Das „kaiserliche und hochfürstliche Stift Corvey“Vgl. zeitgenössische Bezeichnung im Landesarchiv NRW: , hier synonym mit Fürstabtei, war ein Ständestaat und geistliches reichsunmittelbares Territorium des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im östlichen Westfalen, das sich im Hochmittelalter herausgebildet hat. Die Benediktinerabtei Corvey auf dem heutigen Stadtgebiet Höxters in Nordrhein-Westfalen wurde 1792 von Papst Pius VI. aufgehoben, um in das Hochstift Corvey überzugehen. Seit dem 16. Jahrhundert war die Reichsabtei Teil des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises. Auf Grund ihrer geringen Größe ohne militärische Bedeutung wurde die Reichsabtei zum „‚Spielball‘ benachbarter Dynastien“.
Geographie Die gefürstete Reichsabtei erstreckte sich am Westufer der Weser im Nordosten des heutigen westfälischen Kreises Höxter. Neben Corvey und der Stadt Höxter gehörten zuletzt die 16 Dörfer Albaxen, Amelunxen, Blankenau, Bödexen, Bosseborn, Brenkhausen, Bruchhausen, Drenke, Fürstenau, Godelheim, Lüchtringen, Lütmarsen, Ottbergen, Ovenhausen, Stahle und Wehrden zur Reichsabtei. Sie war Teil des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises und grenzte im Osten an den Niedersächsischen Reichskreis. Der genaue Verlauf der Außengrenze des Stifts wurde überwiegend im 16. Jahrhundert durch die Setzung von Grenzsteinen markiert. Im Jahr 1779 wurden die Hoheitsrechte und Grenzen Corveys durch einen vom Papst und vom Kaiser bestätigten Vertrag definitiv reguliert; unter anderem gab Corvey dabei seine Exklave Jakobsberg an das Hochstift Paderborn ab.
Wichtigstes Nachbarland war das Hochstift Paderborn im Westen und Süden. Das Paderbornische und Corveyische verband die gemeinsame Diözese des Bischofs von Paderborn. Die Diözese umfasste stets weitere Gebiete, als die eines Hochstiftes. Weitere Nachbarn Corveys waren die Grafschaft Lippe (später Fürstentum) im äußersten Nordwesten (Samtämter Oldenburg und Schwalenberg mit Paderborn) und die Territorien des Herzogtums zu Braunschweig und Lüneburg: das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel im Osten und das Fürstentum Calenberg-Göttingen/Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg im Norden und Südosten.
Geschichte Vorgeschichte Corvey gehörte im Frühen Mittelalter zu den bedeutendsten karolingischen Klöstern und verfügte über eine der wertvollsten Bibliotheken des Landes. Zahlreiche Bischöfe gingen aus der Abtei hervor. Die Abtei entwickelte sich im 9. und 10. Jahrhundert zu einem kulturellen, geistigen und wirtschaftlichen Zentrum im Gebiet der Sachsen.
Schon nach der Eroberung Sachsens wollte Karl der Große die Christianisierung in dem neu gewonnenen Gebiet durch die Gründung eines Reichsklosters festigen und fördern. Aber erst die Halbbrüder Adalhard, Abt von Corbie (Corbeia Aurea) an der Somme, und Wala, ein Vetter Karls des Großen, gründeten mit Zustimmung von Ludwig dem Frommen 815 oder 816 als Nova Corbeia (neues Corbie) das erste Kloster im Land der Sachsen in Hethis, zunächst als Propstei von Corbie. Dorther kamen die ersten Mönche. Der Konvent verlegte seinen Sitz im Jahre 822 an die Stelle des heutigen Schlosses Corvey. Damit lag das Kloster etwas östlich vom Königshof Huxori (später Höxter). Dieses befand sich am Übergang des Hellwegs über die Weser. Mit kaiserlicher Unterstützung wurde es von Corbie nach und nach unabhängig. Das den Heiligen Stephanus und Veit (Vitus) gewidmete Corvey wurde zum Ziel zahlreicher Pilger; seit 836 werden dort Reliquien des heiligen Veit verehrt.
