Jüdische Sammler in Breslau gab es in der Weimarer Republik bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten. Sie spielten „die wichtigste Rolle“ in der Kunstszene, weil sie es waren, die anfingen, erste Werke der Moderne in die schlesische Hauptstadt zu holen und dort auszustellen. Die jüdischen Breslauer Sammler interessierten sich insbesondere für die Meisterwerke, die von den führenden Galerien in Berlin und Paris vorgestellt wurden, womit sie laut Marius Winzeler zu den „großen Sammler[n] Deutschlands“ zählten. Karl Scheffler würdigte 1923 die jüdischen Breslauer Sammlungen ausführlich und hob ihre Bedeutung für Deutschland hervor:Karl Scheffler: Breslauer Kunstleben. In: Kunst und Künstler. 1923, S. 133.
Auch Małgorzata Stolarska-Fronia betont den Wert der jüdischen Sammler: „Jewish art collectors became the predominant promoters of new trends in art.“Małgorzata Stolarska-Fronia: Jewish art collectors from Breslau … 2011, S. 242 f. Jüdische Sammler waren Ismar Littmann, Carl Sachs, Max Silberberg, Schottländer, David Friedmann, Leo Smoschewer, Emil Kaim, Hugo Kolker, Leo Lewin sowie Öttinger.
Geschichte Jüdisches Sammler- und Mäzenatentum in Breslau Zunächst erklärt Winzeler allgemein das jüdische Mäzenaten- und Sammlertum. Schon früh zählten in Breslau „erstaunlich viele Vertreter des aufstrebenden jüdischen Bürgertums“Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 135. zur Breslauer Kunst- und Kulturszene, so der „Schlesischen Gesellschaft für vaterländischen Kultur“, in der seit den 1850er Jahren jüdische Mitglieder „herausragende Positionen“ einnahmen. Die Gesellschaft war auch an der Gründung des Breslauer Museums der Bildenden Künste maßgeblich beteiligt.Piotr Łukasiewicz (Hrsg.): Schlesisches Museum der bildenden Künste. In: Piotr Łukasiewicz: Kunstmuseen im alten Breslau. Wrocław 1998, S. 74.Till van Rahden: Juden und andere Breslauer. Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Großstadt von 1860 bis 1925 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 139). Göttingen 2000, S. 107.
1905 zählte Breslau 470.904 Einwohner; unter dem so genannten gehobenen Bürgertum betrug der Anteil der Juden mehr als ein Viertel. In den zurückliegenden 300 Jahren hatte sich der Anteil des gehobenen Bürgertums unter den Juden weit stärker entwickelt als unter der übrigen Bevölkerung, so Till van Rahden.Till van Rahden: Juden und andere Breslauer. Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Großstadt von 1860 bis 1925 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 139). Göttingen 2000, S. 54. Werner Sombart beschreibt, dass 1905 die Breslauer Juden so geschäftstüchtig waren, dass alleine sie viermal so viel Steuern zahlen konnten wie die übrige Bevölkerung. Auch Marius Winzeler erklärt, dass die jüdischen Großkaufleute Breslaus so erfolgreich waren, dass sie einen „überdurchschnittlichen Anteil“Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 136. am städtischen Steueraufkommen Breslaus beibringen konnten.
Die jüdischen Sammler zeichneten sich dadurch aus, dass sie sich als weltweit und international tätige Kosmopoliten verstanden und Interesse für Kunst hatten.Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 132: „bemerkenswert war dabei der dezidiert internationale Anspruch, der für die Weltoffenheit dieser Protagonisten spricht … “. Małgorzata Stolarska-Fronia erklärt, dass die jüdischen Kunstsammler Breslaus in der Zeit der Weimarer Republik vor allem Werke moderner Kunst aufkauften und ausstellten. Marius Winzeler beschreibt, dass die jüdischen Sammler und MäzeneWinzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 135. „die wichtigste Rolle“Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 131: „unter ihnen spielten jüdische Sammler und Mäzene die wichtigste Rolle […] Sie waren es, die begannen … erste Werke der Moderne nach Schlesien zu holen und der Öffentlichkeit in Ausstellungen zu präsentieren … “ für die Breslauer Kunstsammlungen spielten. Die jüdischen Kunstsammlungen gelangten durch städtische Ankäufe und private Schenkungen in die öffentlichen Museen Breslaus.
