mini|hochkant|Heinrich Vogeler, 1897 mini|hochkant|Heinrich Vogeler, Fotoporträt von Hugo Erfurth, 1910 Johann Heinrich Vogeler (* 12. Dezember 1872 in Bremen; † 14. Juni 1942 im Kolchos Budjonny bei Kornejewka, Karaganda, Kasachische SSR) war ein deutscher Maler, Grafiker, Architekt, Designer, Pädagoge, Schriftsteller und Sozialist. Der vielseitig begabte Künstler ist besonders durch seine Werke aus der Jugendstilzeit bekannt geworden. Er gehört zur ersten Generation der Künstlerkolonie Worpswede. Sein Wohnhaus, der Barkenhoff, in dem er mit seiner ersten Ehefrau Martha Vogeler lebte, wurde Anfang der 1900er Jahre zum Mittelpunkt der künstlerischen Bewegung. Im Ersten Weltkrieg entwickelte er einen expressionistischen Malstil, und ab den frühen 1920er Jahren schuf er nach Besuchen Moskaus die am Kubismus und Futurismus orientierten Komplexbilder mit politischen Motiven. Nach der endgültigen Übersiedlung nach Moskau 1931 begann er im Stil des von der Sowjetunion geforderten Sozialistischen Realismus zu malen.

Der aus dem Bürgertum stammende Vogeler näherte sich der Arbeiterbewegung, verwandelte 1919 den Barkenhoff in eine sozialistische Kommune mit angeschlossener Arbeitsschule und studierte die Schriften von Marx, Engels und Bakunin. Nach der Übersiedlung nach Moskau engagierte er sich dort im kulturellen und politischen Bereich, so betätigte er sich in der antifaschistischen Bewegung gegen Hitler. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 wurde er wie viele andere Deutsche vom NKWD nach Kasachstan deportiert. Hier starb er, geschwächt durch harte körperliche Arbeit und abgeschnitten von seinen Rentenzahlungen, mit 69 Jahren.

Biografie Jugend und Werdegang mini|hochkant=0.7|Aufnahme Heinrich Vogeler am 23. Februar 1892 an der Kunst­akademie Düsseldorf unter Peter Janssen d. Ä. mini|Stehend: Otto Modersohn, Fritz Mackensen, Heinrich Vogeler; sitzend: Fritz Overbeck, Hermann Allmers, Carl Vinnen, 1895

Heinrich Vogeler wuchs als zweites von sieben Kindern des Eisenwarengroßhändlers Carl Eduard Vogeler und seiner Frau Marie Louise, geb. Förster, in gutbürgerlichen Verhältnissen im Haus Außer der Schleifmühle 51Außer der Schleifmühle im Adressbuch 1872 in Bremen auf. Das erste und das dritte Kind starben früh, so dass Heinrich als Ältester das väterliche Geschäft übernehmen sollte. Die ungeliebte Schule schloss er mit der Mittleren Reife ab und sollte mit der Lehre in einem Bremer Handelshaus beginnen. Vogeler konnte jedoch seinen Vater überzeugen, ihm ein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf zu gestatten, das seinen künstlerischen Neigungen entsprach. Er nahm 1890 das Studium in Düsseldorf als Kunstschüler auf und wurde im Februar 1892 Eleve der Kunstakademie. Im September 1892 unterbrach er sein Studium, unter anderem aufgrund eines Konflikts mit seinem Lehrer Peter Janssen d. Ä. Er war mit den Lehrmethoden nicht einverstanden, blieb den kunsthistorischen Vorlesungen fern und handelte sich einen Verweis des Akademieprofessors ein. Im Frühjahr 1893 kehrte er an die Akademie zurück und beendete sein Studium im Wintersemester 1894/1895. Während des Studiums wurde er Mitglied der studentischen Malerverbindung Tartarus und wurde dort Mining genannt, nach einer Romanfigur von Fritz Reuter. Dieser Spitzname sollte ihn ein Leben lang begleiten.

Im Herbst 1894 starb Vogelers Vater und der elterliche Betrieb wurde verkauft. Sein Erbteil gestattete es Heinrich Vogeler vorerst, ein sorgenfreies Künstlerleben zu führen. Nach dem Studium (1890–1894/95), unterbrochen durch Reisen nach Holland, Brügge, Genua, Rapallo und Paris, schloss er sich 1894 den Malern Fritz Mackensen, Hans am Ende, Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Carl Vinnen in der Künstlerkolonie Worpswede an. Hans am Ende führte ihn in die Technik des Radierens ein. Gemeinsame Ausstellungen im Glaspalast München in den Jahren 1895 und 1896 machten die Malergruppe aus Worpswede im ganzen Land bekannt und brachten viele Auszeichnungen.Heinrich Wiegand Petzet: Heinrich Vogeler – Zeichnungen. Dumont Kunst-Taschenbücher, Köln 1976, S. 193.

