mini|GeoKarte Mittlere Schwäbische Alb, Geofeatures um die Lauchert Die Flussgeschichte der Lauchert hat wie die anderen rezenten Albflüsse eine erdgeschichtlich sehr lange, wechselvolle Entwicklung hinter sich. Nur wenige, sehr alte, ehemals sehr große Gewässer auf dem verkarsteten Jurakalkplateau der Schwäbischen Alb transportieren heute noch ihre Wasser- und Sedimentfracht oberirdisch bis zur Mündung in die Donau. Von den ehemals großen sieben Strömen des Tertiär lassen heute nur die drei Gewässer Lauchert, Große Lauter und Brenz erahnen, welche große Bedeutung die oberirdisch südwärts laufenden Entwässerungsstränge Südwestdeutschlands in erdgeschichtlicher Zeit hatten. Die Lauchert hat im Zuge dieser Veränderung eine ereignisreiche Landschafts- und Flussgeschichte erlebt mit erheblichen tektonischen Bewegungen, Abtragungen, Verkarstung, Eintiefung und mehrfacher Klimaveränderung, während derer sie fluviatile Sedimente abgelagert hat.

Fluss-Geschichtsschreibung Mit dem Tübinger Universitätsprofessor Friedrich August Quenstedt (1809–1889) nahm die „Quenstedt-Ära“ der intensiven Erforschung des Jura in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Anfang. Er begann die heute noch anhaltende geologische Erforschung der Schwäbischen Alb. Für wohl keine andere Jura-Region liegen auch deshalb heute mehr Erkenntnisse vor.

Eine „Lauchert“ floss seit mindestens 15 Millionen Jahren (mya) und fließt auch heute noch wenigstens zum Teil oberirdisch ab. Einige geologische Erkenntnisse und Belege für eine sehr alte Urlauchert sind ebenfalls verbürgt. Für eine verlässliche Darstellung der Geologie der Lauchert gibt es jedoch ausreichend viele Geoarchive nur für die letzten 5,3 Millionen Jahre, also für die letzte Phase der Erdneuzeit und für das Quartär. Eine Reihe verschiedenartiger Geoarchive sind an Abschnitten der heutigen Lauchert belegt und teils sogar noch direkt beobachtbar, sie sind unten im Abschnitt → Einzelphänomene aufgeführt.

Die heutige Fluss-Morphologie ist, wenn man von der Verlegung der Lauchert in Veringenstadt, in Hettingen und an Abschnitten des Unterlaufs nach Hitzkofen absieht, relativ wenig anthropogen beeinflusst. Der Fluss ist deshalb eine relativ natürliche, reizvolle Fluss- und Auenlandschaft geblieben.

Ober-Miozän: vor ca. 10 Ma tektonische Hebung Nach einer langen Zeit tektonischer Ruhe begann im Ober-Miozän eine zweite große Hebungsphase im Jura. Die verstärkte Krustenaufwölbung hob die Juratafel deutlich an und verkippte sie leicht von Nordwesten nach Südosten, es entwickelte sich damit ein deutliches Reliefgefälle.Eberle (2007), S. 59f

Der wichtigste Beleg für die verstärkte Hebungsphase ist die miozäne Klifflinie. Diese in vielen geologischen Karten eingetragene ehemalige Küstenlinie, als Typlokalität in Heldenfingen aufgeschlossen, war das Nordufer eines Flachmeeres, das im Mittel-Miozän letztmals in das Molassebecken vorgedrungen war. Ab dieser Linie fließt die Lauchert durch die Mittlere Flächenalb. Heute liegt die Klifflinie auf der Westalb im Hegau auf , in Bronnen an der Lauchert auf und noch weiter im Osten, südlich des Nördlinger Ries, auf .

Miozän/Pliozän, Lauchertgraben mini|Altstadt von Veringenstadt. Hinten, Prallhang der Lauchert mit Nikolaushöhle. In der Ferne rechts der Lauchertgraben Störungen des herzynisch streichenden Hohenzollerngrabens reichen bis Veringenstadt. Seine Störungen vergittern sich in Veringenstadt und dessen Umgebung mit Störungen des rheinisch streichenden Lauchertgrabens.Geyer und Gwinner (1986), S. 318. Abel (2003a) S. 52

Die Lauchert überwand bei Veringenstadt in zwei großen Schleifen einen mächtigen, stark zerklüfteten Massenkalkriegel. In der Schlucht bildete sich ein rund 400 m langer, nahezu senkrechter Fels-Prallhang und dem gegenüber ein relativ großer, flacher Gleithang, auf dem das Ensemble der mittelalterlichen Fachwerks-Altstadt liegt. Nach Veringenstadt verläuft die Lauchert in diesem Lauchertgraben, der – im Unterschied zum Hohenzollerngraben sichtbar tieferliegend – einen tektonischen Graben bildete.In Luftaufnahmen und google-earth gut erkennbar

