligen Pfarrgarten südlich des Orts liegt ein kleiner Weiher, der „Paars Dich“ (Pfarrersteich), in einem Waldstück. Noch heute erinnern Straßennamen an diesen Wasserreichtum, der vermutlich auch ausschlaggebend für die frühe Besiedlung war. Der Straßenname „Hohe Litt“ wird hergeleitet aus dem Verb „leiten“ im Sinne von Wasser umleiten. Nordnordöstlich entspringt der Bach vom Henkelborn, der ostsüdöstlich des Dorfs in den Goldbach mündet.

Geschichte Vorgeschichte mini|Steinbeil aus Obervorschütz

Auf eine frühzeitliche Besiedlung um 3000 v. Chr. deutet der Fund eines prähistorischen Steinkeils. Aus der Bronzezeit im 2. Jahrtausend v. Chr. stammen mehrere Hügelgräber im nahen Waldgebiet „Oberstes Holz“. Scherbenfunde aus der Eisenzeit belegen eine weitere Besiedlung der Gegend. Auf einem Acker am Breitenbornsweg findet man ebenfalls auffällige Siedlungsspuren.

Im ersten Jahrhundert n. Chr. wurde die Gegend gleichmäßig besiedelt. Um diese Zeit ist die Entstehung der Orte des Emstales anzusetzen. Wilhelm Arnold zählt Besse, Dissen, Dorla, Harle, Maden, Metze und Obervorschütz zu den ältesten Dörfern Hessens und hält ihre Entstehung bereits in der ersten Siedlungsperiode von 400 v. Chr. bis 400 n. Chr. für möglich. Nero Claudius Germanicus hat die Region mit seinen römischen Legionen um 14 n. Chr. bis 16 n. Chr. durchzogen, da das von ihm zerstörte Mattium, wie Tacitus in seiner Germania literarisch beschreibt, wohl in der Nähe von Maden oder Metze gelegen hat. Auf jeden Fall ist Obervorschütz vor der letzten Siedlungsperiode vor dem 8. Jahrhundert n. Chr. gegründet worden. Zur Zeit der Römer durchquerte die „Sälzerstraße“ das nahe „Oberste Holz“ entlang des Nordufers der Eder. Aus merowingischer Zeit wurde ein aus dem 5. Jahrhundert stammendes bronzenes und gold-überlegtes Wehrgehängefragment, der Löwenbeschlag von Obervorschütz, gefunden.

Im 8. Jahrhundert wurde die Region nach dem Fällen der Donareiche 723 bei Geismar durch Bonifatius christianisiert. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass spätestens im 8. Jahrhundert eine ständige Siedlung in der Emsaue angelegt wurde. Wahrscheinlich hatte Obervorschütz schon früh eine eigene Kirche; sie soll dem Heiligen Martin, dem Schutzheiligen der Franken, geweiht gewesen sein. Westlich von Obervorschütz liegt die frühzeitliche Wüstung „Oberdorf“.

Dorfgeschichte mini|Erste urkundliche Erwähnung von Vorschütz mini|Brücke über den Emsbach von 1824 mini|Gefallenen-Ehrenmal in Obervorschütz mini|Fachwerkhäuser in Obervorschütz

Erwähnungen mit dem Namen Vorstütz in verschiedenen Abwandlungen in den Besitzlisten des Klosters Hasungen sowie Urkunden des Erzbistums Mainz lassen sich nicht eindeutig Ober- oder Nieder-Vorschütz zuordnen. Die älteste gesicherte Erwähnung von Obervorschütz stammt aus dem Jahr 1282 als superior Fforscurze.

