Dieser Artikel gibt einen Überblick über die deutschsprachige Lyrik von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Die zeitlichen Einteilungen geben eine allgemeine chronologische Orientierung; sie bilden insbesondere für die Lyrik der Moderne keine lineare, folgerichtige Entwicklung ab.
Geschichte der deutschsprachigen Lyrik Anfänge im Frühmittelalter mini|Wessobrunner Gebet, Doppelseite aus der Hs. Clm 22053, 65v und 66r
Lyrische Texte in griechischer und lateinischer Sprache kennt man bereits aus der Antike. Das Lateinische war lange die Schriftsprache der Gebildeten, schriftliche Dokumente in den europäischen Volkssprachen werden in größerem Stil erst ab dem späten 8. Jahrhundert unserer Zeitrechnung verfasst, so auch im deutschsprachigen Raum. Aus dieser Zeit sind vor allem Texte überliefert, die in kultischen oder religiösen Zusammenhängen entstanden sind, die sogenannten Zaubersprüche. Zu den ältesten überlieferten deutschsprachigen Gedichten (und literarischen Überlieferungen überhaupt) zählen die Merseburger Zaubersprüche und der Lorscher Bienensegen aus dem frühen 9. Jahrhundert n. Chr. Diese Texte, die als Beschwörungsformeln, Heil- und Segenssprüche gelesen werden, sind in althochdeutscher Sprache verfasst. Typisch für diese frühe Lyrik ist die Verwendung von germanischen Stabreimen und Endreimen.Thomas Bein: Deutschsprachige Lyrik des Mittelalters. Erich Schmidt, Berlin 2017, ISBN 978-3-503-17167-5, S. 78–84.
Ein weiteres wichtiges Beispiel früher althochdeutscher Lyrik ist das Wessobrunner Gebet, ein zweiteiliger Text, in dem auf einen in Stabreimen verfassten germanischen Schöpfungsbericht ein in Prosa geschriebenes christliches Gebet folgt. Den Übergang von der Stabreimdichtung aus der germanischen Tradition zur Endreimdichtung, wie man sie heute noch kennt, markiert unter anderem das Muspilli, ein bairisches Gedicht, das den Weltuntergang zum Thema hat.Ernst und Erika von Borries: Deutsche Literaturgeschichte. Band 1: Mittelalter, Humanismus, Reformationszeit, Barock. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1991, ISBN 3-423-03341-X, S. 30–31.
Hochmittelalter mini|100px|Walther von der Vogelweide
Ab dem 12. Jahrhundert bilden sich drei Grundformen der Lyrik des Mittelalters heraus: der Minnesang, die Sangspruchdichtung und der Leich. Während im Minnesang zentral die Beziehung des dichtenden Ichs mit einer meist (geografisch oder sozial) unerreichbaren Frau ist, befasst sich die Sangspruchdichtung mit Fragen weltlicher und geistlicher Ethik, häufig mit einem lehrhaften Ton. Sowohl im Minnesang als auch in der Sangspruchdichtung finden sich eher kurze Gedichte. Der Leich dagegen ist eine spezifisch mittelalterliche lyrische Großform vor allem des 13. Jahrhunderts, die mehrere Hundert Verse umfassen kann.Thomas Bein: Deutschsprachige Lyrik des Mittelalters. Erich Schmidt, Berlin 2017, ISBN 978-3-503-17167-5, S. 46–47, 88. Bei der Ausbildung der Lyrik im Hochmittelalter wirken auch Impulse aus der mittellateinischen Vagantendichtung und Marienlyrik, der Rezeption der romanischen Trobadordichtung und der arabischen Lyrik mit.Thomas Bein: Deutschsprachige Lyrik des Mittelalters. Erich Schmidt, Berlin 2017, ISBN 978-3-503-17167-5, S. 91–100.
Frühe Vertreter des Minnesangs sind Dietmar von Aist und ein Dichter, der in der mittelalterlichen Manessischen Liederhandschrift als Der von Kürenberg geführt wird. Von diesen frühen Anfängen im 12. Jahrhundert entwickelt sich die Liebeslyrik weiter zur Hohen Minne, zu deren Vertretern unter anderem Reinmar der Alte und ein Dichter unter dem Namen Kaiser Heinrich zählen. Der von den mittelalterlichen Dichtern am besten überlieferte ist sicher Walther von der Vogelweide, der sich im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert bereits kritisch mit der Minnesangtradition auseinandersetzt und sie variiert. Hartmann von Aue führt das Kreuzzugmotiv in die Liebeslyrik ein.Thomas Bein: Deutschsprachige Lyrik des Mittelalters. Erich Schmidt, Berlin 2017, ISBN 978-3-503-17167-5, S. 101–172. Einen Versuch, das Schema des Minnesangs zu durchbrechen, findet man im späten 13. bis frühen 14. Jahrhundert bei Heinrich von Meißen (genannt 'Frauenlob'), der versucht, die Liebeslyrik mit naturphilosophischen Konzepten zu verbinden.Thomas Bein: Deutschsprachige Lyrik des Mittelalters. Erich Schmidt, Berlin 2017, ISBN 978-3-503-17167-5, S. 192–193.
