mini|Eine Seite aus dem Codex Sinaiticus, Handschrift

Die Textkritik des Neuen Testaments dient dazu, aus der Fülle der Textvarianten in der handschriftlichen Überlieferung des Neuen Testaments eine möglichst ursprüngliche Fassung der Texte zu rekonstruieren. Sie verwendet zu diesem Zweck dieselben wissenschaftlichen Methoden wie die Klassische Philologie. Allerdings bildet sie einen Spezialfall aufgrund der ungleich größeren Anzahl an Textzeugen (Handschriften) im Vergleich zu jedem anderen antiken Text.

Allgemeines mini|Die Complutensische Polyglotte ist die mehrsprachige gedruckte Erstausgabe des Neuen Testaments. Sie durfte nach dem Druck nicht erscheinen, weil keine päpstliche Genehmigung vorlag. Die Textkritik des Neuen Testaments gehört zum Methodenkanon der historisch-kritischen Bibelforschung. Sie wird jedoch im Gegensatz zu den anderen Arbeitsschritten der historisch-kritischen Methoden auch von vielen evangelikalen und fundamentalistischen Gruppen akzeptiert.vgl. beispielsweise Artikel X der Chicago-Erklärung zur Unfehlbarkeit der Bibel

Die (allgemeine) Textkritik wurde von der klassischen Philologie entwickelt, um antike Texte zu rekonstruieren, die teilweise nur fragmentarisch, dafür in mehreren Traditionslinien überliefert sind. Wie die Textgeschichte des Neuen Testaments zeigt, ist das Neue Testament weitaus besser bezeugt als alle anderen antiken Texte. Das Neue Testament ist ein Sonderfall in der Textkritik durch die große Anzahl der Textzeugen und wegen der Unmöglichkeit, eine vollständige Überlieferungsgeschichte zu erstellen.

Das Neue Testament wurde ursprünglich nicht als komplette Schrift verfasst und tradiert. Die einzelnen Schriften sind an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Zeiten entstanden, wurden später zu vier größeren Textkorpora vereinigt und erst weit danach zu Codices zusammengefasst.

Die vier Teile sind: die vier Evangelien; die katholischen Briefe (Corpus Apostolicum), häufig zusammen mit der Apostelgeschichte; das Corpus Paulinum, zu dem in der Textkritik auch der Hebräerbrief gehört; die Apokalypse des Johannes, sie wurde als einzelnes Buch tradiert.

Viele Handschriften beinhalten daher nur einzelne Teile des Neuen Testaments. Komplette Handschriften gehen in den einzelnen Teilen auf verschiedene Vorlagen zurück. Eine vollständige Handschrift kann in den Evangelien einen guten, jedoch in den übrigen Teilen einen fehlerbelasteten Text haben, oder umgekehrt. Die unterschiedliche Tradierung der einzelnen Teile spiegelt sich bis in die Neuzeit, die selbst in den Druckausgaben noch keine einheitliche Reihenfolge der Bücher aufweist.

Die meisten Autographen des Neuen Testaments entstanden ungefähr zwischen Mitte und Ende des 1. Jahrhunderts, einige wenige noch zu Beginn des 2. Jahrhunderts nach Christus.Zu den jüngsten Schriften gehören die Pastoralbriefe, sie werden von der Forschung für gewöhnlich auf Ende des ersten oder den Beginn des zweiten Jahrhunderts datiert. Auch Judasbrief und 2. Petrusbrief sind auf das erste Drittel des 2. Jahrhunderts datiert. H. Conzelmann, A. Lindemann: Arbeitsbuch z. NT. 10 Aufl. S. 279 + S. 357–358. Die Autographen sind heute verloren und nur noch Abschriften erhalten. Die ersten bekannten Papyrusfragmente sind vom Beginn des 2. Jahrhunderts (z. B. P52). Aus dieser Zeit kommen bereits die ersten Zitate bei den Kirchenvätern und wenig später Übersetzungen in andere Sprachen.Relevant sind die frühen Übersetzungen ins Lateinische, Syrische und in die koptischen Dialekte. Die Übersetzungen ins Armenische, Georgische, Gotische, Äthiopische und Kirchenslavische sind dagegen weniger bedeutsam. Vor dem Beginn des 20. Jh. mit den Papyrusfunden hatte man keine griechischen Textzeugen aus den ersten Jahrhunderten, die bis in die Zeit der Übersetzungen hinabreichten. Die Übersetzungen haben daher ihre frühere Bedeutung für die Textkritik verloren. Die ersten vollständig erhaltenen Textzeugen sind auf Pergament geschrieben und stammen aus dem 4. Jahrhundert (z. B. Codex Sinaiticus).

