Die Kroatische Republik Herceg-Bosna (, kurz HR HB) war der politisch-geographische Zusammenschluss mehrheitlich von Kroaten in Bosnien-Herzegowina besiedelter Gebiete zu einem De-facto-Staat während des Bosnienkrieges. Die HR HB beanspruchte den Status eines autonomen Teilstaates innerhalb der Republik Bosnien und Herzegowina vermutlich mit Überlegungen einer späteren Angliederung an die Republik Kroatien. Die erklärte Hauptstadt war MostarDie Ethnisierung der politischen Institutionen im Bürgerkrieg (1992–1995), Digitale Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Regierungssitz lag in Grude.

Nach der Präsentation des – später abgelehnten – Owen-Stoltenberg-Planes wurde die HR HB am 28. August 1993 von Mate Boban als „Republik“ ausgerufen und beanspruchte Gebiete der westlichen Herzegowina, Zentralbosniens und der nordbosnischen Posavina.https://www.worldstatesmen.org/Bosnia.html Vorausgegangen waren die Gründungen der Kroatischen Gemeinschaft Bosnische Posavina (Hrvatska zajednica Bosanska Posavina, kurz HZ BP) und der Kroatischen Gemeinschaft Herceg-Bosna (Hrvatska zajednica Herceg-Bosna, kurz HZ HB) am 12. bzw. 18. November 1991 als „politische, kulturelle und wirtschaftliche Verwaltungseinheit der Kroaten in Bosnien und Herzegowina“.

Das Gebiet der HR HB war Schauplatz eines Krieges mit Massakern an der Zivilbevölkerung, „ethnischen Säuberungen“ und massiven Plünderungen. Vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien wurden Mitglieder des Militärs sowie der Politik wegen Kriegsverbrechen angeklagt und verurteilt.

Heute gehört der Großteil des ehemaligen Territoriums der HR HB zur Föderation Bosnien und Herzegowina (Federacija Bosna i Hercegovina), die neben der Republika Srpska eine der beiden Entitäten des Staates Bosnien und Herzegowina bildet.

Namensgebung Der Begriff Herceg-Bosna hebt, im Gegensatz zu dem Begriff Bosna i Hercegovina, die Herzegowina, in der die Kroaten stärker vertreten sind, gegenüber Bosnien hervor. So steht der Begriff Herceg-Bosna vor allem für die kroatischen Gebiete Bosnien und Herzegowinas und lässt allein durch die Namensstellung die Herzegowina nicht mehr als untrennbares Anhängsel Bosniens erscheinen.

mini|hochkant|links|Titel der Schrift von Ferdo Šišić (1908)

Populär wurde der Begriff Herceg-Bosna durch Ferdo Šišić, den führenden kroatischen Historiker des 20. Jahrhunderts, und seine Schrift aus dem Jahr 1908: Herceg-Bosna prigodom aneksije: Geografsko-etnografsko-historička i državopravna razmatranja (Herceg-Bosna während der Annexion: Geografisch-ethnografisch-historische und staatsrechtliche Betrachtungen). Šišić trat darin, nach der Annexion Bosnien-Herzegowinas durch Österreich-Ungarn, für eine Vereinigung aller kroatischen Länder innerhalb Österreich-Ungarns ein, eine Angliederung Bosnien und Herzegowinas an Kroatien eingeschlossen (Trialismus). So zitierte er u. a. aus einer Broschüre des Autors Fabricius (Pseudonym) in deutscher Sprache:

Der Begriff wurde jedoch davor schon verwendet.Ivan Zovko: Hrvatstvo u narodnoj predaji i običajima po Herceg-Bosni (Das Kroatische in der völkischen Tradition und den Sitten von Herceg-Bosna). Hrvatske Dioničke Tiskare, Mostar 1899. In der Folgezeit wurde er sowohl von gemäßigten kroatischen Politikern als auch von radikalen wie Mladen LorkovićMladen Lorković: Narod i zemlja Hrvata (Volk und Land der Kroaten). Matica hrvatska, Zagreb 1939. (späterer Außenminister des „Unabhängigen Staates Kroatien“) verwendet.

Beim Zerfall Jugoslawiens zu Beginn der 1990er-Jahre wurde der Begriff von der Kroatischen Demokratischen Union in Bosnien und Herzegowina (HDZ BiH) in abgewandelter Bedeutung wieder aufgenommen, um ihr damaliges politisches Ziel, die Vereinigung der kroatischen Gebiete Bosnien-Herzegowinas mit Kroatien, auszudrücken.

