mini|Hildbrand Gurlitt, 1931 Hildebrand Gurlitt (* 15. September 1895 in Dresden; † 9. November 1956 in Oberhausen)„Dr. H. Gurlitt gestorben“, Pressemitteilung des Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen vom 9. November 1956 („am 9. November, morgens 6.30 Uhr, im Josephs-Hospital zu Oberhausen-Sterkrade“) war ein deutscher Kunsthistoriker und Kunsthändler. Er war von 1925 bis 1930 Leiter des König-Albert-Museums in Zwickau und von 1931 bis 1933 Leiter des Kunstvereins in Hamburg. Während der Zeit des Nationalsozialismus arbeitete er als Kunsthändler. Dabei war er einerseits damit beauftragt, die aus deutschen Museen beschlagnahmte sogenannte „Entartete Kunst“ (diffamierte moderne und avantgardistische Kunst) ins Ausland zu verkaufen. Zum anderen war Gurlitt nach Beginn des Zweiten Weltkriegs als einer der Haupteinkäufer für das Hitlermuseum in Linz am nationalsozialistischen Kunstraub vorwiegend in Frankreich beteiligt. Ab 1948 war er Leiter des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen.
Leben Familie Hildebrand Gurlitt stammte aus Dresden. Sein Vater war der Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt, sein Großvater der Landschaftsmaler Louis Gurlitt. Seine Großmutter Elisabeth Gurlitt (geborene Lewald) war eine Schwester der Schriftstellerin Fanny Lewald, sie kam aus einer jüdischen Familie.Seine Großmutter Elisabeth Lewald (1822–1909) war die Tochter des jüdischen Kaufmanns David Marcus (1787–1846) und seiner Ehefrau Zippora (geb. Assur, 1790–1841). Nach dem Preußischen Judenedikt von 1812 ließ sich der Vater und mit ihm die Familie (protestantisch) taufen, legte den jüdisch klingenden Namen Marcus ab und nannte sich gut preußisch „Lewald“. Nachdem auch Davids Brüder August, Markus und Friedrich den Namen Marcus abgelegt und den Familiennamen Lewald angenommen hatten, vollzog er den Namenswechsel auch offiziell. 1838 wurde David Marcus Lewald für sechs Jahre zum ehrenamtlichen Stadtrat von Königsberg gewählt. Sein Bruder war der Musikwissenschaftler Wilibald Gurlitt, Cousins von Hildebrand Gurlitt waren der Kunsthändler Wolfgang Gurlitt und der Komponist Manfred Gurlitt.
Hildebrand Gurlitt heiratete 1923 die Tänzerin Helene („Lena“) Hanke (1895–1968), von ihren Mitschülerinnen wie Yvonne Georgi „Bambula“ genannt, eine der ersten Schülerinnen von Mary Wigman.Hedwig Müller: Mary Wigman. Leben und Werk der großen Tänzerin. Hrsg. von der Akademie der Künste Berlin. Quadriga, Weinheim 1986, ISBN 3-88679-148-3, S. 75 Mit ihr hatte er den Sohn Cornelius (1932–2014) und eine Tochter Nicoline Benita Renate (1935–2012).Phantom Collector: The Mystery of the Munich Nazi Art Trove. spiegel.de/international, 11. November 2013, abgerufen am 19. November 2013.Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Bd. 1: Hamburger Kunst im „Dritten Reich“. Dölling und Galitz, München 2001, ISBN 3-933374-94-4, S. 590.Pressure Mounts to Return Nazi-Looted Art. New York TimesDokument von 1948: Biographical Declaration of Dr. Hildebrand Gurlitt
Militärzeit und Ausbildung Gurlitt war von 1914 bis 1918 Offizier im Deutschen Heer. Er hatte sich wie sein Bruder Wilibald im August 1914 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Beim Einsatz im Ersten Weltkrieg wurde er dreimal verwundet.Siehe Abb. Sworn Statement Dr. H. Gurlitt 1945 Anschließend studierte er Kunstgeschichte, zunächst an der TH Dresden, ab 1919 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und dann am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Frankfurt am Main. Dort wurde er 1924 mit einer Dissertation über die Baugeschichte der Katharinenkirche in Oppenheim bei Rudolf Kautzsch zum Dr. phil. promoviert.Dissertation im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.
