mini|Luftaufnahme manövrierender Schiffe in der Seeschlacht im Golf von Leyte, 1944 Seekrieg bezeichnet die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen politischen Akteuren zur See, die überwiegend zwischen staatlichen Seestreitkräften unter Einsatz von Seekriegsmitteln stattfindet.
Seekriegsmittel Als Seekriegsmittel bezeichnet man alle vorrangig zur Führung des Seekriegs eingesetzten Waffen und Waffensysteme. Dazu gehören Kriegsschiffe, U-Boote, Marineflugzeuge und Marineinfanterie. Ein Ziel des Seekriegs ist es die Herrschaft über Seegebiete auszuüben, um diese Gebiete für den eigenen Nachschub oder für Angriffe über See zu nutzen. Ein anderes Ziel kann es sein, dem Gegner eine solche Nutzung zu verwehren, wodurch er zum Beispiel vom Nachschub abgeschnitten werden kann.
Diese Ziele können durch einzelne Seegefechte und Feindfahrten oder durch Zusammentreffen größerer Flotten in Seeschlachten erreicht werden. Kennzeichnend für den Seekrieg sind lange Abnutzungsphasen, in denen der Gegner durch Blockaden geschädigt werden soll.
Die Aufgabe eines Kriegsschiffs im Gefecht ist es gegnerische Schiffe durch Versenken unbrauchbar zu machen, die weitere Verwendung zu verhindern oder durch Entern zu erobern. Seit der Erfindung weitreichender Waffen wie Kanonen ist es auch möglich, etwa durch Beschuss gegnerischer Hafenstädte oder Festungen, seegestützte Waffen im Landkrieg einzusetzen. Eine andere Art der Verbindung von Land- und Seekrieg ist die Seelandung.
Geschichte
Antike und Mittelalter: Zeitalter der Riemenschiffe Seekrieg konnte entweder durch Rammen und/oder Entern Mann gegen Mann geführt werden. Die Kriegsschiffe des alten Ägypten waren in der Regel nicht hochseetauglich. Die ersten organisierten Marinen mit seetüchtigen Schiffen, die meist von Sklaven gerudert wurden, gab es bei den Karthagern, Griechen und Römern. Das Rammen gegnerischer Schiffe ist eine seit der Abwehr der Seevölker durch den ägyptischen Pharao Ramses III. belegte Technik. Sie erforderte ein sehr gezieltes Manövrieren des Schiffes, was nur mittels Rudern möglich war (Galeeren). In Griechenland war die Rammtechnik mit Ruderschiffen (Pentekonteren) mindestens seit etwa 650 v. Chr. bekannt. Die Römer verwendeten bereits in den Punischen Kriegen reguläre Infanterie auf Schiffen, die in der Seeschlacht von Mylae (260 v. Chr.) mittels Enterbrücken (corvus) die Besatzungen der feindlichen Schiffe angriffen. Eine Beschreibung gibt Polybios in seinem Geschichtswerk.Polybios, Historien 1.22-23. In Ostasien hatte bereits etwa seit dem 7. Jahrhundert der Aufbau organisierter Marinen begonnen. mini|Wandbild einer Pentekontere aus einem Tempel in Nymphaion (Krim), heute in der Eremitage (Sankt Petersburg) Nach dem Zerfall des römischen Reichs standen die Küsten Europas für die Raubzüge der Araber und Wikinger offen. Im östlichen Mittelmeer setzte allerdings die Byzantinische Marine die römische Tradition nahtlos fort. Häufig wurde in dieser Zeit das Versenken gegnerischer Schiffe mit Brandsätzen (Griechisches Feuer). Kaiser Friedrich II. baute im 13. Jahrhundert eine schlagkräftige Mittelmeerflotte auf, mit der er gegen die Republik Genua Krieg führte (siehe Seeschlacht von Giglio). Genua wiederum führte erfolgreiche Seekriege gegen Pisa, wurde aber als führende Seemacht Anfang des 15. Jahrhunderts durch die Republik Venedig abgelöst (siehe Chioggia-Krieg).
Die letzte Seeschlacht vor der großen Zeit der Segelschiffe war die Schlacht von Lepanto am 7. Oktober 1571. 300 Schiffen der Heiligen Liga, einem Bündnis der christlichen Mittelmeerstaaten, standen 270 Galeeren des Osmanischen Reiches gegenüber. Die osmanische Flotte wurde besiegt und mehr als 30.000 Mann verloren ihr Leben. Entscheidend für den Sieg war dabei der Einsatz von venezianischen Galeassen, übergroßen Galeeren mit Hilfsbesegelung, die in ihren Vorder- und Achterkastellen sowie breitseits etwa 30 Kanonen aufstellen und bis zu 1000 Mann Besatzung mit sich führen konnten.Berthold Seewald: Vier Schiffsgiganten besiegten die türkische Flotte. Welt Online, 4. Dezember 2013.
Ebenfalls gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde im Verteidigungskrieg Koreas gegen Japan von den Koreanern ein anderer Mischtyp von Riemen- und Segelschiff eingesetzt: das mit Holz gepanzerte und mit Kanonen ausgerüstete Schildkrötenschiff, das ihnen entscheidende Vorteile brachte.
Zeitalter der Segelschiffe Dominierte im Mittelmeer noch lange der Galeerenkrieg, kam es in Nordeuropa und im Nordatlantik im späten Mittelalter und in der Renaissance bei weitgehend unreguliertem Seeverkehr zu neuen Formen des Seekriegs mit Segelschiffen. Seit der militärischen Nutzung von Schwarzpulver und dem damit verbundenen Bau von Feuerwaffen gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurden Seekriege auch aus zunehmender Distanz (d. h. wohl meist 500 bis 1000 Meter) geführt; man beschränkte sich nicht mehr nur auf das Entern feindlicher Schiffe.
In Nordeuropa waren bis zum 15. Jahrhundert Schiffe im Kriegseinsatz vor allem zum Transport von Söldnern an gegnerische Küsten bestimmt. Die entscheidenden Schlachten wurden an Land geschlagen. Die Besatzungen bestanden bis zum 15. Jahrhundert aus eingeschifften Bürgern. Erstmals wird der Begriff „Kriegsschiff“ erst 1526 in einer hansischen Quelle genannt;Springmann: 2014, S. 371.Doch schon früher bewaffnete die Hanse ihre Handelsschiffe und setzte später auch mit angeheuerten Kriegsknechten besetzte sog. Friedeschiffe ein, um ihre Handelsrouten zu sichern. Ein Beleg aus Lübeck liegt aus dem Jahr 1421 vor.Konrad Fritze, Günter Krause: Seekriege der Hanse. Zweibrücken 2007, S. 32.
Durch erhöhte Vorder- und Achterkastelle und die mitgeführten Geschütze von mindestens 150 Kilogramm bis zu drei Tonnen erhöhte sich das Gewicht der Schiffe und der Schwerpunkt verlagerte sich deutlich nach oben, was Konstruktionsänderungen nach sich zog: Durch den Einbau von Rahmen- und Richtspanten konnten auch schwere Punktlasten in Stellung gebracht werden.Springmann 2014, S. 372, 381. Später wurden statt Koggen Holke eingesetzt. Die Taktik änderte sich mit der Einführung der Feuerwaffen: Die Schiffe mussten nunmehr taktisch im Geschwader gesteuert werden, um sich dem Gegner keilförmig oder in Dwarslinie von Luv zu nähern, so die Distanz des Kampfes zu bestimmen und ihm beim Entern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das setzte die Funktion eines Admirals als Geschwaderführer voraus, dessen Schiff wiederum die Angriffe des Gegners auf sich zog.Fritze, Krause 1997, S. 38. Außerdem mussten verstärkt Söldner als Besatzung angeworben werden: Auf den Admiralsschiffen Lübecks waren allein etwa 150 bis 160 Mann für die Geschützbedienung erforderlich, auf kleineren Kriegsseglern ist von über 100 Mann auszugehen.Springmann 2014, S. 379.
In den sich konsolidierenden Nationalstaaten Westeuropas entwickelte sich der spezialisierte Kriegsschiffbau seit dem 15. Jahrhundert wesentlich schneller als in Deutschland und im gesamten Ostseeraum.Springmann 2014, S. 443. Hier wurden zunächst private Schiffseigner und Piratenmilizen wie die Vitalienbrüder, die Wassergeusen oder (in England) Francis Drake von Regenten oder Städten ausgestattet, um feindliche Schiffe zu kapern, zu plündern oder zu versenken oder die Durchsetzung (handels-)politischer Ziele zu erpressen. Die französischen Korsaren, Flibustier und Bukanier des 17. und frühen 18. Jahrhunderts hatten es besonders auf die spanischen Silberflotten abgesehen.Ernest J. King u. a.: War at Sea in the Middle Ages and the Renaissance. Boydell Press 20003. Die nordafrikanischen Barbaresken-Korsaren genossen den Schutz des osmanischen Sultans, betrieben Sklavenhandel und behinderten die Schifffahrt im Mittelmeer und östlichen Atlantik vom 16. bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts.
