mini|Limes Saxoniae bei Hornbek Der Limes Saxoniae (dt. „sächsischer Limes“) war eine unbefestigte Grenze, die seit ungefähr 809 den fränkischen Einflussbereich im sächsischen Nordalbingien von dem Gebiet der slawischen Abodriten trennte.

Geschichtlicher Hintergrund Der Limes Saxoniae, also die „Grenze Sachsens“ zu den Abodriten, wurde von Karl dem Großen 809 bei seinem letzten Aufenthalt in Norddeutschland durch Vertrag mit den Abodriten vereinbart, als auch die Eider als nördliche Reichsgrenze festgeschrieben wurde.Arno Jenkis: Die Eingliederung Nordalbingiens in das Frankenreich. ZSHG Band 79 (1955), S. 81–104. Mit dieser Grenzziehung wurde das 804 von Karl dem Großen den Abodriten überlassene sächsische Gebiet dem Fränkischen Reich einverleibt, das nun auf einem schmalen Streifen zwischen der Levensau und der Schwentine bis an die Ostsee stieß. Bei dieser Grenze handelte es sich jedoch nicht um eine durchgehend befestigte Wehranlage, sondern eine mitten in einem schwer zu durchdringenden Sumpf- und Waldland, der eigentlichen Grenzzone, definierten Linie. Auch eine nur punktuelle Grenzbefestigung am „Limes“ ist nicht bekannt. So konnte dieser keinen nachhaltigen Schutz vor Überfällen und Eroberungen durch die Abodriten bieten, die beispielsweise 1066 und 1072 bis Hamburg vordrangen und die Stadt zerstörten.

Verlauf mini|300px|Limes Saxoniae mini|Der Verlauf des Limes auf einer Karte von 1873 Der Verlauf folgt im Wesentlichen natürlichen Hindernissen, Flüssen, Sümpfen sowie unwegsamen Wäldern und ist keineswegs so scharf umrissen oder gar befestigt wie der römische Limes.

Adam von Bremen beschrieb um 1075 in der von ihm verfassten „Hamburger Kirchengeschichte“ den Grenzverlauf unter Berufung auf eine Urkunde aus der Zeit Karls des Großen wie folgt:

Invenimus quoque limitem Saxoniae, quae trans Albiam est, prescriptum et Karolo et imperatoribus ceteris, ita se continetem, hoc est: Ab Albiae ripa orientali usque ad rivulum quem Sclavi Mescenreiza vocant, a quo sursum limes currit per silvam Delvunder usque in fluvium Delvundam. Sicque pervenit in Horchenbici et Bilenispring ; inde ad Liudwinestein et Wispircon et Birznig progreditur. Tunc in Horbinstenon vadit usque in Travena silvam, sursumque per ipsam in Bulilunkin. Mox in Agrimeshou, et recto ad vadum, quod dicitur Agrimeswidil, ascendit. Ubi et Burwido fecit duellum contra campionem Sclavorum, interfecitque eum; et lapis in eodem loco positus est in memoriam. Ab eadem igitur aqua sursum procurrens terminus in stagnum Colse vadit; sicque ad orientalem campum venit Zuentifeld, usque in ipsum flumen Zuentinam. Per quem limes Saxoniae usque in pelagus Scythicum et mare, quod vocant orientale, delabitur., Kap. 18, S. 73–74.

Auch ich habe eine Festlegung der sächsischen Grenze jenseits der Elbe durch Karl den Großen und andere Kaiser gefunden; sie verläuft folgendermaßen: Vom Ostufer der Elbe bis zu dem Flüsschen, das die Slawen Mescenreiza nennen. Oben trennt sich der Limes von ihm und verläuft im Delvenauwalde bis an die Delvenau. Von ihr kommt man an den Hornbeker Mühlenbach und an die Billequelle. Von da geht man weiter zum Liudwinestein, an die Weisebirken und die Barnitz. Dann läuft sie auf die Sumpfbeste bis zum Travewald und aufwärts durch diesen zur Blunkerbach-Niederung. Dann führt sie zum Ackerrandwald und steigt geradenwegs an bis zur Furt über den Ackerrandbach. Dort bestand Burwido einen Zweikampf gegen einen Slawenkämpen, den er tötete. Hier steht ein Gedenkstein. Von diesem Gewässer weg läuft die Grenze oben und fällt in den Stocksee ab. Dann kommt man an das östliche Schwentinefeld und an die Schwentine selbst. An ihr läuft die Sachsengrenze aus in Skytenmeer und Ostsee.Übersetzung (und lateinischer Text): Adam von Bremen: Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum. In: Werner Trillmich, Rudolf Buchner (Hrsg.): Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches. (FSGA 11). Darmstadt 1961, S. 247–249.

