mini|Marsilio Ficino – Detail aus einem Fresko von Domenico Ghirlandaio in der Cappella Tornabuoni in Santa Maria Novella in Florenz mini|Büste Ficinos von Andrea Ferrucci im Dom von Florenz, 1521 Marsilio Ficino (latinisiert Marsilius Ficinus; * 19. Oktober 1433 in Figline Valdarno; † 1. Oktober 1499 in Careggi, heute ein Stadtteil von Florenz) war ein italienischer Humanist, Philosoph, Übersetzer (insbesondere von Platon und Plotin) und Arzt.

Er gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten des Renaissancehumanismus in Florenz. Mit seinen Übersetzungen und Kommentaren trug er maßgeblich zur Kenntnis Platons und des Platonismus in seiner Epoche bei und machte dem lateinischsprachigen Publikum Schriften antiker griechischsprachiger Autoren zugänglich. Sein vom Neuplatonismus Plotins geprägtes Platon-Verständnis wurde für die Frühe Neuzeit wegweisend. Die ihm von der Nachwelt zugeschriebene Rolle des Leiters einer „Platonischen Akademie“ in Florenz hat er allerdings nicht gespielt. Es gab damals keine Einrichtung dieses Namens, sondern nur einen informellen, dem Haus Medici nahestehenden Kreis seiner Schüler, die er „Akademiker“ nannte, ohne institutionellen Rahmen.

Leben und Werke Jugend und Ausbildung mini|Bildnis des Cosimo de’ Medici von Jacopo da Pontormo, um 1518

Marsilio Ficino wurde am 19. Oktober 1433 in Figline (etwa 25 km südöstlich von Florenz) geboren. Er wuchs in Florenz auf. Sein Vater, Diotifeci d’Agnolo di Giusto, war Leibarzt des berühmten Florentiner Staatsmanns Cosimo de’ Medici. Der Name Ficino ist von Fecino, einem Diminutiv von Diotifeci, abgeleitet. Als fast Sechzigjähriger berichtete Ficino aus seiner Kindheit, Cosimo sei auf dem Konzil von Florenz dem byzantinischen Gelehrten Georgios Gemistos Plethon begegnet, der ihn für den Platonismus gewonnen habe. Cosimo sei vom Auftreten des byzantinischen Platonikers so beeindruckt gewesen, dass er beschlossen habe, nach dem Vorbild von Platons Schule in Athen, der Platonischen Akademie, in Florenz eine Akademie zu gründen. Schon damals habe Cosimo den erst sechsjährigen Ficino für eine Rolle in diesem Projekt ausersehen und ihn durch eine entsprechende Erziehung darauf vorbereitet.Marsilio Ficino: Opera omnia. Band 2. Turin 1962 (Nachdruck der Ausgabe Basel 1576), S. 1537. Wenn auch diese Darstellung übertrieben sein mag,Skepsis äußert James Hankins: The Myth of the Platonic Academy. In: James Hankins: Humanism and Platonism in the Italian Renaissance. Band 2. Rom 2004, S. 185–395, hier 194–210. Er meint, mit „Akademie“ sei hier nicht eine in Florenz zu gründende Institution gemeint, sondern nur das Vorhaben einer von Cosimo geplanten Platon-Übersetzung. ist doch von einem frühzeitigen Kontakt des jungen Florentiners mit dem von Plethon in Italien propagierten Platonismus auszugehen. Er schreibt, er sei schon von Kindheit an „dem göttlichen Platon gefolgt“.Marsilio Ficino: Opera omnia. Band 1. Turin 1959 (Nachdruck der Ausgabe Basel 1576), S. 618.