Der Nordische Siebenjährige Krieg 1563–1570 bewirkte Verbesserungen der Geschütz- und Schiffbautechnik sowie in der Organisation und Ausrüstung der Flotten und in der Taktik des Einsatzes auch im Ostseeraum, wobei der Vorsprung Westeuropas nicht ganz eingeholt wurde.Springmann 2014, S. 454. Kriegsschiffe deutscher Landesfürsten sind etwa seit 1570 belegt.
Aufbau von organisierten Kriegsflotten mini|links|Mit der Ankunft in Bantam auf Java brechen die Niederländer 1596 das portugiesische Gewürzmonopol in Ostindien mini|Seeschlacht bei Abukir 1798: Aufstellung der französischen Flotte (blau) in Linie als schwimmende Küstenbatterie vor Anker und Zangenangriff/Durchbruch der englischen Flotte (rot) Eine der größten Kriegsflotten der frühen Neuzeit mit angeblich 300 Schiffen wurde zur Zeit der chinesischen Ming-Dynastie um 1400 aufgebaut. Darunter sollen sich die größten Holzschiffe befunden haben, die je gebaut wurden.Berthold Seewald: Schon einmal schickte China riesige Flotten in See. Welt Online, 29. November 2013.
Seit dem späten 16. Jahrhundert entstanden besonders für den Kriegseinsatz entwickelte Segelschiffe der europäischen Großmächte England, Frankreich, Spanien, Holland und Schweden, die die Schiffe der im Staatsauftrag segelnden Freibeuter allmählich ablösten. Trugen sie die Geschütze zunächst auf einem durchlaufenden Deck, wurden diese später in großer Zahl unter Deck bzw. auf mehreren Decks übereinander angebracht (Ein-, Zwei- oder Dreidecker). Um 1650 verfügte die Republik der vereinigten Niederlande über die stärkste Kriegsflotte der Welt und schützte damit ihre Handelsrouten.
Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurden Marineoffiziere – zuerst in England – professionell ausgebildet; es wurde eine strikte Disziplin durchgesetzt. Die unter Oliver Cromwell 1651 beschlossene Navigation Acts drückten das Streben nach Dominanz über die weltweiten Seehandelsrouten aus; sie standardisierten auch den Bau von Kriegsschiffen. Linienschiffe der 1. Klasse trugen bis zu 100 Kanonen. Langfristig errang damit die Royal Navy in der Seekriegsführung ein strategisches Übergewicht gegenüber anderen europäischen Nationen. Im 17. und 18. Jahrhundert fanden allein vier Seekriege zwischen England und den Niederlanden um die Vorherrschaft auf den Weltmeeren statt, die hauptsächlich auf der Nordsee, aber auch in der Karibik, vor Westafrika und in Südostasien ausgetragen wurden.Robert Rebitsch: Die Englisch-Niederländischen Seekriege. Wien 2013. Nachdem die vom wirtschaftlichen Abstieg bedrohten Niederlande kein ernsthafter Gegner für die Royal Navy mehr waren, gipfelte deren Vorherrschaft im Zeitalter der Segelschiffe in den Siegen Horatio Nelsons auch über die französische Flotte.Paul M. Kennedy: The Rise And Fall of British Naval Mastery. Humanity Books, 2006.
Wettrüsten zur See In den 1860er Jahren wurden Kanonen mit gezogenem Rohr eingesetzt, gegen die die bisher mit Kupfer- oder Stahlplatten beschlagenen Schiffe schutzlos waren. 1859 entstand das erste hochseetaugliche dampfgetriebene Panzerschiff, die französischen La Gloire. Seit ca. 1860/70 wurden Kriegsschiffe immer häufiger mit Wärmekraftmaschinen angetrieben und gepanzert, seit 1880 waren auch Torpedos anwendungsreif, gegen die auch die Unterwasserpanzerung verstärkt werden musste. Ihre Entwicklung wurde besonders in Deutschland von Alfred von Tirpitz gefördert und führte zur Entwicklung neuer Schiffstypen. Um 1900 waren die ersten U-Boote einsatzbereit. mini|Modell der La Gloire (1859) Strategisch entscheidend blieben jedoch zunächst die Großkampfschiffe. Die USA und das Deutsche Kaiserreich traten Ende des 19. Jahrhunderts zur Durchsetzung ihrer Kolonialpolitik als Seemächte zu England und Frankreich in Konkurrenz. Das drückte sich auch in der wechselseitigen Überbietung von Schiffsgrößen, Geschützkaliber und Panzerung während der nächsten Jahrzehnte aus, so v. a. im deutsch-britischen Flottenwettrüsten.Rolf Hobson: Maritimer Imperialismus. Seemachtsideologie, seestrategisches Denken und der Tirpitzplan 1875 bis 1914. Oslo / München 2004.