mini|Das Kleinkastell Tetrapyrgium nach den Grabungsbefunden bis 1994. Das Kleinkastell Tetrapyrgium war eine römische Garnison, die als spätantike Grenzfestung für die Bewachung eines Abschnitts der Strata Diocletiana in der römischen Provinz Syria Euphratensis zuständig war. Die Wüstenstraße markierte seit der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) mit einer offenen, aber schwer bewachten Grenze das damals von Rom beanspruchte Territorium. Nach den archäologischen Untersuchungen an der Fortifikation von Tetrapyrgium war es erstmals möglich, detaillierte Aussagen über das Aussehen und die Lage einer spätrömischen Befestigung am nordsyrischen Limes vorzunehmen.Michaela Konrad: Der spätrömische Limes in Syrien. Archäologische Untersuchungen an den Grenzkastellen von Sura, Tetrapyrgium, Cholle und in Resafa (= Resafa. Bd. 5). Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2600-9, S. 114. Zudem wurde dort erstmals der archäologische Nachweis einer vorausgehenden frühen Grenzsicherung am nordsyrischen Limesabschnitt für die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. erbracht.
Lage Die am nordsyrischen Limes auf einer Niederterrasse gelegene Kleinfestung wurde möglicherweise zusammen mit ihrem großen, nachträglich befestigten Vicus (Lagerdorf) planmäßig angelegt. Wie üblich, gab es an dem gewählten Standort in der flachen Wüstensteppe während der Regenzeiten günstige Möglichkeiten der Wassergewinnung, um Landwirtschaft betreiben zu können und damit die Truppe sowie die Dorfgemeinschaft ausreichend mit Grundnahrungsmitteln zu versorgen. 120 Meter südöstlich des Kleinkastells fand sich eine große, birnenförmige Zisterne.Michaela Konrad: Der spätrömische Limes in Syrien. Archäologische Untersuchungen an den Grenzkastellen von Sura, Tetrapyrgium, Cholle und in Resafa (= Resafa. Bd. 5). Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2600-9, S. 14. Rund 250 Meter nördlich der Siedlung befanden sich noch drei weitere Zisternen gleicher Bauart.
Die Etappenstation an der Strata Diocletiana lässt sich samt ihrer Siedlung aufgrund ihrer Hügellage schon von Weitem in der Ebene ausmachen. Zum nördlich gelegenen, rund 12,5 Kilometer (rund acht römische Meilen) entfernten Legionslager Sura am Euphrat bestand Sichtverbindung und auch mit der Besatzung des 16 Kilometer südlich anschließenden Reiterkastells Resafa konnte vermutlich mit Hilfe optischer Signale Kontakt gehalten werden. Der Quadriburgus wurde mittig über dem nördlichen Ende eines an dieser Stelle abfallenden Hügels errichtet. Der Vicusbereich westlich und östlich des Kleinkastells lag rund zwei bis drei Meter tiefer. Im Süden ist das Terrain zunächst gleichfalls abschüssig, steigt dann jedoch sofort wieder steil zur Hügelkuppe empor und überragt das natürliche Bodenniveau, auf dem die Befestigung errichtet wurde, um einen Meter. Die Erbauer wählten für die Fortifikation somit nicht den höchsten Geländepunkt, sondern errichteten sie stattdessen auf einer etwas tiefer gelegenen Terrasse des Hügels.Michaela Konrad: Der spätrömische Limes in Syrien. Archäologische Untersuchungen an den Grenzkastellen von Sura, Tetrapyrgium, Cholle und in Resafa (= Resafa. Bd. 5). Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2600-9, S. 13.
Name und Forschungsgeschichte Auf seinen Reisen zwischen 1908 und 1915 identifizierte der Orientalist Alois Musil (1868–1944) als Erster die vom Sand überwehte Ruinenstätte Quasair as-Saila mit dem antiken Tetrapyrgium.Alois Musil: Palmyrena. A Topographical Itinerary. New York 1928, S. 263–264.