Ab 1920 sind Vertreter des gehobenen jüdischen Bürgertums in vielen Vereinen und Kuratorien an exponierten Stellen zu finden. Seit 1921 gab es die „Gesellschaft der Kunstfreunde“, die ihr Interesse besonders auf die zeitgenössische und moderne Kunst ausrichtete. Die Gemälde, die von der Gesellschaft erworben wurden, gelangten später als Leihgaben an das Museum der Bildenden Künste in Breslau, wo sie „wesentliche Akzente“Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 137. setzten. Seit März 1928 gab es den Breslauer Verein „Jüdisches Museum“, unter dessen Ägide 1929 Erwin Hintze die außerordentlich erfolgreiche Ausstellung „Geschichte der Juden in Schlesien“ im Breslauer Museum für Kunstgewerbe und Altertümer veranstaltete.
Das jüdische Sammler- und Mäzenatentum steigerte sich in den späten 1920er und Anfang der 1930er Jahre und wurde erst durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten gebrochen.Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 144: „ … das mäzenatische Wirken der jüdischen Breslauer Kunstsammler [hatte] in den ausgehenden 1920er- und frühen 1930er-Jahren einen Höhepunkt erreicht … es schien unzweifelhaft, dass diese Mäzene ihr Wirken sogar weiter intensivieren wollten“.
Heinz Braune, der von 1919 bis 1928 Direktor des Schlesischen Museums der Bildenden Künste in Breslau war, verstand es die in Breslau lebenden jüdischen Kunstsammler für das Museum zu interessieren. Mehrere jüdische Sammler Breslaus unterstützten Braune mit Schenkungen, so der damalige Breslauer Stadttheaterdirektor Dr. Theodor Loewe mit einer Zweitfassung von Bendemanns „Trauernden Juden“ und einer weiblichen Figur von Robert Bednorz. Braune erhielt von Carl Sachs eine Tiroler Gebirgslandschaft von Joseph Anton Koch, sowie eine Landschaftskizze des Breslauer Künstlers Hermann Völkerling.Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 134 f. 1930 schenkte Ismar Littmann dem Schlesischen Museum der Bildenden Künste in Breslau zwei wertvolle Radierungen.Ramona Bräu: „Arisierung“ in Breslau. Die „Entjudung“ einer deutschen Großstadt und deren Entdeckung im polnischen Erinnerungsdiskurs. VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2008, ISBN 978-3-8364-5958-7, S. 77. (3.4.2 Die großen jüdischen Kunstsammlungen in Schlesien – Kunstraub).Anja Heuss: Das Schicksal der jüdischen Kunstsammlung von Ismar Littmann. Ein neuer Fall von Kunstraub wirft grundsätzliche Frauen auf. In: NZZ. vom 17. August 1998, Nr. 188. Im November 1931 sowie im Mai 1932 schenkte Carl Sachs dem Museum der Bildenden Künste in Breslau wertvolle Stücke aus seiner Sammlung, darunter Arbeiten von Emil Nolde, Käthe Kollwitz und Max Liebermann, von denen später ein Teil als entartete Kunst beschlagnahmt wurde.Ramona Bräu: „Arisierung“ in Breslau. Die „Entjudung“ einer deutschen Großstadt und deren Entdeckung im polnischen Erinnerungsdiskurs. VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2008, ISBN 978-3-8364-5958-7, S. 77 f. (3.4.2 Die großen jüdischen Kunstsammlungen in Schlesien – Kunstraub).
