Die Abenteuer der Oijamitza ist eine Novelle der Schriftstellerin Elisabeth Siewert (1867–1930). Die Geschichte spielt in der westpreußischen Heimat der Schriftstellerin im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts.

Die 1928 veröffentlichte Novelle handelt von der 16-jährigen Gutsbesitzertochter Luise – später Oijamitza genannt – und dem Versuch des Mädchens, aus den als starr und einengend empfundenen Konventionen des großbürgerlichen Landlebens auszubrechen. Sie hofft, die ersehnte Freiheit an der Seite des Räubers Baßling zu finden, der ansatzweise als der idealisierte „edle Räuber“ des Räuberromans gezeichnet ist. An der Seite Baßlings erlebt Luise einige Abenteuer und verliebt sich in den ehrlichen Raubvogel. Auch wenn der Begriff „Abenteuer“ titelgebend ist, geht es Siewert nicht um eine spannungsreiche Schilderung – die Abenteuer bleiben eher harmlos und werden teils auch nur angerissen. Vielmehr geht es Siewert um die Schilderung der Charaktere und ihr Scheitern. Das eigentliche Abenteuer ist der Ausbruch des Mädchens und sein gescheitertes Liebesabenteuer. Das Scheitern wird in der Handlung mit der Erschießung des Räubers vollzogen, letztlich aber lässt Siewert Luise-Oijamitza an sich selbst (zerbrochen an sich selbst), ihrer poetischen Lebensauffassung und an ihrem Unvermögen, Realität und Traum, Konvention und Freiheitsdrang, Leben und Selbstverwirklichung in Einklang zu bringen, scheitern.

Die Novelle weist eine Vielzahl von Parallelen zu anderen Texten Siewerts auf, deren Romane und Erzählungen immer um ihre Erinnerungen an die Kindheit und Landschaft in Westpreußen kreisen und die zeitgenössische Lebenswirklichkeit widerspiegeln. Zudem trägt der Text, wie viele andere Siewert-Texte auch, deutliche autobiographische Züge.

mini|hochkant=1.2|Beginn der Novelle

Veröffentlichung und Aufteilung

Die Novelle ist eines der letzten veröffentlichten Werke Siewerts. Sie erschien 1928 in dem Sammelband Der Sumbuddawald im Verlag der Zeitschrift Der Ring, dem offiziellen Organ des jungkonservativen Deutschen Herrenklubs. Neben Die Abenteuer der Oijamitza enthielt das Buch die Siewert-Novellen Der Sumbuddawald (S. 119–168) und Das siebenfache Leben des Hirten Mathias. (S. 169–239). Die 111 Seiten umfassende Novelle Die Abenteuer der Oijamitza beginnt auf Seite 7. Ab Seite 31 hat Elisabeth Siewert die Novelle mit fünf Zwischenüberschriften versehen:

mini|220px|Innentitel des Buches

Die Fahrt (S. 31) Erstes Abenteuer (S. 40) Zweites Abenteuer (S. 49) Drittes Abenteuer (S. 62) Wiederkehr (S. 81) Die folgende zusammenfassende Darstellung des Inhalts weicht zur besseren, zusammenfassenden Verdeutlichung von Siewerts Einteilung ab.

Inhalt Eklat auf dem Landgut: Ich will einen Räuber

Zum 16. Geburtstag der wunderschönen Gutsbesitzer-Tochter Luise – später Oijamitza genannt – geben die Eltern ein großes Fest. Von ihren sie neckenden, jüngeren Schwestern bedrängt, welchen Edelmann oder Offizier sie denn mal heiraten wolle, bringt sie zum Entsetzen der peinlich berührten Gesellschaft und vor allem der Mutter nur heraus: „Einen Räuber“.

mini|hochkant|Ich will einen Räuber, S. 14.

Verzweifelt schließt sich Luise in ihrem Zimmer ein und tobt sich weinend aus, ein von Freiheitsdrang und Hunger nach ewigem Brot wütend gewordenes Wesen. (S. 17) Allein Wina, die bodenständige Witwe eines früheren Gartenarbeiters, versteht sie und findet Zugang zu ihr. Der Baßling, der Niklas Karlmann, der schlimme Lothar, das wäre einer für sie. (S. 21) „Mich streichelt sonst niemand. Ich weiß nicht was eine Hand ist und kann“, murrte Luise. „Die Hand des Bräutigams wird die richtige sein“, bemerkte Wina obenhin. (S. 23) Von der kalten, auf Konventionen bedachten und „für ihr Gebiet geschaffenen Mutter“, die für Luise insgeheim Heiratspläne mit dem Erben eines Majorats schmiedete, wird das in die Armut gestürzte Kind zur Rede gestellt. Auf Luises Einlassung, Ich habe aber Ursache, mich noch viel schlechter zu benehmen und versag's mir doch entsetzt sich die Mutter, das sage ein junges Mädchen aus vornehmen Hause, das im Überfluss lebe. Luise antwortet: O Überfluß, ich sündige aus Mangel. Die Mutter wirft ihr an den Kopf, sie sei impertinent und sie werde nicht klug aus ihr (S. 25f). Ich sehe deinen Weg, dachte die erboste Mutter. Mag da ein Mann zusehen, wie er mit diesem überspannten Ding fertig wird. (S. 27)