Wissenschaftliche Kontroversen

Um den Verlauf der Grenze

Darstellung Budesheims In seiner 1984 veröffentlichten Dissertation Die Entwicklung der mittelalterlichen Kulturlandschaft des heutigen Kreises Herzogtum Lauenburg unter besonderer Berücksichtigung der slawischen Besiedelung stellte der Germanist und Geograph Werner Budesheimbudesheim.info u. a. fest:

Darstellung Willners Den Verlauf des Limes Saxoniae fasste der inzwischen verstorbene Historiker und Germanist Heinz Willnershz.de in seinem Buch Limes Saxoniae. Die Wiederentdeckung einer lange vergessenen Grenze 2011 so zusammen:

Kritik Budesheims an Willner Werner Budesheim kritisierte das Buch Willners scharf:

Um die Bedeutung der Grenze Produkt einer Geschichtsfälschung? Der Historiker Oliver Auge schrieb im Jahr 2014:

Eine Form der slawischen Grenzorganisation?

Der Historiker Matthias Hardt hielt bei der Tagung „Der Limes Saxoniae – Fiktion oder Realität?“histsem.uni-kiel.de im Oktober 2017 in Oldenburg in Holstein einen Vortrag, über den Henning Andresen und Stefan Brenner vom Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel berichteten:

Begrenzte Möglichkeiten zur Erhaltung solcher Einrichtungen?

Günther Bock kritisierte die 1991 von Hardt für die Zeiten Karls des Großen postulierte „systematische militärisch-politische Organisation des Grenzsaumes“ vorrangig an der mittleren Elbe mit dem Argument, er hätte die begrenzten Möglichkeiten der Herrschaftsträger vor der Herausbildung landesherrschaftlicher Strukturen im Spätmittelalter übersehen. Sie seien schwerlich in der Lage gewesen, über lange Zeiträume hinweg derartige Einrichtungen am Leben zu erhalten.Günther Bock: Umbrüche in Polabien im 11. Jahrhundert … 2012, S. 70.

Darstellung Willners und Kritik daran In seinem Buch Limes Saxoniae. Die Wiederentdeckung einer lange vergessenen Grenze fasste Heinz Willner 2011 die gängige Geschichtsdarstellung folgendermaßen zusammen:

Günther Bock, gelernter Grafiker und Mitglied im Arbeitskreis für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins, beurteilte das Buch Willners kritisch so:

Thesen von Günther Bock Günther Bock schrieb 2012 mit seinem „neuen Blick auf die Geschichte“ln-online.de zunächst eher vage:

Dann 2013 sehr viel deutlicher:

Und 2015 betonte Bock noch einmal:

Henning Andresen und Stefan Brenner berichteten über den Bock-Vortrag bei der Oktober-Tagung 2017 in Oldenburg „Der Limes Saxoniae – Fiktion oder Realität?“:

Ihr Fazit: „Bocks These wurde im Nachgang kontrovers diskutiert.“

Zurückweisung der Einwände und Zweifel

Matthias Hardt hatte schon in einem Beitrag aus dem Jahr 2000 den Limes-Text als von Adam von Bremen zitierte „Urkunde“ verstanden und „nicht unbedingt berechtigte Zweifel an der Echtheit“ zurückgewiesen.Matthias Hardt: Linien und Säume, Zonen und Räume … 2000, S. 46.

Die Argumente „de facto“-Existenz und „konkludentes Handeln“ beider Seiten

Und in der Diskussion um diesen Wikipedia-Artikel wurde die Meinung vertreten: „Diese Grenze existierte de facto und unabhängig von irgendwelchen Verträgen oder Vereinbarungen, sozusagen aus ‚konkludentem Handeln‘ heraus. Beide Seiten beanspruchten weder den Grenzstreifen noch Gebiete auf der anderen Seite, und das bereits vor der Zeit Karls des Großen und der Eingliederung der Sachsen in das fränkische Reich. Ob Karl der Große diese stillschweigende Vereinbarung zusätzlich durch einen Vertrag ausdrücklich definierte oder nicht, ändert nichts an der Existenz dieser Grenze.“de.wikipedia.org

Siehe auch Limes Sorabicus (Artikel zu einer entsprechenden Grenzzone an der Saale) Limes (Grenzwall) Germania Slavica Bavaria Slavica

