hochkant=1.1|mini|Lage der Abbauregion in Frankreich mini|hochkant=1.1|Lage in der Region Nord-Pas-de-Calais (nicht markiert: Revier im Boulonnais)

Das Nordfranzösische Kohlerevier () ist ein Gebiet, das teils bis heute vom Steinkohlenbergbau geprägt wurde. Es ist Teil des sich über West-Mittel-Europa erstreckenden Steinkohlenbassins von Lüttich (Belgien) im Osten bis nach Auchel (Nordfrankreich). Hier geht es um den in Nordfrankreich liegenden Teil dieses Reviers.

Einführung „Die Region Nord-Pas-de-Calais stellt keine naturräumliche Einheit dar. Es besteht vielmehr ein Gegensatz zwischen den im Süden gelegenen Kreidehochflächen des Artois und Cambrésis und den Ausläufern der flandrischen Tiefebene im Norden. Es handelt sich auch nicht um eine lang gewachsene historische Einheit, denn die im Vertrag von Utrecht (1713) festgelegte Grenze durchschneidet die historischen Landschaften Flandre (Flandern) und Hainaut (Hennegau). Wenn es trotzdem berechtigt ist, das Gebiet nicht nur als administrative Region, sondern auch als Region im geographischen Sinne anzusprechen, so resultiert dies vornehmlich aus der Entwicklung der letzten zwei Jahrhunderte: Der regionale Zusammenhalt ist im Wesentlichen ein Produkt von Grenzlage und Industrialisierungsprozeß.“Burdack (1994), S. 2

Die industriellen Schwerpunkte der Region Die Region gründete sich wirtschaftlich auf drei Säulen: Textilindustrie in der Grenzregion von Lille, Roubaix und Tourcoing, Steinkohlenbergbau südlich davon und eine Eisen- und Stahlerzeugung im Raum um Valenciennes und Denain. Letztere profitierte sowohl von den vorhandenen Kokskohlen in unmittelbarer Nähe zu seinen Hütten als auch der günstigen Verbindungen zu den lothringischen Erzvorkommen.Burdack, S. 3.

Die Geologie der Steinkohlenvorkommen In allen Teilregionen dieses grenzüberschreitenden Reviers wurden die üblichen Kohlearten gefunden, die auch in anderen Gebieten mit Steinkohlenvorräten zu finden sind. In Abhängigkeit von dem Gasgehalt und dem Inkohlungsgrad wurden Gasflammkohle, Fettkohle, Magerkohle und Anthrazit angetroffenÉmile Meunier: Essai historique sur la houille dans le bassin franco-belge.. Die vorgefundenen Vorräte waren so ergiebig, dass kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der hier dargestellten Region jährlich etwa 30 Mio. Tonnen Kohle gefördert wurden, was der Hälfte der Förderung in ganz Frankreich ausmachte. Trotzdem macht die Tabelle deutlich, dass die Mächtigkeit der Kohleflöze an vielen Stellen im Departement Pas-de-Calais des Reviers eher gering war: +Lagerstätten einzelner Schachtanlage (erschlossen bis ca. 1880)Die Zahlen sind verschiedenen Stelle der beinen Bände von è. Vuillemin entnommenSchacht Anzahl der Flöze Gesamt-mächtigkeit durchschnittl. Mächtigkeit Courrières Schächte 2, 3, 4 11 14,55 m 1,32 m Bruay Schacht 3 11 13,46 m 1,22 m Liévin Schacht 3 10 11,15 m 1,15 m Béthune Schacht 5 7 7,14 m 1,02 m Bully-Grenay Schacht 5 7 7,14 m 1,02 m Lens Schächte 2/3/5lt. Vuillemin Tome I, S. 99 wurde in Lens großflächig das Flöz Arago mit einer Mächtigkeit von 2,10 m aufgeschlossen. 28 28,42 m 1,02 m Meurchin Schacht 3 6 5,35 m 0,89 m Marles Schacht 5 13 10,68 m 0,82 m Ferfay Schacht 1 10 7,15 m 0,175 m Ostricourt Schacht 2 9 6,28 m 0,70 m Cauchy-à-la-Tour 4 2,75 m 0,69 m Die Tabelle liefert keine Auskünfte über die Art und Qualität der vorgefundenen Kohle. Generell kann aber festgestellt werden, dass das Deckgebirge nach Norden hin abnimmt, mit zunehmender Teufe der Inkohlungsgrad zunimmt und im Norden der einzelnen Reviere eher Magerkohle und im Süden eher Gas- und Gasflammkohle abgebaut wurdeGenauere Angaben über die flüchtigen Bestandteile und Flözabfolgen liefert Vuillemin nur für die Bergwerke im Departement Nord..

