mini|Für Maiandachten geschmückte Marienstatue (um 1515) aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders im Würzburger Dom

In der Tradition der römisch-katholischen Kirche ist der Monat Mai als Marienmonat seit der Barockzeit in besonderer Form von marianischer Frömmigkeit und diesbezüglichem Brauchtum im kirchlichen und privaten Bereich geprägt. Die Verehrung Mariens als Jungfrau und Gottesmutter geschieht vor allem in speziellen wortgottesdienstlichen Maiandachten, die öffentlich oder im privaten Bereich stattfinden können. Vielerorts wird im Mai ein Marienbildnis oder eine Marienstatue mit Blumen besonders geschmückt.

Das marianische Brauchtum hat den Stellenwert von frommen Übungen. Vom Brauchtum zu unterscheiden sind die Marienfeste, die Teil der offiziellen römisch-katholischen Liturgie sind. In den Monat Mai fallen in den meisten Jahren zentrale Herrenfeste in der Zeit zwischen Ostern, Pfingsten und Fronleichnam, die nach dem Willen des Zweiten Vatikanischen Konzils gegenüber einer übertriebenen Marienfrömmigkeit stärker betont werden sollen.

Geschichte und Symbolik Außerchristliche und christliche Wurzeln mini|Mirantischer Mayen-Pfeiff von Laurentius von Schnüffis, Dillingen 1692 mini|Darstellung Mariens als Maienkönigin, in: Mirantischer Mayen-Pfeiff von Laurentius von Schnüffis, Dillingen 1692

Historisch reicht die Feier des Maimonats in Europa in die Mythologie der vorchristlichen Zeit zurück. Der Mai (lat. Mensis Maius) ist nach der römischen Fruchtbarkeitsgöttin Maia benannt, welcher der Flamen Volcanalis am ersten Tag dieses Monats ein Opfer darbrachte. Maia wurde auch mit den Fruchtbarkeitsgöttinnen „Bona Dea“ und „Terra“ gleichgesetzt. Die lateinische Wortwurzel *mag kennzeichnet den Mai als den Wachstumsmonat des Getreides, der sich mit den anderen Vegetationsmonaten in das römische Bauernjahr einordnete.Gerhard Radke: Maia 2. In: Der Kleine Pauly, Lexikon der Antike, auf der Grundlage von Pauly’s Realencycolpädie der classischen Altertumswissenschaften unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter bearbeitet und hrsg. von Konrat Ziegler und Walther Sontheimer, Bd. 3, München 1979, Sp. 895.Walther Sontheimer: Maius. In: Der Kleine Pauly, Lexikon der Antike, auf der Grundlage von Pauly’s Realencycolpädie der classischen Altertumswissenschaften unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter bearbeitet und hrsg. von Konrat Ziegler und Walther Sontheimer, Bd. 2, München 1979, Sp. 906. In der Mythologie des griechischen Kulturraumes war der Mai der Göttin Artemis als Göttin der Vegetation und Fruchtbarkeit geweiht. In Rom verehrte man im Mai zusätzlich zur Göttin Maia die Fruchtbarkeitsgöttin Flora, die Gottheit der Pflanzen, insbesondere der Getreideblüte. Der Kult gehörte zur ältesten Schicht der römischen Religion und war griechisch beeinflusst. Bei den volksfestartigen Ludi Florales der römischen Kaiserzeit wurde vom 28. April bis zum 3. Mai in Spielen, Fruchtbarkeitsriten und Opfern die Fürbitte für alles Blühende vorgebracht.Werner Eisenhut: Flora/Floralia. In: Der Kleine Pauly, Lexikon der Antike, auf der Grundlage von Pauly’s Realencycolpädie der classischen Altertumswissenschaften unter Mitarbeit zahlreicher Fachgelehrter bearbeitet und hrsg. von Konrat Ziegler und Walther Sontheimer, Bd. 2, München 1979, Sp. 579–580. Im Mittelalter lebte dieser Brauch in der Vertreibung des Winters und der Begrüßung des Frühlings weiter. Auch der Brauch des Maibaum-Aufstellens kann in diesem Zusammenhang gesehen werden.

Eine Verehrung Mariens im Mai fand zwar bereits im christlichen Mittelalter statt, allerdings noch nicht im Rahmen einer ganzmonatigen Feierfolge von Marienandachten. Die Kirche wollte so möglicherweise heidnische Maifeiern römischen und germanischen Ursprungs „verchristlichen“.Eduard Nagel: Marienmonat Mai. In: Gottesdienst. Lexikon (online). Als das älteste Zeugnis für marianische Verehrungsfeiern speziell im Mai gelten die Mariengesänge Cantigas de Santa Maria des kastilischen Königs Alfons X. aus dem 13. Jahrhundert.

