mini|Elisabeth Siewert (1905) Elisabeth Siewert (* 20. November 1867 in Budda, Landkreis Preußisch Stargard; † 28. Juni 1930 in Berlin) war eine deutsche Schriftstellerin. Ihre Romane, Erzählungen und Novellen kreisen um ihre Erinnerungen an Kindheit und Landschaft in Westpreußen und spiegeln die zeitgenössische Lebenswirklichkeit wider.
Das Verständnis ihres literarischen Werks erschließt sich aus ihrer Biographie – aus ihrer frühen künstlerischen Prägung im großbürgerlichen Elternhaus und aus ihrem engen Verhältnis zu zwei ihrer Schwestern, mit denen sie auch später in Berlin in einer Wohngemeinschaft zusammenlebte. Im Zentrum Elisabeths oft autobiographischen Werks stehen Figuren, vielfach Schwestern, die immer wieder der Frage nachgehen, wie es geschehen konnte, dass das glückselige Himmelreich der Kindheit verlorenging. Gleichzeitig lässt sie ihre Figuren ahnen, dass ihre Sehnsucht nach der versunkenen Kinderwelt nur der Boden zur Weiterentwicklung sein kann. Wie sie selbst suchen ihre Figuren nach Wegen, aus der seligen, aber auch einengenden Erinnerung auszubrechen und im Leben zurechtzukommen. Siewerts Sprache ist eher herb und spröde, vornehmlich in den Romanen aber auch humorvoll.
Zu Lebzeiten als „protestantische Droste“ bezeichnet, war sie mit ihren Novellen bis zum Ende der 1910er Jahre vor allem in Zeitschriften der Frauenbewegung und in den Sozialistischen Monatsheften vertreten. In diesen Medien auch mehrfach ausführlich rezipiert, nahm ihre literarische Produktivität anschließend deutlich ab; Beachtung fand sie nur noch in Blättern wie den Ostdeutschen Monatsheften oder dem Westpreußen-Jahrbuch. Der große literarische Durchbruch gelang ihr nicht. Verbittert durch den Misserfolg, starb sie in geistiger Verwirrung und geriet fast vollständig in Vergessenheit. Erst 2008 – im Zuge der Wiederentdeckung des Werks ihrer älteren Schwester, der Malerin Clara Siewert – rückte auch ihr Schaffen wieder in den Blickpunkt.
Leben Elisabeth Siewert kam zur Welt auf dem Gut Budda, rund 56 Kilometer südlich von Danzig gelegen, als Tochter von Iwan Siewert, einem früheren Hauptmann des preußischen Heeres und Helene Siewert, geborene von Baehr.Carl Lange: Begegnungen mit der Dichterin Elisabeth Siewert. 1959, S. 51.
Vorfahren Väterlicherseits stammte die Familie nach Darstellung des Theater- und Kunstkritikers Paul Fechter aus Sankt Petersburg. Ein Vorfahre, ein sehr begüterter Russlanddeutscher, soll zur Zeit Pauls I. in der Stadt an der Newa gelebt haben. Er habe das Missfallen des Zaren erregt, als er sich ein Gespann zulegte, das dem überall bewunderten Apfelschimmel-Gespann des Zaren glich und damit auf dem Newski-Prospekt spazierenfuhr. Daraufhin sei er für einige Zeit nach Sibirien verbannt worden. Nach seiner Rückkehr habe er Russland vorsichtshalber verlassen, sei mit seiner Familie nach Danzig gezogen und habe bei Ohra (heute Danziger Stadtteil Orunia) ein Landgut erworben. Zur Versorgung seiner Söhne habe er mehrere Gutshöfe in der Kaschubei zwischen der Tucheler Heide und dem Hügelland im westlichen Weichselraum gekauft. Eins der Güter, das Gut Budda, habe Elisabeths Vater bekommen.Paul Fechter: Die Siewerts, 1964, S. 64 f.
Die Vorfahren mütterlicherseits gehörten zum mitteldeutschen Geburts- und Geistesadel. Die Mutter, geborene von Baehr, war mit den Schriftstellerbrüdern Schlegel verwandt, die Großmutter eine geborene Schlegel. Die Cousine der Großmutter, Wilhelmine Marianne Niemeyer, ging durch ihre Beziehung zu dem Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker Karl Immermann und ihre Freundschaft zu dessen ehemaliger Geliebten Elisa von Ahlefeldt in die Literaturgeschichte ein.Paul Fechter: Die Siewerts, 1964, S. 65.Christian Feldmann: In der Seele wohnen die Dämonen. Blick in Abgründe: Die Wiederentdeckung der Künstlerin Clara Siewert. In: Sonntagsblatt, Ausgabe 35/2008, 31. August 2008; Der Großvater Leopold von Baehr war mit dem Bildhauer Christian Daniel Rauch, Mitbegründer der Berliner Bildhauerschule, befreundet und lebte im ostpreußischen Ragnit in der Nähe Tilsits. In ihrer Kinderzeit verbrachte Elisabeth Siewert ein Jahr bei dem Großvater, der ein Alter von 104 Jahren erreichte, auf dem Land in Ragnit.Carl Lange: Begegnungen mit der Dichterin Elisabeth Siewert. 1959, S. 50.
