Alceste oder Alcides (HWV 45) ist die Bühnenmusik von Georg Friedrich Händel zum Schauspiel von Tobias Smollett und sein einziges Projekt großen Formats für das englische Theater, die er im Alter von fast 65 Jahren in Angriff nahm. Obwohl die Musik dieser Semi-Oper seiner Reifezeit hervorragend ist, ließ die Tücke des Objekts das Vorhaben ganz ohne Verschulden des Komponisten scheitern; die Musik wurde daher nie in der vorgesehenen Gestalt aufgeführt.

Entstehung Obwohl Händel als Opern- und Oratorienkomponist fast fünfzig Jahre lang für die Londoner Theater tätig war, schrieb er nur wenig eigentliche Schauspielmusik für Theaterstücke. Allerdings war eine seiner ersten Opernouvertüren (zu Rodrigo) als Bühnenmusik für eine Wiederaufführung von Ben Jonsons The Alchemist im Jahre 1710 verarbeitet worden (siehe The Alchemist). Nur drei Lieder für Stücke von John Gay (The What D'ye Call It, 1715), James Miller (The Universal Passion, 1737) und William Congreve (The Way of the World, 1740) wurden speziell für das englische Theater komponiert und zu Händels Lebzeiten aufgeführt. 1745 komponierte er den Epilog für eine private Inszenierung von John Miltons Masque Comus (siehe Händels Comus).Anthony Hicks: Theatre Music Vol. II. Aus dem Englischen von Henning Weber. L’oiseau-Lyre (Decca) DSLO 598, London 1982.

Am 27. April 1749 wurde der Status Händels, der sich zusehends zu einer Ikone der britischen Musikkultur entwickelt hatte, mit einer Freiluftaufführung der Music for the Royal Fireworks (Feuerwerksmusik, HWV 351) im Londoner Green Park in der Nähe des St James’s Palace weiter untermauert. Nachdem er einige Jahre damit verbracht hatte, als Reaktion auf den Jakobitenaufstand triumphale Oratorien zu schreiben, die zwar reich an guten Melodien aber arm an künstlerischer Subtilität waren, kehrte Händel kurz zuvor zur künstlerischen Form des Oratoriums zurück, welche von ihrem Ansatz her eher anspruchsvoll war: 1749 hatten in seiner Oratorien-Reihe am Covent Garden Theatre auch die Uraufführungen von Susanna (HWV 66) und Solomon (HWV 67) stattgefunden. Trotzdem würde diese Laufbahn voller Höhen und Tiefen auch noch weitere Rückschläge erfahren. Vier Tage nach Händels Uraufführung von Susanna schrieb der in Schottland geborene Autor Tobias Smollett in einem Brief an den Geistlichen Alexander Carlyle:

Wie sich herausstellen sollte, war Smolletts Formulierung „ohne jeden Zweifel“ wohl doch naiv überoptimistisch.

Alceste war wohl eine teure Zusammenarbeit des Bühnendichters Smollett, des Ensembles der Schauspieler und Sänger des Covent Garden Theatre, des Theatereigentümers und -managers John Rich, des renommierten Komponisten Händel, seines Librettisten Thomas Morell (der wahrscheinlich statt Smollett die Texte zu den Liedern lieferte) und des bekannten Bühnenbildners Giovanni Niccolò Servandoni, der eine Vorliebe für aufwändige Kulissen hatte, geplant gewesen. Servandoni (eigentlich Jean-Nicolas Servan) war ein in Frankreich geborener Künstler, der in den 1720er-Jahren als Bühnenmaler an einigen Opernproduktionen der Royal Academy of Music mitgewirkt hatte. Außerdem hatte er kurz zuvor den kunstvollen Temple of Peace (Friedenstempel) für die Feierlichkeiten im Green Park entworfen, bei denen auch Händels Feuerwerksmusik erklang.