Frühwerk mini|hochkant|Frühling, 1897, Haus im Schluh, Worpswede mini|hochkant|Wandteppich Dornröschen, 1898 Vogelers frühe Malerei nahm eine Sonderstellung ein, sie ist präraffaelitisch und steht in der Tradition der englischen Malergruppe um Dante Gabriel Rossetti und Edward Burne-Jones. Diese Gruppe suchte entgegen der akademischen Lehrmeinung ihre Inspiration in der italienischen Malerei des 15. Jahrhunderts und beeinflusste später die Entwicklung des Jugendstils mit ihren biblischen, mythologischen oder märchenhaften Themen. Neben der Malerei schuf er auch Wandteppiche, ein Beispiel ist Dornröschen von 1898.

Wie die Präraffaeliten versetzte Vogeler biblische Themen und Motive aus Sagen in die Heimatlandschaft. Ein Beispiel ist das Gemälde Wintermärchen aus von 1897, in dem die Heiligen Drei Könige in fürstlicher Kleidung und Holzschuhen in einer Worpsweder Winterlandschaft erscheinen. Weitere Beispiele für seine frühen präraffaelitischen Werke sind Frühling, Heimkehr, Abschied (1898), Schwanenmärchen (1899), Liebespaar (1901) und Verkündigung von 1902. Der Florentiner Maler Sandro Botticelli war für ihn ein Vorbild, und er erkannte in dessen Bildern sein eigenes sehnsüchtiges Verlangen nach einer besseren Zeit. Eine Reproduktion von Botticellis Die Geburt der Venus hing in seinem Atelier. Mit seiner Malerei war Vogeler nicht zufrieden, spürte er doch den qualitativen Unterschied zu seinen Vorbildern aus der Renaissancezeit.Siegfried Bresler: Heinrich Vogeler. S. 18 f. mini|hochkant|Storch überm Weiher, Radierung, 1899

Einen weiteren Schwerpunkt bildeten Vogelers grafische Arbeiten, die seinen Ruf als Jugendstilkünstler begründeten. Die romantischen Radierungen zwischen 1895 und 1899, wie zum Beispiel Storch überm Weiher von 1899 und die Illustrationen zu Gerhart Hauptmanns Die versunkene Glocke, fanden große Zustimmung im In- und Ausland. Druckgrafik, „sociale Malerei“, wie er sie nannte, wurde aufgrund ihrer weiten Verbreitung beim Bildungsbürgertum sehr beliebt.

mini|hochkant|Gerhart Hauptmann: Die versunkene Glocke, 1898 Sehr erfolgreich war Vogeler mit seinen zeichnerischen Werken: Im 1896 gegründeten Eugen Diederichs Verlag übernahm er Illustrationsaufgaben und arbeitete für die literarische Zeitschrift Die Insel – ab 1901 der Insel Verlag. Die Insel wurde 1899 von Otto Julius Bierbaum, Alfred Walter Heymel und Rudolf Alexander Schröder als literarische Monatszeitschrift mit Buchschmuck und Illustrationen in München gegründet. Sie zeigte die ästhetischen Vorstellungen der bürgerlichen Reformbewegung im wilhelminischen Deutschland auf und sollte die deutsche Buchkunst erneuern, die im 19. Jahrhundert auf ein tiefes Niveau gefallen war. Vogeler wurde für die künstlerische Gestaltung der Zeitschrift und der Bücher des Verlags gewonnen; er entwarf Illustrationen, Vignetten, Zierleisten und Bucheinbände, um sie mit dem literarischen Inhalt zur ästhetischen Einheit zu verbinden. Zu den ersten Veröffentlichungen des Verlags gehörte sein illustrierter Gedichtband Dir und die Mappe mit Radierungen An den Frühling sowie die Illustrationen zu Oscar Wildes Märchen. Die Nähe zur englischen Zeichen- und Buchkunst Aubrey Beardsleys und zur Arts-and-Crafts-Bewegung ist offensichtlich.Siegfried Bresler: Heinrich Vogeler. S. 24–27.

