mini|hochkant|Hanns Heinz Ewers, 1934 mini|Unterschrift Hanns Heinz Ewers (* 3. November 1871 in Düsseldorf als Hans Heinrich Ewers; † 12. Juni 1943 in Berlin) war ein deutscher Schriftsteller, Filmemacher, Globetrotter und Kabarettist. Ewers’ Geschichten kreisen um die Themen Phantastik, Erotik, Kunst bzw. Künstler und Reisen in exotische Länder. Seine teils äußerst drastischen Darstellungen machten ihn zum skandalumwitterten Bestsellerautor, gleichzeitig musste er sich immer wieder gegen den Vorwurf zur Wehr setzen, seine Werke seien trivial, unmoralisch oder pornographisch.

In seinem äußerst bewegten Leben vertrat Ewers auch einander widersprechende Positionen. So setzte er sich für die Gleichberechtigung der Juden ein, trat aber zum 1. November 1931 der NSDAP bei und engagierte sich in deren Propagandaarbeit. 1934 wurde ihm ein generelles Publikationsverbot erteilt.

Biografie Kindheit und Jugend mini|Hanns Heinz Ewers im Alter von vier Jahren Hanns Heinz Ewers entstammte einer künstlerischen Familie. Sein Vater, Heinz Ewers, Hofmaler des Großherzogs Friedrich Franz II. von Mecklenburg-Schwerin, war ein Genre- und Porträtmaler der Düsseldorfer Schule. Seine Mutter, Maria Ewers, geborene aus’m Weerth, erfand zusammen mit dem jungen Ewers Märchen. Sie übersetzte unter anderem Werke von Frédéric Boutet und Claude Farrère aus dem Französischen.

Die Familie Ewers, neben den Eltern und Ewers selbst noch seine Großmutter Maria aus’m Weerth und der zwei Jahre jüngere Bruder Ernst Gustav, der später zur Kaiserlichen Marine ging und 1920 Konteradmiral der Vorläufigen Reichsmarine wurde, lebte in einem eigenen Haus in der Immermannstraße 22 in Düsseldorf. Ewers soll ein schüchternes, verträumtes Kind mit einer ausgeprägten Tierliebe und einem Hang zum Trotz gewesen sein – Eigenschaften, die Ewers auch seinem späteren Romanhelden Frank Braun gegeben hat.

Ewers besuchte in Düsseldorf die Vorschule und das Königliche Gymnasium zu Düsseldorf, ab Frühjahr 1888 das Königliche Gymnasium zu Kleve, auf das er wegen anhaltend schlechter Leistungen wechseln musste.Wilfried Kugel: Einführung. Hanns Heinz Ewers und die 1920er Jahre. In: Hanns Heinz Ewers: Immaculata. Unveröffentlichte Texte aus dem Nachlass. Jojomedia Verlag, Wien 2020, ISBN 978-3-903358-10-2, S. 26 (Google Books) Mit dem wilhelminischen Bildungssystem kam der Junge rasch in Konflikt. Besonders in Mathematik brachte er schlechte Noten nach Hause. Gut war er hingegen in Sprachen und im Aufsatzschreiben. Eine Abneigung gegen die Schule und Lehrer konnte Ewers bis zu seinem Tod nicht mehr ablegen.

Mit 17 Jahren begann Hanns Heinz Ewers Gedichte zu schreiben. Seinem ersten Gedicht, einer Huldigung an den kurz zuvor gestorbenen Kaiser Friedrich III., folgten weitere Huldigungen an prominente Vertreter des Deutschen Kaiserreichs. Ein weiteres Thema, über das er schrieb, war die Liebe. Der junge Ewers verliebte sich schnell und schrieb seinen Angebeteten glühende Liebesgedichte, aber auch ebenso glühende Eifersuchtsgedichte, wenn er wieder einmal abgewiesen wurde. Wichtigstes dichterisches Vorbild war für Ewers der ebenfalls aus Düsseldorf stammende Heinrich Heine. In dieser Zeit wuchs in Ewers auch der Wunsch, Schriftsteller zu werden oder zumindest Kaufmann, „oder irgendetwas, wobei man ein bißchen in der Welt sich umsehen kann“.

Am 12. März 1891 bestand Ewers knapp das Abitur, worauf er als Einjährig-Freiwilliger zum Militärdienst eingezogen wurde. Er trat ins Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiment Nr. 1 in Berlin ein. Dort war für den jungen Mann das Nachtleben der Großstadt viel wichtiger als das Militär. Nach 44 Tagen wurde er aus diesem wegen Kurzsichtigkeit entlassen.

