mini|Das Grabmausoleum von Ibn Bābawaih in Schahr-e Rey Abū Dschaʿfar Muhammad ibn ʿAlī Ibn Bābawaih al-Qummī (; geb. 918/19 in Ghom; gest. 991 in Raiy), bekannt auch als asch-Schaich as-Sadūq (), war ein zwölfer-schiitischer Theologe, der zu den wichtigsten Sammlern schiitischer Hadithe und Imam-Traditionen gehörte. Er hat sich insbesondere zu Fragen des Imamats und der Ghaiba geäußert. Seine Traditionssammlung Man lā yaḥḍuruhu l-faqīh gehört zu den kanonischen Vier Büchern der Zwölfer-Schia. Ibn Bābawaih war der bedeutendste Vertreter der Hadith-Schule von Qumm und zudem einer der wenigen schiitischen Traditionalisten, die in großem Umfang sunnitische Hadithe zur Prophetenfamilie nutzten, um die schiitischen Lehren zum Imamat stärker zu untermauern.Ansari: L' imamat et l'occultation selon l'imamisme: étude bibliographique et histoire des textes. 2017, S. 65.
Leben Muhammad Ibn Bābawaih wurde wahrscheinlich im Jahr 306 d.H. (= 918/19) in eine berühmte Gelehrtenfamilie in Qum geboren. Sein Vater ʿAlī ibn Husain Ibn Bābawaih al-Qummī (gest. 939) war einer der wichtigsten imamitischen Gelehrten der Stadt.Warner: The Words of the Imams. Al-Shaykh al-Ṣadūq and the Development of Twelver Shīʿī Hadith Literature. 2022, S. 7. Seine Mutter war eine Sklavin, die wahrscheinlich aus Dailam stammte. Die Gelehrsamkeit in seiner Familie war sehr wichtig. Auch seine beiden älteren Brüder Hasan und Husain wurden später Gelehrte.Fyzee: Ibn Bābawaih(i). 1968, S. 727a. Ibn Bābawaih nahm später für sich in Anspruch, dass seine Geburt durch ein Gebet des Verborgenen Imams zustande gekommen sei. Um dieses Gebet soll ihn Ibn Bābawaihs Vater durch Vermittlung des dritten Abgesandten Abū l-Qāsim Husain ibn Rauh gebeten haben.Serdani: Der verborgene Imam. Eine Untersuchung der chiliastischen Gedanken im schiitischen Islam nach Ibn Bābūya (gest. 991). 1979, S. 43f.
Ibn Bābawaih begann sein Studium der Hadithe an der Schule von Qumm. Sein eigener Vater ʿAlī war wahrscheinlich sein wichtigster Lehrer und unterrichtete ihn sowohl im Fiqh als auch im Hadith. Zu seinen anderen Lehrern aus Qumm gehörte Muhammad ibn al-Hasan Ibn al-Walīd al-Qummī, dessen Einfluss sich insbesondere hinsichtlich Beurteilung von Hadith-Überlieferern und der Glaubwürdigkeit der heranzuziehenden imamitischen Texte zeigte.Ansari: L' imamat et l'occultation selon l'imamisme: étude bibliographique et histoire des textes. 2017, S. 65f. Schon als junger Mann reiste er an verschiedene Orte, um Überlieferungen über die Imame zu erfahren. Zwischen 950 und 958 zog er nach Raiy, der Hauptstadt der Buyiden.Warner: The Words of the Imams. Al-Shaykh al-Ṣadūq and the Development of Twelver Shīʿī Hadith Literature. 2022, S. 8S.
