mini|243px|Darstellung im Satiremagazin «Puck», 1903 Russophobie oder Russenfeindlichkeit (auch AntirussismusVgl. Heinz Gollwitzer: Vom Zeitalter der Entdeckungen bis zum Beginn des Imperialismus. V&R, 1972, S. 372.) ist eine ablehnende Haltung gegenüber Russland, den Russen oder der russischen Kultur. Sie ist eine Ausprägung der Xenophobie und das Gegenteil von Russophilie. Fälschlicherweise wird aber auch Kritik an der – historischen oder aktuellen – Großmachtpolitik Russlands sowie an politisch-gesellschaftlichen Systemen in Russland wie dem Zarismus, Stalinismus oder Putinismus manchmal als „Russophobie“ bezeichnet. Gegenwärtig wird „russophob“ in der Ära Putin zunehmend sowohl von Regierungsstellen als auch in der vom Kreml kontrollierten Propaganda als Etikett verwendet für Menschen, die die Politik des russischen Präsidenten kritisieren, sei es in Russland oder im Ausland.Jolanta Darczewska, Piotr Żochowski: Russophobia In the Kremlin's Strategy, Centre for Eastern Studies, Oktober 2015
Geschichte Mittelalter und frühe Neuzeit Negative Darstellungen der Russen datieren aus religiösen Gründen aus dem 13. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Kampf des Deutschen Ordens gegen die „Schismatiker“ im Osten. So werden die Russen beispielsweise in der Livländischen Reimchronik als Ungläubige bezeichnet, die Ländereien der Christen plündern.
Um die Wende zum 16. Jahrhundert intensivierten sich Russisch-Litauische Kriege zwischen dem Großfürstentum Moskau und dem Großfürstentum Litauen um das Erbe der Kiewer Rus. Der Anspruch der Rurikiden-Fürsten von Moskau, Herrscher der ganzen Rus zu sein, stieß auf Widerstand in der Personalunion Polen-Litauen. Um Allianzen der Russen in Europa zu verhindern, schrieb König Sigismund I. an europäische Herrscher und an den Papst, die „Moskowiter“ seien Feinde des Christentums und hätten sich mit Türken und Tataren verschworen, um das Christentum zu zerstören.Poe, Marshall T. (2001). People Born to Slavery: Russia in Early Modern European Ethnography, 1478–1748. Cornell University Press, ISBN 0-8014-3798-9, S. 21.
Im Zusammenhang mit dem Livländischen Krieg berichteten europäische Russlandreisende von der Tyrannei des russischen Zaren Iwan „des Schrecklichen“ (richtige Übersetzung: der Gestrenge), der nach neuesten Forschungen während seiner 37-jährigen Herrschaft etwa fünftausend Menschen hinrichten ließ. Nachdem die zuerst gegen konkurrierende Fürstenfamilien gerichteten Repressionen auf immer neue Zielgruppen ausgedehnt wurden, verbreitete sich das Bild einer überaus repressiven russischen Herrschaft.Vgl. die vom Autor erweiterte deutsche Übersetzung: Ruslan Grigrojewitsch Skrynnikow Ivan der Schreckliche und seine Zeit. Mit einem Nachwort von Hans-Joachim Torke. München 1992. Siehe auch den Nachruf auf Skrynnikow von Alexandr Lavrov dokumente.ios-regensburg.de. Umgekehrt entwickelte sich in Russland das Stereotyp vom „perversen“ Westeuropa.Gabriele Scheidegger: Perverses Abendland – barbarisches Russland: Begegnungen des 16. und 17. Jahrhunderts im Schatten kultureller Missverständnisse, Zürich: Chronos, 1993.
18. und 19. Jahrhundert Antirussische Auffassungen kamen im 19. Jahrhundert unter anderem in Frankreich auf. In Europa beruhte die Russophobie auf verschiedenen Ängsten vor einer feindlichen Einflussnahme oder Eroberung europäischer Länder durch Russland, wie beispielsweise denen, die auf der Fälschung des sogenannten Testament Peters des Großen basierten, welche im 19. Jahrhundert in Frankreich dokumentiert wurde und später in Großbritannien aufgrund der Befürchtungen eines russischen Angriffs auf das von Großbritannien kolonisierte Indien im Zusammenhang mit dem Great Game wieder auftauchte.Resis, A. (1985). Russophobia and the “Testament” of Peter the Great, 1812–1980. Slavic review, 44(4), 681-693.Platon, M. (2016). Astolphe de Custine’s Letters from Russia and the Defense of the West: Patterns of Prejudice from Henri Massis to Walter Bedell Smith. Russian history, 43(2), 142-180. auf JstorSakowicz, I. (2005). Russia and the Russians: Opinions of the British Press during the Reign of Alexander II (dailies and weeklies). Journal of European studies, 35(3), 271-282.