Vogeler bezeichnete später seine frühen Zeichnungen für den Insel Verlag als Realitätsflucht:

Seine erste große Sonderausstellung veranstaltete Vogeler im Herbst 1898 in Arno Wolframs Kunstsalon im Viktoriahaus in Dresden.Alex Koch (Hrsg.): Deutsche Kunst und Dekoration, Bad IV, April 1899 – September 1899, J. C. Herbert’sche Hofbuchdruckerei, Darmstadt, S. 293–309, Ausstellung in Dresden S. 332; scholarsportal.info (PDF). Im Auftrag des Kölner Schokoladeproduzenten Ludwig Stollwerck schuf er die 1902 publizierte Stollwerck-Bilderserie „Gänsemagd-Königssohn“, die von Versen von Franz Eichert begleitet wurde.Maria Goldoni: Eine Stollwerck-Serie von Heinrich Vogeler und Franz Eichert. In: Tagungsband Esslingen 2002. Arbeitskreis Bild, Druck & Papier.

mini|hochkant|Erster Sommer, 1902 Vogeler unternahm von November 1902 bis März 1903 seine längste Reise nach Italien. In Rom hielt er sich im Atelier seines Freundes Otto Sohn-Rethel in der Villa Strohl-Fern auf. Er reiste weiter nach Neapel, wo er Pompeji besuchte und die Fresken von Hans von Marées in der Zoologischen Station. Zurück ging es nach Rom und von dort in den Norden Italiens nach Florenz, Bologna, Padua, Vicenza und Venedig.Paul Cassirer (Hrsg.): Katalog der siebten Kunstausstellung der Berliner Secession, 1903. In: III. Mitglieder-Verzeichnis der Berliner Secession. S. 47, zur Zeit Rom, Villa Strohl-Fern, Rom ().Siegfried Bresler: Heinrich Vogeler in Italien. In: Heimat-Rundblick aus der Region Hamme, Wümme, Weser – Geschichte, Kultur, Natur. Nr. 116, Frühjahr 2016; heinrich-vogeler.net (PDF; 0,4 MB). Zu dieser Zeit wurde sein Bild Erster Sommer auf einer Ausstellung der Berliner Secession in der Kantstraße ausgestellt.Paul Cassirer (Hrsg.): Katalog der siebten Kunstausstellung der Berliner Secession, 1903. In: I. Ölgemälde. S. 34 (). Es stellt seine Frau Martha mit der erstgeborenen Tochter Marieluise, genannt Mieke, dar.

Heinrich Vogeler gehörte 1904 zu den Künstlern, die sich an der (noch von den Münchener Sezessionisten ermöglichten) ersten Ausstellung der Mitglieder des Deutschen Künstlerbundes im Königlichen Kunstausstellungsgebäude am Königsplatz beteiligten; er zeigte dort erstmals das Ölgemälde Verkündigung.Ausstellungskatalog X. Ausstellung der Münchener Sezession: Der Deutsche Künstlerbund (in Verbindung mit einer Ausstellung erlesener Erzeugnisse der Kunst im Handwerk). Verlagsanstalt F. Bruckmann, München 1904 (S. 32: Vogeler, Heinrich, Worpswede. Katalognr. 168: Verkündigung, mit Abbildung im Bildteil).

Leben auf dem Barkenhoff mini|Der Barkenhoff, 1904 mini|hochkant=0.6|Martha Vogeler im Barkenhoff, 1901

Vogelers Haus, das er Barkenhoff ( für „Birkenhof“) nannte, ursprünglich eine Bauernkate, gestaltete er ab 1895 nach Prinzipien des Jugendstils und verwandelte es in ein Künstlerdomizil mit selbst entworfenen Möbeln, Geschirr und Tapeten. Den Garten schmückte er mit symmetrisch angelegten Blumenbeeten und Hecken und pflanzte ein Birkenwäldchen, das dem Haus seinen Namen gab. Das Anwesen als Gesamtkunstwerk von Architektur, Kunst, Inneneinrichtung und Garten sollte mit Vogelers Leben verbunden werden. In seiner Kleidung passte er sich dieser Traumwelt an und trug Stehkragen, Zylinder und Schoßrock wie in der Zeit des Biedermeiers. Für seine Frau Martha entwarf er Kleider und Schmuck und wollte sie auf diese Weise in seine Traumwelt mitnehmen. Vermutlich war das Vorbild William Morris, der 1860 sein Red House mit Inneneinrichtung und Garten in Bexleyheath, Kent, nach eigenen Entwürfen errichten ließ.Siegfried Bresler: Heinrich Vogeler. S. 32–35.

mini|hochkant=0.6|Paula Modersohn-Becker: Selbstbildnis vor grünem Hintergrund mit blauer Iris, um 1905 mini|hochkant=0.6|Paula Modersohn-Becker: Porträt des Rainer Maria Rilke, 1906 mini|hochkant=0.6|Porträt Martha Vogeler, 1910 Der Barkenhoff wurde ein wichtiger Treffpunkt der Künstlerkolonie. Zur Barkenhoff-Familie gehörten der Dichter Rainer Maria Rilke, dessen Frau, die Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff, Otto Modersohn, Paula Modersohn-Becker, deren Schwester Milly, seine Ehefrau Martha Vogeler, sein Bruder Franz mit Frau Philine. Die drei Paare Rilke, Modersohn und Vogeler heirateten alle 1901.