mini|March Das Marchfeld, das geologisch den nördlichen Teil des Wiener Becken darstellt, weist durch die natürliche Grenze im Süden, die die Donau bildet, zum Teil Unterschiede in der Frühgeschichte zu den Teilen Niederösterreichs südlich der Donau auf.
Frühgeschichte bis Altertum mini|Fundzone Buhuberg Die ersten Marchfeldbewohner hausten in Wohngruben, betrieben Ackerbau und Viehzucht. Bronzezeitliche Funde bei Wagram, Orth an der Donau und Mannsdorf sprechen von dieser Frühzeit. Das Marchfeld zählt zur Aunjetitzer Kultur.
Die uralte Bernsteinstraße spaltete sich bei Draßburg im Burgenland, um dann einerseits über Baden, Wien und die heutige Schnellbahntrasse Richtung Angern und andererseits über Carnuntum und am Marchtal entlang das Marchfeld einzuklammern; bei Stillfried, einem der bedeutendsten archäologischen Fundorte Österreichs, treffen sich die Äste wieder.
Aus der La-Tène-Zeit wurden keltische Gräber in Untersiebenbrunn und Marchegg gefunden, in Untersiebenbrunn ebenfalls eine Wohngrube, darin „eine große Silbermünze mit der Aufschrift COBROVOMARUS. Der fraglos gegen die Zeitenwende zu immer stärker werdende Einfluss der Römer ist manifest, die Untersiebenbrunner Münze trägt sichtlich den latinisierten Namen eines bodenständigen Stammes-, vielleicht Gaufürsten, der das Recht des Münzherrn besaß und des Silbergeldes zum gleichberechtigten Handel mit den Römern bedurfte.“ (Plechl)
Im Jahr 6 n. Chr. haben die Römer an zwei Stellen bei Carnuntum versuchsweise die Donau überquert und Brückenköpfe gebildet: Bei Stopfenreuth gab es in der Au das „Öde Schloss“, eigentlich ein Materiallager; Überreste finden sich noch. Nordwestlich von Engelhartstetten wurden die Umrisse eines Marschlagers (Wallumfang: 700 × 700 m) entdeckt. Die Markomannen unter König Marbod erheben sich zugleich mit den Pannoniern, aber im Jahr 8 kommt es zu einem Freundschaftsvertrag mit Marbod, die Markomannen werden „Klientelvolk“.
Während der Markomannenkriege (166–180) durchbrechen Quaden, Langobarden, Markomannen und sarmatische Jazygen von Norden her die römische Donaufront bis Aquileia. Marc Aurel überquert 171 die Donau, und 174 siegen die Römer schließlich in der „Regenwunderschlacht“. Kastelle wurden in Stillfried, Sachsengang, Siebenbrunn und Stopfenreuth errichtet, zeitweise mit insgesamt 20.000 Mann Besatzung.
Aber bereits nach dem Ende der Markomannenkriege im Jahr 180 werden die Kastelle aufgegeben, und Friede mit den Markomannen geschlossen. Es folgen (258 bis 260) erneute Kämpfe mit Markomannen und Quaden, um 350 dringen die Heruler in das Gebiet des Marchfeldes ein, andere germanische Stämme folgen. Um 370 werden die Kastelle wieder errichtet.
Das Römische Reich zerfällt nun. 395 dringen Markomannen, Quaden und Alanen bis an die Adria vor, während nördlich der Donau um 400 die Ostgoten, vor allem Rugier, die vor den Hunnen zurückweichen, gegen den Limes vordringen – das heutige Wein- und Waldviertel wird bis 488 zum „Rugiland“, der Name bleibt noch bis ins 10. Jahrhundert üblich.
Im Kunsthistorischen Museum ist der „Schatz von Untersiebenbrunn“ zu besichtigen. 1910 nordöstlich der Untersiebenbrunner Kirche in einer Sandgrube gefunden (und gleich teilweise geplündert), handelt es sich dabei um das Grab der „lahmen Fürstin“, zwischen 400 und 420 beerdigt.
433 lassen sich die Hunnen im Marchfeld nieder, 453 zerfällt das Hunnenreich nach Attilas Tod und die Heruler dringen ein. 488 wird die römische Zivilbevölkerung nach Italien abgeführt, 508 verdrängen die Langobarden (489 aus dem mitteldeutschen Raum eingewandert) die Heruler und werden nach der Völkerwanderung selbst wiederum durch die Ostgoten verdrängt. Im frühen 6. Jahrhundert schreibt Bischof Jordanes in der „Gotengeschichte“ von der „Margo plano“, der flachen Mark.