Es gibt über 5.000 Textzeugen in Griechisch, über 10.000 lateinische Manuskripte und weitere 10.000 Manuskripte von Übersetzungen in andere Sprachen. Die Texte werden zudem häufig von den Kirchenvätern, aber auch von als häretisch angesehenen Autoren wie beispielsweise Marcion oder gnostischen Autoren zitiert.

Die Abschreiber wechselten öfters die Vorlagen, arbeiteten mit mehreren Vorlagen gleichzeitig oder korrigierten die Abschrift später an anderen Vorlagen. Damit haben viele Handschriften nicht einen, sondern mehrere Ursprünge, dieses wird als Kontamination bezeichnet. Das Erstellen eines Stemmas, also eines Stammbaums der Handschriften, ist dadurch sehr schwierig und zum Teil nicht möglich. Die heutigen neutestamentlichen Textkritiker umgehen das Problem, indem sie die Textzeugen in Gruppen sortieren, genannt Texttypen. Die hauptsächlichen Texttypen sind der alexandrinische Typ, der westliche Typ und der byzantinische Typ.

Methode

Kurz beschrieben, geht die Textkritik etwa folgendermaßen vor: Der Text der Handschriften wird rekonstruiert und entziffert. Die vorhandenen Manuskripte werden miteinander verglichen und Varianten festgestellt (Kollation). Die Varianten werden analysiert, insbesondere im Hinblick auf ihre Entstehung. Erfahrungsgemäß kommen dabei vor: Abschreibversehen (doppelte Zeilen oder Wörter (Dittographie), ausgelassene Zeilen oder Wörter (Haplographie), Verwechslung ähnlicher Buchstaben, Schreibfehler); ein schwieriger Text wurde vereinfacht; ein kurzer Text wurde ergänzt; ein ungebräuchlicher Text wurde einem gebräuchlichen angeglichen (z. B. aus Christus Jesus wird Jesus Christus) oder bei den synoptischen Evangelien werden die Lesarten einander angeglichen; eine Änderung auf Grund von Itazismus, ausgelöst von den Lautveränderungen der griechischen Sprache. Eine möglichst ursprüngliche Variante wird ermittelt. Als die ursprünglichere Lesart gilt die, die das Zustandekommen der anderen Lesarten am besten erklären kann (vergleichbar zur Phylogenie). Weitere Faktoren sind dabei auch das Alter oder die Qualität einer Handschrift: Ein Papyrus ist häufig älter als ein Pergament und eine Minuskelhandschrift ist meist jünger als eine Majuskel, entsprechend haben die Textzeugen unterschiedliches Gewicht und unterschiedliche Glaubwürdigkeit in der Frage nach der ursprünglicheren Lesart. Es kann aber auch eine junge Abschrift eine sehr gute und alte Vorlage haben. Ein sehr großer Teil der textkritischen Entscheidungen betrifft unwesentliche Details, die keinerlei Auswirkungen auf den Sinngehalt oder auf die spätere Übersetzung haben. Das gilt beispielsweise, wenn ein Text das Pronomen durch das Bezugswort ersetzt, die Reihenfolge der Wörter im Satz verändert ist oder bei Zusammen- und Getrenntschreibung von Wörtern. Das gilt ebenso in den meisten Fällen für Akzente, diakritische Zeichen oder Satzzeichen. Konjekturen, also vom Herausgeber vorgeschlagene Lesarten ohne überlieferte Textgrundlage, haben bei der heutigen Forschungslage in der neutestamentlichen Wissenschaft keine Berechtigung mehr. Heute ist davon auszugehen, dass wenigstens ein bekannter Textzeuge an der fraglichen Stelle die ursprüngliche Lesart enthält oder wenigstens eine Lesart, die dem ursprünglichen Text sehr nahe kommt.Konjekturen, in der Fachwelt etwas zugespitzt ein anderer Begriff für „freies Erraten“, sind ein Notbehelf, wenn es eine Lücke in der Überlieferung gibt, der Text aus ideologischen Gründen erkennbar nachträglich geändert wurde oder wenn der überlieferte Text so verderbt ist, dass er keinen erkennbaren Sinn mehr ergibt. Für das Neue Testament gibt es nur ganz wenige Einzelfälle, wo das zutreffen könnte, wie z. B. beim Comma Johanneum. Die Redlichkeit verlangt heute, dass Konjekturen in Druckausgaben und in der Übersetzung gekennzeichnet werden. Auch die besten Zeugen sind zu hinterfragen. Kein Textzeuge hat immer und überall recht und jeder Schreiber kann Fehler machen. Jede Textstelle mit abweichender Lesart muss einzeln betrachtet werden und die Entscheidung individuell jedes Mal neu getroffen und begründet werden. Textkritische Entscheidungen vorwiegend anhand der Mehrheit der bekannten Textzeugen entsprechen nicht mehr dem Stand der modernen Textkritik. Die Zahl der Textzeugen hängt hauptsächlich davon ab, welche Überlieferung sich im Lauf der Zeit durchgesetzt hat und ist zu einem gewissen Grad zufällig. In manchen Fällen lassen sich ganze Gruppen von Handschriften, sogenannte Textfamilien, auf eine einzige oder sehr wenige Vorlagen zurückführen. Von textkritischem Wert ist in diesem Fall nur die eine aus den Abschriften rekonstruierbare Vorlage, die allerdings ihrerseits zeitlich weiter zurückreicht als die überlieferten Handschriften.