Studium und Corps mini|Ewers als Berliner Normanne Ewers schrieb sich am 2. Mai 1891 an der Friedrich-Wilhelm-Universität in Berlin für das Fach Rechtswissenschaften ein – wie seine literarischen Vorbilder Heinrich Heine und E. T. A. Hoffmann, die beide ebenfalls Jura studiert hatten.

Im November 1892 immatrikulierte er sich an der Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn. 1893 studierte er zwei Semester in Genf. 1894 legte er in Bonn die Erste Juristische Staatsprüfung ab.

Für das Studium interessierte sich Ewers weniger als für das Nachtleben, das er in vollen Zügen auskostete. Er trat dem Corps Normannia Berlin bei, wo er schnell den Ruf eines Raufboldes erlangte. Ewers focht mehrere Mensuren, aus denen er mit vielen Schmissen hervorging. Vor allem in seinem Roman Vampir verarbeitete Ewers diese Erfahrungen. Nach einer ungenügenden Mensur wurde er allerdings im Juni 1892 aus der Normannia ausgeschlossen. In Bonn trat er dem Corps Guestphalia bei, aus dem er ebenfalls wegen ungenügender Mensuren ohne Band entlassen wurde. 1932 erhielt er das Normannenband zurück. Am 9. Februar 1934 verlieh ihm Alemannia Wien das Band. mini|hochkant|Hanns Heinz Ewers, Portrait aus dem Archiv des Corps Normannia Berlin

Referendariat Danach trat Ewers sein Referendariat in Neuss und Düsseldorf an. Er vernachlässigte die Jurisprudenz und fiel schnell durch seine schlampige Arbeit auf. Stattdessen beschäftigte er sich mit Literatur, Philosophie, Okkultismus und Hypnose. Gerade Letztere spielte in seinen späteren Romanen und Novellen immer wieder eine Rolle – am deutlichsten im Debütroman Der Zauberlehrling.

Ewers verehrte zu dieser Zeit den irischen Dandy und Schriftsteller Oscar Wilde. Dessen Verurteilung zu einer Zuchthausstrafe wegen Unzucht (hier: Homosexualität) führte zu einem ersten Bruch mit der studierten Rechtswissenschaft, vor allem dem Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz, die Ewers als unmöglich ablehnte. In der Novelle Die Herren Juristen (1905) schrieb Ewers beispielsweise:

Okkultismus und Spiritismus übten auf Ewers zwar eine starke Faszination aus, aber gleichzeitig näherte er sich dem Thema immer mit einer kritischen Distanz. Als subversives Medium sprengte er am 11. Dezember 1895 eine spiritistische Sitzung der Psychologischen Gesellschaft von Leon von Erhardt. Daraufhin wurde er von einem der verärgerten Anwesenden wegen Bruch des Ehrenworts zum Duell gefordert. Die Affäre hatte eine anderthalb Jahre dauernde gerichtliche Auseinandersetzung zur Folge, die auch in der Presse kolportiert wurde. 1897 wurde Ewers schließlich zu vier Wochen Festungshaft auf der Festung Ehrenbreitstein verurteilt und aus dem Staatsdienst entlassen. In seinem zweiten Roman Alraune verarbeitete Ewers Erinnerungen an seine Festungszeit.

Die 2. Staatsprüfung legte Ewers nicht ab. Jedoch wurde er am 7. November 1898 an der Universität Leipzig zum Dr. jur. promoviert. In Leipzig kam Ewers’ einziges Kind zur Welt – eine uneheliche Tochter, die von der Mutter in ein Pflegeheim des Roten Kreuzes gegeben wurde.

Kabarett, Satiren, Märchen, Kinderbücher Ewers beschäftigte sich zu dieser Zeit auch mit der Philosophie Max Stirners, der jegliche Autorität ablehnte, die Existenz allgemeingültiger Werte verneinte und diese Werte als letztlich subjektiv interpretiert. Stirners Einfluss auf Ewers kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Sein in späteren Texten ausformuliertes Bekenntnis zum Individualismus und seine ausgeprägte Egozentrik lassen sich auf Stirners Philosophie zurückführen. Ewers positionierte sich zunächst deutlich gegen den wilhelministischen Mainstream. Seine ersten literarischen Veröffentlichungen erschienen in der Zeitschrift Der Eigene, einer der ersten Zeitschriften für Homosexuelle.