Nach Golwer (1978) ist die schwierige Altersbestimmung durch das Höhenversetzen von Schleiern „pliozäner“ Höhenschotter einer frühen Oberen Donau belegt (höhenversetzte Fundorte im Sigmaringer Stadtwald 0 m, im Graben rechts der Lauchert 50 m).Der Zeitraum für alle „pliozänen“ Angaben ist aber spätestens seit einer Neujustierung 2002 um 5 Ma (!) zu verlegen: Deutsche Stratigraphische Kommission (STD 2002). Siehe auch Lauchertgraben Auch einige Restflächen der mindestens 15 Ma alten Jura-Nagelfluh sind mit versetzt.Erl. GeoK 7821, Veringenstadt, 1978 und GeoKarte 7821, Veringenstadt, 1978

Pliozän (5,3 bis 2,6 mya), Eintiefungsphasen und Tiefenverkarstung Die tektonische Modellierung des süddeutschen Jura und des Schweizer Jura hat dazu geführt, dass sich die Obere Donau in die Westalb sehr schnell eintiefte. Dieser Prozess begann an der Wende Miozän/Pliozän.Im Mittel-Pliozän (3,5 mya) ging jedoch der große Einzugsbereich der Aare durch Umlenkung an Doubs und Rhone der Donau verloren. Eberle (2008), S. 72 Dieser fortschreitenden Eintiefung hat sich der Karstwasserspiegel der Mittleren Alb jeweils angepasst. Durch rückschreitende Erosion hat sich auch die Lauchert jeweils auf diese Eintiefung ihres Vorfluters Obere Donau eingestellt.Abel (2003a), S. 123, 153 Das Flachrelief der Lauchertrinne, wie das ganze Relief des Juraplateaus westlich von Ulm, wurden entsprechend zertalt. Als Folge der Eintiefung und der Absenkung des Karst-Grundwassers sind fast alle Nebenflüsse der Lauchert noch im Tertiär trockengefallen. Heute führen von diesen nur noch Erpf, Seckach und Fehla Wasser.

Das miozäne und frühpliozäne Relief des Juraplateaus, und damit auch das Urlauchert-Relief, ist heute völlig abgetragen und daher – jedenfalls bis heute – geologisch nicht zuverlässig rekonstruierbar.

Plio-Pleistozän (5,3 bis 0,15 mya), zahlreichere Geoarchive Die Entwicklung der Flussgeschichte der Lauchert ist von der Entwicklung der Verkarstung und der stetigen Weitung von Klüften und Höhlen nicht zu trennen. Als außerordentlich ergiebig waren intensive (paläo-)geologische Forschungen in der Bären- und Karlshöhle, die nur 5,6 km von der Lauchert entfernt oberhalb des Erpf-Trockentals liegt.

Physikalische Messungen des Absolutalters verschiedener Sedimentschichten in der Höhle und Taxierung darin vorgefundener Faunareste ergaben Höhenmarken und Zeitmarken, die sich bequem mit Geländeindikatoren und Zeitmarken verschiedener Eintiefungsebenen der gesamten Lauchert und der jeweiligen Entwicklung der Oberen Donau, bzw. ihrer Stagnationsphasen in Beziehung setzen lassen. Ein wissenschaftliches Modell des rezenten Flussniveaus der Lauchert und von drei älteren Flussniveaus (Lauchert Niveau I bis IV) besteht.Abel (2003a), S. 137 Wichtige Geoarchive der Lauchert sind:

Felsleisten alte Flussterrassen auf drei Niveaus zwei große, ehemalige Lauchert-Talschlingen im „Niveau IV“ (Siehe das Bild der Geokarte oben. 3–5 MaUfrecht/Abel (2003), S. 91f) Fossilien in Karstspalten und Höhlen Geländeknicke in Trockentälern für drei ältere Niveaus.

Die Bären- und Karlshöhle war ehemals eine Flusshöhle einer alten Erpf und später ein episodisch durchflossener Bröller. Heute liegt die Höhle 70 m oberhalb des Erpf-Trockentals „Höhlental“. Das Höhlen-Gesamtalter wurde geophysikalisch auf Unter-Pliozän (ca. 5 Ma) bestimmt.Ufrecht/Abel (2003), S. 39

Plio-Pleistozän (3 bis 0,9 mya), Klimaschwankungen, Abkühlung Globale, interdisziplinäre Klimaforschungen haben ergeben, dass seit dem Pliozän Klimaveränderungen häufiger und schneller erfolgen. Auf Phasen der großen Eintiefung der Oberen Donau und der Tiefenverkarstung folgte eine Phase der Zunahme von Klimawechseln. Die Zyklizität der Klimawechsel hat sich insbesondere seit dem Eo-Pleistozän (ab 2,6 mya) verstärkt. Mit den Milanković-Zyklen (40ka- und 100ka-Perioden) ab 900 ka wurden auch besonders unruhige Verläufe und zunehmende Temperaturamplituden registriert.

