Im Gleichnis vom so genannten Blindensturz (auch: Gleichnis vom blinden BlindenführerSchott (Messbuch) (Kommentar zum Evangelium am Freitag der 23. Woche im Jahreskreis). oder Gleichnis vom Blinden als Blindenführer) gebraucht Jesus das Bild eines Blinden, der einen anderen Blinden führt – und beide fallen zusammen in eine Grube. Es ist in den Evangelien im Neuen Testament der Bibel sowohl von Matthäus als auch von Lukas überliefert. Es wird daher angenommen, dass beide Evangelisten den Spruch in der Logienquelle Q vorgefunden haben. Der Spruch findet sich außerdem auch im Thomasevangelium (Logion 34).

Inhalt In der Version des Matthäusevangeliums wird Jesus von den Pharisäern gefragt, warum sich seine Jünger vor dem Essen nicht die Hände waschen. Jesus antwortet, dass nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkomme, ihn unrein mache, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskomme, das mache ihn unrein. Als seine Jünger Jesus darauf hinweisen, dass diese Worte die Pharisäer empörten, sagt er ihnen, sie sollten die Pharisäer lassen, denn diese seien „blinde Blindenführer“. Und wenn ein Blinder einen Blinden führe, so würden beide in eine Grube fallen.

Bei Lukas steht das Gleichnis in der Feldrede in völlig anderem Kontext in einer Folge verschiedener Einzelworte Jesu. Anders als bei Matthäus wird die Aussage hier in die Form zweier rhetorischer Fragen gekleidet und durch einen kurzen Einleitungssatz eigens eingeführt („Er gebrauchte auch einen Vergleich und sagte: ...“). Die aus zwei Fragen bestehende Parabel wird von manchen Auslegern für die ursprünglichere Form des Logions gehalten.

Das Thomasevangelium bietet den Spruch wie Matthäus in Form eines Konditionalsatzes.

Deutung Fritz Rienecker zufolge steht die Blindheit für den Mangel an geistlicher Erkenntnis der Pharisäer.Fritz Rienecker, Gerhard Maier: Lexikon zur Bibel. R. Brockhaus, 6. Auflage. 2006, S. 275. Wer ihnen – und ihren mangelhaften geistlichen Vorstellungen – folgt, fällt demnach mit ihnen in eine Grube, kommt also nicht ins Reich Gottes.

Wolfgang Wiefel weist auf den Anspruch der geistlichen Anführer im Judentum hin, „Führer der Blinden“ zu sein. Von den Anführern der Jüngergemeinde fordert Jesus im Lukasevangelium somit, dass sie Sehende sein müssen, da nur Sehende den Weg weisen können.Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas. Berlin 1987, S. 139.

Künstlerische Rezeption mini|hochkant=1.6|Gemälde Der Blindensturz von Pieter Bruegel dem Älteren, Tempera auf Leinwand, 1568 Verschiedene Künstler haben das Gleichnis rezipiert, das berühmteste Werk ist Der Blindensturz (1568) von Pieter Bruegel dem Älteren, das im Museo di Capodimonte in Neapel ausgestellt ist.

Elias Canetti, der Literatur-Nobelpreisträger von 1981, gibt im Kapitel „Simsons Blendung“ des zweiten Bandes seiner Autobiografie, Die Fackel im Ohr (Seite 111), eine Bildbeschreibung dieses Gemäldes, das – wie die Blendung Simsons – motivische Schlüsselfunktion für seinen Roman Die Blendung hat.

Der Schriftsteller Gert Hofmann hat mit der Erzählung Der Blindensturz (Darmstadt 1985) dem Meisterbild eine Meistererzählung über das Gemälde gegenübergestellt.

Ähnliche Gleichnisse in anderen Kulturen Laut Wiefel hat das Bild vom blinden Blindenführer „in der Antike sprichwörtlichen Charakter“ und ist schon bei Platon bekannt.Vlg. Plato, Pol. VIII, 554b, nach: Wolfgang Wiefel: Das Evangelium nach Lukas. Berlin 1987, S. 139.

Ähnliche Gleichnisse über Blinde, die Blinde führen, finden sich auch in indischen religiösen Schriften. So heißt es in den Katha-Upanischaden:

Auch die frühen buddhistischen Sutren des Pali-Kanon verwenden das Gleichnis:

Literatur Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu (= Kleine Vandenhoeck-Reihe. Band 1500). Kurzausgabe. 9. Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1984, ISBN 3-525-33498-2. Gabi Kern: Absturzgefahr (Vom Blinden als Blindenführer). (PDF; 99 kB). In: Ruben Zimmermann (Hrsg.): Kompendium der Gleichnisse Jesu. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, ISBN 978-3-579-08020-8, S. 75–81. Luise Schottroff: Die Gleichnisse Jesu. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, ISBN 3-579-05200-4.

Siehe auch Liste der Gleichnisse Jesu Liste biblischer Erzählungen

Einzelnachweise

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