Walther von der Vogelweide ist auch als Sangspruch- und Leichdichter bedeutend. In vielen Literaturgeschichten gilt er als der erste politische Lyriker, da er in seiner Dichtung auch auf tagespolitische Ereignisse Bezug nimmt. Neben Walther sind als wichtige Sangspruch- und Leichdichter noch Rumelant und der schon erwähnte Frauenlob zu nennen, der unter anderem mit seinem Marienleich einen wesentlichen Beitrag zur mittelalterlichen Marienlyrik leistet.Thomas Bein: Deutschsprachige Lyrik des Mittelalters. Erich Schmidt, Berlin 2017, ISBN 978-3-503-17167-5, S. 207, 221, 224.
Humanismus und Reformation In Deutschland treten neben den Verfassern (anfangs noch lateinischer) humanistischer Lyrik Dichter muttersprachlicher Lieddichtung hervor. Zu dieser zählen einerseits protestantische Kirchenlieder wie die von Martin Luther, andererseits säkulare Dichtung und hier vor allem der Meistersang. Beim Meistersang handelt es sich um Lyrik hauptsächlich von mittelständischen Handwerksmeistern, deren Inhalte von weltlichen Schwänken bis zu weltlicher Belehrung und religiöser Erbauung reichen. Heute bekanntester Vertreter der ständisch-bürgerlichen Meistersinger ist Hans Sachs, der dem jungen Goethe als Vorbild dient und den Richard Wagner in seiner Oper Die Meistersinger von Nürnberg verewigt.Walter Hinderer (Hrsg.): Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Reclam, Stuttgart 1983, , S. 62–63.
Beim weltlichen Lied reicht die Bandbreite der Formen im 16. Jahrhundert von Dichtung für fürstliche Höfe und das Bürgertum bis hin zu Brauchtumsliedern, erotischen Schwänken und Handwerker- und Landsknechtliedern. Form, Themen und Motive knüpfen häufig an spätmittelalterliche Traditionen an. Ein Beispiel einer Sammlung von älteren Überlieferungen, kunstvollen Stücken und Volksliedgut ist die Kollektion Frischer Teutscher Liedlein (1539–1556), die der Komponist Georg Forster am Heidelberger Hof zusammenstellt. Von Beginn des 16. Jahrhunderts an machen sich auch Einflüsse aus Italien in der deutschen Lyrik bemerkbar.Walter Hinderer (Hrsg.): Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Reclam, Stuttgart 1983, S. 62–63.
Barock mini|229x229px|Andreas Gryphius (1616–1664)
Durch Luther, den zunehmenden Einfluss der italienischen und französischen Dichtung und den erneuten Rückgriff auf die lateinische Lyrik (Horaz) beginnt in der deutschen Barockzeit eine neue Tradition vielfältiger und formstrenger Gesellschaftslyrik. Mit seiner Regelpoetik Buch von der Deutschen Poeterey publiziert Martin Opitz 1624 ein Standardwerk über die Formen deutscher Lyrik, das als Plädoyer für wohlstrukturierte und formal strenge Lyrik maßgeblichen Einfluss auf seine Zeit und die nachfolgenden Epochen hat.Walter Hinderer (Hrsg.): Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Reclam, Stuttgart 1983, S. 80–83.
Die Trennung zwischen geistlicher und weltlicher Lyrik besteht auch in der Barockzeit weiter fort. Die zentralen Motive der weltlichen barocken Dichtung zeigen sich besonders anschaulich in der Lyrik von Andreas Gryphius – das Vanitas-Motiv und damit verbunden das Motiv der Todessehnsucht, aber auch das hedonistische Carpe diem. Ein weiterer bedeutender Exponent der weltlichen Dichtung ist Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, der als Hauptvertreter der Galanten Poesie gilt.
