Der Ennser Stadtturm ist das von 1564 bis 1568 unter Kaiser Maximilian II. auf Wunsch der Bevölkerung als Glocken-, Wach- und Uhrturm erbaute 60 Meter hohe Wahrzeichen der Stadt Enns im Bezirk Linz-Land in Oberösterreich.

Der viergeschoßige freistehende Turm verfügt über ein fast 17 Meter hohes Kupferdach mit Kugel und Geniusfigur an der Spitze, steht ungefähr in der Mitte des Ennser Hauptplatzes, vereint Stilelemente der Gotik und der Renaissance und seine Fassade zeichnet sich durch eine auffällige Bemalung aus. Zweimal, 1798 und 1860, konnten die Ennser Bürger den bevorstehenden Abbruch des Turms erfolgreich verhindern.Helmut Lackner: Stadttürme in Österreich – Zeichen bürgerlichen Selbstbewusstseins in: Viatori per urbes castraque. Festschrift für Herwig Ebner zum 75. Geburtstag. Hrsg.: Helmut Bräuer – Gerhard Jaritz – Käthe Sonnleitner, Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität, Graz 2003, S. 441–444. Eine Besonderheit des Stadtturms sind die vertauschten Minuten- und Stundenzeiger der Turmuhr.

Seit Anfang 2013 befindet sich in der ehemaligen Türmerstube im zweiten Geschoß ein Hotelzimmer.Zimmer mit Aussicht. In: Oberösterreichische Nachrichten, 31. Juli 2012. Abgerufen am 26. April 2013. Die über 157 Stufen erreichbare öffentlich zugängliche Galerie oberhalb der Turmuhr wird als Aussichtswarte genutzt.

Lage und Umgebung mini|Luftbild der Altstadt mit dem Hauptplatz (2023)

Der Ennser Stadtturm ist Teil der fast zur Gänze denkmalgeschützten historischen Altstadt von Enns und dominiert als freistehender Turm etwa in der Mitte des Ennser Hauptplatzes die zahlreichen Bürgerhäuser, die ebenso wie der Turm Elemente verschiedener Stilepochen (Gotik, Renaissance, Barock, Klassizismus) in sich vereinen. Bemerkenswerte Gebäude sind das als Stadtmuseum (Museum Lauriacum) genutzte ehemalige barocke Rathaus und das mit gotischen Lauben und einer Fassade aus dem 19. Jahrhundert ausgestattete Sparkassengebäude.

Die an der Westseite des Turms in Nord-Süd-Richtung vorbeiführende Straße verbindet die von Norden zum Hauptplatz gelangende Mauthausener Straße mit der von Süden kommenden Wiener Straße. Direkt beim Stadtturm kann man den Hauptplatz über die Linzer Straße Richtung Westen verlassen.

Geschichte Vorgeschichte Der Ennser Stadtturm verdankt seine Entstehung dem Repräsentationsbedürfnis der Ennser Bürger während der Zeit der Reformation in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Er sollte als Glocken-, Uhr- und Wachturm fungieren. Seine Errichtung fällt laut Bauinschrift in die Jahre 1564–68.Straßmayr 1952, S. 124. Gleichzeitig wurde die inmitten des Hauptplatzes befindliche Scheiblingkirche – ein Zentralbau aus romanischer Zeit – abgerissen und ihr Steinmaterial zum Bau des Stadtturms verwendet. mini|Albrecht Altdorfer: Gefangennahme des hl. Florian

Neuere Quellenforschungen entdeckten einen bis dahin unbekannten Kirchturm der Scheiblingkirche und konnten damit zumindest für ein Jahrhundert vor dem heutigen Stadtturm einen markanten Vorgängerbau an seiner Stelle mit den Funktionen eines Glocken-, Uhr- und Wachturmes nachweisen.Haslhofer 2000. Der Kirchturm der Scheiblingkirche ist nicht nur archivalisch dokumentiert, sondern auch auf Albrecht Altdorfers Gemälde Gefangennahme des hl. Florian zu sehen, der ersten Abbildung der Stadt (um 1520).

1553 kam es zu einer Neuordnung der Seelsorge in Enns. In der Translationsurkunde vom 22. August 1553 verfügte König Ferdinand I., nachdem er Kirche und Kloster vom Ordensprovinzial der Minoriten übernommen hatte, dass die Pfarrrechte von der weit vor den Toren der Stadt liegenden St. Laurenzkirche auf die ehemalige Minoritenkirche in der Stadt überzugehen hatten. Die Mönche hatten die aus dem 14. Jahrhundert stammende Minoritenkirche zusammen mit dem Minoritenkloster 1551 im Zuge der Glaubenserneuerung, in der viele Bürger zum evangelischen Glauben übertraten, aufgeben müssen.