In Raiy verkehrte er am Hof des buyidischen Herrschers Rukn ad-Daula (gest. 976).Warner: The Words of the Imams. Al-Shaykh al-Ṣadūq and the Development of Twelver Shīʿī Hadith Literature. 2022, S. 69. In mehreren seiner Werke erzählt Ibn Bābawaih von seinen Diskussionen in Anwesenheit dieses Herrschers.Warner: The Words of the Imams. Al-Shaykh al-Ṣadūq and the Development of Twelver Shīʿī Hadith Literature. 2022, S. 187. Hierbei übernahm Rukn ad-Daula häufig die Rolle des Schiedsrichters.Serdani: Der verborgene Imam. Eine Untersuchung der chiliastischen Gedanken im schiitischen Islam nach Ibn Bābūya (gest. 991). 1979, S. 103f. Von Rukn ad-Daula erhielt Ibn Bābawaih im Jahre 352 (= 963 n. Chr.) auch eine persönliche Erlaubnis für eine Reise nach Maschhad und Nischapur in Chorasan.Ansari: L' imamat et l'occultation selon l'imamisme: étude bibliographique et histoire des textes. 2017, S. 67f. Ibn Bābawaih stand auch mit Rukn ad-Daulas Wesir Sāhib ibn ʿAbbād (gest. 995) in Verbindung, der einer der bedeutendsten und einflussreichsten intellektuellen Förderer seiner Zeit war. So widmete er ihm seine Sammlung von Nachrichten über den schiitischen Imam ʿAlī ibn Mūsā ar-Ridā. Allerdings berichtet Abū Haiyān at-Tauhīdī, dass Ibn ʿAbbād der Traditionswissenschaft sehr kritisch gegenüberstand, die Überlieferung von Hadithen verbot und deswegen Ibn Bābawaih mit anderen Gelehrten in die Verbannung schickte.Abū Ḥaiyān at-Tauḥīdī: Aḫlāq al-wazīrain. Ed. Muḥammd ibn Tāwīt aṭ-Ṭanǧī. Dār Ṣādir, Beirut 1992. S. 167. Digitalisat
Ende 353 (= 964 n. Chr.) verließ Ibn Bābawaih Raiy, um sich auf Haddsch zu begeben. Auf dem Rückweg von Mekka Anfang des folgenden Jahres zog er durch den Irak und hielt sich eine Zeitlang in Kufa und in Bagdad auf. Seine Ankunft in Bagdad wird auf das Jahr 966 datiert.Fyzee: Ibn Bābawaih(i). 1968, S. 726b. In Bagdad hörte asch-Schaich al-Mufīd bei ihm Hadith. Über die Stadt Hamadan kehrte er nach Raiy zurück.Pākatčī: Ebn-e Bābūya. 1990, S. 63a.
Im Jahr 367 (= 977/78 n. Chr.) reiste Ibn Bābawaih erneut nach Chorasan und Transoxanien. Er besuchte Sarachs, Balch, Merw, Marwarrudh, Samarkand, das Ferghanatal und Īlāq, um dort Hadithe zu sammeln und zu übermitteln. In Īlāq verfasste er sein wichtigstes juristisches Werk und umfangreichstes Buch, nämlich das Kitāb Man lā yaḥḍuruhu l-faqīh („das Buch für denjenigen, der keinen Rechtsgelehrten bei sich hat“).Ansari: L' imamat et l'occultation selon l'imamisme: étude bibliographique et histoire des textes. 2017, S. 69. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Raiy. Dort wurde er auch begraben. Über seinem Grab in der Nähe der Ruhestätte von ʿAbd al Azīm Hasanī ist auf Anweisung des Kadscharenherrscher Fath Ali Schah im Jahre 1822 ein großes Mausoleum errichtet worden.Serdani: Der verborgene Imam. Eine Untersuchung der chiliastischen Gedanken im schiitischen Islam nach Ibn Bābūya (gest. 991). 1979, S. 45. Der Ort wird heute nach ihm Ibn Babawaih genannt.