Ficino studierte in Florenz die Artes liberales und Medizin. Zu seinen Lehrern gehörten der Humanist Cristoforo Landino und der scholastisch gesinnte Aristoteles-Kommentator Niccolò Tignosi, der theoretische Medizin und aristotelische Philosophie unterrichtete. In dieser Zeit eignete sich Ficino eine gute Beherrschung der scholastischen Methode und Terminologie an, die sich später in seinen Werken zeigte, und erwarb fundierte Aristoteles-Kenntnisse.Tamara Albertini: Marsilio Ficino. Das Problem der Vermittlung von Denken und Welt in einer Metaphysik der Einfachheit. München 1997, S. 64 f.; eine ausführliche Darstellung von Tignosis Rolle bietet Arthur Field: The Origins of the Platonic Academy of Florence. Princeton 1988, S. 138–158. Ferner beschäftigte er sich mit Lukrez, den er zeitweilig schätzte; im Jahr 1457 verfasste er einen Lukrez-Kommentar, den er später verbrannte. In dem Brief De divino furore zitierte er im Dezember 1457 zustimmend den mittelalterlichen Denker David von Dinant, einen Pantheisten, von dessen Lehre er sich später distanzierte. Somit zeigte er damals Offenheit für Konzepte, die mit der kirchlichen Glaubenslehre unvereinbar waren.James Hankins: Plato in the Italian Renaissance. 3. Aufl. Leiden 1994, S. 457–459; Arthur Field: The Origins of the Platonic Academy of Florence. Princeton 1988, S. 183–185. Sein Hauptinteresse galt aber schon in seiner Studienzeit der Lehre Platons. Diese stellte er 1456 in einem Kompendium mit dem Titel Institutiones ad Platonicam disciplinam knapp zusammenfassend dar. Damals konnte er aber Platon noch nicht im Original lesen und war somit auf die bescheidenen Kenntnisse angewiesen, die lateinischen Quellen zu entnehmen waren. Cosimo und Landino rieten ihm, zunächst Griechisch zu lernen. 1457 schrieb er eine Abhandlung Über die Lust, worin er die Ansichten der verschiedenen philosophischen Richtungen über die Lust beschrieb. Dann ging er laut seinem Biographen Corsi nach Bologna, um dort sein Medizinstudium fortzusetzen. Der Aufenthalt in Bologna wird allerdings in der Forschung bezweifelt.Per la biografia di Marsilio Ficino. In: Paul Oskar Kristeller: Studies in Renaissance Thought and Letters. Band 1. Rom 1956; 2. Auflage ebenda 1969, S. 191–211, hier S. 195 f. Einen Studienabschluss hat er jedenfalls nicht erreicht, doch praktizierte er später als Arzt.

Erschließung antiker Quellen mini|Die Villa Medici in Careggi

Nach der Studienzeit verbrachte Ficino den Rest seines Lebens in der Heimat, wo ihn Cosimo großzügig unterstützte und ihm die materielle Basis für ein ganz der Philosophie und Theologie gewidmetes Leben verschaffte. Nach seinen eigenen Worten war ihm der Mediceer ein zweiter Vater. Cosimo schenkte ihm 1462 ein Haus in Florenz und überdies am 18. April 1463 ein bescheidenes Landhaus in Careggi, einem Ort in der Nähe von Florenz, der heute zu dieser Stadt gehört.Zur Datierung (die in der Literatur oft angegebene Datierung 1462 für die Schenkung in Careggi ist falsch) siehe James Hankins: The Myth of the Platonic Academy. In: James Hankins: Humanism and Platonism in the Italian Renaissance. Band 2. Rom 2004, S. 185–395, hier S. 196. Dort besaß Cosimo eine prächtige Villa. Ficino war weitgehend bedürfnislos und führte stets ein sehr bescheidenes Leben. Er konzentrierte sich auf sein Ziel, die Erschließung der Hauptquellen zum antiken Platonismus, die in Westeuropa zugänglich geworden waren, als während und nach dem Untergang des Byzantinischen Reichs zahlreiche griechische Handschriften antiker Texte nach Italien gelangten. Nach Cosimos Tod (1464) erfreute sich Ficino weiterhin der Gunst der führenden Angehörigen des Geschlechts der Medici. Erst übernahm Cosimos Sohn Piero il Gottoso als neues Familienoberhaupt die Förderung von Ficinos Arbeit; ab 1469 war Pieros Sohn und Nachfolger Lorenzo de’ Medici der neue Mäzen des Humanisten. Zu allen drei Wohltätern hatte Ficino ein enges, vertrauensvolles Verhältnis.

mini|Ficinos Übersetzung der pseudoplatonischen Horoi (Autograph). Paris, Bibliothèque Nationale, Suppl. gr. 212, fol. 194r

Zunächst war Ficinos Hauptaufgabe die Erstellung der von Cosimo gewünschten ersten vollständigen lateinischen Übersetzung der Dialoge Platons. Zehn Dialoge konnte er noch zu Lebzeiten des Auftraggebers vorlegen; wenige Tage vor Cosimos Tod las er ihm daraus vor. Weitere neun Dialoge widmete er Cosimos Sohn Piero. 1484 erschien die gesamte Platonübersetzung im Druck. Zu einigen Dialogen äußerte er sich in eigenen kommentierenden Schriften. Da die Liebe samt ihren Wirkungen auf die Seele ihn besonders interessierte, befasste er sich eingehend mit Platons diesem Thema gewidmetem Dialog Symposion. Seinen Symposion-Kommentar (Commentarium in convivium Platonis de amore), der eines seiner berühmtesten Werke wurde, gestaltete er als Dialog mit sieben Teilnehmern, welche die Reden in Platons Symposion erläutern. Den Anlass soll ein Bankett geboten haben, das zu Platons Geburtstag in der Villa der Medici stattfand. Dieses Werk, in dem Ficino einen Kernbestandteil seiner Weltanschauung darstellt, übersetzte er auch ins Italienische. Außerdem kommentierte er Platons Dialoge Parmenides,Siehe dazu Arne Malmsheimer: Platons „Parmenides“ und Marsilio Ficinos „Parmenides“-Kommentar. Ein kritischer Vergleich. Amsterdam 2001, S. 195–305. Sophistes, Philebos, Timaios und Phaidros. 1496 veröffentlichte er eine Ausgabe seiner gesammelten Platon-Kommentare (mit Ausnahme des Symposion-Kommentars, der schon 1484 erschienen war).