Smollett studierte in den 1730er Jahren zunächst Medizin, ohne jedoch einen formalen Abschluss in diesem Fach zu bekommen. Nach einer kurzen Tätigkeit als Assistent eines Chirurgen in Glasgow, zog er 1739 nach London, um dort sein Glück als Dramatiker zu versuchen. Er war jedoch damit nicht sonderlich erfolgreich und reiste 1740 als zweiter Maat eines Schiffsarztes an Bord der HMS Chichester nach Jamaika, wo er sich für mehrere Jahre niederließ. Nach seiner Rückkehr 1744 baute er sich in London nach und nach eine literarische Karriere als Bühnendichter, Autor, Historiker und Kritiker auf, während er 1747 parallel dazu eine Arztpraxis in London eröffnete.P. Harper: Tobias Smollett and the Practice of Medicine. In: The Yale journal of biology and medicine. Band 2, Nummer 6, Juli 1930, S. 408–416, PMID 21433464, . Sein erster Roman, The adventures of Roderick Random (1748), war recht erfolgreich, aber sein erstes Drama weniger: die Tragödie The Regicide (Der Königsmörder, 1749) wurde nirgends aufgeführt. Jedoch scheint ihm Rich kurz darauf einen Vorschuss von £ 100 für ein neues Theaterstück nach dem klassischen Drama Alkestis des Athener Tragödiendichters Euripides (5. Jh. v. Chr.) gezahlt zu haben, obwohl Smollett 1749 The Regicide mit einer Einleitung drucken ließ, in der er darlegte, dass verschiedene Intendanten angeblich das Werk anzusetzen versprochen und dann ihr Versprechen gebrochen hätten, darunter Rich, den Smollett bereits in einem satirischen Gedicht attackiert hatte und der in einer anderen, dem Roderick Random einverleibten Fassung der Regicide-Erzählung als „Mr. Vandal“ erschien.Anthony Hicks: Theatre Music Vol. I. Aus dem Englischen von Gery Bramall, L’oiseau-Lyre (Decca) DSLO 581, London 1980.

Im September 1749 legte Smollett sein Manuskript der Alceste vor, sodass Rich mit den Proben für das Schauspiel anfangen konnte, und am 27. Dezember begann Händel mit der Komposition der Partitur, angefangen den 27. Decembr.1749 ☿ [Mittwoch], die er am 8. Januar 1750 fertigstellte: Fine G.F. Handel völlig geendiget den 8. January ☉ [Sonntag] 1750. Trotz seiner langjährigen Erfahrung mit der Aufführung italienischer Opern, englischer Oratorien und anderer Werke in englischer Sprache auf den Londoner Bühnen handelte es sich bei Alceste um Händels einzigen umfangreichen Versuch, Bühnenmusik für das englische Sprechtheater anzubieten. Der im 18. Jahrhundert lebende Musikhistoriker Sir John Hawkins behauptete, dass Händel die Komposition unternommen habe, weil er in Richs Schuld stand, und es ist anzunehmen, dass der Komponist nicht zu den Hauptinitiatoren des Projekts gehörte. Händel hatte bereits eine Kopie des Autographs als Direktionspartitur („Handexemplar“) durch Johann Christoph Schmidt jun. veranlasst, die Partien verteilt und die Namen der vorgesehenen Sänger in die Partitur eingetragen.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8. Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4, S. 511 Indes stand die Produktion unter keinem guten Stern, denn kurz nach dem Beginn der Gesamtproben wurde die Produktion der Alceste aus Gründen, die heute unklar sind, abgesagt. Anfang Februar, also zu einer Zeit, da Alceste aufführungsreif gewesen wäre, wurde eine neue, von Rich erdachte Pantomime uraufgeführt.