Die Planungen für den Bau des Stadtturmes reichen mindestens zwei Jahrzehnte zurück, denn im Februar 1547 wird der Kirchturm der Scheiblingkirche als so paufelig bezeichnet, dass man im Stadtrat sogar erwog, dass er noch das jar auffgepaut wurdt.Haslhofer 2000. Zum Turmneubau kam es schließlich 1564. Das Fehlen eines Glockenturms, wie man lange Zeit glaubte, war somit nicht der Grund. Auf die Scheiblingkirche konnte die inzwischen protestantische Bürgerschaft verzichten, nicht aber auf den gewohnten Turm inmitten der Stadt. Den Abriss des Kirchengebäudes erlaubte Maximilian II. am 23. Dezember 1565, zwei Jahre nach Beginn des Turmneubaus. Der niederösterreichische Vizekanzler Geheimrat Georg Gienger von Rotteneck unterstützte die Bürger bei der Finanzierung des Kupferdaches, übernahm den Ankauf der Kupferbleche und sorgte dafür, dass noch im Herbst das Material auf dem Wasserweg von Wien nach Enns gebracht wurde.Straßmayr 1952, S. 125. Nach fünfjähriger Bauzeit konnte das Gebäude als nun freistehender Turm vollendet werden.

Der Bau des Stadtturms Der Bau des Ennser Stadtturms fiel in eine Blütezeit der Stadt. Der Handel mit Wein, Holz, Eisen, Salz und Leinwand florierte und auch die zu Beginn des 16. Jahrhunderts erbaute Donaubrücke vom Tabor nach Mauthausen brachte der Stadt zusätzliche Einnahmen.Gottfried Kneifel: Mein Enns. Beiträge zur Geschichte der ältesten Stadt Österreichs. 1988, S. 345.

Seit Mitte des 20. Jh. wurde vermutet, dass der Italiener Christoph Canevale der Baumeister des Ennser Stadtturms war, da er damals in mehreren oberösterreichischen Städten und Märkten als Baumeister tätig war.

Auf Grund einer 1977 aufgefundenen urkundlichen Notiz („in beysein Maister Hansen von Mainz, Maurer der den thuern zu Enns gebaut“) glaubte man vorerst an einen aus Mainz am Rhein kommenden Baumeister. Augustine Hartl stellte 1987 und 1989 Canevale auch aus künstlerischen Gründen als Baumeister des Stadtturms in Frage, da sich die von ihm konzipierten Bauten durch kubische Geschlossenheit, sparsame Gliederung und Schmucklosigkeit auszeichnen.

Neuere Quellenforschungen in Ennser Archivalien brachten den korrekten Namen des Baumeisters zu Tage, unter anderem aufgrund einer eigenhändig verfassten Rechnung, in der er sich „Hans von Matz“ nennt. Mit urkundlichen und stilistischen Argumenten konnte diesem Baumeister während einer ca. dreißigjährigen Schaffensperiode ein umfangreiches Werk in Enns und Umgebung für bürgerliche und adelige Auftraggeber zugeschrieben werden.Haslhofer 2018.

Die Gesamtkosten des Ennser Stadtturms lassen sich aufgrund fehlender Belege nicht sicher feststellen. Es existiert nur eine vom Kammeramtsverwalter Sigmund Strasser unterschriebene Teilrechnung, die für den Zeitraum vom 1. Juli bis 22. September 1567 die Summe von zehn Gulden, fünf Kreuzern und zwei Pfennigen für Arbeiten am Kupferdach enthält.Stadtarchiv Enns, Schachtel 13, B I 36. Einziger Hinweis auf die Gesamtkosten ist ein Notizzettel vom Ende des 18. Jahrhunderts, der die Gesamtkosten auf 10.960 Gulden beziffert. Damit hätten zur damaligen Zeit rund 20 Bürgerhäuser gebaut werden können.

Seit der Erbauung mini|Stadtturm Enns 1898. Schrägansicht mit Süd- und Ostfassade mit dem Waaghaus an der Ostfassade

Am 12. April des Jahres 1798 sollte das für Enns zuständige Kreisamt des Traunviertels prüfen, ob der Stadtturm abgebrochen werden sollte, da der Turm als Unzierde galt und man zudem durch den Verkauf des Abbruchmaterials der Stadt Einnahmen verschaffen wollte. Die Turmuhr sollte am Rathaus angebracht werden. Da die Ennser mehrheitlich gegen den Abbruch des Turms waren, bemühte sich der Ennser Magistrat in dem vom Kreisamt angeforderten Gutachten um eine ausführliche Begründung, warum der Stadtturm für die Stadt unentbehrlich sei. Er gab an, dass die Uhr das Rathaus zu sehr belasten würde. Weitere wesentliche Gründe für die Erhaltung des Turms waren die Frage der Unterbringung der Glocken und die ständige Feuersgefahr, die von durchmarschierenden Truppen ausging. Am 5. Juli 1798 wurde ein entsprechender Bericht dem Kreishauptmann Albert Graf von Clam vorgelegt. Dieser pflichtete dem Magistrat in allen Punkten bei. In der Sitzung am 19. Juli 1798 nahm die Landesregierung diese Darstellung zur Kenntnis.Gottfried Kneifel: Rund um den Stadtturm. Beiträge zur Geschichte der ältesten Stadt Österreichs. Trauner Verlag, Linz 1998, S. 219–221.