Seit der Barockzeit wurden mehrere Monate als Marienmonat speziell gefeiert. Allmählich entwickelte sich der Mai neben dem Oktober als Marienmonat schlechthin. Da in diesem Monat noch kein Marienfest liturgisch positioniert war, sollte der Mai in seiner Gesamtheit Maria zum Devotions-Geschenk gemacht werden. Der spätbarocke Kapuziner-Prediger, Komponist und Lyriker Laurentius von Schnüffis bezieht in seiner 1691 herausgegebenen Schrift „Mirantische Mayen-Pfeiff“ das Bild des Frühlings auf Maria und feiert sie als Sinnbild des Gnadenfrühlings nach dem Winter des Verderbens.Cornelia Wedler: Laurentius von Schnüffis. In: Marienlexikon, hrsg. im Auftrag des Institutum Marianum Regensburg e. V. von Remigius Bäumer und Leo Scheffczyk, 4. Band, St. Ottilien 1992, S. 33.Peter Lippert: Die „Marienmonate“. In: Maria heute ehren. Eine theologisch-pastorale Handreichung. Hrsg. von Wolfgang Beinert, 3. Auflage, Freiburg im Breisgau 1979, S. 249–258.Kurt Küppers: Mai. In: Marienlexikon. Hrsg. im Auftrag des Institutum Marianum Regensburg e. V. von Remigius Bäumer und Leo Scheffczyk, 4. Band, St. Ottilien 1992, S. 242–243.

Ein Entstehungsmotiv der Maiandacht ist in der mittelalterlichen Kreuzesfrömmigkeit im Frühling zu sehen. Sie steht in der Tradition einer spätmittelalterlichen Passionsfrömmigkeit, dem „geistlichen Mai“ (Heinrich Seuse, Stephan Fridolin OFMPetra Seegets: Passionstheologie und Passionsfrömmigkeit im ausgehenden Mittelalter. Der Nürnberger Franziskaner Stephan Fridolin († 1498) zwischen Kloster und Stadt (= Spätmittelalter und Reformation. N. R., 10). Mohr Siebeck, Tübingen 1998, ISBN 3-16-146862-7 , S. 91–121, bes. 113–121.), bei der Passionsmystik in den Formen einer Gartenallegorik („Hortus conclusus“) zum Ausdruck gebracht wurde. Jener „geistliche Mai“ basierte sowohl auf dem Fest der Kreuzauffindung am 3. Mai als auch auf der Kreuz- und Bittwoche vor Christi Himmelfahrt. Diese Feiern entwickelten sich weiter als Frömmigkeitsform des Barock in rheinischen und fränkischen Diözesen (Erzbistum Trier, Erzbistum Mainz, Bistum Worms, Bistum Speyer, Bistum Würzburg und Bistum Bamberg) zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Bittandachten um gute Witterung („Maigebet“), da der Wettersegen ab dem Fest der Kreuzauffindung in den Kirchen erteilt wurde. Hintergrund dieser Feiern waren eine Folge von Missernten zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Diese Maigebete um gedeihliches Wetter und gute Ernte blieben bis weit in das 19. Jahrhundert erhalten. Eine besondere marianische Ausrichtung hatten die Maigebete bis dato nicht.

Marianische Prägung seit dem 18. Jahrhundert mini|Marienlieder zur Feier der Maiandacht, Guido Görres, Rom 1842, München 1844 mini|Religiöses Erbauungsbild vom Ende des 19. Jahrhunderts zur Propagierung der Ehrung Marias im Mai durch floralen Schmuck

Ab dem 18. Jahrhundert erhielten die Frömmigkeitsformen des Maigebetes marianische Prägung. Dabei wurde das Motiv der Pflanzenblüte aufgegriffen, wobei man diese bald auf die Blumenblüte reduzierte. Damit ging die ursprüngliche Bitte, aus der Pflanzenblüte möge eine essbare Feldfrucht reifen, verloren. Unter Bezugnahme auf die Blütenmotivik des Hohenliedes wurden die Maigebete und der Maimonat als Blüten- und Blumenmonat in zunehmend besonderer Weise der Gottesmutter Maria gewidmet.

Die marianischen Maiandachten hatten ihren Ursprung 1784 in Ferrara in der Kirche der Kamillianer, wo öffentlich den ganzen Monat hindurch Marienandachten abgehalten wurden. Bereits für das Jahr 1747 ist belegt, dass der Erzbischof von Genua, Giuseppe Maria Saporiti, die Maiandachten als Hausandachten besonders empfahl. In Rom war die Feier der Maiandachten bis 1813 in etwa 20 Kirchen üblich.