Während die europäische Aufklärung insgesamt ein positives Verhältnis zu Russland hatte,Leibniz, der Zar Peter I. mehrfach getroffen hatte, rühmte Russland als tabula rasa, wo man unzählige Fehler Westeuropas vermeiden könne. Montesquieu dagegen bezeichnete den Zaren, der seine Reformen mit tyrannischen Methoden durchsetzte, als „größten Barbaren der Menschheit“. Voltaire wiederum pries denselben in seiner „Geschichte des russischen Reichs unter Peter dem Großen“. Herder sah in Russland einen künftigen Träger europäischer Kultur. „Die Europäisierung des russischen Hofes und die Erziehung des russischen Adels, der die französische Sprache und französische Sitten übernahm, wurde im 18. Jahrhundert mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Doch aufmerksamen Besuchern Russlands, deren Zahl seit dem 18. Jahrhundert ständig zunahm, fiel der enorme Abgrund zwischen der analphabetischen bäuerlichen Masse und der gebildeten Minderheit auf, der in Europa nichts Vergleichbares hatte.“ (Jutta Scherrer: Russlandbilder in Europa – Stimmen aus Frankreich, Deutschland und Polen. Tagung in Genshagen/Brandenburg 1.-2. Dezember 2006 (PDF), unpag. S. 5) betrachtete Napoléon Bonaparte die Russen als rückständige Barbaren, die seinen liberalen und revolutionären Ideen im Wege stünden.McNally, Raymond. The origins of Russophobia in France 1812–1830. In: The American Slavic and East European Review 17 (1958), S. 173–189. Raymond McNally fasst die Respektlosigkeit französischer Soldaten während des Russlandfeldzugs 1812 gegenüber der russischen Zivilbevölkerung und Kultur als Beleg für eine besondere Russenfeindlichkeit auf. Die französischen Truppen plünderten aber auch in anderen eroberten Gebieten Klöster und Kirchen und nutzten sie als Pferdeställe oder Militärlager. Vor seinem Abzug aus Moskau versuchte Napoléon, die Türme des Moskauer Kremls sprengen zu lassen. Nach der französischen Niederlage gab es weiter eine ablehnende Haltung gegenüber den Russen.
In François Guizots Geschichte der europäischen Zivilisation (1828) kommt Russland nicht vor und auch Jules Michelet schloss Russland von der „wirklichen“ Geschichte aus.Vgl. Martin Malia: Russia Under Western Eyes. Cambridge/Mass. 1999, S. 102. Die Unterdrückung des polnischen Freiheitskampfes 1830 löste eine Solidarisierungswelle in Europa mit den gegen das Zarenregime aufbegehrenden Polen aus, die sich auf „vorgeformte Bilder russophober Publizistik“Dieter Groh: Russland und das Selbstverständnis Europas. Neuwied 1961, S. 189. stützen konnte. 1835 hatte Alexis de Tocqueville in seinem Buch Über die Demokratie in Amerika die USA und Russland als Weltmächte gegenübergestellt, die einen Gegensatz von Demokratisierung und Freiheit einerseits und Zentralisation und Knechtschaft andererseits bildeten. Ein Jahr später wurde der Philosophische Brief von Pjotr Jakowlewitsch Tschaadajew gedruckt, in dem die konservativen Slawophilen den reformorientierten Westlern gegenübergestellt sind. Jutta Scherrer meinte, „die Slavophilen schufen in der Dichotomie Russland/Europa erstmals Selbst- und Fremdbilder von ‚wir‘ und ‚sie‘ (my i oni), vom 'Eigenem' und 'Fremden'.“Jutta Scherrer: Russlandbilder in Europa – Stimmen aus Frankreich, Deutschland und Polen. Tagung in Genshagen/Brandenburg 1.-2. Dezember 2006 (PDF), unpag. (S. 10) Fjodor Tjuttschew führte den Begriff im politischen Diskurs ein, als er in seinen Texten die unterschiedlichen Auffassungen in Frankreich und Deutschland erörterte. Tjuttschew verwendete den Begriff aber nicht nur für das Ausland, im Speziellen die Polen, sondern auch für die „Westler“ im Zarenreich, denen er den „orthodoxen Patrioten“ gegenüberstellte.