Werke Ibn Bābawaih soll ungefähr 300 Werke verfasst haben. Von diesen beschäftigen sich 61 mit dem Problem des Imamats und dem Leben der einzelnen Imame, zehn speziell mit dem Problem der Ghaiba und über 100 mit den alltäglichen Verpflichtungen der Schiiten aus der Perspektive des imamitischen Fiqh.Serdani: Der verborgene Imam. Eine Untersuchung der chiliastischen Gedanken im schiitischen Islam nach Ibn Bābūya (gest. 991). 1979, S. 47.
Kamāl ad-dīn wa-tamām an-niʿma Kamāl ad-dīn wa-tamām an-niʿma („Die Vollkommenheit der Religion und die vollständige Gnade“) ist ein theologisches Handbuch in zwei Teilen über die Verborgenheit des Zwölften Imams, abgefasst wahrscheinlich schon 978/79 in Nischapur auf Wunsch eines imamitischen Gelehrten aus Buchara. Als Grund gibt Ibn Bābawaih an, dass er die imamitische Gemeinde der Stadt bei seiner Ankunft bezüglich der Verborgenheit des zwölften Imams in einer Glaubenskrise vorfand, die sie dazu brachte, willkürliche persönliche Meinungen und analoge Argumente (al-ārāʾ wa-l-maqāyīs) zu dieser Frage vorzubringen. Das geschätzte Alter des zwölften Imams betrug zu dieser Zeit 110 Jahre, ein Alter, das bei vielen Menschen Zweifel an der Existenz des Imams aufkommen ließ. Aus diesem Grund widmete der Autor ein ganzes Kapitel des Buchs berühmten langlebigen Personen (muʿammarūn) des Islams und früherer Religionen und Kulturen.Ansari: L' imamat et l'occultation selon l'imamisme: étude bibliographique et histoire des textes. 2017, S. 74f. In der Einleitung führt der Autor aus, dass er im Traum den verborgenen Imam gesehen habe, der ihm bei der Kaaba den Auftrag gegeben habe, ein Buch über die Ghaiba zu verfassen, in dem er die Ghaiba der Propheten beschreibt.Serdani: Der verborgene Imam. Eine Untersuchung der chiliastischen Gedanken im schiitischen Islam nach Ibn Bābūya (gest. 991). 1979, S. 57. Der Autor setzt sich in diesem Werk auch viel mit Einwänden der Zaiditen gegen die imamitische Lehre auseinander.Serdani: Der verborgene Imam. Eine Untersuchung der chiliastischen Gedanken im schiitischen Islam nach Ibn Bābūya (gest. 991). 1979, S. 97–103. Im zweiten Teil des Buches nimmt der Beweis der der Zwölfzahl der Imame breiten Raum ein.Serdani: Der verborgene Imam. Eine Untersuchung der chiliastischen Gedanken im schiitischen Islam nach Ibn Bābūya (gest. 991). 1979, S. 112.
Der erste Teil des Werks wurde 1901 von Ernst Möller unter dem Titel „Beiträge zur Mahdilehre des Islams“ ediert und besprochen.Ernst Möller: Beiträge zur Mahdilehre des Islams. I. Ibn Babuje el Kummis Kitābu kamālid-dini wa tamāmin-niʾmati fi ithbātil-'raibati wa kaschfil-ḥirati. Carl Winter, Heidelberg 1901. Digitalisat
