Die Tassiloquelle ist eine denkmalgeschützte Jod-Sole-Quelle am Rande des Kurparks Bad Hall in Oberösterreich. Sie liegt bereits auf dem Gemeindegebiet von Pfarrkirchen bei Bad Hall. Der Quellaustritt befindet sich unmittelbar östlich des Sulzbaches, der hier die Grenze zwischen Pfarrkirchen und Bad Hall bildet. Die Quelle zählt dort zu den Hauptquellen und ist eine der stärksten Jod-Sole-Quellen in Mitteleuropa. Gleichzeitig gilt sie als die älteste Quelle ihrer Art in der Region am Sulzbach, da sie seit ältester Zeit als Salzquelle bekannt ist. Das Wasser der Quelle wurde zur Salzgewinnung verwendet und dient heute noch der Behandlung von Hautkrankheiten.
Ihren Namen verdankt die Quelle dem bayerischen Herzog Tassilo III., der die Quelle dem Stift Kremsmünster schenkte.
Geologie Die frei ausfließende Kluftquelle entspringt im Sulzbachtal zwischen Bad Hall und Pfarrkirchen.
Die Umgebung von Bad Hall liegt im Bereich des Südrandes des oberösterreichischen Anteils des subalpinen Molassetroges. Hier befindet sich der Grenzbereich zur nördlichen Flyschzone der Alpen. Die Füllung des Sedimenttroges erfolgte im Tertiär (Eozän bis Pliozän). Infolge der verstärkten Heraushebung der Alpen, besonders im Miozän und Oligozän, senkte sich gleichzeitig das Molassebecken ein. Die tektonischen Bewegungen erreichten an der Wende Miozän/Oligozän ihren Höhepunkt und führten zu einer intensiven Verschuppung und Aufrichtung der Gesteinsschichten im Raum Bad Hall, einhergehend mit zahlreichen Schichtverdopplungen insbesondere in der oligozänen Puchkirchen-Serie. Geophysikalische Untersuchungen und die Erkenntnisse aus der Tiefbohrung Bad Hall 1 ergaben, dass die Gesamtmächtigkeit der tertiären Schichtfolge 1,8 bis 2 Kilometer beträgt. Die tertiären Schichten werden hier von Oberkreide-Sedimenten und Gneisen der Böhmischen Masse unterlagert.Josef Zötl, Johann E. Goldbrunner: Die Mineral- und Heilwässer Österreichs. 1993, S. 50. Die tertiäre Sedimentation begann im Raum Bad Hall im oberen Eozän (vor 38 Mio. Jahren) mit Sandsteinen, die in einer lakustrinen bis limnischen Fazies abgelagert wurden. Im darauf folgenden Oligozän wurden zunehmend marine Sedimente abgelagert. Grobsandschüttungen aus dem Bereich der Böhmischen Masse wechsellagern mit Schliermergeln (Untere und Obere Puchkirchen-Serie).
Die Sedimente der Puchkirchen-Serie sind hydrogeologisch bedeutsam, da sie den Speicher für das Jodwasser und einen wichtigen Grundwasserleiter in dieser Region darstellen. Die Gesteine der Oberen Puchkirchen-Serie sind im Raum Bad Hall im oberen Oligozän bis unterem Miozän intensiv tektonisch beansprucht worden und mehrfach überschoben, so dass sich eine 1200 m mächtige Schuppenzone ausgebildet hat. Im Bereich Bad Hall folgen auf die Sedimente der Puchkirchen-Serie die diskordant abgelagerten marinen, zum Teil sandigen Tonmergel (Schlier) der Haller Serie (Miozän, Burdigalium).Josef Zötl, Johann E. Goldbrunner: Die Mineral- und Heilwässer Österreichs. 1993, S. 49 f.
In einer Störung, die als Zehrmühlenlinie bezeichnet wird, grenzen allochthone tertiäre Sedimente an das nach Norden einfallende autochthone Oligozän. Die Zehrmühlenlinie ist die tektonische Hauptlinie dieses Gebietes. Sie reicht im Alpenvorland bis nach Ybbs im Osten und zum Kremstal im Westen.
In den Sedimenten südlich der Zehrmühlenlinie lassen sich kaum Anzeichen einer Jodwasserführung entdecken. Dagegen sind die tertiären Sedimente nördlich der Zehrmühlenlinie als bedeutend für die Jodwasservorkommen anzusehen. Dort bieten mächtige Sandsteinlagen in Kombination mit abdichtenden tonigen Zwischenlagen gute Möglichkeiten zur Anreicherung von Jod-Salz-Wasser. Durch zahlreiche Brüche entstanden in den Sedimenten in relativ geringer Tiefe voneinander isolierte Jodwasser-Kompartimente.Annemarie Schmölzer: Zur Geochemie der Jodquellen Bad Halls. In: Mitteilungen der Geologischen Gesellschaft in Wien. 1955, S. 100 ff. ().