Weil die Lagerstätten regional sehr unterschiedlich ausgeformt und gestört sind, sei hier exemplarisch für die Compagnie des mines d’Escarpelle in der Mitte der Region die Situation um 1880 dargestellt: „In l’Escarpelle ist die Mächtigkeit des Deckgebirges, das im Becken von Pas-de-Calais über den flözführenden Schichten liegt, am größten. Seine Mächtigkeit variiert bei den Schächten 3, 4 und 5 in der Nähe von Douai zwischen 216 und 232 Metern. Bei den [nördlicher gelegenen] Schächten 1 und 2 beträgt sie nur 154 und 156 Meter. In den beiden letztgenannten Schächten wird […] Esskohle, die […] 14 bis 17 % flüchtige Bestandteile enthält, abgebaut; sie ist gut zum Heizen von Dampfkesseln [und damit zur Stromerzeugung] geeignet. Das Vorkommen umfasst vierzehn Schichten und ist recht unregelmäßig und wenig ergiebig. Die Schächte 3, 4 und 5, die sich im Süden befinden, bauen Flöze ab, die höher als die vorherigen liegen und deren Anteil an flüchtigen Bestandteilen in Richtung von Norden nach Süden von 18 auf 28 % ansteigt. [Bei Letzterer handelt sich um Fettkohle], […] die kurzflammig und bituminös [ist] und [sich] sehr gut für die Verkokung und Glasherstellung eignet. Diese Flöze verlaufen von Ost nach West und bilden im Westen eine scharfe Biegung, die sie nach Süden und dann nach Osten führt, so dass der südliche Querschlag von Schacht 4 diese Flöze schneidet und sie auch vom nördlichen Querschlag derselben Sohle durchörtert werden. In westlicher Richtung muss es eine große Störung gegeben haben, die alle Schichten in der oben beschriebenen Weise verdrängt hat. In dem Teil des Reviers, der von den Schächten 4 und 5 abgebaut wird, weisen die Flöze jedoch eine sehr große Regelmäßigkeit auf, die eine wirtschaftliche Förderung begünstigt.“Vuillemin, Tome I, S. 15 f, übersetzt mit DeepL; überarbeitet und gekürzt durch den Verfasser dieser Zeilen. mini|Karte des Nordfranzösischen Steinkohlenreviers

Geschichte Die heutige Aufteilung des sich von Lüttich bis Auchel erstreckenden Reviers in einen französischen und einen belgischen Teil geschah durch den Vertrag von Utrecht 1713, der den Spanischen Erbfolgekrieg beendete. Dadurch fiel das Gebiet um Tournai von Frankreich an das heutige Belgien, sodass in seiner West-Ost-Ausdehnung nur ungefähr ein Drittel des Bassins bei Frankreich verblieb.meinfrankreich.com

Die Anfänge mini|Bergswerksgesellschaften im Raum AnzinWährend man in Wallonien schon früh Steinkohle gefunden und gefördert hatte, erforschte erst Anfang des 18. Jahrhunderts Jean-Jacques Desandrouin, ob sich die in Belgien erschlossenen Flöze auch in Nordfrankreich fortsetzen würden. In Anzin, einem kleinen Ort in der Nähe von Valenciennes, wurde er bei Bohrungen am 24. Juni 1734 fündig. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die von ihm und Mitstreitern gegründete Compagnie des mines d’Anzin mit einer Berechtsame von 280,5 km2 zum flächenmäßig und auch wirtschaftlich größten Unternehmen im Département Nordsiehe https://www.cathocambrai.com/page-25079-compagnie-mines-abzin.html. In einigen Gebieten führte sie selbst Schürfbohrungen durch und teufte Schächte ab, in anderen versuchten weitere Unternehmen ebenfalls ihr Glück, wie noch auf der Konzessionskarte von 1886 zu erkennen ist. Dass sich nicht alle diese Unternehmungen am Markt erfolgreich behaupten konnten, zeigt folgende Zahl. Die zwischen 1718 und 1750 in der Umgebung von Anzin abgeteuften 23 Schächte hatten eine durchschnittliche Förderdauer von 14 Jahren und manche stellten nach nur wenigen Jahren ihre Förderung wieder ein. Auch wurden in diesem Zeitraum 14 Schürfungen durchgeführt, die keinen Nachweis von Kohlenvorkommen erbrachtenICOMOS, Nord-Pas de Calais Mining Basin (France), No 1360, S. 211.