Museumsdirektion – Einsatz für avantgardistische Kunst mini|hochkant|Museum in Zwickau Vom 1. April 1925 bis 1. April 1930 leitete Gurlitt das am 23. April 1914 eingeweihte König-Albert-Museum in Zwickau. Dieses städtische Museum war zur Unterbringung der Ratsschulbibliothek, der 1868 gestifteten Mineraliensammlung, der Handschriften des Ratsarchivs und der Kunstgegenstände im Besitz der Stadtgemeinde sowie der Sammlung des Altertumsvereins errichtet worden. Gurlitt war der erste hauptamtliche Direktor des Museums, seine Berufung sollte der Beginn des zielgerichteten Aufbaus einer modernen Kunstsammlung werden. Er legte den Schwerpunkt auf Werke avantgardistischer zeitgenössischer Maler und veranstaltete zahlreiche Ausstellungen. Website der Kunstsammlungen Zwickau.
So präsentierte er 1925 gleich nach seiner Berufung Werke von Max Pechstein in einer großen Ausstellung, von der er auch Werke für das Museum erwarb. 1926 standen Käthe Kollwitz und das junge Dresden im Mittelpunkt, 1927 wurden Werke von Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gezeigt und 1928 wurde eine Ausstellung Emil Nolde gewidmet. Gleichzeitig war Gurlitt an Werken der Maler Oskar Kokoschka, Emil Nolde, Lovis Corinth, Max Liebermann, Max Slevogt, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix, Lyonel Feininger, Paul Klee und Wassily Kandinsky interessiert.Vanessa-Maria Voigt: Kunsthändler und Sammler der Moderne im Nationalsozialismus. Die Sammlung Sprengel 1934 bis 1945. Reimer, Berlin 2007, ISBN 978-3-496-01369-3, S. 134. Mit zahlreichen Künstlern seiner Zeit stand Gurlitt in engem persönlichen Kontakt, so beispielsweise auch mit Ernst Barlach.
Gurlitt ließ vom Bauhaus in Dessau das Zwickauer Museum gestalten und ausmalen; diese Neugestaltung, die 1926 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, fand überregionalen Beifall. Die finanzielle Ausstattung des Museums war sehr bescheiden. Daher verkaufte Gurlitt gelegentlich ein traditionelles Werk aus dem 19. Jahrhundert. Das und die Propagierung moderner Kunst rief den zunehmenden Widerstand konservativer Kreise in Zwickau hervor. Besonders tat sich hier die Ortsgruppe Zwickau des Kampfbundes für deutsche Kultur hervor. Kampagnen gegen die von Gurlitt bevorzugt angeschaffte moderne Kunst führten am 1. April 1930 zu seiner Entlassung. Gurlitt wurde vorgeworfen „Kultus mit dem Untermenschentume der Kollwitz, Zille, Barlach“ getrieben zu haben.„Entartete Kunst“ = „Kunst der Verfallszeit“? In: Bildende Kunst, Berlin, Heft 10/49, S. 349 Offiziell aber wurden die finanziellen Engpässe der Stadt Zwickau als Grund angegeben. Bereits im Frühjahr 1928 hatte sich Gurlitt als Konservator für die Sammlungen der Stadt Regensburg beworben. Seine Bewerbung blieb erfolglos, die für die Besetzung dieser Stelle einberufene Sachverständigenkommission bestand aus deutschnational-völkischen Heimatschützern.Walter Boll statt Hildebrand Gurlitt, Bericht auf regensburg-digital vom 8. August 2022 . Auf Vermittlung von Ludwig Justi wurde Gurlitt im Mai 1931 Leiter des Kunstvereins in Hamburg.Dazu ausführlich: Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Bd. 1: Hamburger Kunst im „Dritten Reich“. Dölling und Galitz, München 2001, ISBN 3-933374-94-4.
Zeit des Nationalsozialismus mini|hochkant|Das Bild Zwei weibliche Halbakte von Otto Mueller ging durch Gurlitts Hände und wurde 1999 gemäß der Washingtoner Erklärung den Erben von Ismar Littmann restituiert. Es konnte für das Museum Ludwig erworben werden Entlassung als Leiter des Kunstvereins Auch in Hamburg machten die Nationalsozialisten Front gegen Gurlitts Auffassung von Kunst. Der Hamburger Kunstverein „fördere den internationalen und bolschewistischen Kunstkurs“ ließ der nationalsozialistische Bildhauer und hohe Funktionär des Kampfbundes für deutsche Kultur Ludolf Albrecht verlauten, der am 5. März 1933 zum Beauftragten des schon gleichgeschalteten Reichsverbandes bildender Künstler Deutschlands Gau Nordwestdeutschland ernannt wurde. Gurlitt konnte im April 1933 – mit zeitweiliger Rückendeckung des seit dem 8. März amtierenden nationalsozialistischen Ersten Bürgermeisters Hamburgs, Carl Vincent Krogmann –, noch eine Ausstellung moderner italienischer Kunst machen, in der er auch moderne deutsche Werke unterbrachte. Aber die Pressionen wurden bald zu stark, weil unter anderem Gurlitts Förderer Krogmann, der moderner Kunst nicht abhold war, eigene nationalsozialistische Ziele verfolgte und den Schutz Gurlitts aufgab. Krogmann begann, den Kunstverein gleichzuschalten. Gurlitt wurde am 14. Juli 1933 gezwungen, von seinem Amt zurückzutreten. Sein Nachfolger wurde der Kunsthistoriker Friedrich Muthmann.Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Bd. 1: Hamburger Kunst im „Dritten Reich“. Dölling und Galitz, München 2001, ISBN 3-933374-94-4, S. 102.
