Das stillgelegte Kernkraftwerk Grohnde (KWG) liegt an der Weser nördlich des Ortsteils Grohnde in der niedersächsischen Gemeinde Emmerthal im Landkreis Hameln-Pyrmont. Zentraler Bestandteil des Kernkraftwerks ist ein Druckwasserreaktor der 1300-MW-Baulinie, der von der Kraftwerk Union errichtet wurde. Das Kraftwerk wurde von der Gemeinschaftskernkraftwerk Grohnde GmbH & Co. oHG betrieben. Gesellschafter waren Preussenelektra (83,3 %) und Stadtwerke Bielefeld (16,7 %). Die Betriebsführerschaft lag bei PreussenElektra.
Die Nennleistung des Kraftwerks betrug 3900 Megawatt (thermisch). Die elektrische Nettoleistung lag bei etwa 1360 Megawatt. Zum Einsatz kamen 193 UO2-Brennelemente mit einer Anreicherung bis zu 4 Gew.-% 235U, sowie MOX-Brennelemente. Der Reaktor gehört zur zweiten Generation in Deutschland, den sogenannten Vor-Konvoi-Anlagen, und wurde erstmals am 1. September 1984 kritisch (das heißt Normalbetriebszustand erreicht). Nach 37 Jahren Betriebszeit erfolgte die Stilllegung am 31. Dezember 2021.Abgeschaltet: Atomkraftwerk Grohnde endgültig vom Netz bei ndr.de vom 1. Januar 2022 Am 7. Dezember 2023 erhielt die PreussenElektra die erste Genehmigung zur Stilllegung und zum Abbau der Anlage.
Standort Das Kernkraftwerk Grohnde liegt im Süden von Niedersachsen am nördlichen Mittelgebirgsrand im Wesertal, etwa acht Kilometer südlich der Stadt Hameln in der Gemeinde Emmerthal. Verwaltungsmäßig gehört es zum Landkreis Hameln-Pyrmont. Das namensgebende Dorf Grohnde liegt zwei Kilometer südlich vom Kraftwerksstandort. Das stillgelegte Kernkraftwerk Grohnde befindet sich 72 Meter über Normalnull in dem hier auf drei bis vier Kilometer breit ausgeweiteten Wesertal, das in diesem Bereich in nordwestlicher Richtung verläuft. Die Berge am linken Weserufer gehören zum Weserbergland, das hier bis zu 350 Meter ansteigt; am gegenüberliegenden Weserufer zeigen sich die Ausläufer von Ith und Süntel.
Die nächste Ortschaft ist neben dem erwähnten Grohnde das auf dem anderen Weserufer in 1,8 km Entfernung liegende Dorf Latferde; ansonsten ist die direkte Umgebung des Kraftwerks laut Betreiberangaben in einem Radius von einem Kilometer unbewohnt. E.On Hannover, 2001 Die nächsten großen Städte außerhalb des Landkreises Hameln-Pyrmont sind das 50 km nordöstlich gelegene Hannover mit Einwohnern und das 38 km östlich liegende Hildesheim mit Einwohnern. 61 km westlich von Grohnde befindet sich Bielefeld mit Einwohnern, 71 km westlich Gütersloh mit Einwohnern sowie 55 km südwestlich Paderbornluftlinie.org mit Einwohnern. Im direkten Umkreis von 10 Kilometern leben etwa 80.000 Menschen.
Der Standort zeichnet sich durch eine nicht zu erwartende Erdbebentätigkeit aus. In den letzten 1000 Jahren hat es hier in einem Radius von 200 km nur selten Schäden durch Erdbeben gegeben, und er gilt deshalb als erdbebensicher.
Das stillgelegte Kernkraftwerk Grohnde ist gut an das umgebende Verkehrsnetz angeschlossen: Westlich läuft die Bundesstraße 83, und nördlich befindet sich in 10 km Entfernung die Eisenbahnverbindung Hannover–Altenbeken, die über einen Gleisanschluss an die Bahnstrecke Bodenwerder–Emmerthal vom Kraftwerk aus zu erreichen ist. Das nächste, inzwischen jedoch ebenfalls stillgelegte, Kernkraftwerk war Würgassen, 44 km Luftlinie südlich gelegen, ebenfalls an der Weser.
Der produzierte Strom wurde in das Höchstspannungsnetz der Tennet TSO eingespeist.
Geschichte Betreiber Das Kernkraftwerk Grohnde ist von der E.ON-Vorgängerin PreussenElektra und der Gemeinschaftskraftwerk Weser GmbH geplant und gebaut worden. Dazu wurde 1975 die Gemeinschaftskraftwerk Grohnde GmbH gegründet, die zu 50 % der E.ON-Vorgängerin PreussenElektra AG und zu 50 % der Gemeinschaftskraftwerk Weser GmbH gehörte. An der Gemeinschaftskraftwerk Weser GmbH waren wiederum die Stadtwerke Bielefeld, das Elektrizitätswerk Minden-Ravensberg (EMR) und die Elektrizitätswerke Wesertal GmbH zu je 33,3 % beteiligt. An der Elektrizitätswerke Wesertal GmbH waren wiederum die Landkreise Hameln-Pyrmont, Holzminden, Schaumburg und Lippe beteiligt.