mini|Russische Niederschlagung des Novemberaufstands (1830). Zeitgenössische allegorische Darstellung Polens als Opfer eines russischen Kosaken 1843 erschien das Buch Russland im Jahr 1839 von Astolphe de Custine, das noch im gleichen Jahr ins Englische und Deutsche übersetzt wurde und zahlreiche Neuauflagen erlebte.Gekürzte Ausgabe: russische Schatten Custine, der durchaus mit Sympathien nach Russland gereist war, prägte desillusioniert das Bild von der dortigen despotischen Staatsform und einer versklavten, unterwürfigen Bevölkerung nachhaltig. Dagegen beschrieben Anatole Leroy-BeaulieuL'Empire des tsars et les Russes. 3 Bde., 1881–2 und 1889. und Eugène-Melchior de VogüéLe Roman russe. 1886. ein Russland, das dem von Custine vollständig entgegengesetzt ist. Auch Jules Vernes Roman Michel Strogoff (1876) (und dessen 1880 in Paris uraufgeführte Bühnenadaption) trug zu einer Wende im französischen Russlandbild bei. Ähnliches lässt sich für das etwa über Nietzsche, Rilke, Thomas Mann in Deutschland vermittelte Russlandbild sagen.
Während europäische Konservative und Reaktionäre in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Russland nach den napoleonischen Kriegen, der Unterdrückung des polnischen Aufstands von 1830 und der russischen Truppenhilfe bei der österreichischen Unterdrückung der ungarischen Revolution von 1848/49 als „Retter Europas“, als Hort legitimer Monarchie und Bewahrer christlicher Glaubenstradition feierten (vgl.: Heilige Allianz, Konferenz von Münchengrätz), wurde von liberalen und linksrevolutionären Kreisen das Bild Russlands als „Hort der Reaktion“ aufgegriffen und verbreitet, darunter auch von Karl Marx und Friedrich Engels; letzterer erhoffte sich ein Zurückdrängen Russlands.Geschichte der Russophobie. Weltfeind im Osten – Zur geistigen Vorgeschichte der „Neocons“, FAZ, 26. August 2008
Die Furcht vor dem „russischen Bären“ ging auf Russlands tragende Rolle in der reaktionären Heiligen Allianz zurück. Vor allem wurde die Unterdrückung nationaler Unabhängigkeitsbestrebungen im russisch beherrschten Polen angeprangert. Schon zu Zeiten des Heiligen Römischen Reiches wurde ein zu starker Machtgewinn Russlands auf Kosten des Osmanischen Reiches befürchtet, für die österreichische Habsburgermonarchie hingegen war das christliche Russland wichtiger Partner in den jahrhundertelangen Türkenkriegen. Großbritannien sorgte sich um seinen Überseehandel. Es unternahm Anstrengungen, um ein russisches Vordringen über den Bosporus hinaus ins Mittelmeer, sowie eine russische Expansion nach Persien und Zentralasien – und möglicherweise sogar Indien – zu verhindern. Dieser britisch-russische Interessenkonflikt, der sogar in Neuseeland eine Russian scare auslöste, wurde als Great Game bekanntJohn Howes Gleason: The genesis of Russophobia in Great Britain: a study of the interaction of policy and opinion. Octagon Books, 1972. und führte zum Krimkrieg, an dem auch Frankreich teilnahm.
Erstes Drittel des 20. Jahrhunderts Um die Wende zum 20. Jahrhundert näherten sich Frankreich (Französisch-Russische Allianz von 1894) und Großbritannien politisch wieder Russland an, wohingegen die traditionell über Jahrhunderte hinweg sehr guten Beziehungen DeutschlandsSiehe dazu Deutsch-russische Beziehungen und Österreich-Ungarns zu Russland bereits in der Endphase der Ära Bismarck stark abkühlten. Beide wollten eine russische Machterweiterung im Machtvakuum, das auf dem Balkan nach dem möglichen Zusammenbruch des Osmanischen Reiches zu erwarten stand, eindämmen. Ebenso den Panslawismus, was in Deutschland und Österreich-Ungarn stark mit Slawophobie und Nationalismus, der sich auch gegen andere Nationen richtete, verflochten war.John M. Haar: The Russian Menace: Baltic German Publicists and Russophobia in World War I Germany. University Microfilms, 1986.