Wasser Die Jod-Sole-Wässer, die die Tassiloquelle speisen, sind genetisch als Tiefengrundwässer (Formationswässer) der Molassesedimente der Puchkirchen-Gruppe und Haller Basisschichten anzusehen.Wolfgang Straka: Quartär- und Hydrogeologie der Traun-Enns-Platte im Bereich Kremsmünster – Bad Hall, Oberösterreich. 2008, S.i (Einleitung). Die Iodide und Bromide werden aus der Zersetzung der organischen Substanz hergeleitet, die sich ehemals fein verteilt im meerwassergesättigten Sediment befunden hat. Stratigrafische und hydrochemische Untersuchungen sowie Isotopenanalysen ergaben ein maximales Bildungsalter der Bad Haller Jodwässer von 32 Mio. Jahren.Josef Zötl, Johann E. Goldbrunner: Die Mineral- und Heilwässer Österreichs. 1993, S. 54.
Inhaltsstoffe Das Mineralwasser wird hydrochemisch als jodhaltiges Natriumchlorid-Wasser klassifiziert. Die Gesamtmineralisation der Tassiloquelle beträgt 13,6 bis 14,6 g/l.Josef Zötl, Johann E. Goldbrunner: Die Mineral- und Heilwässer Österreichs. 1993, S. 51. Bei radiometrischen Untersuchungen sind in der Tassiloquelle geringste Spuren von Radon, Radium, Uran und Thorium nachgewiesen worden. Inhaltsstoffe der Jod-Sole (Analyse von 1981) Kationen mg/l Anionen mg/l Natrium + Kalium 7.141,3 Chlorid 11.574,2 Magnesium 121,2 Iodid 44,6 Calcium 202,9 Bromid 126,5 Ammonium 27,2 Hydrogencarbonat 278,6 Eisen 5,1 Sulfat 1,2 Nitrat 0,8 Freies Kohlendioxid 32,2
Verwendung und Wirkung Das Jod-Sole-Wasser wird aufgrund unterschiedlicher Wirkungsarten für verschiedene Krankheiten angewendet. Bei einer Badeanwendung, einer Inhalation bzw. einer Trinkkur wirkt das Wasser auf den gesamten Organismus.Carl Mandl: Die jodhältige Salzquelle zu Hall in Oberösterreich. Ihr Gebrauch und ihre Wirksamkeit, nebst einer Beschreibung des Ortes und seiner Umgebungen. 1857, S. 77 ff.
Bei der Wirkung der Jod-Sole wird zwischen äußerer und innerer Anwendung unterschieden. Bei äußerer Anwendung wird die Haut bei längerem Kontakt mit dem Wasser gereizt, wobei sie leicht gerötet wird; es wird von einem Gefühl von Prickeln berichtet, das durch die durchblutungssteigernde Wirkung des Wassers hervorgerufen wird. Die primäre Reizung der Haut übt darüber hinaus eine Wirkung auf andere Organe aus, da die mineralischen Bestandteile über die Haut in den menschlichen Organismus aufgenommen werden. Das gesamte Gefäß-, Drüsen- und Nervensystem wird angeregt.
Mit der innerlichen Anwendung wird die Magenschleimhaut gereizt, wodurch die Auflösung schwerverdaulicher Stoffe unterstützt wird. Auch der Appetit kann dadurch angeregt werden.
Bei einer gleichzeitigen inneren und äußeren Anwendung kann aufgrund der abführenden und reinigenden Wirkung des Wassers das Verdauungssystem in Gang gesetzt werden. Bei dieser Art der Anwendung kann eine leichte Schweißbildung bei den behandelten Personen festgestellt werden. Das Wasser wurde oftmals auch zur Heilung der rein hypertrophischen Schilddrüse und des lymphatischen Kropfes eingesetzt.
Heute wird das Jod-Sole-Wasser unter anderem zur Behandlung von Erkrankungen wie Bluthochdruck, arteriosklerotische Gefäßveränderungen, bestimmte Hauterkrankungen, Jodmangelerscheinungen, verschiedene Augenerkrankungen, chronische Venenerkrankungen, chronische Bronchitis und Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates angewendet.
Besonders in der Augenheilkunde wird die Jodsole von Bad Hall seit 1864 mit großem Erfolg eingesetzt. Im ortsansässigen Jodforschungsinstitut wurde 1957 ein spezielles Verfahren zur Behandlung der exzematösen Konjunktivitis die Augeniontophorese entwickelt.Gebhard Rieger: Iodsole in der Ophthalmologie am Beispiel der Quelle in Bad Hall / Oberösterreich. In: Werner & Hanna Käß: Deutsches Bäderbuch. 2008, S. 79.