Im Jahr 2000 fusionierten PreussenElektra und Bayernwerk AG zur E.ON Energie. Im Februar 2003 übernahmen die E.ON Energie AG mit 83,3 % und die Stadtwerke Bielefeld mit 16,7 % die Betreibergesellschaft „Gemeinschaftskernkraftwerk Grohnde GmbH & Co. oHG“. Betreiber wurde die E.ON Kernkraft GmbH.
Am 1. Juli 2016 wurde E.ON Kernkraft GmbH in PreussenElektra GmbH umbenannt, als Folge der Aufspaltung des E.ON-Konzerns in eine neue und eine konventionelle Energiewelt. preussenelektra.de; abgerufen am 27. November 2016.
Bau und Widerstand mini|Demonstranten bei den Protesten gegen den Bau des Kernkraftwerks Grohnde im Jahr 1977 mini|Demonstration von Atomkraftgegnern vor dem Werk im Jahr 2011
Am 3. Dezember 1973 wurde der Bauantrag beim Niedersächsischen Sozialministerium gestellt. Im Juli 1973 rief der Weltbund zum Schutz des Lebens in Niedersachsen zum Widerstand gegen das geplante Kernkraftwerk Grohnde auf.Weser-Kurier, 17. Juli 1973, S. 15 Gegen den Bauantrag reichten im Sommer 1974 über 12.000 Menschen Einsprüche ein. Beim Erörterungstermin am 3./4. Oktober 1974 wurden die Bedenken vorgetragen. Trotzdem erteilte das Niedersächsische Sozialministerium am 8. Juni 1976 die erste Teilerrichtungsgenehmigung.Bundesarchiv, Ordner B 106/87711 Gegen den Bau des Kernkraftwerkes kam es in Grohnde zu weiteren, teilweise heftigen Protesten. Eine Demonstration mit schätzungsweise 15.000 Demonstranten und etwa 4000 Polizeibeamten am 19. März 1977Jürgen Schröder: AKW Grohnde - Materialien zur Analyse von Opposition. MAO Datenbank, mao-projekt.de, 20. März 2015; abgerufen am 31. August 2017. führte zu einer versuchten Bauplatzbesetzung (inspiriert durch den Protest gegen das Kernkraftwerk Wyhl). Den zum Teil mit Gasmasken und Helmen ausgerüsteten Demonstranten gelang es, auf etwa 10 Metern Länge den doppelten Metallgitterzaun einzureißen.Oliver Weiße: Anti-AKW-Protest 1977: „Schlachtfeld“ Grohnde. ndr.de, 19. März 2017; abgerufen am 31. August 2017. Mit vielen Verletzten war dies die bis dahin gewalttätigste Auseinandersetzung der westdeutschen Demonstrationsgeschichte. Sie ging als „Schlacht um Grohnde“ in die Protestgeschichte der Anti-Atomkraft-Bewegung ein. Die Gewalttätigkeiten führten zu kontroversen Diskussionen über die Legitimität verschiedener Methoden des Protests. Der Protest der 1970er bis 1990er Jahre wurde vom Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom im Jahr 2017 in einer Wanderausstellung mit dem Titel 40 Jahre „Schlacht um Grohnde“ dokumentiert.Bernhard Gelderblom: Die „Schlacht um Grohnde“ am 19. März 1977, online auf grohnde.gelderblom-hameln.de; abgerufen am 1. September 2017.
Im August 2014 gründete sich in Hameln der Rechtshilfefonds Atomerbe Grohnde e. V. Vereinszweck ist die Unterstützung einer Klage von privaten Anliegern gegen das zuständige Niedersächsische Umweltministerium (NMU) mit dem Ziel, die Betriebsgenehmigung für das Kernkraftwerk Grohnde zu widerrufen. Nachdem ein im März 2015 eingereichter Antrag im Oktober 2015 vom NMU abgewiesen worden war, reichte der Rechtsvertreter der Anlieger unmittelbar danach Klage beim OVG Lüneburg ein. Ein zentraler Punkt der Klageschrift ist der fehlende Schutz für den Fall eines terroristisch motivierten Absturzes eines Großflugzeuges (z. B. Airbus A380) auf das Reaktorgebäude. Die potenzielle Bedrohung durch Verkehrsflugzeuge erlangte im Rahmen von Renegade-Fällen Bekanntheit und ist in den Lastannahmen für Kernkraftwerke nicht vorgesehen. Die Klageerwiderung des NMU liegt seit Mai 2017 vor. Die Kläger haben dazu eine Gegendarstellung vorgelegt. Im Dezember 2018 lud das OVG die Klageparteien zu einem Erörterungstermin nach Lüneburg ein, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Eine Verhandlung war bis zur endgültigen Stilllegung des Kraftwerkes am 31. Dezember 2021 (sechs Jahre nach Klageerhebung) vom Gericht noch nicht terminiert worden. Die Kläger haben ihre Klage inzwischen zurückgezogen.Rechtshilfefonds Atomerbe Grohnde e. V. rechtshilfe-atomerbe-grohnde.de; abgerufen am 31. August 2017.