Ab 1076 gehörte Vorschütz zum Archidiakonat Fritzlar des Erzbistums Mainz. 1260 wurde den Herren von Elben die Gerichtsbarkeit übertragen. In der Folgezeit änderte sich der Bezeichnung des Orts mehrfach: 1275 „villa superior Vorskutheund“, 1357 „Obirm Vorschütz“. Weitere Namen sind „Vorsuzze“, „Vorschuzze“, „Obrin Vorschütz“, und schließlich Obervorschütz. Im lokalen Dialekt wird der Ortsname „Owwer-Vehrschitze“ ausgesprochen. 1275 werden Ober- und Niedervorschütz erstmals als getrennte Siedlungen erwähnt. Im 14. Jahrhundert wechselten die Besitzer des Dorfs mehrfach. Zahlreiche Fehden waren die Folge; noch heute erinnert ein Steinkreuz an der „Strutthecke“ (= Streithecke) an diese Fehden. Hier kam es im Jahre 1350 zu einem schweren Gefecht zwischen Truppen des Mainzer Erzbischofs Heinrich III. von Virneburg und einem Heer des Landgrafen Heinrich II., bei dem die Mainzer viele Tote und Verwundete zu beklagen hatten und sich der Erzbischof nur durch die Flucht retten konnte.Ide, S. 109, 290

Aus dem 14. Jahrhundert stammt die erste steinerne Brücke über die Ems, an der Stelle einer bis dahin benutzten Furt. 1379 stiftete der Spitalspriester Albert von Ritte am Altar der Jungfrau Maria eine zweite Vikariatsstelle und dotierte diese unter anderem mit seiner zwischen Vorschütz und Werkel gelegenen Wiese. Die Rivalität zwischen dem Erzstift Mainz, mit seiner nordhessischen Bastion Fritzlar, und den hessischen Landgrafen bestimmte die Ereignisse in der Umgebung. Auf einem Feldzug 1387 eroberten Truppen des Mainzer Erzbischofs Gudensberg und drangen am 2. September 1387 bis nach Obervorschütz vor.

Die Herren von Elben wurden vom Landgrafen zu Patronats- und Gerichtsherren des Dorfs ernannt, und sie hielten das Dorf bis 1535 als Lehen. Am 29. April 1454, im Verlauf der langen Bundesherrenfehde (1450–1454), überfiel Johann von Meysenbug mit seinen Leuten das Dorf und brannte es nieder. Im 15. Jahrhundert wurde der Grebe und Pfarrer Hermann Koch mit Hochachtung genannt. Nach dem Aussterben der Herren von Elben im Jahre 1535 zog Landgraf Philipp I. den Ort als erledigtes Lehen ein und gliederte ihn 1536 in das Amt Gudensberg ein.

Um 1620 betreute der Theologe und Philosoph Daniel Angelocrator die christliche Gemeinde von Obervorschütz. Tillys Truppen, die 1624/25 im nahen Werkel ihr Winterquartier aufgeschlagen hatten, plünderten und zerstörten Obervorschütz. Ein zweites Mal im Dreißigjährigen Krieg wurde das Dorf verwüstet, diesmal von kroatischen Truppen 1640 unter Ottavio Piccolomini. Anschließend wütete die Pest im Dorf und reduzierte die Bevölkerung dramatisch.

1627 erschien die älteste nachweisbare Abbildung der Umgebung von Obervorschütz auf dem Kupferstich der Stadt Gudensberg des Kupferstechers Matthäus Merian d. Ä. In seiner Topographia Germaniae ist der Fischreichtum des Emsbaches erwähnt. In der Topographia Germaniae heißt es: „Dieses Ampt wird mitten durch den starcken Fluss Embs welches ein sehr stattliches Fischwasser gerheilet und erstreckt sich an den Habichtswalde“.

1646 hieß es in Matthäus Merians Topographia Germaniae von dem Amt Gudensberg über die dortigen Dorfschaften: „Das Ampt bestehe in mehr als etlich und zwanzig Dorffschafften unnd ist weit umbfangen; aber in den leydigen Kriegswesen mehrentheils abgebrannt worden. Hat sonst überauß stattliche Dorffschafften gehabt: unnd begreifft allenthalben große weite ebene sehr fruchtbare Felder, wenig Gebürg, aber viel unterschiedene spitzige Hügel, daran dickes Gebüsche unnd Steinfelsen so ihre underschiedene Namen haben hat auch wenig Wildbahnen.“

Von 1678 gibt es den ersten Nachweis über das Vorhandensein einer Dorfschule, die schon im Dreißigjährigen Krieg bestanden hatte. Eine Schulchronik des Lehrers Johannes Koch belegt, dass der Unterricht zunächst nur in den Wintermonaten stattfand. 1726 wurde verordnet, dass die Kinder auch im Sommer die Schule zu besuchen hatten.