Weitere Werke al-Amālī („Diktate“), Aufzeichnungen seiner regelmäßigen Dienstag- und Freitagssitzungen, die er vom 1. März 978 bis 22. März 979 an wechselnden Orten (Raiy, Maschhad, Nischapur, verschiedene Orte auf dem Weg nach Transoxanien) gehalten hat.Serdani: Der verborgene Imam. Eine Untersuchung der chiliastischen Gedanken im schiitischen Islam nach Ibn Bābūya (gest. 991). 1979, S. 48. Sie bestehen aus verschiedenen Überlieferungen, hauptsächlich Berichten über die Tugenden der Imame und moralischen Ermahnungen. Man lā yaḥḍuruhu l-faqīh („Wer keinen Rechtsgelehrten in seiner Nähe hat“) ist eine schiitische Hadith-Sammlung, die der Autor in Balch verfasste, nachdem ihn sein Gastgeber gebeten hatte, ein handliches Kompendium des Fiqh nach dem Vorbild von Abū Bakr ar-Rāzīs Man lā yaḥḍuruhu ṭ-ṭabīb („Wer keinen Arzt in seiner Nähe hat“) zusammenzustellen. Er las das Werk, das die Autoritätsketten auslässt, 983 den Scheichs von Balch vor.McDermott: Ebn Bābawayh. 1997, S. 3. Nach Hassan Ansari sammelte Ibn Bābawaih in diesem Buch die Traditionen, die die Grundlage seiner eigenen Fatwa bildeten.Ansari: L' imamat et l'occultation selon l'imamisme: étude bibliographique et histoire des textes. 2017, S. 71. at-Tauḥīd, eine Sammlung von Traditionen, die in Raiy zusammengestellt wurde, um die Imamiten gegen den Vorwurf des Anthropomorphismus und des Prädestinationsglaubens zu verteidigen. Die Traditionen sind nach Themen gruppiert und enthalten gelegentlich erklärende Bemerkungen.McDermott: Ebn Bābawayh. 1997, S. 3b. ʿUyūn Aḫbār ar-Riḍā, Sammlung von Nachrichten über den schiitischen Imam ʿAlī ibn Mūsā ar-Ridā sowie Überlieferungen von ihm, die Ibn Bābawaih dem Wesir Sāhib ibn ʿAbbād (gest. 995) überreichte, als dieser zwei Gedichte zum Lob dieses Imams verfasste. Es gibt zahlreiche Druckausgaben.Zuletzt Qum 1378 AHS (1999) , al-Hidāya („Die Rechtleitung“), eine kurze Anleitung, wie man ein Imamit wird, die mit einem Glaubensbekenntnis beginnt und im Anschluss daran Rechtsvorschriften behandelt.Warner: The Words of the Imams. Al-Shaykh al-Ṣadūq and the Development of Twelver Shīʿī Hadith Literature. 2022, S. 23. al-Iʿtiqādāt („Die Glaubenslehren“), eine Bekenntnisschrift, in der der Autor sein Verständnis der imamitischen Lehre zu verschiedenen Themen darlegt. Es gibt zahlreiche Textausgaben.Vgl. z. B. diejenige von ʿIṣām ʿAbd as-Saiyid. Mahr, Ghom 1413h (= 1992/93 n. Chr.). Digitalisat Asaf Ali Asghar Fyzee übersetzte das Werk unter dem Titel A Shi'ite Creed 1942 ins Englische.Digitalisat. Ibn Bābawaihs Schüler asch-Schaich al-Mufīd verfasste zu dem Werk einen kritischen Kommentar mit dem Titel Taṣḥīḥ al-iʿtiqād („Berichtigung des Glaubens“). ʿIlal aš-šarāʾiʿ wa-l-aḥkām wa-l-asbāb („Die Ausgangspunkte der Gesetze, der Regeln und der Ursachen“), Sammlung von Traditionen, die Gründe für bestimmte Rechtsvorschriften, für verschiedene Ereignisse und für die Namen verschiedener Dinge angeben. Faḍāʾil al-ašhur aṯ-ṯalāṯa, Schrift über die Fadā'il der drei Monate Radschab, Schaʿbān und Ramadan mit der Beschreibung und Anpreisung verschiedener supererogatorischer Andachtsübungen.Warner: The Words of the Imams. Al-Shaykh al-Ṣadūq and the Development of Twelver Shīʿī Hadith Literature. 2022, S. 23f. al-Ḫiṣāl, Sammlung von Hadithen, die nach den darin vorkommenden Zahlen geordnet ist.Warner: The Words of the Imams. Al-Shaykh al-Ṣadūq and the Development of Twelver Shīʿī Hadith Literature. 2022, S. 24.