D’Alemberts Traum (der Originaltitel lautete im Französischen: Le rêve de D’Alembert) stellt eines von Denis Diderots philosophischen Hauptwerken dar. Als solches kann man es zu seinen späten Schriften rechnen. Er schrieb es in kurzer Zeit, im Sommer 1769, veröffentlicht wurde es aber erst postum im Jahre 1830. Eine anonyme Teilveröffentlichung erfolgte aber noch zu seinen Lebzeiten 1782 in der Correspondance littéraire, philosophique et critique.Thomas Klinkert: Epistemologische Fiktionen: Zur Interferenz von Literatur und Wissenschaft seit der Aufklärung. In: Linguae Et Litterae. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2010, ISBN 3-11-022915-3, S. 76 D’Alemberts Traum zählt zu den wenigen Werken des 18. Jahrhunderts, deren wissenschaftlicher Inhalt sich durch den Dialog als literarische Gattung mitteilt.Andrew Curran: Monsters and the Self in the Reve de d’Alembert. In: Eighteenth-Century Life, Volume 21, Number 2, May 1997, S. 48–69 In jenem Sommer 1769 verweilten Mme Diderot und die Tochter Marie-Angélique Diderot in Sèvres, seine Vertraute Sophie Volland auf ihrem Schloss auf der Isle-sur-Marne und Friedrich Melchior Grimm seit Mai in den deutschen Landen, sodass auch die Redaktion der Correspondance littéraire, philosophique et critique in den Händen von Denis Diderot lag.Johanna Borek: Denis Diderot. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2000, ISBN 3-499-50447-2, S. 102 f.
Le rêve de D’Alembert ist der zweite Teil einer Trilogie bestehend aus drei philosophischen AbschnittenLe Rêve de D’Alembert; Entretien entre D’Alembert et Diderot; La suite d’un entretien entre M. d’Alembert et M. Diderot. (PDF; 469 kB) S. 1–81 (französisch): der erste Teil Entretien entre d’Alembert et Diderot (dt.: Das Treffen zwischen d’Alembert und Diderot), der zweite Teil Le Rêve de d’Alembert (dt.: D’Alemberts Traum) und der dritte und letzte Teil La suite d’un entretien entre M. d’Alembert et M. Diderot (dt.: Nach dem Treffen zwischen d’Alembert und Diderot). Die Entretien entre d’Alembert et Diderot wurden um den 10. August 1769 erstellt, der Le Rêve de D’Alembert entstand zwischen dem 15. August und 5. September 1769.
Voraussetzungen Im Zentrum des diderotschen Denkens stand das Spannungsfeld zwischen der Vernunft und der Sensibilität, sens et sensibilité. Vernunft zeichnete sich für Diderot durch die Suche nach wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und der Überprüfbarkeit der empirisch beobachteten und bewiesenen Fakten aus, ohne dabei in der rein quantitativen Erfassung der Wirklichkeit, in mathematischen Aussagen, verhaftet zu bleiben.
Unter dem Begriff der sensibilité wurden im Frankreich des 18. Jahrhunderts zwei durchaus unterschiedliche Vorstellungen gefasst. Zum einen bezeichnete der Begriff die moralische Qualität eines Menschen, der sich damit als ein berührbares, bewegtes und auch empfindsames Wesen zu verstehen gab, wodurch überhaupt die Grundlage für Tugendhaftigkeit und Humanität zum Ausdruck gebracht wurde. Zum anderen kennzeichnete es jene physiologische Qualität im Sinne einer grundsätzlichen nervösen Erregbarkeit des Lebens und somit auch des menschlichen Lebens. Waren doch die Reizbarkeit bzw. Sensibilität der Nerven eine der grundlegenden Eigenschaft des Lebens.Frank Baasner: Der Begriff 'sensibilité' im 18. Jahrhundert. Aufstieg und Niedergang eines Ideals. Studia Romanica. 69. Carl Winter, Heidelberg 1988, ISBN 3-533-03965-X, S. 257.
Der Begriff der sensibilité und etliche weitere waren eine Schöpfung des 18. Jahrhunderts, die im Wortschatz des 17. Jahrhunderts noch nicht existierten.Lucien Febvre: Das Problem des Unglaubens im 16. Jahrhundert: die Religion des Rabelais. Klett-Cotta, Stuttgart 2002, ISBN 3-608-91673-3, S. 313.