Kunsthändler in Hamburg Nach seiner Entlassung machte sich Gurlitt in Hamburg mit der Firma Kunstkabinett Dr. H. Gurlitt als Kunsthändler selbständig. Die Geschäftsräume befanden sich kurzzeitig in der Klopstockstraße 35 und dann bis zur Zerstörung des Hauses im Zweiten Weltkrieg in der Alten Rabenstraße 6 in Hamburg-Rotherbaum.Mark Nixon: Samuel Beckett’s German Diaries 1936–1937. London/New York 2011, Anm. 15. Gurlitt war sehr erfolgreich. „Er bot beste, international angesehene Kunst älterer und jüngerer Meister an, moderne Kunst, aber unter der Hand auch ‚entartete‘.“.Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Bd. 1: Hamburger Kunst im „Dritten Reich“. Dölling und Galitz, München 2001, ISBN 3-933374-94-4, S. 227. Da der Handel mit „entarteter Kunst“ verboten war, wickelte Gurlitt diese Geschäfte „angeblich“ in einem Kellerraum ab, damit niemand Kenntnis von den illegalen Vorgängen erhielt.Stefan Koldehoff: Die Bilder sind unter uns. Das Geschäft mit der NS-Raubkunst und der Fall Gurlitt. Galiani, Berlin 2014, ISBN 978-3-86971-093-8, S. 27.
1937 kam es zu einem Eklat um eine Ausstellung von Bildern von Franz Radziwill, die Gurlitt in den Räumen seines Kunstkabinetts veranstaltete. Radziwill war NSDAP-Mitglied und hatte auf der Biennale von Venedig 1934 ausgestellt. 1935 war Radziwill bei Teilen der NSDAP in Ungnade gefallen. Seine Bilder galten als zu modern. Er musste zeitweilig seine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf aufgeben. Bilder von ihm wurden beschlagnahmt und Ausstellungen geschlossen. 1937 war er eigentlich schon wieder rehabilitiert. Radikale Studenten im NS-Studentenbund wandten sich bei der Eröffnung gegen Radziwill, gegen den Professor Wilhelm Niemeyer von der Kunsthochschule, der den Eröffnungsvortrag hielt, und gegen Gurlitt. In diesem Zusammenhang wurde Gurlitt die Schließung seiner Galerie angedroht.
Noch 1937 versuchte Gurlitt Ernst Barlach für die Ausgestaltung des Tympanons der Hamburger Petrikirche zu gewinnen,Isgard Kracht: Im Einsatz für die deutsche Kunst. Hildebrand Gurlitt und Ernst Barlach. In: Maike Steinkamp, Ute Haug (Hrsg.): Werke und Werte. Über das Handeln und Sammeln von Kunst im Nationalsozialismus. Akademie-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-05-004497-2, S. 53. was Barlach allerdings ablehnte, um seine Mäzene wie Hermann F. Reemtsma nicht in Ungelegenheiten zu bringen. Auch einen Taufstein für die Johanneskirche in Hamm wollte Gurlitt von Barlach entwerfen lassen. 1942 gab er seinen Hamburger Wohnsitz auf und zog nach Dresden.Maike Bruhns: Kunst in der Krise. Bd. 1: Hamburger Kunst im „Dritten Reich“. Dölling und Galitz, München 2001, ISBN 3-933374-94-4, S. 591.
Handel mit beschlagnahmter „Entarteter Kunst“ mini|Louis Marcoussis: Grappe de raisins (Die Weintraube), gehandelt durch Hildebrand Gurlitt (nach Beschlagnahme 1937).Siehe auch: Sophie Lissitzky-Küppers mini|Franz Marc: Tierschicksale, 1913