Unter Abt Wibald (1146–1158) blühte das Kloster durch Neuorganisation und Erweiterungen auf, es verlor aber nach seinem Tod rasch an Bedeutung und seine frühere Rolle im Reich und der römischen Kurie. Eine gewisse politische Bedeutung hatte das Kloster zur Zeit von Abt Widukind (1189–1203) inne. Ihm oder seinem Vorgänger Konrad (1160–1189) wird das Wachstum karolingischer Siedlungskerne außerhalb des ummauerten Klosterbezirks zu einer hochmittelalterlichen Stadt zugeschrieben, der die UNESCO die Qualität zuschreibt, „herausragende Dokumente des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens im Mittelalter“ hervorgebracht zu haben. Die Stadt Corvey wurde jedoch im Juli 1265 mitsamt ihrer Weserbrücke von Bürgern Höxters und Truppen des Bischofs von Paderborn vollständig zerstört und danach nicht wieder aufgebaut. Das Gelände blieb bis heute eine Wüstung.
Zum Niedergang des Stifts in der Mitte des 13. Jahrhunderts trugen auch ein Klosterbrand (1242) sowie die nachhaltige Störung der Beziehung des Stfts zu Rom durch die antirömische Politik der Äbte Dietmar II. von Stockhausen (1206–1216) und Hermann I. von Holte (1223–1254) bei. Seit der Mitte des 13. Jahrhunderts mit dem Ende der Stauferzeit konnte Corvey kaum noch eine eigenständige Rolle gegenüber den Erzbischöfen von Köln, die als Herzöge von Westfalen auch materielle Interessen in der Gegend hatten, sowie den Bischöfen von Münster und vor allem von Paderborn spielen.
Fürstung zur Reichsabtei Mit der Verlagerung der Königsmacht nach Süddeutschland unter den Staufern und der folgenden Schwächung des Königtums insgesamt verlor Corvey weitgehend den Schutz des jeweiligen Königs. Die Äbte reagierten darauf mit der Schaffung eines möglichst geschlossenen Territoriums. Dabei gerieten sie zwangsläufig in Konflikt mit umliegenden Konkurrenten. Dazu zählten neben den Bischöfen von Paderborn und verschiedenen Grafen insbesondere die Herzöge zu Braunschweig und Lüneburg, die Landgrafen von Hessen und die Erzbischöfe von Köln. Dies führte dazu, dass die Äbte ihre geistlichen Pflichten vernachlässigten und lieber Burgen bauten, wie eine Chronik der Äbte 1189 beklagte. Allerdings zeigt die Katastrophe von 1265, dass Landesherren mit weltlicher Macht auch dann, wenn sie Kleriker waren, in der Zeit des Entstehens moderner Territorialstaaten gut beraten waren, wenn sie versuchten, ihr Staatsgebiet vor Aggressionen durch äußere, aber auch innere Gegner (hier: die „rebellischen“ Bürger von Höxter) zu schützen.
Das 13. Jahrhundert war insgesamt durch erhebliche Einbußen für Corvey geprägt. Im Zuge des sogenannten Osnabrücker Zehntstreits und durch Entfremdung verlor die Abtei die Zehnten und auch die meisten Besitzeinkünfte im Bistum Osnabrück. Im Bereich der Grafschaft Waldeck verlor Corvey im 13. Jahrhundert Besitzungen zu Gunsten der Grafen und dem Erzstift Köln. Auch der 1198 erworbene Solling ging verloren.
Von dem ehemals weit gestreuten Besitz blieb letztlich nur das Gebiet um Corvey übrig. Das Klosterterritorium war etwa 275 km² groß und bestand aus dem Gebiet der heutigen Stadt Höxter mit ihren zwölf Ortschaften sowie vier Ortschaften der heutigen Stadt Beverungen. Am Ende des Alten Reiches lebten dort etwa 10.000 Menschen.
Angesichts der Vielzahl an Hiobsbotschaften für Corvey im 13. Jahrhundert fällt es kaum ins Gewicht, dass Corvey seit 1220 „gefürstete“ Reichsabtei war.
Die wirtschaftliche, politische und geistig-kulturelle Schwächephase hielt während des gesamten Spätmittelalters an. Die Äbte des 14. und 15. Jahrhunderts waren meist unbedeutend und teilweise unwürdig. Dem gegenüber gewann der Konvent an Einfluss. Im 15. Jahrhundert war das Kloster auf dem Tiefstand seiner bisherigen Entwicklung angelangt.Elisabeth Sudhoff: . Nova Corbeia – die virtuelle Bibliothek Corvey, abgerufen am 11. Juni 2012.