Allgemeines Denis Diderot fasste die unterschiedlichen naturwissenschaftlichen und philosophischen Probleme, die ihn über eine Dekade beschäftigten, im D’Alemberts Traum zusammen.Herbert Dieckmann: Théophile Bordeau und Diderots Rêve de d'Alembert. Romanische Forschungen Bd. 52, 1938, S. 55–122. Beginnend mit den Pensées sur l’interprétation de la nature (1754) lassen sich einzelnen Stränge seiner Fragestellungen sowohl in seiner Korrespondenz als auch in verschiedenen Beiträgen in der Encyclopédie auffinden. Seine zentrale Frage war: Kann die selbstgestaltende Natur aus dem anorganischen Zustand organisches Leben hervorbringen, und was sind die Voraussetzungen hierfür? Im Jahre 1759 schrieb Diderot an Sophie Volland einen Brief, in dem er über seine Erörterungen, die er auf dem Château du Grand Val mit Paul Henri Thiry d’Holbach traf, berichtete.André Babelon: Lettres à Sophie Volland Bd. I Librairie Gallimard, Paris 1930 S. 109 Auch die Artikel über das Tier, animal, und das Geboren-werden, naître, umkreisten diesen Themenkomplex. Die Vorstellung einer „sensiblen Materie“ oder einer universellen Sensibilität, sensibilité universelle, entwickelte Diderot zwischen 1754 und 1765, genauer in einem weiteren Brief diesmal an Charles Pinot Duclos datiert auf den 10. Oktober 1765.Ursula Winter: Der Materialismus bei Diderot. Droz, Genève 1972, ISBN 2-600-03851-5, S. 24
Während seiner Arbeiten an dem Werk traf er persönlich mit Léger Marie Deschamps zusammen, er nannte Marie Deschamps „moine athée“ – einen atheistischen Mönch.Annie Ibrahim: Maupertuis dans Le Rêve de D’Alembert : l’essaim d’abeilles et le polype.
Der Ort der fiktionalen Handlung war der Salon der Julie de Lespinasse, der Lebensgefährtin des französischen Mathematikers und Enzyklopädisten Jean-Baptiste le Rond d’Alembert. Anwesend waren folgende Personen: Jean-Baptiste le Rond d’Alembert, Julie de Lespinasse, Denis Diderot und Théophile de Bordeu und ein namenloser Diener von Mlle de Lespinasse. Die reale Person des Arztes Théophile de Bordeu stand in direkten Beziehungen zu dem Umfeld von Denis Diderot, er wandte sich aber in seinen Schriften insbesondere gegen die mechanistischen Vorstellungen von Herman Boerhaave, vertrat er doch eine vitalistische (siehe etwa Doctrine médicale de l’École de Montpellier) Auffassung. Im Übrigen war nicht Théophile de Bordeu der Hausarzt von d’Alembert, sondern Michel-Philippe Bouvart (1707–1787), (PDF; 50 kB; französisch) er war ein Kontrahent von de Bordeu, der ihn aus dem Register der Pariser Ärzteschaft streichen ließ.Vittorio Hösle: Der philosophische Dialog. C. H. Beck, München 2006, ISBN 3-406-54219-0, S. 203
Der Text zeigt beispielsweise aber auch Einflüsse und die Auseinandersetzung mit Ideen von Albrecht von Haller, Georges-Louis Leclerc de Buffon oder Pierre-Louis Moreau de Maupertuis sowie mit ihm bekannten Medizinern wie Bordeu, Théodore Tronchin, Antoine Petit und Augustin Roux.