Während des Siebenjährigen Kriegs zerstörten französische Truppen das Dorf. Es folgte eine lange Aufbauzeit mit starker Bevölkerungszunahme bis ins 19. Jahrhundert. Um 1820 wurde der „Totenacker“ (Friedhof) um die Kirche letztmals genutzt. Die neue Sandsteinbrücke über die Ems, an der Stelle der ehemaligen Furt, wurde 1824 errichtet. Im Jahre 1846 wurden bei einer Brandkatastrophe sechs Häuser zerstört. 1849 lebten 189 Familien mit 979 Menschen in Obervorschütz. Mit der Industrialisierung ging die Einwohnerzahl zurück, weil viele Obervorschützer in die Industriestädte wie das nahe Kassel zogen oder sogar nach Amerika auswanderten. Am 23. September 1878 nahm Kaiser Wilhelm I. ein Militärmanöver am „Nacken“ ab; ein 1879 gestiftetes Denkmal von Carl Friedrich Echtermeier erinnert daran. Im Ersten Weltkrieg fielen 41 Obervorschützer. Die Gemeinde stiftete 1922 ein Säulendenkmal für die Gefallenen nahe dem heutigen Friedhof bei der „Jägereiche“.

Im Zweiten Weltkrieg fielen 61 Obervorschützer und 31 werden seitdem vermisst. Von 1942 bis 1945 arbeiteten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in der örtlichen Landwirtschaft. Im Frühjahr 1945 wurde Obervorschütz von amerikanischen Truppen eingenommen. Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurden viele Vertriebene, Ausgebombte und Flüchtlinge in die Dorfgemeinschaft integriert. Es begann ein wirtschaftlicher Aufschwung des Dorfes. Zahlreiche Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe wurden im Ort gegründet. mini|Historisches Eingangsportal der 1912 eingeweihten Grundschule Das Dorfgemeinschaftshaus wurde 1954 im Dorfzentrum erbaut und mehrfach umgebaut. 1963 erfolgte eine grundlegende Restaurierung der Kirche. Im Juni 1966 wurde der neue Sportplatz eingeweiht, 1974 das evangelische Gemeindehaus. Die alten Fachwerkhäuser im Ortskern wurden in den 1980er Jahren im Rahmen der Dorferneuerungs-Maßnahmen renoviert.

Zum 31. Dezember 1971 wurde die bis dahin selbständige Gemeinde Obervorschütz im Zuge der Gebietsreform in Hessen auf freiwilliger Basis in die Stadt Gudensberg eingemeindet. Für Obervorschütz wurde, wie für die übrigen Stadtteile, ein Ortsbezirk mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung eingerichtet.

Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011

Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag, dem 9. Mai 2011, in Obervorschütz 1209 Einwohner. Darunter waren 39 (3,2 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 301 Einwohner unter 18 Jahren, 495 zwischen 18 und 49, 270 zwischen 50 und 64 und 120 Einwohner waren 243 und älter. Die Einwohner lebten in 519 Haushalten. Davon waren 117 Singlehaushalte, 156 Paare ohne Kinder und 189 Paare mit Kindern, sowie 48 Alleinerziehende und 9 Wohngemeinschaften. In 96 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 348 Haushaltungen lebten keine Senioren.

Einwohnerentwicklung Quelle: Historisches Ortslexikon • 1575/85: 86 Hausgesesse • 1579: 79 Köttner • 1639: 21 32 verheiratete, 15 verwitwete Hausgesesse • 1735: 84 Mannschaften • 1742/47: 64 Häuser bzw. Hausgesesse; 464 Einwohner

Historische Erwerbstätigkeit • 1961 Erwerbspersonen: 253 Land- und Forstwirtschaft, 244 Produzierendes Gewerbe, 46 Handel und Verkehr, 46 Dienstleistungen und Sonstiges

Religion Historische Religionszugehörigkeit