Dieser griechische Ortsname steht gleichzeitig als Synonym für den dort errichteten Kastelltyp (Vier[türme]burg). Das entsprechende lateinische Wort, mit dem diese spätantiken Anlagen bezeichnet werden, lautet Quadriburgus. Außer einem Reisebericht des anonymen Pilgers von Piacenza um 570 n. Chr. (dort als civitas Tetrapyrgium),Itinerarium 47, ed. Paul Geyer: Itineraria Hierosolymitana. Wien 1898, S. 191 Digitalisat: in civitate Tetrapyrgio. Der Pilger von Piacenza lokalisiert in Tetrapygium fälschlich das Grab des Heiligen Sergios. sind bisher keine weiteren zeitgenössischen Quellen zu diesem Namen bekannt geworden. Ältere Publikationen mit der Behandlung des Quasair as-Saila legten 1929 der Orientalist René Dussaud (1868–1958) sowie – 1930 und 1931 – die an der Sankt-Joseph-Universität in Beirut tätigen Jesuiten und Archäologen René Mouterde (1880–1961) und Antoine Poidebard (1878–1955) vor.Guntram Koch: Buchbesprechung zu Michaela Konrad: Der spätrömische Limes in Syrien. In: Die Welt des Orients. 33, 2003, S. 272–273; hier S. 272.
Das Kastell wurde ab 1992 durch die Archäologin Michaela Konrad erforscht und publiziert. Als weiterer Mitarbeiter fungierte unter anderem Markus Gschwind. Die durch den Kostendruck nur in sehr begrenztem Umfang möglichen mehrjährigen Ausgrabungen fanden im Rahmen eines Limesprojekts der Station Damaskus des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) statt, die zwischen 1992 und 1996 mit gezielten Feldforschungen dem Limesverlauf nachgingen. Der Grabungsplatz wurde gewählt, da die Anlage bisher ungestört und in nicht allzu großer Tiefe lag. Zudem interessierte die Archäologen ein Garnisonsort, für den nur rein spätrömisch-frühbyzantinisches Fundgut vorlag und der nach damaliger Meinung in den Jahren 636/638 n. Chr. endgültig aufgelassen wurde. Diese Mutmaßungen stellten sich allerdings bereits während der ersten Kampagne als Trugschluss heraus. Bereits 1990 war eine Probesondage erfolgt, bei der ein sehr gut erhaltenes Stück der östlichen Kastellumwehrung zu Tage kam. Aus diesem Anlass wurde die Grabung an der Ostseite des Kleinkastells begonnen. Nachdem die Freilegung der Fortifikation in der Kampagne des Jahres 1993 abgeschlossen werden konnte, untersuchten die Ausgräber 1994 partiell den Vicus und dessen Umwehrung.Michaela Konrad: Der spätrömische Limes in Syrien. Archäologische Untersuchungen an den Grenzkastellen von Sura, Tetrapyrgium, Cholle und in Resafa (= Resafa. Bd. 5). Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2600-9, S. 23. Mit dieser Kampagne war das damalige Limesprojekt in Tetrapyrgium abgeschlossen.
Wie bei anderen Fundplätzen in Syrien, die in der Bevölkerung bekannt geworden sind, ist auch dieses Kleinkastell und sein Vicus von einer völligen Zerstörung durch Raubgräber bedroht, wenn dies möglicherweise nicht bereits geschehen ist.
Baugeschichte Die frühesten römischen Funde aus Qusair as-Saila stammen noch aus der Zeit vor und um die Mitte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Möglicherweise bestand dort – wie vielleicht auch in Sura – ein unter dem Oberkommando des Gnaeus Domitius Corbulo gegründetes Militärlager. Der Feldherr errichtete während der Schlussphase der Partherkriege 61/62 n. Chr. sowohl entlang des Euphrat als auch offensichtlich im Hinterland an strategisch wichtigen Stellen Garnisonen. Während der Forschungen zwischen 1992 und 1996 konnten damit die vom Byzantinisten Ernst Honigmann 1931/32 aufgestellten Thesen erstmals archäologisch nachgeprüft werden.
Die Gründung militärischer Stützpunkte unter Gnaeus Domitius Corbulo gab damit wohl den Anstoß für die weitere Entwicklung der Grenzanlagen. Auch aus der Amtszeit des Statthalters Marcus Ulpius Traianus (73/74–77/78 n. Chr.) liegt Fundmaterial aus Qusair as-Saila vor. In denselben Zeitraum fallen Objekte, die sich in Resafa fanden. Eine Inschrift aus Sura gehört ebenfalls dieser Epoche an. Spätestens mit dem Ausbau der Via Nova Traiana während der Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) wird die römische Reichsgrenze an diesem Abschnitt den gleichen Verlauf genommen haben wie in der Spätantike. Lediglich nach der Vorverlagerung des Limes, die der Einnahme Mesopotamiens im Jahr 166 folgte, verlor die Straße entlang der bisherigen Grenzorte zeitweilig ihre Bedeutung. Die Rücknahme des Limes hatte seine Ursache in den Sassanideneinfällen (231–266), der Erhebung von Palmyras Königin Zenobia (266–271) sowie erneuten Perserkriegen ab 287.Michaela Konrad: Der spätrömische Limes in Syrien. Archäologische Untersuchungen an den Grenzkastellen von Sura, Tetrapyrgium, Cholle und in Resafa (= Resafa. Bd. 5). Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2600-9, S. 115.
