Der Gabriel-Hadith () ist einer der wichtigsten Hadithe im Bereich des sunnitischen Islams. Seine große Bedeutung rührt daher, dass auf ihn die Lehre von den fünf Säulen des Islams und den sechs Inhalten des islamischen Glaubens zurückgeführt wird. Der Hadith wurde aufgrund seiner katechismusartigen Bedeutung in fast alle späteren Hadith-Sammlungen aufgenommen, darunter den Sahīh Muslim und den Sahīh al-Buchārī. Er existiert in verschiedenen Versionen, die unterschiedliche Isnad-Ketten aufweisen.Vgl. die Übersicht bei van Ess: "Maʿbad al-Ǧuhanī". 1974, S. 69f. Gemeinsam ist ihnen die folgende Erzählhandlung: während der Prophet Mohammed sich eines Tages in Gesellschaft seiner Gefährten befindet, tritt ein geheimnisvoller Mann an ihn heran und befragt ihn über grundlegende Glaubensprinzipien und Begriffe. Der Prophet beantwortet die Fragen und definiert damit diese Glaubensinhalte. Erst nachdem der geheimnisvolle Mann verschwunden ist, klärt der Prophet seine Gefährten über dessen Identität auf: es war der Engel Gabriel. Die fünf Säulen des Islams werden vollständig nur in derjenigen Version des Hadith genannt, die über ʿUmar ibn al-Chattāb auf den Propheten zurückgeführt wird.

Die auf ʿUmar ibn al-Chattāb zurückgeführte Version Die auf ʿUmar ibn al-Chattāb zurückgeführte Version wird im Sahīh Muslim überliefert. In verkürzter Form ohne die anti-qadaritische Rahmenerzählung ist sie auch in die Sammlung der Vierzig Hadithe von an-Nawawī aufgenommen worden.Yaḥyā ibn Sharaf al-Nawawī: Das Buch der vierzig Hadithe. Kitāb al-Arbaʿīn mit dem Kommentar von Ibn Daqīq al-ʿĪd. Aus dem Arabischen übers. u. hrsg. von Marco Schöller. Frankfurt a. M. 2007. S. 31f.

Die anti-qadaritische Rahmenerzählung Dem eigentlichen Hadith geht im Sahīh Muslim eine Rahmenerzählung mit anti-qadaritischer Tendenz voraus. Demnach berichtete der basrische Gelehrte Yahyā ibn Yaʿmar (gest. zwischen 702 und 708), dass der erste, der in Basra über Qadar redete, Maʿbad al-Dschuhanī war. Sodann erzählt Yahyā, dass er einmal auf der Wallfahrt zusammen mit einem Gefährten ʿAbdallāh ibn ʿUmar nach seinem Urteil über die Lehre der Qadarīya befragte, der zufolge es keine Vorherbestimmung gibt. ʿAbdallāh ibn ʿUmar antwortete, dass er nichts mit den Qadariten zu schaffen habe und sie nichts mit ihm, weist auf die Notwendigkeit des Glaubens an die Vorherbestimmung hin und zitiert zum Beweis den nachfolgenden Hadith von seinem Vater ʿUmar ibn al-Chattāb.Siehe van Ess: "Maʿbad al-Ǧuhanī". 1974, S. 67f.

Der Hadith ʿUmar ibn al-Chattāb berichtete:

Entstehung Von Yahyā ibn Yaʿmar, der als Überlieferer des Hadith auftritt, wird berichtet, dass er eine anti-qadaritische Schrift verfasst habe. Josef van Ess hält es für möglich, dass der Hadith mit seiner Rahmenerzählung dieser Schrift entstammt, wobei die Schrift nicht unbedingt echt sein müsse.Van Ess: "Maʿbad al-Ǧuhanī". 1974, S. 72, 75. Er hält es für wahrscheinlich, dass der Hadith „einen älteren Kern verwertet“. Entstanden sei er zweifellos in Basra. Wer ihn aufgebracht und ausgestaltet habe, lasse sich nicht mehr feststellen. Van Ess vermutet, dass er eine „Kollektiväußerung der prädestinianischen Minorität in Basra“ war und zwischen 728 und 738 entstanden ist.Siehe van Ess: "Maʿbad al-Ǧuhanī". 1974, S. 75f.

Die auf Abū Huraira zurückgeführte Version Die auf Abū Huraira zurückgeführte Version wird im Sahīh al-Buchārī überliefert. Abū Huraira wird mit den Worten zitiert:

In dieser Version fehlen die anti-qadaritische Rahmenerzählung und die Bezugnahme auf die Vorherbestimmung. Der Fokus liegt auf der Definition des Glaubens, der allerdings anders bestimmt wird als in der auf ʿUmar ibn al-Chattāb zurückgeführten Version. Al-Buchārī kommentiert den Hadith am Ende mit den Worten: „Er (sc. der Prophet) hat all dies zu einem Teil des Glaubens gemacht.“ Bei der Definition des Islams fehlt der Haddsch als fünfte Säule.

Literatur Josef van Ess: „Maʿbad al-Ǧuhanī“ in der Festschrift Richard Gramlich (Hrsg.): Islamwissenschaftliche Abhandlungen. Fritz Meier zum sechzigsten Geburtstag. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden 1974, ISBN 978-3-515-01941-5. S. 49–77. Josef van Ess: „Maʿbad al-Ǧuhanī“ als Wiederabdruck in Hinrich Biesterfeldt (Hrsg.): Kleine Schriften by Josef van Ess (3 Bd.), Brill, Leiden 2018, (Festeinband) ISBN 978-90-04-31224-1, (E-Book) ISBN 978-90-04-33648-3. . S. 674–707. Steffen Stelzer: „The ‘Hadith of Gabriel’: Stories as a Tool for ‘Teaching’ Religion“ in Nadeem A. Memon, Mujadad Zaman (Hrsg.): Philosophies of Islamic Education. Historical Perspectives and Emerging Discourses. Routledge, New York 2016, , (Festeinband) ISBN 978-1-138-78854-1. Kapitel 11, S. 172–184. Buchbesprechung von Alyaa Ebbiary in: Journal of Education in Muslim Societies (JEMS) 2(2), 2021, S. 110–112.

Einzelnachweise

Kategorie:Hadith Kategorie:Sunniten Kategorie:Erzengel Gabriel