In dieser Zeit wurde Ernst von Wolzogen auf Ewers aufmerksam und lud ihn 1901 nach Berlin ein, zur Mitwirkung an seinem geplanten Kabarett Überbrettl – Buntes Theater. Ewers schrieb satirische Texte und rezitierte diese mit so großem Erfolg auf der Bühne, dass seine Texte in Berlin zu Gassenhauern wurden. So wuchs er in das literarische Leben Berlins hinein und machte Bekanntschaft u. a. mit dem Freidenker Bruno Wille und dem Anarchisten Erich Mühsam. Ab 1905 wohnte Ewers zeitweise gemeinsam mit Mühsam in einer Wohngemeinschaft an der Augsburger Straße 46 in Charlottenburg – direkt gegenüber dem Café des Westens, dem zentralen Treffpunkt der Berliner Bohème. Else Lasker-Schüler gab dem Monokelträger Ewers dort den Spitznamen „Dreiäugiger Sonnengott“.Hanns Heinz Ewers und das Café des Westens, auf hannsheinzewers.de

Seine ersten Bücher, Sammlungen seiner Kabaretttexte, erschienen unter eigenem Namen und wurden Bestseller. 1901 stieg Ewers zum künstlerischen Leiter des Überbrettls auf. Am 15. Mai 1901 heiratete er in erster Ehe die Illustratorin Caroline Elisabeth Wunderwald (1875–1957), Schwester des Malers Wilhelm Wunderwald (1870–1937) und Cousine des Malers Gustav Wunderwald, mit der er schon seit längerem ein Verhältnis hatte. Ewers hatte sie 1895 im Künstlerverein Malkasten kennengelernt. Nach der Heirat nannte sie sich Ilna Ewers-Wunderwald. Fortan arbeitete sie auch beim Überbrettl mit und illustrierte viele seiner späteren Bücher.

Trotz seines Erfolges war Ewers mit seiner Arbeit am Kabarett nicht glücklich. Er wollte als Dichter ernst genommen werden, aber bekannt wurde er nicht durch seine anspruchsvolleren Kabaretttexte, sondern durch die eher schlichten, mimisch gut darstellbaren. Daraus entwickelte sich auch ein Konflikt mit Ernst von Wolzogen, der damit endete, dass Ewers seine eigene Truppe auf die Beine stellte. Er nannte seine Konkurrenz Überbrettl. Modernes Theater, in dem Ewers sich vom reinen Kabarett hin zu einem herkömmlichen Theater bewegte. Doch die Konkurrenz weiterer Überbrettl-Nachahmer wurde zu groß, so dass sich schon 1903 Ewers’ Überbrettl finanziell nicht mehr lohnte.

Ewers und seine Frau zogen sich für ein Jahr auf die italienische Insel Capri zurück, die um das Jahr 1900 herum ein Paradies der Reichen und Schönen und der Lebensreformer war, die hier etwas abseits der bürgerlichen Moral dem Nacktbaden frönten. Auch Homosexuelle wurden von der liberalen Atmosphäre auf der Insel angezogen. Ewers begann hier seine Tätigkeit als Reiseschriftsteller, indem er für mehrere deutsche Zeitungen kleine Reisefeuilletons verfasste, die später in dem Band Mit meinen Augen. Fahrten durch die lateinische Welt (1909) gesammelt erschienen.

Ewers verfasste auf Capri eine Reihe von Kunstmärchen. Wieder zurück in Berlin schrieb er zusammen mit Erich Mühsam unter dem Pseudonym Onkel Franz mehrere Kinderbücher in Versform, die von Paul Haase illustriert wurden. Ebenfalls mit Mühsam und gemeinsam mit Victor Hadwiger, René Schickele und Dr. Walter Bläsing (ein Gemeinschaftspseudonym der Autoren, wie Mühsam in seinen Memoiren schreibt) verfasste Ewers einen Führer durch die moderne Literatur mit 300 teils leicht satirischen Kurzporträts. Dieses Buch wurde in mehreren Auflagen nachgedruckt.

Ewers’ Ehe mit Ilna geriet um das Jahr 1904 herum in die Krise. Beide lebten getrennt voneinander – Ewers in Berlin, Ilna in Düsseldorf bei ihrer Mutter. Geschieden wurde die Ehe 1912. Neben dem Alkohol begann Ewers nun auch mit anderen Drogen – unter anderem Haschisch und Mescalin – zu experimentieren und den Rausch als Inspirationsquelle zu verwenden. Rausch und Kunst, so der Name eines Essays, wurden in Ewers’ Werk bald zwei untrennbare Bestandteile.

Reisen vor dem Ersten Weltkrieg mini|Hanns Heinz Ewers, um 1907. Foto von Rudolf Dührkoop und Minya Diez-Dührkoop Seine ausgiebigen Reisen begann Ewers im Jahr 1905. Finanziert wurden diese vor allem durch Feuilletons, die er an Zeitungen drahtete und die später in den beiden Bänden Mit meinen Augen, Von sieben Meeren sowie Indien und ich erschienen. Diese Anthologien gingen nicht auf die Initiative von Ewers zurück, worauf er in den Vorworten zu den jeweiligen Büchern ausdrücklich hinwies.