Geschichte Bereits den Kelten war die damalige Salzquelle im Sulzbachtal bekannt.; zitiert nach Isolde Hausner (Bearb.): Altdeutsches Namenbuch. Die Überlieferung der Ortsnamen in Österreich und Südtirol von den Anfängen bis 1200. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Kommission für Mundartforschung, Wien 1989 f., S. 486. Ungefähr 400 v. Chr. wurde den umliegenden Salzquellen die Bezeichnung hal durch die Träger der Hallstattkultur verliehen. Der wahrscheinlich keltische Begriff Hal bedeutet Salz. Im Jahre 1854 wurde eine Bronzemünze aus der Zeit des römischen Kaisers Antoninus Pius (138–161 n. Chr.) entdeckt. Daher kann auf eine Nutzung des Quellwassers zu der Zeit geschlossen werden.Malvine Stenzel: Kurwesen und Fremdenverkehr am Beispiel von drei oberösterreichischen Gemeinden. In: Oberösterreichische Heimatblätter. 1987, S. 236 ff.
Erstmals urkundlich erwähnt wurde die Salzquelle im Zuge einer Schenkung des Bayernherzogs Tassilo III. an die Benediktinermönche vom Stift Kremsmünster im Jahre 777. Um eine Nutzung der Quellen zu ermöglichen, veranlassten die Benediktinermönche systematische Rodungen in diesem Bereich. Im 14. Jahrhundert wurde die Quelle als Bad in Pfarrkirchen bei Hall urkundlich erwähnt.Malvine Stenzel: Kurwesen und Fremdenverkehr am Beispiel von drei oberösterreichischen Gemeinden. In: Oberösterreichische Heimatblätter. 1987, S. 253ff.
Erschließung Die älteste bekannte Jodquelle von Bad Hall ist die Gunther-Quelle in der Erosionsfurche des Fernbachs, die sich 1,7 Kilometer ostnordöstlich der Tassiloquelle befindet. Bereits in der Frühzeit der Landesbesiedelung wurde sie zur Salzgewinnung verwendet.Josef Zötl, Johann E. Goldbrunner: Die Mineral- und Heilwässer Österreichs. 1993, S. 48 ff. Ein altes Stollensystem wird als Beweis für eine mehrere Jahrhunderte zurückreichende Nutzung der Quelle genannt. Da jedoch Süßwasser in diese Quelle eintritt, besitzt sie eine zu geringe Wirkstoffkonzentration unter anderem von Jod, um zur Heilung von Krankheiten und sonstigen Gebrechen eingesetzt zu werden. Der Gesamtfeststoffgehalt liegt bei 2,86 g/l, der Jodgehalt bei 4,44 mg/l.
Maßgeblich verantwortlich für die Entwicklung des Markts Hall zum Kurort ist jedoch die in der Schenkungsurkunde von Tassilo III. an das Stift Kremsmünster genannte Tassiloquelle. Sie hat einen Gesamtfeststoffgehalt von 13,6 bis 15 g/l und einen Jodgehalt von 26 bis 33 mg/l.Annemarie Schmölzer: Zur Geochemie der Jodquellen Bad Halls. In: Mitteilungen der Geologischen Gesellschaft in Wien. 1955, S. 103 ff. ().
In den Jahren von 1847 bis 1848, 1853 und 1855 wurde der Quellschacht der Tassiloquelle auf etwa 15 Meter vertieft. Von der Sohle des Schachtes legte man durch Bohrungen ein sternförmiges System von rund zehn Meter langen Bahnen an, die mit quer verlaufenden Bahnen verknüpft sind. Durch dieses Stollensystem konnten die einzelnen Spaltquellen zu einer einzigen verbunden werden.
Trotz dieser Maßnahmen war es bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht möglich, den Bedarf an Jodwasser zu decken. Daher wurden von 1893 bis 1928 weitere 13 Bohrungen durchgeführt. Aufgrund der Annahme, dass zwischen der Tassilo- und der Guntherquelle eine Hauptspaltenquelle verläuft, setzte man auf ein Bohrprogramm im Bereich der Verbindungslinie zwischen den beiden Quellen. Auch die Nähe zu den Wasserleitungen und Reservoiren war ein Grund für dieses Bohrprogramm. Im Guntherfeld genannten Hauptbohrfeld im Haller Schlier wurden von 1892 bis 1922 nah beieinander sieben Bohrungen zwischen 160 und 290 Meter Tiefe durchgeführt, die jedoch kaum zusätzliches Jodwasser zu Tage förderten. Von diesen Bohrungen blieb lediglich die sogenannte Valeriequelle übrig, die später zur Trinkwassergewinnung genutzt wurde.
Im Jahre 1923 wurde die bislang tiefste Jodwasserbohrung Bad Halls mit einer Tiefe von 575,6 Metern im Kurpark durchgeführt. Obwohl diese Quelle anfangs noch sehr ergiebig zu sein schien, sank die Wasserbringung mit der Zeit auf ein Zehntel des Anfangswertes. Die Förderung wurde daher mit Beginn der 1940er Jahre eingestellt.