Die französische Aussprache des Lateinischen (frz. , auch oder ) ist die historische Aussprache des Lateinischen in Frankreich, wie sie in Unterricht und Kirche über viele Jahrhunderte hinweg üblich war. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde sie an den Schulen und Universitäten zugunsten der klassisch-restituierten Lateinaussprache aufgegeben, während im kirchlichen Gebrauch das italienische Lautmodell an ihre Stelle trat.Joseph Brugerette, , Lethielleux, Paris 1938, 3. Band, S. 628ff.
Latein unterliegt weitestgehend den Ausspracheregeln des Französischen. Diese werden jedoch nicht vollständig auf die lateinische Sprache übertragen, sodass es einige charakteristische Unterschiede zwischen dem Französischen und dem französischen Latein gibt.
Charakteristika der französischen Lateinaussprache Die folgende Beschreibung ist den (1829) von entnommen., , erweiterte Neuausgabe, Dijon 1829, S. 142f.; Autor dieses Abschnitts ist Abbé de Boulliette, , Paris 1760, S. 56ff.
ANLEITUNG ZUR LATEINAUSSPRACHE.
Wenn man Französisch lesen kann, kann man auch das Lateinische mühelos lesen. Die Ausspracheunterschiede beschränken sich auf folgende:
AI, EI, OI, OU werden getrennt ausgesprochen: [], [], [], []. AU wird wie frz. ô ausgesprochen: [], [], []. Endungen von Eigennamen auf -US werden jedoch getrennt gelautet: [], []. Æ, Œ und alle E in offener Silbe werden wie frz. ausgesprochen: [].E in geschlossener Silbe wird nicht erwähnt, wo es offen bzw. in mittlerer Qualität zu lauten ist. Zur Lautung des E siehe die Ausspracheangaben auf Wikibooks (mit Quellenangaben). AM, AN werden [] ausgesprochen: [], [], [], []. EM, EN werden immer [] und niemals [] ausgesprochen OM, ON und UM, UN werden [] ausgesprochen: [], [], [], [], [], [], []. Zudem wird UN in sehr wenigen Wörtern wie frz. [] ausgesprochen: [], [], [], []Darin eingeschlossen sind sämtliche Ableitungen des lateinischens Verbs []. Den Quellen zufolge wird die Buchstabenverbindung UNC in allen anderen Fällen [] ausgesprochen, obgleich es diesbezüglich Unsicherheiten gegeben hat. Die Endsilbe -UM wird stets [] gelautet: [], [], [] usw. AM, AN, EM, EN, OM und ON werden vor M bzw. N und am Wortende nicht nasaliert: [], [], [], [], [], [], [], [], [], [], [], [], [], [] usw. Alle Buchstaben, die nicht von einem Vokal gefolgt werden, sind auszusprechen: [], [], [], [], [] usw. CH wird immer gelautet: [], [], []. GN wird immer „hart“ [] ausgesprochen wie in den frz. Wörtern [], [], []. Dreifache Lautung von QU (wenn U keine eigene Silbe ist):Diese dreifache Lautung gilt auch für GU, vgl. auch SU in [], []. [] vor A: []. [] vor E, und I: [], [], []. vor O und U: [], []. -TI wird vor Vokalen wie frz. [] ausgesprochen: [], [], [], [].Gilt nicht für -STI, -XTI + Vokal.
Anmerkungen:
Die Reform der Lateinaussprache in Frankreich Das Wissen um den Lautstand des klassischen Lateins war spätestens seit Erasmus von RotterdamDe recta Latini Græcique sermonis pronuntiatione Des. Erasmi Roterodami Dialogus, Paris 1528 (Digitalisat; Text einer ungenannten Ausgabe bei Wikisource) allgemein bekannt. Zudem trugen neuerliche Erkenntnisse der historischen Linguistik und der Altphilologie im 19. Jahrhundert dazu bei, dass in Frankreich immer mehr der Wunsch nach einer Reform der Lateinaussprache erwuchs.
Hinwendung zur klassischen Aussprache an den Universitäten und Schulen Die Befürworter der klassisch-restituierten Aussprache, allen voran der Altphilologe Éloi Ragon, empfanden die französische Lautung als obsolet und sahen in ihr ein klangliches Zerrbild, das der lateinischen Sprache nur unzureichend gerecht wird:
Spätestens ab 1914 wurde an den Universitäten eine Lateinaussprache verbindlich, die dem damaligen Forschungsstand der historischen Linguistik entsprach ., Schallplattenaufnahme vom 5. Februar 1913 , aufbewahrt in der Diese hielt nach dem Ersten Weltkrieg – und zum Teil schon davorPaul Crouzet, , Toulouse-Paris 1906, S. 3f. – in gemäßigter Form auch an den Schulen Einzug, wo sie die traditionelle Lateinaussprache verdrängte.