Bereits im Jahr 1773 folgte die Gründung des weiter westlich operierenden Bergwerks von Aniche, das über eine Berechtsame von 128 km2 (Wert geschätzt) verfügte. Danach setze dann ab 1832 die Zeit zahlreicher ZechengründungenDetaillierte Darstellungen in französischer Sprache finden sich unter den Links bei den Namen der Bergwerksgesellschaften ein, die sich allmählich auch über das Territorium des Départements Pas-de-Calais erstreckten und hier in der zeitlichen Reihenfolge ihrer Gründungen aufgelistet sind: 1830 Crespin (Wiedergründung 1875), 1832 Douchy (13,44 km2), 1841 Thivencelles (15,46 km2), 1847 Escarpelle (85 km2), 1849 Courrières (54,6 km2), 1850 Bruay (38,1 km2),1851 Béthune (63,5 km2), 1852 Lens (69,4 km2) und Fléchinelle (3,76 km2), Nœux-les-Mines (ungefähr 77 km2) und Marles (29,9 km2), 1854 Meurchin (17,6 km2) und Vendin (Fläche unbekannt), 1855 Dourges (37,8 km2), 1860 Ostricourt (23,0 km2), 1862 Liévin (29,8 km2), 1893 Flines (28,5 km2), 1894 Clarence und Ligny-les-Aire. Während also bei der Aufschließung der Kohlevorkommen im Ruhrgebiet eine Nordwanderung festzustellen war, kann man im nordfranzösischen Revier durchaus von einer Ost-West-Bewegung sprechen, die an der Grenze zur belgischen Wallonie ihren Anfang nahmEine Gesamtübersicht über Ausdehnung und Lage aller aufgeführten Bergwerke findet sich unter https://bassinminier-patrimoinemondial.org/les-compagnies-minieres-1720-1944/.

Betrachtet man diese Jahreszahlen genauer, so fällt auf, dass die meisten dieser unternehmerischen Aktivitäten in die Zeit des Zweiten Kaiserreichs (1852–1870) fielen. Damals wurde viel Kapital in aufstrebende Industrieanlagen investiert und die guten Verkehrsverbindungen des Bassins (z. B. Eisenbahnlinien nach Paris) versprachen den Investoren lohnende RenditeICOMOS S. 210 f..

Eine Besonderheit in der obenstehenden Auflistung stellt die Compagnie des mines de Vicoigne dar. 1837 traten in Vicoigne bei Raismes (Département Nord) vier neu gegründete Bergwerksgesellschaften in Konkurrenz zueinander. Drei von ihnen teuften 1839 in teilweise enger Nachbarschaft zueinander Schächte ab und förderten erste Kohle, bevor sie sich zur Compagnie von Vicoigne zusammenschlossen. Die vierte Gesellschaft verkaufte ihre Anteile an die Gesellschaft von Anzin und teufte selbst keine Schächte ab. Anfänglich betrug die Berechtsame der Gesellschaft im Raum Raismes 13,2 km2, die später durch die Eigengründung von Nœux (1852) und den Kauf des Bergwerks von Drocourt (1925) erheblich erweitert wurde. Die sozialen Verhältnisse der Bergwerksarbeiter werden in Émile Zolas Roman Germinal (1885) dargestellt, der von dortigen Ereignissen inspiriert ist.

Die Zeit bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Nach ihrer jeweiligen Gründung kann man die Geschichte der Bergwerke in der Region Nord – Pas-de-Calais in folgende Phasen gliedern:

Bis zum Einmarsch der deutschen Truppen 1914 verlief die Kohlenförderung in der Region weitgehend ungestört. Ausgenommen davon war das Bergwerk von Courrières, in dem sich am 10. März 1906 eine schwere Schlagwetterexplosion ereignete und 1099 Todesopfer forderte (Grubenunglück von Courrières). Dieses tragische Unglück war das zweitschwerste in der Geschichte des Steinkohlenbergbaus überhaupt und löste in verschiedenen Regionen Europas Anteilnahme und Hilfsaktionen aus.

Als die deutschen Truppen 1914 unter Verletzung der Neutralität Belgiens von Norden her Frankreich angriffen, kam die Front bereits im Herbst 1914 auf der Höhe von Lens, d. h. mitten im Kohlenrevier zum Stehen. Der dann einsetzende Stellungskrieg machte eine Förderung in dieser Gegend völlig unmöglich und hinterließ am Ende des Ersten Weltkriegs eine Trümmerlandschaft. Nicht nur Städte wie Lens waren völlig zerstört, sondern auch zahlreiche Schachtanlagen im Kriegsgebiet. Dies gilt im Besonderen für die Anlagen der Compagnie des mines de Lens, weil sich der Frontverlauf mit jahrelangem Stellungskrieg von Nord nach Süd durch das Gebiet dieser Bergwerksgesellschaft zog. Zum Ende des Krieges hin kam es auch zu Demontagen und Zerstörungen einzelner Industrieanlagen durch die deutschen Besatzer. Jedenfalls war 1918 die Notwendigkeit nach Wiederaufbau und Modernisierung groß.

Die Zeit zwischen den Weltkriegen