Dann kommen die Langobarden von Böhmen her, geben das Gebiet aber 567 aufgrund eines Vertrages mit den Awaren, einem Reitervolk aus Innerasien, auf und ziehen 568 nach Italien. Die Awaren wiederum werden in drei Feldzügen (791–796) Karls des Großen abgedrängt.
Auch die erste planmäßige Besiedlung des Marchfelds um 800 ist Karl zu verdanken; die Bevölkerung ist bayrisch und sächsisch: Soldaten wurden an einem Donauarm, „Gang“, stationiert, der noch heute Sachsengang heißt (die Burg scheint erst 1160 auf).
Der Sage nach soll Sachsengang ursprünglich ein See gewesen sein, in dem ein später von einem Apostel, vielleicht der heilige Severin, getöteter Drachen gehaust hätte; die Leute hätten dann über das Vieh Steine und Erde gehäuft, bis der See zugeschüttet gewesen sei. Wahrscheinlich stammt der künstliche Berg, auf dem die Burg steht, von einer Erdburg. Bei Groß-Enzersdorf fand man auf einer Gasthofsmauer das Bild eines Lindwurms … und 1021 erhielt das bayrische Kloster Weihenstephan Sachsengang.
865 dürfte Erzbischof Adalwin von Salzburg die erste Orther Kirche eröffnet haben.
881 treffen Magyaren und Baiern bei Wien zusammen, 901 datiert der erste Überfall der Magyaren auf die Bauern; 907 Schlacht von Pressburg; die Magyaren beherrschen in der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts das Marchfeld. 955 werden sie bei der Schlacht auf dem Lechfeld vernichtend geschlagen.
Mittelalter mini|Schloss Dürnkrut Zwischen 996 und 1000 kommen das Marchfeld und die Gegend um Baden („Neumark“, auch: „Ungarische Mark“) zur Mark Ostarrichi und das Marchfeld zählt damit zu den Kerngebieten Österreichs.
Nach der endgültigen Zurückwerfung der inzwischen christianisierten Ungarn 1042/1043 wurde das Marchfeld erneut besiedelt: Die Babenberger, ostfränkischer Herkunft, holen ihre Landsleute heran. „Alle Orte des Bezirkes mit Ausnahme von Kämpfendorf (zu Leopoldsdorf gehörig), Franzensdorf (nach 1830), Fuchsenbigl (1787), Strasshof (1908) und Silberwald (1923) gehen in ihrer Anlage in die Kolonisationszeit des 11. und 12. Jahrhunderts zurück.“ (Schilder). Strasshof, erstmals 1280 urkundlich erwähnt, verschwand im 15. Jahrhundert wieder, Franzensdorf wurde anstelle des bei einer Flutkatastrophe zerstörten Kimmerleinsdorf neu errichtet.
Das Marchfelddorf ist geprägt von der fränkischen Besiedlung. „Der Franke liebt im Gegensatz zum Bayern nicht den Einzelhof, sondern suchte stets den Zusammenschluss im Dorf. Den großen Vierseithof des bayrischen Bauern, dieses wahre Kastell bäuerlichen Stolzes, kennt der Franke nicht. Er ist geselliger und siedelt im Ortsverband. (…) (Das) macht die Landschaft so einsam, überall fehlt die Belebung durch den Einzelhof. Wenn heute solche öfters vorkommen, so sind sie dann Zutaten des 19. Jahrhunderts und entbehren der ethnographischen Zugehörigkeit. Das fränkische Bauernhaus ist ebenerdig und steht mit der Giebelseite parallel zur Straße. Der Wohntrakt, verbunden mit Stall und (oder) Tenne steht somit senkrecht zu ihr. Im typischen fränkischen Straßendorf reihen sich dann in oft einförmiger Länge Giebelhaus neben Giebelhaus. Doch entsteht dann eine Belebung, wenn der Hof zum Doppelhakenhof weiterentwickelt wird, das heißt, wenn zwei derartige Bauten parallel zueinander und damit zugleich auch senkrecht zur Straße stehen und durch eine Mauer mit einem großen rundbogigen Tor verbunden werden. Charakteristisch für das fränkische Dorf ist die aus der Längsstraße herausgehobene Ausweitung zum Anger.“ (Schaffran).