Wahrscheinlich hatte Diderot das Werk nicht geschaffen, damit es möglichst bald veröffentlicht werden sollte. Dennoch berichtete er in einem Brief an seine Freundin Sophie Volland vom 2. September 1769 über den Fortgang seiner Arbeit zu der Trilogie. Aber durch eine Indiskretion des Journalisten Jean Baptiste Antoine Suard erfuhr auch Julie de Lespinasse, dass Denis Diderot sie als Figur in einem Essay eingebaut hatte und sie dort mit Théophile de Bordeu u. a. über Fragen der Sexualmoral diskutieren ließ. Was sie sehr aufgebracht haben soll. Allerdings auch Jean-Baptiste le Rond d’Alembert war darüber erbost und verlangte, laut Jacques-André Naigeon, dass die Manuskriptseiten in seiner persönlichen Gegenwart verbrannt werden sollten. Diderot sah von einer Veröffentlichung der Dialoge ab und versuchte sich an einer neuen Fassung der Trilogie. Da es aber offensichtlich Abschriften des ursprünglichen Originaltextes gab, konnten diese 1830 in den von Auguste Sautelet (1800–1830) und Jean-Baptiste-Alexandre Paulin (1796–1859) edierten Ausgabe seiner „Memoiren, Briefe und unveröffentlichten Werke Diderots“, Mémoires, lettres et œuvres inédites de Diderot publiziert werden.Denis Diderot: Philosophische Schriften. Bd. 1 Herausgegeben von Theodor Lücke. Verlag das europäische Buch, Berlin 1984, S. 622
Aufbau Der Aufbau von Diderots Schrift von 1769 zeigt gewisse Ähnlichkeiten zu dem Système de la Nature ou Des Loix du Monde Physique et du Monde Moral aus dem Jahre 1770 von seinem Freund Paul Henri Thiry d’Holbach. Dort wurde in den ersten Teilen der insgesamt siebzehn Kapitel die materielle Natur erklärt, also das Objekt der physikalischen Naturerklärung, und dann in den folgenden Kapiteln auf die Natur des Menschen übergeleitet.
+ Alle drei philosophischen Dialoge von 1769 Entretien entre d’Alembert et Diderot Treffen zwischen d’Alembert und Diderot Le Rêve de D’Alembert D’Alemberts Traum La suite d’un entretien entre M. d’Alembert et M. Diderot Nach dem Treffen zwischen d’Alembert und Diderot
In den ersten beiden Teilen des Dialogs von Le Rêve de D'Alembert entwirft Diderot eine naturalistische Gesamttheorie. Hier wird der Begriff der sensibilité mit dem der „Materie“ verknüpft. Diderot zeigt seinem fiktiven Diskutanten, dass hierdurch die paradoxe Vorstellung eines Schöpfergottes hinfällig sei. Im dritten Teil entwickelte Diderot dann die möglichen ethischen Implikationen und Auswirkungen seiner umfassenden, naturalistischen Theorien weiter.Thomas Klinkert: Epistemologische Fiktionen: Zur Interferenz von Literatur und Wissenschaft seit der Aufklärung. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2010, ISBN 3-11-022915-3, S. 76 Während im zweiten Teil des Le Rêve de D'Alembert der Mathematiker Jean-Baptiste le Rond d’Alembert und der Arzt Théophile de Bordeu über das Universum aus den jeweiligen Perspektiven ihrer wissenschaftlichen Interessen diskutieren, äußert sich dann im dritten Teil nur noch der Arzt de Bordeu. Der Arzt stellt die kritische Instanz zu moralische Fragen dar. Für Diderot war eine Wissenschaft vom Menschen, science de l’homme, und ihre ethischen Implikationen nur über eine Beteiligung der Medizin – diese steht synonym für den Begriff Biologie – zu denken. Eine science de l’homme fußte für Diderot auf den Erkenntnissen einer experimentellen Naturlehre, der Physiologie.Ursula Winter: Wissenschaftsmethodologie und Moral. In: Dietrich Harth, Martin Raether (Hrsg.): Denis Diderot oder die Ambivalenz der Aufklärung. Königshausen & Neumann, Würzburg 1987, ISBN 3-88479-277-6, S. 157–184.
Inhalt Entretien entre d’Alembert et Diderot In der Unterhaltung zwischen d’Alembert und Diderot wirft letzter die Frage auf, wie aus Anorganischem, hierfür steht der „Marmor“, Organisches, hierfür steht das „Fleisch“, werde. Dazu reflektiert er zunächst den Begriff der „Bewegung“. Diese sei nicht als (physikalische) Bewegung im engeren Sinne, also der Beförderung eines Körpers von einem Ort zu einem anderen, zu verstehen, sondern sei eine Eigenschaft des Körpers an sich. Noch bevor Diderot nun im weiteren Dialog gewissermaßen auf die Einheit von Materie und Empfindungsvermögen, sensibilité générale de la matière oder auch sensibilité universelle, zu sprechen kommen wird, bemüht er eine Analogie aus der Physik. So vergleicht er, ausgeführt im Dialog durch d’Alembert, die lebendige Kraft, force vive, mit der toten Kraft, force morte.Entretien entre d’Alembert et Diderot. (PDF; 96 kB) Collection « Les auteur(e)s classiques » Denis Diderot: 1713-1784. Université du Québec à Chicoutimi, S. 5