Flucht mit dem Räuber Baßling

In der nächsten Szene packt Wilma Luises Bündel und Luise findet sich neben dem Räuber Niklas Baßling auf einem Einspänner wieder. Dabei lässt die Schriftstellerin offen, ob sich Luise in das Abenteuer, möglicherweise bereits in die Szene mit Wina, eingeschlossen in ihrem Zimmer, oder sogar bereits in ihren „Ausrutscher“ auf der Festgesellschaft hineinträumt. Es gibt keinen Abschied vom Gut, es wird nicht erwähnt, ob die Eltern von der Reise wissen, sodass von einer geheimen Flucht auszugehen ist. Neben Baßling, den man einen Blinden- oder Unmündigenführer nennen könnte (S. 31) atmet Luise den Duft der Freiheit.

Baßling erklärt, dass er Luise Oijamitza nennen wird, was Luise recht ist. Im Gespräch stellen Oijamitza und der Räuber schnell ihre Gedankenverbundenheit fest. Beide lehnen die Kirchen ab, weil sie am Einsperren keine Freude haben und keine Versteinerungen mögen. (S. 36) Baßling, von dem es an anderer Stelle heißt, er habe es nur bis zur Obertertia geschafft (S. 79), wird wie folgt charakterisiert.:

Die Abenteuer mit dem Räuber Baßling Erstes Abenteuer, Gespenst

In der Räuberhütte tief im Wald betraut Baßling Oijamitza mit den Aufgaben, Wasser aus dem Fluss zu holen und Tauben zu rupfen. Es ergriff sie eine Erinnerung; eine tief und heiß herausbrechende Lebenswonne entsprang aus ihr, ihr Fühlen überschwemmend. Baßling beobachtete ihr versunkenes schwelgendes Lächeln, und wie sie zu hantieren anfing, als sei das die köstlichste, wichtigste Sache der Welt. (S. 45) Baßling trägt ihr auf, sich als Gespenst zu verkleiden und die Pechbrenner samt Frauen und Kindern, die der Räuberhütte bei der Verrichtung ihrer Arbeit gefährlich nahegerückt waren, zu erschrecken und zu vertreiben. Nachdem sie ihr erstes Abenteuer mit Bravour bestanden hat, liegt sie abends zufrieden im Bett und sagt: Bei diesem matten, bläulichweißen Abendhimmel, der hoch die Not und Wunder überwölbt, bin ich zum Ueberfließen ganz erfüllt, von echter, großer, taumelnd süßer Todesfreude ganz gestillt. (S. 48f.)

Zweites und drittes Abenteuer, Pferderaub

Oijamitza und Baßling greifen erneut das Thema Religion auf und zeichnen in großer Übereinstimmung einen richtigen Tempelbau, ein Heiligtum mit Göttern und Dämonen (S. 50–53). Auf einem Stiftungsfest der Feuerwehr, auf dem der Räuber nicht erkannt wird, sinniert Baßling über den Bass. Die Töne des Instruments entsprechen seinem Lebensgefühl. Baßling verliebte sich in diesen Baß; […]. „Das war doch mal ein Lebensgriff, etwas das Willen ausdrückte, dieser Baß“, sagte er vor sich hin. (S. 55f) In der Räuberhütte gesteht einer von Baßlings beiden Burschen stammelnd, er habe sich in Oijamitza verliebt. Daraufhin jagt Baßling den Jüngling für immer davon, gewährt ihm aber, zum Abschied Oijamitzas Hand zu küssen. Oijamitza war aufgestanden, von einer ihr ganz neuen Bewegung getrieben, denn sie hatte in ihrem Leben niemals das Gefühl oder gar den Genuß gehabt, daß ein junger Mann Zuneigung für sie empfunden hatte. Weit eher glaubte sie Scheu, ja Furcht einzuflößen. Der Jüngling schnappte grob nach ihrer Hand und fing an, sie wie ein Verlechzter zu küssen. Oijamitza mißfiel das höchlich. (S. 60f)

Das eigentliche „Abenteuer“, ein Pferderaub, wird zwar abschnittseinleitend angesprochen, dann aber ohne weitere Schilderung erst im Abschnitt Drittes Abenteuer mit der Erwähnung wieder aufgegriffen, der Raub sei glanzvoll gelungen (S. 62); Oijamitza war nicht beteiligt, sie blieb in der Hütte. Da Gendarmen auf ihrer Spur sind, reitet das Räuberpärchen tiefer in den Wald hinein zu einem neuen Versteck. Oijamitza darf auf dem gestohlenen Schimmel reiten, der ihre Sehnsucht nach der weißen Reinheit ausdrückt und ist selig. Baßling bezeichnet Oijamitza als überspannte Puppe und grollt, alles sei für sie Poesie (S. 63–68). Wilma erscheint in der Hütte und will Oijamitza zurückholen. Auf dem Gut stünde es nicht zum besten (S. 69f). Nach einigen Tagen des Zögerns, in denen sie hin- und hergerissen ihre Seele sucht (S. 79), entschließt sich Oijamitza zur Rückkehr.