An vielen Stellen kann man versunkene Dörfer erahnen: Zwischen „1012 und 1899 gab es 152 Hochwässer, wovon 48 katastrophale Folgen hatten. 13 Orte fielen den Donaufluten zum Opfer“ (Schilder). „Die Siedlungen auf der Linie (…) von Groß-Enzersdorf über Orth und Pframa bis Stopfenreuth zählen zu den ältesten, die noch bestehen. Die weiter südlich, donauwärts gelegenen etwa fünfzehn Dörfer seien restlos zugrunde gegangen …“ (Mander). So gab es zwischen Orth und Eckartsau ein Eitzelsau (in einer Sage heißt es „Die Turmspitze der Kirche von Eitzelsau aber ist bei niedererm Wasserstand in einem Teiche nächst des Orther Ziegelofens sichtbar“ (Hörler)), zwischen Orth und Pframa lag Gang (Matthias Mander beschreibt Expeditionen nach Gang und Wolfswerde in seinem Roman „Wüstungen“), zu Groß-Enzersdorf zählte Matzneusiedl, und noch 1830 wird während einer zwei Tage tobenden Flut infolge eines Eisstoßes die Ortschaft Kimmerleinsdorf vollkommen zerstört und später südwestlich, an höherer Stelle, als Franzensdorf wieder aufgebaut. Auch March und Rußbach stellten Bedrohungen dar, mit denen gerechnet werden musste. Viele andere Orte wurden in einem der ungezählten Kriege planiert oder sind einfach, von der Pest entvölkert, verfallen. Insgesamt sind 72 namentlich bekannte Orte Wüstungen.
1058 findet auf dem „Maharafeld“ eine Fürstenhochzeit statt: Judith, die Tochter von Kaiser Heinrich III., wird mit dem ungarischen Prinzen Salomon vermählt.
Nach dem Reichskrieg Salomons und Gezas von 1064 werden im Marchfeld Burgen, unter anderem in Jedenspeigen, Angern, Weiden, Engelhartstetten, Orth, Eckartsau, Gänserndorf, Stopfenreuth und Kopfstetten, sowie Wehrkirchen errichtet.
Das 13. Jahrhundert macht das Marchfeld wieder zum Schlachtfeld. Mit dem Tod Friedrichs II. des Streitbaren im Jahr 1246 erlischt das Geschlecht der Babenberger, und es herrscht Raubritter-Anarchie.
Am 12. Juli 1260 schlägt Ottokar II. von Böhmen bei Groißenbrunn Bela von Ungarn, als Gedenken für diesen Sieg wird 1268 Marchegg errichtet: Die 10.000 Menschen, für die die Stadt (und die viel zu große Stadtmauer) konzipiert war, kamen allerdings nie nach Marchegg. 1336 war die Stadt beinahe menschenleer.
Und am 26. August 1278 siegt Rudolf von Habsburg gegen Ottokar in der berühmten Schlacht auf dem Marchfeld (tatsächlich handelt es sich um die größte Ritterschlacht aller Zeiten), die die 650-jährige Herrschaft der Habsburger in Österreich etablierte: Je 30.000 Mann prallen in drei Schlachten zusammen und veranlassen Franz Grillparzer zur berühmtesten literarischen Nennung des Gebiets:
„Das Feld, das rings sich breitet, heißet Marchfeld Ein Schlachtfeld, wie sich leicht kein zweites findet, Doch auch ein Erntefeld, Gott sei gedankt!“
1291 dringen die Ungarn bis gegen Wien vor. Eine Überlieferung aus Markgrafneusiedl berichtet vom Schrecken, den diese Einfälle verbreiteten: „Einst hielten in dieser Wartburg Ritter und Reisige eines Grafen Bamberg Wache gegen die Einfälle der Magyaren. Die wachhabenden Ritter und Reiter lebten von dem Erträgnis der 600 Joch Ackerland, die auch diesem Grafen gehörten. Brachen die Magyaren über das Marchwasser in das ebene Land ein und kündeten durch rauchende Dörfer ihre Zugstraßen und ihr Nahen an, dann verließen die Neusiedler ihre Hütten und nahmen durch unterirdische Gänge (Erdställe) ihre Zuflucht in die von Rittern und Reisigen besetzte Wartburg …“ (nach Weyrich).
Diese Burg ist nicht mit der heute noch zu sehenden Ruine der Martinskirche identisch, die in den napoleonischen Kriegen noch Bedeutung erlangte, 1817 zur Windmühle umgebaut wurde und 1862 abbrannte. Erdställe sind auch anderweitig, etwa in Oberweiden, Unter- und Obersiebenbrunn, als Versteck vor Feinden oder als Kultstätten bezeugt. (Näheres findet man u. a. bei Karl Lukan: Das Weinviertelbuch. Wien 1992.)
In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wird das Marchfeld von Überschwemmungen, Eisstößen, Heuschrecken und schließlich auch noch vom schwarzen Tod heimgesucht.