Unter Diokletian wurde damit begonnen, Roms Ostgrenze vom Roten Meer bis zum Tigris durch eine dichte Kette von Befestigungen und Wachtürmen abzusichern. Während dieser längerfristig anzusetzenden Phase, die mindestens bis in die Regierungsjahre des Kaisers Konstantin des Großen (306–337) hineinreichte,Michaela Konrad: Der spätrömische Limes in Syrien. Archäologische Untersuchungen an den Grenzkastellen von Sura, Tetrapyrgium, Cholle und in Resafa. (= Resafa 5), Philipp von Zabern, Mainz 2000, ISBN 3-8053-2600-9, S. 99. entstanden an der wieder reaktivierten Grenzstraße Kastell und Vicus Tetrapyrgium. Möglicherweise fasste der Kaiser den Entschluss zum Bau dieser Grenzanlagen während einer Reise nach Palaestina im Jahr 286. Die Ausführung könnte durch die anschließend ausgebrochenen Perserkriege verzögert worden sein. Aber spätestens mit dem 298/299 geschlossenen Friedensvertrag von Nisibis war es möglich, die Bauarbeiten aufzunehmen. Der Vertragsabschluss ist auch der erste sicher bezeugte Aufenthalt Diokletians am Euphrat und gibt wohl den frühesten Zeitpunkt an, zu dem erste Anlagen an der Strata Diocletiana gegründet wurden.Michaela Konrad: Der spätrömische Limes in Syrien. Archäologische Untersuchungen an den Grenzkastellen von Sura, Tetrapyrgium, Cholle und in Resafa. (= Resafa 5), Philipp von Zabern, Mainz 2000, ISBN 3-8053-2600-9, S. 97.
Konzeption des spätantiken Kleinkastells mini|Das baulich sehr ähnlich konzipierte Kleinkastell Visegrád-Gizellamajor am pannonischen Donaulimes. Die Kleinfestung gehört zu jenem Typ spätantiker Kastelle, der mit einem streng geometrisch gegliederten Aufbau noch stark an ältere militärische Bautraditionen erinnert. Wehrbauten wie diese sind auch aus anderen Provinzen bekannt. So folgt beispielsweise der Grundriss des 34,3 × 34,3 Meter großen Kleinkastells Visegrád-Gizellamajor am pannonischen Donaulimes in Ungarn einem sehr ähnlichen Aufbau.Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. 2. Auflage, Band 24: Quadriburgium – Rind. de Gruyter, Berlin, New York 2003, ISBN 3-11-017575-4, S. 2. Während der Planungs- und Markierungsphase der Anlage im Gelände nutzten die römischen Ingenieure geometrische Grundformen wie das Quadrat und die daraus resultierende Diagonale. Der Festungsgrundriss wird durch eine quadratische Wehrmauer eingegrenzt, in deren durch Diagonalen gebildeten Schnittpunkt eine Groma, das Hauptvermessungsinstrument, stand. Nachberechnungen zeigen, dass diese sicherlich im Vorfeld der Erbauung festgelegten Maßvorgaben sehr genau eingehalten wurden. Auch die Gesamtausrichtung der Befestigung im Gelände, die einer gedachten Nord-Süd- bzw. West-Ost-Achse relativ genau folgt, bestätigt diese sorgfältige Planung.Der spätrömische Limes in Syrien. Archäologische Untersuchungen an den Grenzkastellen von Sura, Tetrapyrgium, Cholle und in Resafa (= Resafa. Bd. 5). Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2600-9, S. 61. Alle vier Ecken der Umwehrung wurden durch weit über die Kurtinen hervorspringende, leicht über den Viertelkreis gezogene Fächertürme mit elf Metern Seitenlänge gesichert, die wahrscheinlich ziegelgedeckt waren; das einzige Tor befand sich an der Westseite des Kleinkastells. Fächerförmige Türme haben sich in ihren westlichsten Beispielen über Pannonia bis an die Westgrenze der Provinz Noricum Ripense (Kastell Boiotro) erhalten.Der spätrömische Limes in Syrien. Archäologische Untersuchungen an den Grenzkastellen von Sura, Tetrapyrgium, Cholle und in Resafa (= Resafa. Bd. 5). Philipp von Zabern, Mainz 2001, ISBN 3-8053-2600-9, S. 58.