Die Reformdebatte an den Universitäten wurde auch von französischen Musikzeitschriften verfolgt. Allerdings war die Berichterstattung längere Zeit von der Unklarheit geprägt, was genau unter der klassisch-restituierten Aussprache zu verstehen sei. Diese Unklarheit rührte von der Mehrdeutigkeit des Worts römisch her, das sich sowohl auf die Antike (Republik, Kaiserreich) als auch auf die Moderne (Hauptstadt Italiens, katholische Kirche) beziehen kann. Einige Kantoren und Musikwissenschaftler sprachen sich einhellig für die Verwendung der rekonstruierten Aussprache in der kirchenmusikalischen Praxis aus und waren gegen die Einführung der italienischen Lateinaussprache:
Übernahme des italienischen Lautmodells in der Kirche 1903 schrieb Papst Pius X. in seinem Motu proprio Tra le sollecitudini:
Der Papst ordnete mit diesem Satz keineswegs die italienische Lateinaussprache an.Joseph Brugerette, , Paris 1938, S. 630 Aber seine Forderung nach Texttreue und Verständlichkeit kann durchaus so interpretiert werden, zumal die französische Lateinaussprache in gewisser Hinsicht tatsächlich Silben „verstümmelt“ (→ Nasalierung) und in vielen Punkten der weitaus klareren italienischen Lautung unterlegen ist. Tatsache ist, dass die Mönche der berühmten Benediktinerabtei Saint-Pierre zu Solesmes den Anfang machten und nach ihrer Herausgabe der (1905), besonders ab 1940, als Eugène Cardine erster Kantor wurde, damit begannen, im gregorianischen Choral die italienische Aussprache zu verwenden.Éloi Ragon, in: , 6. Jahrgang, Nr. 8–9, Toulouse 1907, S. 34 Damit bekundeten sie ihre Verbundenheit mit Rom und verwarfen zugleich die französische Lateinaussprache, deren Nachteile für das Textverständnis wegen der zahlreichen Lautnivellierungen und Vokalvertauschungen auf der Hand lagen.
Gerade in den Jahren nach der Trennung von Kirche und Staat (1905), auf die Pius X. mit seinen Enzykliken (1906) und (1907) scharf reagierte und den französischen Geistlichen seinen Beistand aussprach, strebte die Kirche Frankreichs die an, die „Vereinigung mit Rom“.Joseph Brugerette, , Paris 1938, S. 628ff. Und ein Ausdruck dieses Strebens war die Einführung der italienischen Lateinaussprache, die in der Folge gerne genannt wurde. Allerdings sollte es noch mehr als drei Jahrzehnte dauern, bis diese Aussprache vollkommen etabliert war:
Die heutige Situation Die Reform an den Universitäten und Schulen verlief offenbar mit geringeren Problemen als in den französischen Kirchen, wo sie ein langwieriger Prozess war. So wurden z. B. noch Anfang der 1930er Jahre auf Betreiben der Freunde der französischen Lateinaussprache in Paris zwei Messen in französischer Lateinaussprache gelesen und gesungen, die jedoch die allgemeine Durchsetzung der Aussprache nicht aufhalten konnten.Ders., ebenda, S. 631 (Fußnote) Erst zur Mitte des 20. Jahrhunderts war die alte französische Lautung endgültig aus dem gottesdienstlichen Gebrauch verschwunden, und auch das romanisierende Latein wurde seinerseits nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil von der Landessprache Französisch abgelöst. Heute werden in französischen Gottesdiensten lateinische Gesänge und Messen, Motetten, Kantaten und Oratorien wiederum auf italienische Art gesungen und aufgeführt.
Lateinische Lehnwörter und Fachausdrücke werden in der Alltagssprache nach wie vor französisch gelautet, da sie zu französischen Wörtern geworden sind: [], [], [], [], [], u. v. m.
Wiederbelebung durch die Historische Aufführungspraxis Seit den 1990er Jahren kam es in Frankreich zu einer kleinen Renaissance der alten Lateinaussprache, als führende Ensembles der Alten Musik im Interesse der historisch informierten Aufführungspraxis damit begannen, sie in Aufführungen von kirchenmusikalischen Werken der französischen Barockzeit zu verwenden, z. B. unter William Christie, unter , unter , unter , unter Martin Gester, u. a.
Allerdings beschränkt sich die Verwendung auf Kompositionen von Lully, Charpentier, , und Rameau u. a., obwohl bis ins 20. Jahrhundert die Kirchenmusik von Cherubini, Rossini, Berlioz, oder in der traditionellen Lateinaussprache aufgeführt wurde. Besonders hervorgehoben sei Francis Poulenc, da er genau in der Zeit der Reformen lebte und lateinische Wörter bei der Vertonung gerne französisch akzentuierte (Endsilben auf betonten Zählzeiten). Daraus darf man folgern, dass Poulenc seine geistlichen Werke nicht in italienischer Lautung hören wollte, wie sie zu seiner Zeit in Frankreich neu war, sondern in traditionell französischer Aussprache.
Zudem seien im Opernbereich die lateinischen Studentenlieder und Gebete in Berlioz’ und der Eingangschor „Te Deum laudamus“ in erwähnt.
Weblinks , historische Aufnahme vom 10. März 1930Mutien-Omer Houziaux, , in: , 20, Lüttich 2002, S. 91f. Fanny Malnory-Marseillac, Sopran Louis Morturier, Bariton Alexandre Cellier, Orgel Gustave Bret , historische Aufnahme vom 31. Mai 1938 Suzanne Dupont, Sopran Maurice Didier, Bariton Édouard Commette, Orgel Ernest Bourmauck
– Ausführliche Version dieses Artikels mit Ausspracheangaben und Quellen des 18./19. Jahrhunderts
Einzelnachweise
Kategorie:Latein Kategorie:Französische Sprache Kategorie:Aussprache von Einzelsprachen !Franzosische Aussprache des Lateins Kategorie:Chorwesen (Christentum)
fr:Latin ecclésiastique#Prononciation %C3%A0 la fran%C3%A7aise (musique fran%C3%A7aise du XVIIe si%C3%A8cle au d%C3%A9but du XXe si%C3%A8cle)