Pleistozän (2,6 bis 0,11 mya), (peri-)glaziale Überprägungen Die mehr als 2 Ma des Quartär werden in 6 große Glazial-Komplexe aufgegliedert, in die zahlreiche warme interglaziale Phasen eingeschaltet sind.Quartär-Gliederungen des LGRB: Villinger (2003), Tabelle in S. 195; Eberle (2007), S. 81 In Kaltzeiten war auf der Schwäbischen Alb die Verkarstungsfähigkeit zumindest reduziert und in Winterhalbjahren mitunter auch ganz ausgefallen. Im Fall der Abdichtung der Oberflächen durch Permafrost floss auch in lauchert-tributären Trockentälern zeitweise wieder Wasser, fluviatile Erosion und Sedimentbildung setzten wieder ein.„Auf der Schwäbischen Alb machten sich die starken Klimaschwankungen ab dem Mittel-Pleistozän im häufigen Wechsel zwischen Abtragung und Sedimentation bemerkbar“, Abel (2003a), S. 152 Durch das Mehr an Oberflächenwasser hat sich die Lauchert-Felssohle weiter eingetieft. Dies und rückschreitende Erosion in temporär wasserführenden Trockentälern von Lauchert-Nebenflüssen haben deren Gefälle erhöht. Am Übergang zu noch nicht verstärkten Gefälle entstanden somit Gefälleknicke. Eine solche Gefälleänderung wurde an zahlreichen Nebenflusstälern beobachtet. Der Gefällewechsel kann zur Altersbestimmung alter Flussniveaus der Lauchert genutzt werden (vgl. unten das Einzelphänomen „Gefälleknick Gruchental“).

mini|Altersbestimmung alter Flussniveaus durch Gefälleknicke an trockengefallenen Nebenflüssen

Am Ende der Mindel-Eiszeit (~900Tsd Jahre, (ka)Mindeleiszeit in Süddeutschland nach Tabelle in Villinger (2003), S. 195) durchbrach die Obere Donau den Pass im „Hanfertal“ (heute Teil von Sigmaringen-Nord) und benutzte das Laucherttal bis hinter Hitzkofen. In der Mittleren Riß-Kaltzeit (~200kaRiß-Komplex in Süddeutschland nach Tabelle in Villinger (2003), S. 195) drangen Eis- und Schuttmassen des alpinen Rheingletschers in zwei Kaltphasen über die Obere Donau nach Norden vor. Der Gletscherfächer erreichte in seiner zweiten Kaltphase seinen Maximal-Vorstoß bis Vilsingen, „Hertenstein“ und Billafingen (Langenenslingen) (Vilsingen-Stand II). Die glazialen Ablagerungen waren so mächtig, dass die Obere Donau bis Tuttlingen gestaut wurde. Die Lauchert wurde wahrscheinlich bis Hausen an der Lauchert (Trochtelfingen) gestaut. Staubeckensedimente, Schotter und andere Sedimentfracht haben die Talböden der Lauchert und teilweise ihrer Nebenflüsse befüllt. Drei rezente Rest-Lager von Staubeckensedimenten sind auf GeoKarten mit „Rb“ eingezeichnet.Erl. GeoK 7821, Veringenstadt, 1978, S. 93f. GeoKarte, mehrere. Siehe dazu auch die Karte „Mittlere Schwäbische Alb“, oben, eingezeichnet ist „Riß-Glazial (max)“.

Während und nach dem Riß-Rheingletscher-Ereignis wechselte die Obere Donau mehrfach ihren Lauf und schuf sich schließlich ihr neues, heutiges Bett. Die Lauchert dagegen räumte den Gletscherschutt über einem Teil des von der Oberen Donau weiter eingetieften alten Lauchertbettes wieder aus und schnitt sich geradewegs das Canyon Bittelschießer Täle durch einen im Weg stehenden Massenkalkfelsen. Ab Hitzkofen folgte die Lauchert jedoch nicht mehr dem verlassenen Donaubett „Scheerer Rinne“, sondern schuf sich westlich der Rinne ein neues 5,5 km langes Flussbett nach Süden zur Mündung in das heutige Flussbett der Oberen Donau.

Holozän (0,11 mya bis heute)