Die wichtigsten Vertreter des protestantischen Kirchenlieds sind Johannes Heermann und Paul Gerhard, der Gedichte einer Tradition christlicher Andacht und Erbauung verpflichtet sind. Bis heute bekannt ist Gerhard mit dem aus einem lateinischen Hymnus umgesetzten Lied O Haupt voll Blut und Wunden und seinen volkstümlichen Liedern Befiehl du deine Wege und Geh aus mein Herz und suche Freud. Auf katholischer Seite ist als wichtiger Vertreter des Kirchenlieds Friedrich Spee zu nennen.Walter Hinderer (Hrsg.): Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Reclam, Stuttgart 1983, S. 102–104.
Neben Spee und den protestantischen Lieddichtern ist die Tradition der christlichen Mystik von Bedeutung. Ziel der Lyrik sind hier nicht religiöse Andacht und Predigt, sondern der Ausdruck religiöser Begeisterung mit kunstvollen Mitteln und neuplatonisch geprägte Naturspekulation. Zu den wichtigsten Vertretern dieser Literatur zählen unter anderem Jacob Böhme und Angelus Silesius. Weiterentwicklungen der Barockmystik finden sich bei der österreichischen Dichterin Catharina Regina von Greiffenberg, die ihre göttliche Inspiration mit eigenwilligen Wortschöpfungen wie Müh-Ergötzungs-Zeit vermittelt, und bei Quirinus Kuhlmann, der die Formgesetze der zeitgenössischen Lyrik durch den inflationären Einsatz von Paradoxien und Hyperbeln sprengt.Walter Hinderer (Hrsg.): Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Reclam, Stuttgart 1983, S. 108–110.Ernst und Erika von Borries: Deutsche Literaturgeschichte. Band 1: Mittelalter, Humanismus, Reformationszeit, Barock. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1991, ISBN 3-423-03341-X, S. 373–375.
18. Jahrhundert mini|243x243px|Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) Mit dem Aufkommen des Pietismus erhält die geistliche Lyrik zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine individuellere Prägung. Besonders die Lieder von Gerhard Tersteegen sind Ausdruck dieser Entwicklung. Friedrich Gottlieb Klopstock und Matthias Claudius gelten mit ihrer Naturlyrik als Wegbereiter der Strömung des Sturm und Drangs in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Im Sturm und Drang nehmen vor allem junge Autoren die sozialrevolutionären Impulse der Aufklärung auf, stellen dem Gemeinschafts- und Vernunftgedanken aber den Primat des subjektiven Gefühls gegenüber. Die heute bekanntesten Vertreter dieser Epoche sind der junge Johann Wolfgang von Goethe, dessen Gedichte Prometheus und Ganymed als programmatisch gelten, und der junge Friedrich von Schiller.
Weimarer Klassik mini|239x239px|Friedrich Schiller (1759–1805) mini|217x217px|Friedrich Hölderlin (1770–1843) In den 1780er Jahren vollzieht sich der Übergang von der Lyrik des Sturm und Drang zu der der Klassik, die sich durch strengere formale Regeln und eine stärkere Orientierung an gesellschaftlichen Idealen auszeichnet. Wie dem zeitgleichen Klassizismus in der bildenden Kunst dient der Weimarer Klassik besonders die Griechische Klassik inhaltlich und formal als Bezugswelt. Johann Wolfgang von Goethes Gedichtzyklus West-östlicher Diwan und Friedrich Schillers Balladen Die Götter Griechenlands, Die Bürgschaft und Das Lied von der Glocke zählen zu den Höhepunkten klassischer deutschsprachiger Lyrik. Ein weiterer bedeutender Klassiker ist Friedrich Hölderlin.
Romantik mini|219x219px|Novalis (1772–1801)
Unter den Philologen der Romantik ist besonders August Wilhelm von Schlegel hervorzuheben, der sich intensiv mit Lyrik befasste. Die frühromantische Lyrik ist vor allem von Novalis geprägt, dessen Gedichtzyklus Hymnen an die Nacht zu den Hauptwerken der Epoche zählt. Sein Romanfragment Heinrich von Ofterdingen enthält eine besondere Vielfalt verschiedenartiger Gedichte, die von volksliedhaften Dichtungen bis zu hochkomplexer philosophischer und mystischer Lyrik reicht, darunter auch das für die Romantik programmatische Gedicht Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren. Der Roman ist ein prominentes Beispiel für die in der Romantik geforderte Vermischung der literarischen Gattungen. Die Romantik forderte auch eine Rückkehr zu religiösen Themen, was sich etwa in Novalis’ Geistlichen Liedern niederschlägt.