Die Maiandachten gelangten von Italien über die Schweiz, Frankreich und Belgien nach Deutschland und Österreich. Besonderer Förderer war der aus dem lothringischen Longwy/Langich stammende Jesuit Pierre Doré (1733–1816), der die Maiandachten in Italien kennengelernt hatte. Die Verbreitung der Andachten sind im Zusammenhang mit der Restaurationsbewegung nach den antikirchlichen Wirren der Französischen Revolution zu sehen. Sie wurden zeitgenössisch als kirchliches Gegenstück zu den früheren Frühlingsfeiern der Französischen Revolution gedeutet.

Die öffentlichen Maiandachten breiteten sich nun – getragen von einer breiten Befürworterschaft innerhalb der katholischen Bevölkerung – in ganz Europa aus und entwickelten sich parallel zu den Marienwallfahrten. Von Irland aus gelangten die Maiandachten nach Amerika. Obwohl der Mai auf der Südhalbkugel der Erde in die Wintermonate fällt, wurden die Maiandachten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch dort durch katholische Missionare populär gemacht. Am 1. Mai 1841 feierten französische Ordensfrauen der Schwestern vom Guten Hirten im Konvent Haidhausen bei München die erste Maiandacht auf deutschem Boden. Für 1842 ist sie in Aachen bezeugt, und bis 1860 hatte sie sich in der katholischen Bevölkerung zur bedeutendsten marianischen Andachtsform entwickelt. Seit etwa 1860 setzten sich allenthalben die sonntäglichen „Maipredigten“ als weiteres Kennzeichen des Marienmonats durch.

Im 19. Jahrhundert erschienen zahlreiche Bücher für die Feier der Maiandacht. Dabei handelte es sich um Privatgebetbücher, die aber auch für den Gebrauch im öffentlichen Gottesdienst angelegt waren und in der Regel das Imprimatur, die kirchliche Druckerlaubnis des zuständigen Bischofs, erhielten. Maßgebliche historische Privatgebetbücher stammten von den Jesuiten Annibale Donese († 1754), Francesco Lalomia (1727–1789), Alfonso Muzzarelli (1749–1813) und Louis Debussy (1788–1822). Weitere wichtige und weitverbreitete Privatgebetbücher zur Abhaltung von Maiandachten schrieben Vincenzo Pallotti (1795–1850), Johannes Bosco (1815–1888) sowie John Henry Newman (1801–1890). Zur kirchenmusikalischen Gestaltung wurden zahlreiche Marienlieder gedichtet und vertont.

Maßgeblich für den deutschsprachigen Bereich war hierbei im 19. Jahrhundert der Schriftsteller und Publizist Guido Görres, Sohn des katholischen Publizisten Joseph Görres, mit seiner 1842 auf einer Italienreise nach italienischem Vorbild entstandenen Sammlung von Marienliedern, die er dem im gleichen Jahr verstorbenen Schriftsteller Clemens Brentano widmete. In den späteren Auflagen von 1844 und 1853 wurde der Marienzyklus stark erweitert. Den Mariendichtungen, in denen sich ein Lyrisches Ich als Stellvertreter der gesamten katholischen Christenheit in Gruß-, Lob- und Bittgedichten an die Gottesmutter wendet, wohnt ein volksliedhafter Charakter inne, wodurch sie in den deutschen Liederschatz eingegangen und bis heute bekannt geblieben sind. In seiner erweiterten Fassung umfasst der Marienandachtszyklus, der der romantischen Tradition verhaftet ist, 31 Gedichte für jeweils einen Maientag. Eine spezifische Chronologie in Bezug auf das Marienleben ist dabei nicht erkennbar. Maria wird im Maizyklus von Görres als ehrwürdige Jungfrau und Gottesmutter, als helfende Zuflucht in Gefahr und Not, als Himmelskönigin und häufig als Regina pacis gepriesen. Ihre Rolle als Fürsprecherin der Sünder oder Mediatrix tritt dabei eher in den Hintergrund. Weitere Mariengedichte sind unter dem Titel „Blumen zur Nachfeier“ im Werk enthalten. Inhalt sind marianische Gebete, zum Beispiel von Birgitta von Schweden oder Maria Stuart, die Maria als Königin der himmlischen Heerscharen und als Mater Dolorosa huldigen.Guillaume van Gemert: Görres. In: Marienlexikon, hrsg. im Auftrag des Institutum Marianum Regensburg e. V. von Remigius Bäumer und Leo Scheffczyk, 2. Band, St. Ottilien 1989, S. 669. Die Texte der Marienlieder von Guido Görres wurden mehrfach vertont und werden regional auf verschiedene Melodien gesungen.