Die jüdischen Kunstsammler Breslaus wurden nach „langer Zeit des Vergessens und des Verschweigens“Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 132. wieder durch diverse Autoren öffentlich thematisiert und zusammen mit Restitutionsfällen und -problemen auch juristisch abgehandelt.Anja Heuß: Das Schicksal der jüdischen Kunstsammlung von Ismar Littmann. Ein neuer Fall von Kunstraub wirft grundsätzliche Fragen auf. In: NZZ. 17. August 1998. Anja Heuß: Die Sammlung Max Silberberg. In: Andrea Pophanken, Felix Billeter (Hrsg.): Die Moderne und ihre Sammler. Französische Kunst in deutschem Privatbesitz vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Berlin 2001, S. 311–325.Hans-Joachim Hinz: Raubkunst in Görlitz und die Ausplünderung jüdischer Sammlungen in Breslau. Görlitz 1999.Monika Tatzkow, Hans-Joachim Hinz: Bürger, Opfer und die historische Gerechtigkeit. Das Schicksal jüdischer Kunstsammler in Breslau. In: Osteuropa. Band 56, 2006, S. 155–171.Piotr Łukasiewicz (Hrsg.): Kunstmuseen im alten Breslau. Wrocław 1998.Petra Hölscher: Breslau um die Jahrhundertwende: Künstler, Galerien, Kunstsammler und Künstlerkreise. In: Jerzy Ilkosz, Beater Störtkuhl (Hrsg.): Hans Poelzig in Breslau. Architektur und Kunst 1900–1916. Delmenhorst 2000, S. 19. Petra Hölscher: Die Akademie für Kunst und Kunstgewerbe zu Breslau. Wege einer Kunstschule 1791–1932. Kiel 2003.Johanna Brade (Hrsg.): Werkstätten der Moderne. Lehrer und Schüler der Breslauer Adademie 1903–1932. (Ausstellungskatalog Görlitz), Halle (Saale) 2004.Karol Jonca: Geschichte der Juden in Schlesien im 19. und 20. Jahrhundert. Hannover 1995.Maciej Łagiewski: Breslauer Juden 1850–1944. Muzeum Historyczne, Wrocław 1996, ISBN 83-905227-1-3.Andreas Reinke: Judentum und Wohlfahrtspflege. Das jüdische Krankenhaus in Breslau 17-19. Hannover 1998.Till van Rahden: Juden und andere Breslauer. Die Beziehungen zwischen Juden, Protestanten und Katholiken in einer deutschen Großstadt von 1860 bis 1925 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft. Band 139). Göttingen 2000.Leszek Ziątkowski: Die Geschichte der Juden in Breslau. Wrocław 2000.
Protagonisten des jüdischen Sammler- und Mäzenatentums in Breslau Małgorzata Stolarska-Fronia erwähnt fünf jüdische Sammler in Breslau:
Als „Protagonisten des jüdischen Sammler- und Mäzenatentums in Breslau“Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 137. nennt Marius Winzeler zudem Toni und Albert Neisser, Max Pinkus sowie Otto Ollendorff.
Ramona Bräu erwähnt zudem die jüdischen Breslauer Sammler Schottländer, David Friedmann sowie Öttinger.Ramona Bräu: „Arisierung“ in Breslau. Die „Entjudung“ einer deutschen Großstadt und deren Entdeckung im polnischen Erinnerungsdiskurs. VDM Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2008, ISBN 978-3-8364-5958-7, S. 79 (3.4.2 Die großen jüdischen Kunstsammlungen in Schlesien – Kunstraub).
Laut Winzeler seien die bereits erfolgten Darstellungen jüdischer Kunstsammlungen und Sammler jüdischer Herkunft keinesfalls abgeschlossen.Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 132: „ Dennoch bedarf die Geschichte der jüdischen Mäzene in Breslau noch weiterer Forschungen, damit sie auch im gesamtdeutschen und europäischen Kontext besser gewürdigt und gewichtet werden kann … “.
Typus des Sammlers und Mäzen Bei den Eheleuten Neisser stand die Schaffung der Villa Neisser als „kulturelle[s] Zentrum[…]“'Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 138. im Mittelpunkt ihres Wirkens sowie die „Begründung eines kulturellen Memorials“. Dies war jedoch bei den Sammlern Lewin, Sachs und Silberberg nicht der Fall. Bei ihnen stellte der private Kunstgenuss und das Sammeln von Kunstwerken führender zeitgenössischer Künstler ein Ausgleich zu ihrer Arbeit dar. Die Auswahl der Kunstwerke war Ausdruck ihres „Selbsverständnisses als moderne Kosmopolite“.Winzeler: Jüdische Sammler und Mäzene in Breslau … 2006, S. 139. Sie interessierten sich insbesondere für die Meisterwerke, die von den führenden Galerien in Berlin und Paris vorgestellt wurden. Damit reihten sie sich unter die „großen Sammler Deutschlands“ ein. Karl Scheffler würdigte 1923 die drei Sammlungen (Lewin, Sachs und Silberberg) ausführlich und sagte:
Jüdische Sammler Breslaus in der Zeit des Nationalsozialismus (ab 1933)