Die Kopie eines Librettos zu einer Wiederaufnahme von Händels Hercules (HWV 60), welches sich heute in der Bibliothèque nationale de France befindet, enthält einige erstaunliche Anmerkungen Morells zu Alceste. Er behauptet, das Werk sei (von Herrn Rich geplant) gewesen und dass er selbst (und nicht etwa Smollett) die Texte für die Lieder geschrieben habe. Rich habe aber Händels Musik (als zu gut für [seine] Ausführenden) abgelehnt. Es leuchtet ein, dass der Kenner der klassischen Antike bei Händels Beiträgen assistiert haben soll: Als angesehener Euripides-Gelehrter hatte Morell 1748 eine eigene Ausgabe von Alkestis herausgegeben und seit Ende 1745 oft Libretti für Händels Oratorien geschrieben – später würde er auch die Texte für die letzten Meisterwerke des Komponisten verfassen: Theodora (HWV 68) und Jephtha (HWV 70), wobei letzteres von Euripides’ Iphigenie in Aulis beeinflusst wurde. Morells Behauptung, dass Rich seine Sänger vor einer Blamage schützen wollte, ist ohne weitere bestätigende Hinweise wenig glaubwürdig, zumal die meisten der Solisten, die Händel in seiner Partitur erwähnt, oft anspruchsvolle Rollen in seinen Oratorien gesungen hatten. Die manchmal zu lesende Erklärung für die Absage, dass es aufgrund einer Serie von Erdbeben in London zu einer Landflucht des potentiellen Londoner Publikums gekommen sein könnte (Lang,Paul Henry Lang: Georg Friedrich Händel. Sein Leben, sein Stil und seine Stellung im englischen Geistes- und Kulturleben. Bärenreiter-Verlag, Basel 1979, ISBN 3-7618-0567-5, S. 455. ScheiblerAlbert Scheibler: Sämtliche 53 Bühnenwerke des Georg Friedrich Händel, Opern-Führer. Edition Köln, Lohmar/Rheinland 1995, ISBN 3-928010-05-0, S. 71.), bedarf eines Beleges, da die für London relevanten Erdstöße schon im Frühjahr 1749, also ein Jahr zuvor, auftraten.Karl Ernst Adolf von Hoff: Chronik der Erdbeben und Vulcan-Ausbrüche. Erster Theil. In: Geschichte der durch Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche, Justus Perthes, Gotha 1840, S. 405 ff. Eine andere, jedoch plausible Hypothese, die Absage von Alceste zu erklären, wäre, dass die Opulenz der Produktion mit Schauspielern, Sängern, einem Chor, Tänzern, einem großen Orchester und aufwändigem Bühnenbild für Rich zu teuer wurde, um das Risiko eines kommerziellen Misserfolgs einzugehen. Andererseits – oder vielleicht auch außerdem – stritt der bekanntermaßen launische Smollett laut zwei Kommentatoren (John Moore, Smolletts Freund, 1797, sowie Robert Anderson, 1796) auf das schärfste mit Rich, der vielleicht verärgert die Produktion absagte:

Das verworfene in vier oder fünf Akten strukturierte Textbuch Smolletts für das Theaterstück ist verschollen, und nur Händels Bühnenmusik ist noch erhalten – wenngleich inzwischen auf vier verschiedene Bände autographer Manuskripte in der British Library verteilt.

Es gibt einige Unklarheit darüber, ob Ballett in die geplante Aufführung, besonders in die letzte Szene, integriert werden sollte. Ob die berühmte französische Tänzerin Marie Sallé, die schon in den 1730er-Jahren mit Händel (z. B. in Alcina, Ariodante) zusammengearbeitet hatte, nach London zurückkam, ist zweifelhaft. Die meisten Quellen geben an, dass sie es nicht tat, aber ein früher Biograph behauptete, dass sie Paris im Jahre 1741 Richtung England verließ. Und ein anonymer französischer Musiker hinterließ in seinen Mémoirs d’un musicien (1756), einen ermüdend ungenauen und undatierten Bericht, in dem er behauptet, sie in London getroffen zu haben, und dass er Zeuge ihres bereitwilligen Verzichts auf über tausend Louis gewesen sei, welche sie für ihr Engagement bei Händel erhalten hätteDavid Charlton, Sarah Hibberd: My Father Was a Poor Parisian Musician: A Memoir (1756) concerning Rameau, Handel’s Library and Sallé. In Journal of the Royal Musical Association, Vol. 128, Nr. 2, Oxford University Press, 2003, S. 161 ff. – möglicherweise ein Hinweis auf das gescheiterte Alceste-Projekt, welches spezifische Tänze enthielt. Wenn die Sallé nach 1735 in London aufgetreten wäre, hätte die Presse sicherlich darüber berichtet.Winton Dean: Handel’s Operas, 1726–1741. Boydell & Brewer, London 2006. Reprint: The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-268-3, S. 277

Falls Händel darüber verstimmt gewesen sein sollte, dass Alceste nie auf die Bühne kam, so scheint er dies nicht gezeigt zu haben. Ungefähr um die Zeit, als das extravagante Theaterstück im Covent Garden Theatre wohl der Öffentlichkeit hätte vorgestellt werden sollen, hieß es in einem Brief des Earl of Shaftesbury an seinen Vetter James Harris: