Die Nachtschwalbe (Caprimulgus europaeus, Synonym: Caprimulgus centralasicus), auch Europäischer Ziegenmelker, ZiegenmelkerP. H. Barthel, C. Barthel, E. Bezzel, P. Eckhoff, R. van den Elzen, Ch. Hinkelmann & F. D. Steinheimer: Die Vögel der Erde - Arten, Unterarten, Verbreitung und deutsche Namen, 3. ergänzte Auflage, 2022, PDF oder NachtschattenSo bei Alfred Brehm oder Karl Theodor Liebe (etwa K. Th. Liebe: Der Nachtschatten, in: Monatsschrift des Deutschen Vereins zum Schutze der Vogelwelt, 1887, S. 236); der Namen ist vor allem in Sachsen und Thüringen gebräuchlich. genannt, ist neben dem Rothals-Ziegenmelker (Caprimulgus ruficollis) der einzige in Europa vorkommende Vertreter der Vogelfamilie der Nachtschwalben (Caprimulgidae).

Der gut drosselgroße, rindenfarbene, langflügelige Vogel ist dämmerungs- und nachtaktiv. Den Tag verbringt die Art schlafend, oft in Längsrichtung auf einem Ast sitzend. Er kommt von Nordafrika über große Teile Eurasiens ostwärts bis etwa in das Gebiet des Baikalsees vor. Alle Populationen sind obligate Langstreckenzieher mit Überwinterungsgebieten im östlichen und südöstlichen Afrika. Nur ein kleiner Teil der in Südwesteuropa brütenden Vögel überwintert äquatornah in West- und Zentralafrika.

Die Art ernährt sich von nächtlich schwärmenden Insekten, vornehmlich Schmetterlingen, die sie im Flug erbeuten. Sie bauen kein Nest, sondern legen ihre meist zwei Eier in eine leichte Vertiefung auf den nackten Boden.

In Nordwest- und Zentraleuropa ging der Bestand seit dem Ende des 19. Jh. zurück, eine Entwicklung, die sich vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jh. wesentlich verschärfte. Heute ist die Art aus vielen Regionen Zentraleuropas völlig verschwunden. Gut ist die Art jedoch noch immer in Südwest-, Süd- und Südosteuropa vertreten. Global gilt die Art, von der sechs Unterarten beschrieben werden, als nicht gefährdet.[ Datenblatt IUCN]

Der eigentümliche Name des Gattungsepithetons caprimulgus entstammt der irrigen Auffassung, dass die Art nächtlich an den Eutern von Ziegen Ziegenmilch saugen würde, die von Plinius dem Älteren in seiner Naturgeschichte verbreitet wurde (lateinisch capra = Ziege; mulgere = melken).James A. Jobling: Scientific Bird Names. Christopher Helm, London 2011, S. 90.

Aussehen mini|Ziegenmelker mini|Nachtschwalbe Die Art ist ein langgestreckter, gut drosselgroßer Vogel mit einem großen, flachen Kopf und einem sehr kurzen, aber sehr breiten Schnabel, der von langen, vom Schnabelgrund ausgehenden Borsten umgeben ist. Die kurzen Füßchen mit stark verlängerter Mittelzehe (Putzkralle) sind im Feld kaum zu sehen. Das Gefieder ist graubraun rindenfarbig, mit helleren Binden und schwarzer Kritzelung. Die Flügel sind ungewöhnlich lang, dabei aber ziemlich schmal; im letzten Drittel der Flügelunterseite erscheint eine markante weiße Flügelbinde, auch die äußeren Steuerfedern des langen Schwanzes sind weiß, während die mittleren dunkel schwarzbraun gefärbt sind. Auf der Flügeloberseite ist diese Weißzeichnung ebenfalls vorhanden, jedoch weniger auffallend. Meistens sind ein deutlicher weißer Bartstreif und eine helle Gefiederfärbung im Kehlbereich erkennbar. Bei den annähernd gleich großen und gleich schweren Weibchen fehlen die weißen Abzeichen an Flügeln und Schwanz sowie der helle Kehlfleck. Bei älteren Weibchen ist der Kehlbereich zwar deutlich heller als das Umgebungsgefieder, aber eher zimtfarben oder rötlichbraun gefärbt und nicht weißlich wie bei den Männchen. Das Jugendkleid ist dem Weibchengefieder sehr ähnlich, insgesamt jedoch heller und kontrastärmer als das adulter Weibchen. Im Flug wirkt der Vogel bedeutend größer und falkenähnlich. Die Unterschiede zwischen den Unterarten sind nicht sehr deutlich und feldornithologisch nur sehr schwer festzustellen.

Maße und Gewicht Je nach Unterart beträgt die Gesamtlänge adulter Nachtschwalben (gemessen von der Schnabel- zur Schwanzspitze) zwischen 24 und 28 Zentimetern; die Spannweite von 55 bis 65 Zentimetern entspricht etwa der eines Turmfalkenmännchens. Die schwersten Ziegenmelker wogen etwas über 100 Gramm, im Mittel liegt ihr Gewicht zwischen 68 und 85 Gramm. Individuen der Nominatform sind im Durchschnitt die größten und auch die schwersten.

Stimme Die im Brutgebiet territoriale Art fällt vor allem durch ihren Gesang auf. Meistens von einer erhöhten Singwarte vorgetragen, lässt er sich am ehesten mit dem Geräusch eines entfernt vorbeifahrenden Kleinmotorrades vergleichen; er wird stundenlang fast ohne Pause in der Abenddämmerung und nachts vorgetragen. Dieses in Tonhöhe und Lautstärke variierende Schnurren wechselt bei größerer Erregung von quoorrooorrrorrr... nach erreeerreerrreerrreeerr...Stimmbeispiel Schnurren bei xeno-canto Diese Lautäußerung kann mit den ebenfalls nächtlichen Balzchören der Kreuzkröte verwechselt werden. Wenn der Ruf plötzlich abbricht, kann man manchmal sehr hohe, gedehnte kuuiik- oder guuiiek-Elemente und mehrmaliges, recht lautes Flügelklatschen vernehmen.Stimmbeispiel xeno-canto: Ruf und Flügelklatschen Am Nest ist von beiden Eltern ein dunkler, leiser wuuk- oder quuuuk-Laut zu hören, der von Fachleuten Grunzen genannt wird. Auch Knappgeräusche sind vor allem während der Insektenjagd und in Erregungssituationen zu hören.

Verbreitung mini|Verbreitung des Ziegenmelkers nach BirdLife International und Handbook of the Birds of the World (2016) 2007 (in IUCN 2019-2): Das Verbreitungsgebiet der Art erstreckt sich vom äußersten Nordwesten Afrikas über das südwestliche Eurasien ostwärts etwa bis zum Baikalsee. Im fernöstlichen Asien ist die Gattung Caprimulgus durch die Dschungel-Nachtschwalbe (C. indicus), eine dem Ziegenmelker sehr nahestehende Art, vertreten. Europa ist fast vollständig besiedelt, auch auf den meisten Mittelmeerinseln ist die Art vertreten. Sie fehlt nur in Island, im Norden Schottlands, im Norden Skandinaviens und Russlands sowie im südlichen Teil der Peloponnes. In Mitteleuropa ist sie ein seltener, lückig verbreiteter Brutvogel, häufiger kommt sie in Spanien sowie in den osteuropäischen Staaten vor.

Lebensraum mini|links|Heidegebiete bieten dem Ziegenmelker günstige Bruthabitate. Der Vogel bewohnt trockene, wärmebegünstigte, offene Landschaften mit einem ausreichenden Angebot an Nachtfluginsekten. In Europa sind seine bevorzugten Lebensräume Heiden und Moore, auch lichte, sandige Kiefernwälder mit großen Freiflächen, Kahlschläge sowie Windbruchgebiete vermag er zu besiedeln. Ebenso erscheint er, insbesondere in Süd- und Südosteuropa, auf steinigen und sandigen Freiflächen von Macchien, gelegentlich auch in wenig bewachsenen Dünenabschnitten. In Mitteleuropa zeigen Sekundärlebensräume wie Truppenübungsplätze oder stillgelegte Tagebauflächen die größten Bestandsdichten. In Nordafrika brütet die Art in steinigem, nur spärlich mit Büschen bestandenem Gelände. Geschlossene Waldgebiete werden von allen Unterarten gemieden, reine, weitgehend vegetationslose Wüsten ebenfalls, nur die Unterart C. e. plumipes brütet auch in den Randbereichen der Gobi. Im Allgemeinen ist der Vogel als wärmeliebende Art eher ein Bewohner der Niederungen, doch bei günstigem Nahrungsangebot brütet er bis in den subalpinen Bereich. In Asien wird die Art regelmäßig in Höhen über 3000 Meter festgestellt, in den Überwinterungsgebieten sogar am Rande der Schneegrenze bei etwa 5000 Meter.

Sofern die grundlegenden Anforderungen, die die Art an den Brutstandort stellt, erfüllt sind, meidet der Ziegenmelker die Nähe des Menschen nicht. Randgebiete kleiner Siedlungen scheinen sogar, wahrscheinlich durch die von Tierhaltung und Lichtquellen angezogenen Insekten, eine besondere Attraktivität zu besitzen.

Wanderungen In seinem gesamten Verbreitungsgebiet ist die Art obligater Zugvogel, der meist einzeln (seltener in kleinen Zuggemeinschaften) zieht. Der Wegzug aus den Brutgebieten beginnt schon Mitte Juli mit dem Abzug der Jungvögel. Bis Oktober haben alle Ziegenmelker ihre Sommerquartiere geräumt. Ziegenmelker sind Breitfrontzieher und überqueren Alpen, Mittelmeer und Sahara beziehungsweise die innerasiatischen Steppen- und Wüstengebiete ohne Umgehungsstrategien. Das Hauptüberwinterungsgebiet beginnt im Südsudan und erstreckt sich bis zur Kapprovinz, wobei die verschiedensten Biotope und Höhenstufen aufgesucht werden können, sofern nur genügend Freiflächen zur Jagd zur Verfügung stehen. Auch in Westafrika werden beginnend im südlichen Sahelbereich südwärts bis zur Guineaküste Ziegenmelker angetroffen, allerdings in geringerer Zahl. Auch die asiatischen Unterarten scheinen die Überwinterungsgebiete in Ost- und Südostafrika zu bevorzugen. Wahrscheinlich besteht auch ein kleines Überwinterungsgebiet an der Ostküste der Arabischen Halbinsel. Regelmäßig werden auch während des Winterhalbjahrs Ziegenmelker in Nordwestindien bzw. im nordöstlichen Pakistan angetroffen; ob es sich dabei jedoch um Überwinterer handelt, ist nicht geklärt. Im Brutgebiet kommen die ersten Ziegenmelker nicht vor Mitte April an, die Mehrzahl kehrt erst in der ersten und zweiten Maidekade dorthin zurück.

Verhalten mini|Ziegenmelker Der Vogel ist ganzjährig dämmerungs- und nachtaktiv. Seine Aktivitätsphase beginnt kurz nach Sonnenuntergang und endet in der Morgendämmerung. Bei ausreichendem Nahrungsangebot wird um die Nachtmitte eine längere Ruhe- und Putzpause eingelegt. Den Tag verbringt er ruhend am Boden, auf Baumstümpfen oder auch auf Ästen, dort immer in Längsrichtung. Im Brutrevier wird meistens über Wochen derselbe Ruheplatz aufgesucht. Bei Störungen verharren Ziegenmelker lange regungslos. Erst wenn sich der Eindringling bis auf wenige Meter genähert hat, fliegt der Vogel plötzlich auf, lässt sich oft aber schon nach 20 bis 40 Metern wieder nieder. Beim Auffliegen ist häufig der Alarmruf sowie Flügelklatschen zu hören. Ziegenmelker sind wenig gesellig, sie ziehen nur selten in kleinen Trupps und werden auch im Winterquartier in der Regel allein angetroffen.

Der Flug kann falkenähnlich schnell, aber auch schmetterlingsartig gaukelnd sein. Häufig rüttelt er. Der Streckenflug erinnert etwas an den eines Kuckucks. Am Boden bewegt er sich trippelnd fort, wobei der Körper etwas hin und her schwankt.

Die Vögel sonnen sich gerne und nehmen ausgiebige Staubbäder.

Aggressionsverhalten Gegenüber Artgenossen sind die Männchen in der Paarbildungs- und Brutphase sehr aggressiv. Der Revierbesitzer fliegt auf den Eindringling zu, wobei er die weißen Gefiederabzeichen präsentiert. Danach lässt er sich nieder und schnurrt ausgiebig. Das genügt meist, um den Rivalen zu vertreiben. Später erlischt diese Aggressivität weitgehend und revierfremde Artgenossen werden geduldet; sie beteiligen sich auch oft an der Brutpflege. Eulen sowie gelegentlich auch Fledermäuse versucht der Ziegenmelker durch Flügelklatschen und Flugattacken zu vertreiben. Umgekehrt hassen jedoch auch andere Vögel auf den Ziegenmelker. Potenzielle Nesträuber werden mit Fauchen, Zischen und mit Flugangriffen attackiert. Bleibt dies erfolglos, versucht er den Eindringling durch Verleitestrategien vom Nest fortzulocken. Brütende Ziegenmelker fliehen vor einem Menschen erst, wenn sich dieser bis auf wenige Meter seinem Nest genähert hat.

Jagdverhalten Die Beute wird meistens im Flug, seltener in Ansitzjagd mit kurzen Ausfallflügen nach Art der Fliegenschnäpper erbeutet, wobei vielfältige Flugjagdmethoden, vom wendungsreichen, gaukelnden Suchflug bis zum falkenähnlichen, reißenden Jagdflug Anwendung finden. Erst kurz vor Erreichen der Beute reißt der Ziegenmelker seinen tief gespaltenen Schnabel auf. Zur Größe und Wirksamkeit dieses Fangkeschers tragen auch die schräg abstehenden Borsten bei, die den Schnabel seitlich umgeben. Selten erbeutet der Ziegenmelker Insekten auch am Boden.

Die Art jagt nicht nur innerhalb ihrer Territorien, sondern unternehmen zuweilen recht weite Nahrungsflüge. An besonders ergiebigen Nahrungsquellen können mehrere Individuen angetroffen werden.

Nahrung