Kindheit und Jugend auf Gut Budda mini|Budda mit Gut und Umgebung. Preußische Landesaufnahme 1908, Messtischblatt (1:25.000).
Auf dem abgelegenen Gutshof Budda (aus Bude, ehemals Teerbude des Nachbarorts GrünebergBernhard Stadié: Der landrätliche Kreis Stargard in Westpreußen in historischer Beziehung von den ältesten Zeiten bis jetzt. Teil II: Historische Notizen über die einzelnen Ortschaften des Kreises. In: Preußische Provinzial-Blätter, Königsberg, 1869, Band 72, S. 294, 303; books.google.de) betrieben Elisabeths Eltern Ackerbau, Viehzucht und eine kleine Stärkeproduktion. Der Vater war zudem in den 1870er und 1880er Jahren Amtsvorsteher des Amtsbezirks Liebichau (Lubichow).Rolf Jehke: Amtsbezirk Liebichau. Territoriale Veränderungen in Deutschland und deutsch verwalteten Gebieten 1874–1945, territorial.de Auf dem laut Elisabeth Siewert kleinen Landgut BuddaElisabeth Siewert: Die Heimat. In: Die Frau. 1912, S. 406. Siehe auch: Roman Zieglgänsberger: Clara Siewert. Zwischen Traum und Wirklichkeit., S. 20. wuchs sie gemeinsam mit mehreren Geschwistern auf.Im autobiographisch geprägten Roman Die schönen Herbsttage erwähnt Elisabeth Siewert (S. 464) für das Budda vergleichbare fiktive Romangut Ruhla sieben Kinder: zwei Söhne (Mathematiker und Ingenieur) sowie fünf Schwestern (zwei verheiratet, „die drei anderen sind Künstlerinnen“).
Finanzielle Engpässe und großbürgerliche Erziehung Allerdings erwies sich das Gut in dem kargen Landstrich als „nicht sehr ergiebiges Grundstück“. Im autobiographisch geprägten Roman Die schönen Herbsttage (1903) beschrieb Elisabeth Siewert das Budda vergleichbare Romangut Ruhla als „ein kleines Gut im unfruchtbarsten Teil Westpreußens“, das der Besitzer, der „kein echter Landwirt ist, […] wie eine Katze im Sack gekauft [und] teuer bezahlt“ habe. Die „talentvollen, zarten, vornehmen“ Bewohner seien „von Schulden überlastet“ und lebten in ständigen „Sorgen um das Allernotwendigste“.Elisabeth Siewert: Die schönen Herbsttage, 1903, S. 450ff. Auch in Drei Schwestern (1906) thematisierte sie ein verarmtes Gut bei Preußisch Stargard: „So lange die Kinder denken konnten, hatten ihre Eltern in Geldsorgen gesteckt, dabei war der Zuschnitt der Lebensführung durchaus herrschaftsmäßig.“Elisabeth Siewert: Drei Schwestern. In: Die Frau. 1906, S. 16. Der Kunsthistoriker und Kustos für Klassische Moderne im Museum Wiesbaden Roman Zieglgänsberger bezeichnete Budda 2008 entsprechend als Fehlkauf und schreibt zur Kindheit der Schwester Clara, was gleichermaßen für Elisabeth gilt:
Trotz der finanziellen Engpässe schickten die Eltern die Mädchen zu privaten Reitstunden, später auf die Höhere Schule in Danzig und bezahlten für Clara die teuren Mal- und Zeichenschulen in Königsberg und später in Berlin; ob und inwieweit Elisabeth eine spezielle literarische Ausbildung bekam, ist nicht bekannt.Roman Zieglgänsberger: Clara Siewert. Zwischen Traum und Wirklichkeit., S. 20f, 23.