Geschichte Entstehung kroatischer Verwaltungseinheiten alt=|mini|Vereinfachte Darstellung der ethnischen Mehrheitsverhältnisse in Bosnien-Herzegowina, 1991

Während des Zerfalls Jugoslawiens und des Kroatienkriegs erfolgten Ende September 1991 auch erste serbische Angriffe auf kroatische Dörfer in der Herzegowina und Bezirke mit mehrheitlich kroatischer Bevölkerung organisierten sich selbst, da die bosnisch-herzegowinische Regierung keine Verteidigung sicherstellen konnte. Bereits seit dem Sommer 1991 war Bosnien die Basis für Angriffe auf das Territorium Kroatiens durch die Jugoslawische Volksarmee und serbisch-montenegrinische Freischärler, die Anfang Oktober 1991 auch das mehrheitlich von Kroaten bewohnte Dorf Ravno in der ostherzegowinischen Gemeinde Trebinje in Brand setzten. Wie zuvor in Kroatien riefen Serben auch in Bosnien und Herzegowina bis Ende 1991 einige „serbische autonome Gebiete“ (Srpska autonomna oblast, SAO) in Bosnien und Herzegowina aus; so die SAO Bosanska Krajina im April 1991 und die SAO Hercegovina, SAO Severoistočna Bosna und SAO Romanija im September 1991 sowie die SAO Romanija im November 1991.

Unter Mate Boban als Vertreter der Kroaten in Bosnien und Herzegowina wurde am 12. November 1991 in Bosanski Brod die Kroatische Gemeinschaft Bosnische Posavina (Hrvatska zajednica Bosanska Posavina) ausgerufen. Dabei wurde er von Franjo Tuđman unterstützt, dem ersten Präsidenten der im Juni 1991 gegründeten Republik Kroatien. Zu diesem Zeitpunkt war Bosnien und Herzegowina als Sozialistische Republik Bosnien und Herzegowina noch eine Teilrepublik im Staatsverband Jugoslawien. Die Kroatische Gemeinschaft Bosnische Posavina umfasste die Gemeinden Bosanski Brod, Bosanski Šamac, Brčko, Derventa, Doboj (teilweise), Gradačac, Modriča, Odžak und Orašje.

Wenige Tage später am 18. November 1991 wurde in Grude unter der Führung von Boban und Dario Kordić die Kroatische Gemeinschaft Herceg-Bosna (Hrvatska zajednica Herceg-Bosna) zu einer eigenständigen politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Einheit innerhalb von Bosnien und Herzegowina ausgerufen. Sie umfasste Gemeinden in der westlichen Herzegowina und in Zentralbosnien, nämlich Bugojno, Busovača, Čapljina, Čitluk, Fojnica, Gornji Vakuf, Grude, Jablanica, Jajce, Kakanj, Kiseljak, Konjic, Kotor Varoš, Kreševo, Kupres, Livno, Ljubuški, Mostar, Neum, Novi Travnik, Posušje, Prozor, Skender Vakuf (teilweise), Stolac, Široki Brijeg, Tomislavgrad, Travnik, Trebinje-Ravno (teilweise), Vareš und Vitez.

Überlegungen einer späteren Angliederung an Kroatien Am 27. Dezember 1991 fand in Zagreb eine Sitzung des kroatischen Präsidenten Franjo Tuđman mit der Delegation der HDZ BiH statt, die gleichzeitig die zweite ordentliche Tagung des Präsidiums der HZ HB war. In dieser Sitzung sagte Tuđman:„Mit der Perspektive der Souveränität von Bosnien und Herzegowina gibt es keinerlei Aussicht. Auch wenn sie erhalten werden könnte, meine Herren, Bosnien und Herzegowina im Speziellen, was würde das bedeuten? Die Errichtung von Grenzen … wollen wir Grenzen errichten zwischen Kroatien und der Herzegowina, damit der Kroate aus der Herzegowina nicht mehr in sein Kroatien gehen kann oder dieser Kroate dorthin gehen kann?“

Der Präsident der HZ HB Mate Boban äußerte: „Die Kroatische Gemeinschaft Herceg-Bosna und die Kroatische Gemeinschaft Posavina werden ein unabhängiges kroatisches Gebiet erklären und dem kroatischen Staat beitreten, aber zu der Zeit und in dem Moment, da die kroatische Führung entscheidet, dass dieser Moment und diese Zeit gekommen ist.“