Diese ganze Arbeit fließt in den so genannten Apparat einer griechischen Textedition ein, mit dem sich die Zuverlässigkeit des Texts beurteilen lässt. Dabei werden in Fußnoten die möglichen Varianten zu einem Bibelvers angegeben, die Textzeugen, in denen die Varianten vorkommen, und meistens eine Bewertung der Variante.

Textkritik interessiert sich nicht für die inhaltliche Auslegung des Textes, sondern liefert als ersten Schritt innerhalb der historisch-kritischen Exegese den im Weiteren zu analysierenden Text. Auf die Textkritik kann nur verzichtet werden, wenn die Textgestalt einer bestimmten Überlieferungstradition durch eine dogmatische Entscheidung als verbindlich festgelegt wird. Friedrich Blass sagt zur Textkritik: „Denn wirklich, sie ist nicht notwendig weder für den Nationalwohlstand, wie man das Geldmachen vornehm nennt, noch für das ganze Getriebe des modernen Lebens, noch für das Getriebe der Kirche, noch, wie ich schon sagte, für die Seligkeit der Seelen; weshalb ist sie überhaupt notwendig? Sie ist es, sage ich, für vernünftige und gebildete Menschen, oder mit anderem Ausdruck für denkende Christen.“Friedrich Blass: Über Notwendigkeit und Wert der Textkritik des Neuen Testamentes. Barmen, 1901 S. 13.

Textkritik wird in den Anfängen vor allem begriffen als Rückkehr zu den Ursprüngen. Das Ziel ist dabei, die späteren Zusätze als sekundär oder sogar als Verfälschung zu eliminieren. Textkritik wird andererseits als notwendiges Übel der vielfältigen Überlieferung angesehen. Die Textkritik rekonstruiert die Überlieferung des neutestamentlichen Textes mit seinen Übersetzungen, Glossierungen, Zusätzen und Veränderungen. Die vielfältige Überlieferung kann somit nicht nur als Mangel, sondern auch als Reichtum gesehen werden. Texterweiterungen und Änderungen sind dabei als Auslegung und Verstehenshilfe der Vorlagen zu verstehen und Textvarianten werden als Teil der Hermeneutik und der Auslegungsgeschichte begriffen.

Geschichte der Textkritik des NT mini|Titelblatt von Novum Instrumentum omne, der ersten im Handel erhältlichen Textausgabe von Erasmus

Die ersten gedruckten Ausgaben und der Textus Receptus Mit dem Aufkommen des Buchdrucks und der neuzeitlichen Übersetzungen bekam die Frage nach dem richtigen Bibeltext ein besonderes Gewicht. Kardinal Francisco Jiménez de Cisneros druckte 1514 zum ersten Mal in der Complutensischen Polyglotte unter hohem persönlichem und finanziellem Einsatz den griechischen Text. Es gab aber bis 1520 keine päpstliche Erlaubnis, den Druck zu veröffentlichen. Er selbst starb schon 1517. Die erste im Handel erhältliche gedruckte Ausgabe Novum Instrumentum omne des griechischen Neuen Testaments von Erasmus von Rotterdam erschien 1516 und etablierte den später so bezeichneten Textus Receptus. Sie basierte auf nur wenigen eher zufällig ausgewählten und vergleichsweise jungen Handschriften des byzantinischen Typs, außerdem auf der Vulgata. Erasmus übersetzte die Vulgata an einigen Stellen ins Griechische zurück und erschuf dabei einige neue Begriffe, die aber längere Zeit Bestand hatten. Die zweite Auflage von 1519 wurde zur Grundlage der Lutherbibel.