War zunächst Kurköln Schutzmacht von Corvey, übernahm mit der Zeit das Hochstift Paderborn die Funktion, obwohl es 1265 die Stadt Corvey zerstört hatte. So kontrollierte das Nachbarstift die Jurisdiktion der Fürstabtei. Gleichzeitig schlossen die Äbte Verträge mit den großen Nachbarn Landgrafschaft Hessen und dem Herzogtum Braunschweig-Lüneburg.
Frühe Neuzeit Im Zuge der Reichsreform wurde Corvey 1500 Teil des Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreises im Heiligen Römischen Reich. Der Abt von Corvey hatte persönlich Sitz und Stimme (Virilstimme) im Reichsfürstenrat des Reichstages und war dort nicht bloß korporativ vertreten (Kuriatstimme) wie die meisten anderen reichsunmittelbaren Äbte. Die Reichsmatrikel legte fest, dass Corvey um 1522 zwei Reiter, neun Fußsoldaten und 120 Gulden für die Reichsarmee zur Verfügung stellen musste. Deutsch, Niederdeutsch und Lateinisch waren die Sprachen, die im Territorium Corvey gesprochen wurden. Dessen Fläche betrug um 1800 275 Quadratkilometer mit zirka 10.000 Einwohnern.
Ebenfalls um 1500 begann unter Abt Franz von Ketteler mit dem Anschluss an die Bursfelder Kongregation auch eine innere Erneuerung. Auch hat dieser mit einer Sicherung der materiellen Grundlagen begonnen. Allerdings überschnitten sich diese Bemühungen mit der seit 1533 in das Corveyer Territorium eindringenden Reformation, die, wie in anderen geistlichen Territorien auch, von landständigem Adel und von Städtern getragen wurde. Entgegen dem Jus reformandi gelang es den Äbten nicht, die dauerhafte Festsetzung der Reformation in Höxter, Amelunxen und Bruchhausen zu verhindern. Dies hat die Stellung des Abtes stark geschwächt. Zur Zeit von Abt Dietrich von Beringhausen begannen um 1590 erste Versuche einer katholischen Erneuerung, aber dieser Ansatz der Konfessionalisierung hatte zunächst wenig Erfolg. Im Gegenteil drohte das Kloster selbst, sich zeitweise der Reformation zuzuwenden. Dem machte das Eingreifen der Bursfelder Kongregation ein Ende. Die Konfessionalisierung war im Stiftsgebiet weitgehend bis 1624 abgeschlossen. Anders aber als im benachbarten Paderborn, blieb der corveyische Hauptort Höxter den Lehren Luthers treu. Sie schaffte es sogar die geistlichen Höfe in ihren Besitz zu bringen, was wiederum die Abtei schwächte. Trotz Ermahnungen von Fürstbischof Dietrich IV. von Paderborn blieben im 16. Jahrhundert von 37 Pfarrern in 14 Gemeinden des Achidiakonats Höxter-Corvey mindestens 12 evangelisch. Der Fürstabt wurde für seine unzulängliche Gegenreformation von seinem Kapitel stark gerügt.
Gleichzeitig stieg im sehr agrarisch und kleinteilig strukturierten Corveyischen die wirtschaftliche Bedeutung direkt an der schiffbaren Weser. Eisenbergbau, Holz- und Getreidewirtschaft aus dem Weserraum wurde für Norddeutschland aber auch für die Vereinigten Niederlande immer bedeutender.
Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Kloster stark zerstört. Der „große Klosterbrand“ („Blutbad von Höxter“ 1635) hat große Teile der Klosterbibliothek vernichtet. Zeitweise mussten die Mönche während des Krieges nach Höxter flüchten. Hinzu kamen militärische Besatzung und hohe Kontributionen.
Corvey stand kurz vor dem Untergang, als Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen – von seinen Gegnern in der Republik der Vereinigten Niederlande „Bommen Berend“ („Bomben-Bernd“) genannt – 1665 Administrator wurde, nachdem die Mönche auf die Wahl eines Abtes aus den eigenen Reihen verzichtet hatten. Er stiftete die barocke Abteikirche und belebte das Kloster durch die Wiedereinsetzung eines adligen Konvents. Auch die landesherrliche Autorität gegenüber Höxter wurde erneuert. Eine wichtige Rolle spielte hierbei, dass Bischof von Galen sich – als einer der ersten Landesherren in Deutschland – darum bemühte, dass es in allen Orten seines Bistums Schulen gab, an denen auch Mädchen unterrichtet wurden.