Ignac Koštroman fasste die Sitzung als Sekretär der HZ HB unter anderem wie folgt zusammen:„Ergebnisse: […] 2. Die Kroatische Gemeinschaft Herceg-Bosna bestätigt einmal mehr den Willen des gesamten kroatischen Volkes von Herceg-Bosna, der am 18. November 1991 in Grude zum Ausdruck gebracht wurde, durch den historischen Beschluss über die Gründung der Kroatischen Gemeinschaft Herceg-Bosna, welche die Rechtsgrundlage für den Eintritt dieses Gebiets in die Republik Kroatien darstellt. 3. Die Kroatische Gemeinschaft Herceg-Bosna erteilt Herrn Dr. Franjo Tuđman, als Präsident der Republik Kroatien und Präsident der Kroatischen Demokratischen Union, die volle Legitimität, um die Interessen der Kroatischen Gemeinschaft Herceg-Bosna gegenüber internationalen Akteuren zu vertreten, wie bei den zwischenparteilichen und -staatlichen Verhandlungen über die Festlegung der endgültigen Grenzen der Republik Kroatien. Die Kroatische Gemeinschaft Herceg-Bosna gibt der Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft Bosnische Posavina die Empfehlung, diese Entscheidung für ihre Gemeinschaft zu übernehmen.“

Erklärte Teilautonomie und Ausrufung der Republik Am 3. März 1992 erklärte Bosnien und Herzegowina nach einem Referendum die Neugründung als unabhängige Republik Bosnien und Herzegowina unter dem Staatsoberhaupt Alija Izetbegović. Die internationale Anerkennung erfolgte überwiegend im April 1992.

Am 8. April 1992 erfolgte die Gründung des Kroatischen Verteidigungsrates (Hrvatsko vijeće obrane, HVO). Im gleichen Monat begann der Bosnienkrieg. Der HVO war bis 1995 die Armee der Kroaten in Bosnien-Herzegowina. Die Kroatische Gemeinschaft Herceg-Bosna erklärte am 3. Juli 1992 „ihr“ Gebiet zum autonomen Territorium. Allerdings beeilten sich ihr Präsident Mate Boban und der kroatische Präsident Franjo Tuđman festzustellen, dass an der Souveränität eines unabhängigen Bosnien-Herzegowinas festgehalten werde und der HVO der bosnischen Regierung in Sarajevo untergeordnet bleibe. Faktisch übte die HZ HB ab Kriegsausbruch im April 1992 die Exekutive in den von ihr beanspruchten Territorien aus, soweit sie unter Kontrolle des HVO standen.

Auf Drängen der HDZ mit dem kroatischen Präsidenten Franjo Tuđman an der Spitze erklärte Stjepan Kljuić am 2. Oktober 1992 seinen Rücktritt als Vorsitzender der HDZ BiH, da er sich nach Ansicht der HDZ zu stark für den Erhalt Bosnien und Herzegowinas einsetzte.Gesellschaft für bedrohte Völker

Die Kroatische Gemeinschaft Bosnische Posavina (Hrvatska zajednica Bosanska Posavina) in Nordbosnien erklärte am 24. Oktober 1992 während einer Sitzung in Posušje formell die Vereinigung mit der Kroatischen Gemeinschaft Herceg-Bosna (Hrvatska zajednica Herceg-Bosna). De facto war das Gebiet der Bosnischen Posavina bereits weitgehend von serbischen Truppen besetzt.

Am 28. August 1993 wurde schließlich die Kroatische Republik Herceg-Bosna unter Mate Boban als Präsidenten proklamiert.

Auflösung und Integration mini|Gebiete unter der Kontrolle des Kroatischen Verteidigungsrates (HVO) und der kroatischen Armee (gelb) zum Ende des Bosnienkriegs am 20. Oktober 1995. Gemäß einer Vereinbarung zwischen Franjo Tuđman und Alija Izetbegović am 30. August 1996 unter Leitung des US-Sondergesandten John Kornblum sollten die HR HB und alle anderen Institutionen des bosnischen Staates, die nicht der neuen Verfassung entsprachen, am 31. August 1996 offiziell aufgelöst werden. Aber auch nach Ende des Krieges und der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens 1995 blieben die Strukturen der HR HB noch mehrere Jahre erhalten. So wurden z. B. noch 1997 von den Polizeibehörden Personalausweise mit 10-jähriger Gültigkeit ausgestellt, welche neben Bosna i Hercegovina auch die Bezeichnung Hrvatska Republika Herceg-Bosna und einen Stempel mit dem Wappen derselben trugen.

Erst der politische Wechsel in Kroatien im Jahr 2000 hin zu einer pro-bosnischen Regierung schwächte jene Kräfte, die noch immer für einen eigenen kroatischen Staat in Bosnien und Herzegowina, die sogenannte „dritte Entität“, eingetreten waren.

Politik Territorium mini|Die im Verlauf des Bosnienkriegs vom HVO kontrollierten Gebiete (rot) unterlagen kriegsbedingt ständigen Veränderungen. Die HR HB beanspruchte als Territorium im Wesentlichen die, gemäß der letzten Volkszählung im Jahr 1991, mehrheitlich von Kroaten bewohnten Gebiete der Herzegowina, Zentralbosniens und der nordbosnischen Posavina.