In dem jungen Gelehrten Giovanni Pico della Mirandola fand Ficino einen Geistesverwandten. Dieser teilte manche seiner Grundüberzeugungen, aber widersprach ihm auch heftig. Pico regte ihn 1484 dazu an, die Enneaden des antiken Neuplatonikers Plotin zu übersetzen. Nach zwei Jahren war diese Arbeit beendet; anschließend widmete sich Ficino der Plotin-Kommentierung. Das gesamte Ergebnis dieser Bemühungen wurde 1492 gedruckt. Damit wurde die Lehre dieses Philosophen, die bisher in der lateinischsprachigen Welt nur auf indirekten Wegen nachgewirkt hatte, erstmals breiteren Kreisen zugänglich. Überdies übersetzte und kommentierte Ficino weiteres antikes Schrifttum, das großenteils der Tradition des Platonismus, Neuplatonismus und Pythagoreismus entstammte. Zu den Werken, die er den lateinischsprachigen Gelehrten zugänglich machte, gehörten auch die traditionell dem mythischen Hermes Trismegistos zugeschriebenen Schriften, die das Corpus Hermeticum bilden. Diese Traktate, deren Übersetzung ins Lateinische er 1463 im Auftrag Cosimos abschloss, betrachtete er als eine ägyptische Variante der platonischen Weisheitslehre. Neben Plotin machte er auch spätere Neuplatoniker bekannt; er übersetzte einzelne ihrer Werke (darunter einen Traktat des Iamblichos, der unter dem Titel Über die Mysterien der Ägypter bekannt ist) oder veröffentlichte Auszüge in lateinischer Übersetzung (so verfuhr er mit Schriften von Porphyrios, Synesios und Proklos). Außerdem übersetzte er zwei Schriften des außerordentlich einflussreichen spätantiken christlichen Neuplatonikers Pseudo-Dionysius Areopagita, Über die mystische Theologie und Über die göttlichen Namen, ins Lateinische und Dantes staatstheoretisches Werk De monarchia ins Italienische.

Erneuerung und Verbreitung des Platonismus mini|Platon. Römische Kopie des griechischen Porträts von Silanion, Glyptothek München

Ficino war nicht wie zahlreiche Renaissance-Humanisten in erster Linie schöngeistiger Literat, Philologe und Kulturhistoriker. Denn sein Interesse richtete sich weniger auf die sprachliche Form der antiken Werke als auf ihren philosophischen Gehalt. Sein Hauptanliegen war eine zeitgemäße Erneuerung der antiken Philosophie. Deren Kern bildete für ihn die Lehre Platons, die er im Sinne der von Plotin begründeten neuplatonischen Tradition deutete. Wie schon viele mittelalterliche Denker, aber auf weitaus breiterer und soliderer Quellenbasis als sie, bemühte er sich um ein Verständnis des antiken Platonismus, das diesen harmonisch mit den Grundüberzeugungen des Christentums verbinden sollte. Mit seinem Streben nach einem konsistenten metaphysischen Weltbild, in dem theologische und philosophische Aussagen zu einer unauflöslichen Einheit verschmelzen sollten, reihte er sich in die stärker christlich geprägte Strömung des Humanismus ein. Neben seiner Übersetzer- und Kommentierungstätigkeit verfasste er auch Abhandlungen, welche der systematischen Darstellung und Begründung seines (neu)platonisch-christlichen Lehrgebäudes dienen sollten. Hierzu gehörte vor allem sein philosophisch-theologisches Hauptwerk, die 1474 abgeschlossene, 1482 gedruckte Theologia Platonica („Platonische Theologie“). Mit diesem Titel, den er von einem Werk des spätantiken Neuplatonikers Proklos übernahm, deutete er sein Programm an, das auf eine Synthese von Philosophie und Theologie abzielte, auf eine stimmige, gleichermaßen christliche und platonische, für Humanisten plausible Weltdeutung.