Betriebsgeschichte mini|Kernkraftwerk Grohnde im Hintergrund über die Weser gesehen, Januar 2010 Im Betriebsanlauf wurde der Reaktor erstmals am 1. September 1984 kritisch. Die Anlage begann ihren kommerziellen Leistungsbetrieb nach dem Atomgesetz am 1. Februar 1985.
Im Kalenderjahr 1997 erzielte das Kernkraftwerk mit einer Bruttostromerzeugung von 12.528.660 MWh seinen Spitzenwert.
2011 waren in dem Kernkraftwerk 345 Mitarbeiter beschäftigt, 2018 waren es 350 eigene Mitarbeiter (davon 18 Auszubildende) sowie zusätzlich „zahlreiche Mitarbeiter von Partnerfirmen“. mini|Kernkraftwerk Grohnde, nachts von der Weserseite Am 30. März 2011 kam das Gerücht auf, die thermische Leistung des Kraftwerks sei bei einer Revision im Jahr 2009 von 3900 auf 4000 Megawatt erhöht worden; der Betreiber habe Turbinenschaufeln ausgetauscht. Laut Pressemeldungen lag zu diesem Zeitpunkt noch keine Genehmigung des zuständigen Ministeriums vor. Tatsächlich unterlagen und -liegen Änderungen an der Turbine (bei einem Druckwasserreaktor fließt dort kein radioaktives Medium) nicht der atomrechtlichen Aufsicht; eine Erhöhung der thermischen Leistung gab es nicht.
Anfang 2013 kam es zur Diskussion über den Einsatz der MOX-Brennelemente. Verschiedene Bürgerinitiativen äußerten sich sehr kritisch über den geplanten Einsatz von acht MOX-Brennelementen. Am 13. Mai 2013 gab der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel (Bündnis 90/Die Grünen / Kabinett Weil I) nach eingehender Diskussion mit verschiedenen Umweltverbänden mit der Zustimmung zum Wiederanfahren die Erlaubnis für den Einsatz dieser MOX-Brennelemente im KKW Grohnde. Auch im Jahr 2014 wurden mit Zustimmung von Stefan Wenzel wieder neue MOX-Brennelemente eingesetzt.
Im April 2014 wurde das KKW zur jährlichen Revision heruntergefahren. Bei den wiederkehrenden Prüfungen wurden neben einem Defekt an einem Generator auch Schäden an den Niederhaltefedern der Drosselkörper entdeckt. Die Drosselkörper sitzen in den Führungsrohren der Brennelemente, die keine Steuerstäbe haben, und sollen den Kühlmittelfluss optimieren, also vergleichmäßigen. Eine sicherheitstechnisch wichtige Funktion haben sie nicht. Das Niedersächsische Umweltministerium als zuständige Aufsichtsbehörde forderte daraufhin eine vollständige Untersuchung aller Drosselkörperfedern und den Austausch der dabei gefundenen beschädigten Drosselkörper. Nach Abschluss aller Arbeiten und damit kurz vor dem Wiederanfahren erhielt der Umweltminister Stefan Wenzel von einem Atomkraftgegner den Hinweis, bei der Revision sei angeblich eine wichtige Armatur fehlerhaft repariert worden; der Minister hielt daraufhin seine bereits vorbereitete Zustimmung zum Wiederanfahren zurück und informierte die Staatsanwaltschaft Hannover. E.ON hatte dagegen unverzüglich einen Eilantrag vor Gericht gestellt, über den das Oberverwaltungsgericht Lüneburg entscheiden sollte. Da sich die Staatsanwaltschaft aber weigerte, überhaupt Ermittlungen aufzunehmen, weil sie keinen Anfangsverdacht sah, und E.ON gegenüber der Aufsichtsbehörde nachwies, dass die Anschuldigungen unzutreffend und frei erfunden seien, gab es für Umweltminister Wenzel keine Möglichkeit mehr, die Zustimmung zum Wiederanfahren zu verweigern. Sie wurde noch am selben Tag erteilt; bereits 24 Stunden später war das Kraftwerk wieder am Netz.
Da die gesetzliche Reststrommenge von 200,90 TWh zum zweiten Quartal 2019 aufgebraucht war, kaufte die Betreibergesellschaft weitere 4,7 TWh von PreussenElektra. Die Strommenge sichert den Weiterbetrieb zunächst bis Oktober 2019 und wurde aus den stillgelegten Kernkraftwerken Unterweser, Isar 1 und Grafenrheinfeld übertragen.