Zwischenspiel: vorübergehende Rückkehr zum Gut

Ohne weitere Zwischentitel subsumiert Elisabeth Siewert den Rest der Novelle ab Seite 81 unter der Überschrift Wiederkehr. Das ist möglicherweise gezielt mehrdeutig, denn Oijamitza kehrt mehrfach wieder. Erst auf das Gut, dann zurück zum Räuber Baßling und am Ende folgt sie Baßling entweder in den Tod oder kehrt erneut auf das Landgut zurück.

mini|hochkant|Das Ende der Novelle

Die Mutter hatte ein Herzschlag entseelt. Die kleinen Kinder fiebern, ihre Körper sind von Ausschlag bedeckt, und auch der Vater liegt krank darnieder. Das „Regiment“ im Haus hat die tüchtige, edle Elgone übernommen (S. 83), die die Mutter schnell ersetzt, vom Vater ob ihrer Tatkraft bald bewundert und verehrt wird und ihn, wie Oijamitza, nun wieder Luise, mutmaßt und ihr auch direkt sagt, wohl bald heiraten wird (S. 95f). Elgone lässt Luise vorerst weder zu den kleinen Kindern noch zum Vater vor und weist ihr Aufgaben zu, mit denen sie sich nützlich machen kann, bis alle wieder genesen sind. In den häuslichen Verrichtungen geht sie vorerst durchaus auf. Als Elgone sie endlich zu den fast Genesenen vorlässt, fällt es dem Vater schwer, ihr zu verzeihen und er reicht ihr nur auf Elgones Druck hin die Hand. Als alles wieder zum besten steht auf dem Gut und auch das Gesinde zurückkehrt, merkt Luise erneut, dass sie in der Enge, dem nach ihrer Ansicht lediglich „äußeren“, angepassten Funktionieren im Reich der Elgone, den Konventionen des Landguts fehl am Platze ist (S. 83–96).

Rückkehr zu Baßling und des Räubers Tod

Erneut lässt sie das (vermeintliche) Scheinleben hinter sich, stürmt aus dem Haus und wirft sich dem bereits wartenden Räuber in die Arme, sie lag an ihm wie eine Feuerlohe am saftreichen mächtigen Baumstamm und rief, sich verlierend in der schweren Landschaft seines Gesichts[:] „Scheintod zu Ende, Starrkrampf, Narrenkampf vorbei. Ich geh nun immer mit dir.“ (S. 96f) In entflammter Liebe sagt sie:

Oijamitza fällt auch in der neuen Räuberhütte die Aufgabe zu, Wasser zu holen. Berauscht von der Landschaft, der aromatischen Luft und ihrem Glück sagt die Wasserholerin hoffnungsfroh: So ist es, wenn man lebendig ist. […] So ist es, wenn man Zeit hat, man selber zu sein. […] Es ist erhaben, das Mädchen zu sein, das von Mannesliebe ergriffen, den Mann ergreift, die Welt und sich findet. (S. 105, 107) Nach dem Erwachen weicht die glückselige Stimmung mehr und mehr dem bangen Warten auf Baßling, der die Hütte verlassen hatte. Von Eifersuchtsphantasien geplagt, malt sie sich aus, mit welchen Frauen es Baßling grade treiben könnte. Von Gendarmen gejagt, kommt der erschöpfte Baßling in die Hütte. Nur Minuten, die von innigen Liebesbezeugungen erfüllt sind, bleiben dem Paar. Ein Gendarm erschießt den Räuber (S. 108–115).

Eine Zigeunerin, deren Andeutungen zuvor nahelegten, sie sei die Geliebte Baßlings, versichert dem Mädchen, Baßling wolle auch jetzt noch, im Himmel, Oijamitzas Liebe. „Dann will ich schlafen, um ihm zu begegnen“, sagt Oijamitza trübäugig um sich schauend. Im Schlussbild der Erzählung bettet sie ihren Kopf in den Schoß der Mutter der Zigeunerin und es bleibt offen, ob sie Baßling in den Tod folgt (S. 118).

Ort und Zeit der Handlung mini|Königlicher Forst Wirthy und Umgebung. Preußische Landesaufnahme 1908, Messtischblatt (1:25.000).