Literatur Friedrich Bangert: Spuren der Franken am nordalbingischen Limes Saxoniae. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen. Hannover, 1904, S. 1–63. Rudolf Struck: Die Beziehungen des Limes Saxoniae und des Dannewerkes zur Topographie und Geologie ihrer Umgebung. Lübcke & Nöhring, Lübeck 1906. Walther Lammers: Germanen und Slawen in Nordalbingien. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte. (ZSHG) 79. 1955, S. 17–80. Wilhelm-Christian Kersting: Der Limes Saxoniae und das Castellum Delbende. In: Lauenburgische Heimat. Nr. 16/1957, S. 1–11. Walter Richter: Der Limes Saxoniae am östlichen Elbufer. In: ZSHG. 105, 1980, S. 9 ff. Werner Budesheim: Die Entwicklung der mittelalterlichen Kulturlandschaft des heutigen Kreises Herzogtum Lauenburg unter besonderer Berücksichtigung der slawischen Besiedelung. Franz Steiner, Wiesbaden 1984, darin S. 53–67: Der Limes Saxoniae. (mit ausführlichem Literaturverzeichnis). Günther Bock: „Böhmische Dörfer“ in Stormarn? Verlauf und Bedeutung des Limes Saxoniae zwischen Bille und Trave. In: ders.: Studien zur Geschichte Stormarns im Mittelalter. (= Stormarner Hefte. 19). Neumünster 1996, ISBN 3-529-07124-2, S. 25–70 (mit Karten). Werner Budesheim: Der „limes Saxoniae“ nach der Quelle Adams von Bremen, insbesondere in seinem südlichen Abschnitt. In: Hansische Geschichtsblätter. 115, 1997, S. 28–43. Matthias Hardt: Linien und Säume, Zonen und Räume an der Ostgrenze des Reiches im frühen und hohen Mittelalter. In: Walter Pohl, Helmut Reimitz (Hrsg.): Grenze und Differenz im frühen Mittelalter. (= Österreichische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-historische Klasse Denkschriften. 287; = Forschungen zur Geschichte des Mittelalters. 1). Wien 2000, ISBN 3-7001-2896-7, S. 39–56. Matthias Hardt: Hesse, Elbe, Saale and the Frontiers of the Carolingian Empire. In: Walter Pohl, Ian N. Wood, Helmut Reimitz (Hrsg.): The Transformation of Frontiers. From Antiquity to the Carolingians. (= The Transformation of the Roman World. 10). Leiden/Boston/Köln 2001, ISBN 90-04-11115-8, S. 219–232.

Werner Budesheim: Slawen im Lauenburgischen. In: Lichtwark-Heft. 66. Hamburg-Bergedorf 2001, . Heinz Willner: Limes Saxoniae. Die Wiederentdeckung einer lange vergessenen Grenze. Tectum, Marburg 2011. Thorsten Lemm: Streit um Nordelbien – Rekonstruktion und Simulation des dänisch-abodritischen Angriffes auf die fränkische Burg Esesfelth im Jahre 817. In: Archäologische Nachrichten aus Schleswig-Holstein. 19, 2012, S. 72–77. Günther Bock: Umbrüche in Polabien während des 11. Jahrhunderts. In: Felix Biermann, Thomas Kersting, Anne Klammt, Thomas Westphalen (Hrsg.): Transformationen und Umbrüche des 12./13. Jahrhunderts. Beiträge der Sektion zur slawischen Frühgeschichte der 19. Jahrestagung des Mittel- und Ostdeutschen Verbandes für Altertumsforschung in Görlitz, 1. bis 3. März 2010. Langenweißbach 2012 (BUFM 64), S. 67–82. Günther Bock: Anspruch und Realisierung. Ein Buch und ein zweifelhafter „Wissenschaftsverlag“. In: Rundbrief des Arbeitskreises für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Schleswig-Holsteins. Nr. 107, März 2012, S. 33–37. Günther Bock: Der „Limes Saxoniae“ – keine karolingische Grenze! In: Jahrbuch Stormarn. 31, 2013, S. 13–30.shz.de Oliver Auge: Ostseeraum. In: Michael Borgolte (Hrsg.): Migrationen im Mittelalter. Ein Handbuch. Berlin: Akademie 2014. Günther Bock: Ratzeburg und die Billunger – Polabien als slawisch-sächsische Kontaktregion des 11. und 12. Jahrhunderts. In: Natur- und Landeskunde. Zeitschrift für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg. 122. Jg., 2015, S. 209–226 (Onlinefassung). Henning Andresen, Stefan Brenner: Tagungsbericht: Der Limes Saxoniae – Fiktion oder Realität? 21. Oktober 2017 Oldenburg. In: H-Soz-Kult. 18. Mai 2018 (Onlinefassung). Günther Bock: Adel, Kirche und Herrschaft. Die Unterelbe als Kontaktraum im europäischen Kontext des 10. bis 13. Jahrhunderts. Aschendorff, Münster 2018. (Kritische Bemerkungen dazu von Dieter Riemer im geschichtsblogsh vom 10. Dezember 2018 und als Rezension bei Amazon.de vom 14. März 2019)