Im Jahr 1860 war der Stadtturm ein weiteres Mal vom Abbruch bedroht. Sturm und Regen hatten das Dach des Turmes schwer in Mitleidenschaft gezogen, und eindringendes Regenwasser hatte den Dachstuhl schwer beschädigt, sodass bei Sturm Einsturzgefahr bestand und eine Reparatur unumgänglich war. Als Alternative erwog man, das Dach samt seiner Kupfereindeckung vollständig abzutragen und durch eine Plattform (Flachdach) zu ersetzen. Mit dem geschätzten Erlös von 4655 Gulden aus dem Verkauf des Dachkupfers hätte die Plattform finanziert werden können. Da aber die Neuwahl der Gemeindevertretung bevorstand und die Jahreszeit bereits fortgeschritten war, einigte man sich auf die Dachreparatur, und das ursprüngliche Erscheinungsbild des Stadtturmes wurde nicht verändert. Im Jahr 1940 ermöglichte eine Ausnahmegenehmigung die neuerlich dringende Restaurierung des Kupferdaches. Die von Rudolf Steinbüchler 1939 vorgelegten Entwürfe einer kompletten Ausstattung der Turmfassade mit Fresken und die 1952 von Otto Götzinger geplante Ausmalung blieben unausgeführt.

Das ursprünglich an der Ostseite des Turms angebaute öffentliche Waaghaus, wo Waren wie Wolle, Heu oder Salz gewogen wurden, existiert nicht mehr. Es wurde um die Mitte des 20. Jahrhunderts abgetragen.Kneifel Herbert: Enns in alten Ansichten. 1996, S. 13.

Architektur, Nutzung und Ausstattung

Der Stadtturm Enns besteht großteils aus Konglomeratgestein, Granit und Ziegel. Der annähernd quadratische Grundriss beträgt rund 10,7 × 10,7 Meter und hat mit der Turmfigur eine Höhe von etwa 60 Metern. Im Stadtturm sind die Baustile Gotik und Renaissance vereint. Es handelt sich um einen viergeschoßigen Quaderbau mit Ecklisenen, Doppelspitzbögen, Kreuzbogenfriesen und Kaffgesimsen. Die Fassade ist in vier übereinander liegende Felder geteilt, die den Geschoßhöhen entsprechen. Darüber erhebt sich ein Renaissancedach.

Erstes Geschoß Der Eingang befindet sich im Erdgeschoß auf der Südseite (eine automatische Tür mit Münzeinwurf); darüber ist eine gemäß der Inschrift aus der Zeit des Turmbaus stammende Sonnenuhr aufgemalt. Sie füllt ein sechs Meter breites und drei Meter hohes Feld mit einfachen Fresken aus. Der Schattenstab sowie die längs der dreiseitigen Umrandung angebrachten Stundenzeichen ermöglichen ein genaues Ablesen der Uhrzeit.Gottfried Kneifel: Rund um den Stadtturm. Beiträge zur Geschichte der ältesten Stadt Österreichs. Trauner Verlag, Linz 1998, S. 217 f.

Die Inschrift der Sonnenuhr lautet: mini|Sonnenuhr und lateinische Inschrift

Der erste Teil dieser Inschrift weist darauf hin, dass der Bau unter Kaiser Maximilian begonnen und nach vier Jahren vollendet wurde. Der zweite Teil stellt im Gegensatz dazu keinen Tatsachenbericht dar, sondern ist ein Hinweis darauf, dass die ersten christlichen Zellen in Oberösterreich schon auf die apostolische Urzeit zurückreichen. Die beiden genannten Evangelisten predigten aber sicher nie in Oberösterreich. Baubeginn und Vollendung können von einer Inschrift an der Südseite des Turms abgelesen werden: INITIUM EXSTRUCTIONIS ANNO MDLXIV FINIS ANNO MDLXVIII. Auf der Ostseite befindet sich oberhalb des Ennser Stadtwappens der Hinweis auf die Verleihung von Stadtrechten an die Ennser Bürger vom 22. April 1212 mit der Inschrift Stadtrecht Enns 22 April 1212. Unterhalb des Wappens sind, kaum noch lesbar, die Jahre der Turmrenovierungen 1772, 1837, 1883, 1940, 1962, 1977 und 1995 verzeichnet.

Zweites und drittes Geschoß mini|Doppeladler an der Südfassade