Frühe künstlerische Prägung mini|Landgut Budda 1882, Zeichnung von Helene Siewert, Elisabeths Mutter
Für die künstlerische Prägung der Schwestern sorgte insbesondere die Mutter, die bis zu ihrer Heirat selbst Malstudien betrieben hatte und auf Budda ein Familienbuch führte, in dem sie die alltäglichen Begebenheiten mit Poesie notierte und mit Zeichnungen illustrierte. Entsprechend angeregt, ließen die Schwestern ihrer Phantasie schon in frühen Jahren freien Lauf, spielten historische Dramen nach, dichteten und zeichneten.Roman Zieglgänsberger: Clara Siewert (Gut Budda/Westpreußen 1862–1945 Berlin). S. 106.Roman Zieglgänsberger: Clara Siewert. Zwischen Traum und Wirklichkeit., S. 17f, 20f.Herybert Menzel: Zum Tode Elisabeth Siewerts. 1930, S. 506f. Laut Paul Fechter fügten sie ganze Romane zusammen und trugen sie sich gegenseitig vor. Ein Handwerker habe sich einmal geweigert, in dem Raum zu arbeiten, in dem „die Kinder ihr wunderlich phantastisches Spiel trieben“; mit den „verrückten kleinen Mädchen“ bliebe er nicht „in einer Stub“. In Die schönen Herbsttage (1903) bezeichnete Elisabeth Siewert die Bewohner des Roman-Guts im Rückblick „allesamt“ als „Phantasten“, die sogar die Wände der Viehställe bemalt hätten. „Auf die Wand des Gesindehauses nach dem Garten zu hat Kitty den ‚Ring des Polykrates‘ gemalt.“Elisabeth Siewert: Die schönen Herbsttage, 1903, S. 459. Von der Schwester Clara existiert tatsächlich eine Zeichnung Studie zum Wandbild ‚Ring des Polykrates‘.Roman Zieglgänsberger: Clara Siewert. Zwischen Traum und Wirklichkeit. Abb. 69, S. 167. Die Erziehung der Schwestern beschrieb der Dichter und Schriftsteller Herybert Menzel 1930 in einem Nachruf auf Elisabeth Siewert wie folgt:
Zwar sehnten sich die Schwestern aus der Wirklichkeit Berlin, in der sie nie heimisch wurden, zeitlebens zurück nach Budda, aber in der Erinnerung Die Heimat (1912) seufzte die Schriftstellerin auch: „Daß es möglich war, eines solchen Landguts jemals überdrüssig zu werden! Es kam so.“ Nach einer längeren, von grüblerischen Phasen begleiteten Krankheit und nach einer Kutschfahrt mit der Mutter habe sie den Entschluss gefasst, das doch auch einengende Landleben hinter sich zu lassen.Elisabeth Siewert: Die Heimat. In: Die Frau, 1912, S. 407ff. Mehrfach kehrten die Schwestern in ihrer Berliner Zeit für längere Besuche nach Westpreußen zurück – später, nachdem die Eltern das Gut Budda verkauft hatten, auf das Gut Luschkau/Luschkowo im Landkreis Schwetz (heute Luszkówko in der Gemeinde Pruszcz). Die zwischenmenschlichen Fähigkeiten allerdings, die in ihrem Leben in der Großstadt gefragt waren, konnten die Eltern den Schwestern auf dem abgelegenen Landgut offenbar nicht ausreichend vermitteln. So beklagte sich die Schriftstellerin: „Für den Umgang mit Menschen hat mich der teure Proteus Budda nicht gerade vorbereitet.“Elisabeth Siewert: Die Heimat. In: Die Frau, 1912, S. 410.
Das Refugium der Schwestern in Berlin mini|hochkant|Hof des Atelier- und Wohnhauses in der Durlacher Straße im Jahr 1893
Über die Lebensumstände und die Adresse in Elisabeth Siewerts Berliner Anfangszeit wie auch über den Zeitpunkt der Übersiedlung ist nichts bekannt.Roman Zieglgänsberger: Clara Siewert (Gut Budda/Westpreußen 1862–1945 Berlin). S. 25. Spätestens 1912 lebte sie nachweislich in Berlin oder in einem der 1920 eingemeindeten Vororte. Im selben Jahr wurde ihre pommersche Heimat dem wieder errichteten polnischen Staat eingegliedert.Roman Zieglgänsberger: Clara Siewert. Zwischen Traum und Wirklichkeit., S. 29. Ihre fünf Jahre ältere Schwester Clara zog Ende der 1890er Jahre endgültig nach Berlin, nachdem sie bereits seit ungefähr 1884 semesterweise zwischen Budda und Berlin gependelt war. Sicher ist, dass die Schwestern Clara, Elisabeth und Victoria, die jüngste der drei, um 1915 in der Durlacher Straße 14 in Wilmersdorf eine gemeinsame Wohnung einrichteten und dort zunehmend zurückgezogen lebten. Wie Clara Siewert war auch Victoria Siewert Malerin, von ihr sind allerdings nur drei Ausstellungs-Beteiligungen nachzuweisen.Ausstellungs-Beteiligungen von Victoria Siewert: 1914 Haus der Frau, Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik Leipzig; 1915 Haus der Frau, Leipzig; 1936 Kunst-Ausstellung Deutsche Städtebilder, Berlin. Quelle: Dokumentation: Victoria Siewert. In: Roman Zieglgänsberger: Clara Siewert. Zwischen Traum und Wirklichkeit. S. 185.