Die Colt-Thompson-Maschinenpistolen und -Selbstladewaffen sind Maschinenpistolen und nie in Serie hergestellte Selbstladegewehre, die von der von John T. Thompson im Jahr 1915 gegründeten Auto-Ordnance Corporation (USA) entwickelt und auf den Markt gebracht worden sind. Die 15.000 Maschinenpistolen wurden in den Jahren 1921/1922 von der Colt’s Patent Fire Arms MFG. Co hergestellt. Das Nachfolgemodell, die von Savage Arms und der neu gegründeten Auto-Ordnance Corporation Bridgeport (Connecticut) hergestellte Thompson-Maschinenpistole, wurde im Zweiten Weltkrieg in großer Zahl eingesetzt.

John T. Thompson mini|hochkant|links|John T. Thompson Im Spanisch-Amerikanischen Krieg war John T. Thompson verantwortlicher Offizier für die Ausrüstung des Expeditionskorps unter General Shafter. Aufgrund seiner dortigen Erfahrungen begann er, sich für die Weiterentwicklung von Infanteriewaffen zu interessieren. Als Chef der Infanteriewaffen-Abteilung des Beschaffungsamtes der United States Army war er maßgeblich an der Entwicklung des M1903-Gewehres sowie an der Wiedereinführung von großkalibrigen Faustfeuerwaffen wie dem Colt M1911 beteiligt. Sein Abnahmestempel „J.T.T.“ ist deshalb auf vielen Waffen dieser Zeit zu finden. Nach seinem Austritt aus der Armee trat er im Jahr 1914 als Chefingenieur in die Remington Arms Co. ein und wurde mit dem Aufbau der Eddystone-Waffenfabrik in Chester beauftragt. Unter seiner Leitung wurden dort in großer Zahl Pattern-1914-Enfield-Gewehre für die britische und Mosin-Nagant-Gewehre für die russische Armee hergestellt. Mit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten im Jahr 1917 trat er wieder in den Armeedienst ein und wurde im Rang eines Brigadegenerals verantwortlicher Leiter der Arsenale der US-Armee. Für seine Leistungen wurde er mit der Army Distinguished Service Medal ausgezeichnet.

John T. Thompson war verheiratet und hatte einen Sohn, Marcellus Thompson, der ebenfalls in West Point zum Offizier ausgebildet wurde. Dieser befehligte im Ersten Weltkrieg ein Artillerieregiment in Europa. John T. Thompson starb am 21. Juni 1940; er wurde auf dem Friedhof der West Point Academy beigesetzt.

Die Auto-Ordnance Corporation mini|Colt-Thompson Model of 1921, 100-Schuss-Trommel mini|Colt-Inschrift auf der Thompson 1921 mini|Thompson Model 1921AC, Transportkoffer, der State Police Middleboro, Massachusetts Thompson war das Blish-Patent seit 1915 bekannt. Der Marineoffizier John Bell Blish hatte festgestellt, dass sich Geschütz-Schraubenverschlüsse bei starken Ladungen selbst blockieren, bei schwachen Ladungen jedoch teilweise öffnen. Bereits als Verantwortlicher des US-Waffenbeschaffungsamtes hatte Thompson die Einführung von Infanterie-Selbstladegewehren propagiert und bestehende Modelle aus dem In- und Ausland testen lassen. Aufgrund seiner Kenntnisse nahm er an, dass Selbstladegewehre unter Ausnützung des Blish-Effektes kostengünstig herzustellen wären. Er entschloss sich zur Zusammenarbeit mit Blish und engagierte im Sommer 1916 Theodore H. Eickhoff als Chefingenieur zur Entwicklung der Waffe.

Die ab August 1916 tätige Auto-Ordnance wurde im Dezember des gleichen Jahres als Auto-Ordnance Corporation mit Sitz in New York eingetragen. Geschäftsführer der Auto-Ordnance wurde Thompson, der auch einen erheblichen Teil der Aktien hielt, ein Teil der Aktien ging an Blish. Wichtigster Geldgeber und Teilhaber, der die Gründung der Firma ermöglichte, war der Finanzier Thomas Fortune Ryan, ein Amerikaner irischer Abstammung.

Die Entwicklungswerkstatt der Auto-Ordnance befand sich in Cleveland, Ohio; dort wurden die ersten Selbstladegewehre von Eickhoff und dem im Jahr 1917 eingestellten Oscar V. Payne entwickelt. Als rechte Hand Thompsons war George E. Goll für die Organisation und Durchführung der Waffenvorführungen zuständig. Da im Werk in Cleveland Werkzeugmaschinen fehlten, wurden die Gewehrprototypen und die ersten Maschinenpistolen bei der Warner & Swasey Company of Cleveland hergestellt. Getestet wurden sie bei der Auto-Ordnance, einer der Gewehrprototypen explodierte dabei. Eickhoff und Payne stellten rasch fest, dass der Blish-Verschluss für starke Gewehrladungen ungeeignet ist, jedoch mit Pistolenpatronen problemlos funktioniert.

Thompson, in Kenntnis der Probleme im Stellungskrieg an der Front in Europa, beschloss daraufhin, eine Maschinenpistole zu entwickeln, die er Trench Broom (Grabenbesen) nannte. Sie sollte als leichte Dauerfeuerwaffe an Sturmtruppen abgegeben werden. Im Gegensatz zur von der deutschen Armee verwendeten Bergmann-MP18-Maschinenpistole kam sie für den Krieg in Europa zu spät.

Nach der Herstellung der ersten Prototypen in Cleveland wurde im Jahr 1919 die Colt’s Patent Fire Arms MFG. Co Hartford, Connecticut mit der weiteren Entwicklung bis zur Serienreife beauftragt, Cleveland wurde geschlossen und die wichtigsten Mitarbeiter von Colt übernommen. Ein Jahr später wurde Colt beauftragt, 15.000 Thompson-Maschinenpistolen herzustellen. Mit der Herstellung der Pistolengriffe und Kolben wurde die Remington Arms beauftragt. Die Fabrikation der Thompson Submachine-Gun Model of 1921 begann am 30. März 1921 mit der Seriennummer 41 und endete am 26. Juli 1922 mit der Seriennummer 15040.

Die Verkäufe liefen schlecht, 1940 waren noch 4700 dieser Maschinenpistolen am Lager. Etwa 1000 Waffen gingen an die US-Streitkräfte, einige 100 an andere Armeen, etwa 500 über George G. Rorke (wie Fortune Ryan ein Amerikaner irischer Abstammung) an die Irish Republican Army. Diverse Waffen wurden an das FBI, an Polizeieinheiten und Gefängnisse verkauft. Im zivilen Markt gingen sie an Industrielle zur Streikbekämpfung und an Kriminelle wie Al Capone, John Dillinger, Babyface Nelson und andere, bis der Erwerb durch Privatleute mit dem National Firearms Act of 1934 wesentlich erschwert wurde.

Im Jahr 1928 zog sich Thompson aus der Firma zurück. Nach dem Tod Ryans im Jahr 1929 wollten seine Erben die Firma liquidieren, wurden aber von Marcellus Thompson daran gehindert. Er führte die Auto-Ordnance Co. weiter und verkaufte sie kurz vor dem Bankrott 1939 an den Financier Russel Maguire. Das erste Geschäft Maguires war es, die 4700 verbliebenen Thompsons an die vom Krieg bedrohten Alliierten zu verkaufen. Als zweites gab er die Massenproduktion des Navy Model 1928 bei Savage Arms, Utica, New York in Auftrag. Zudem war er maßgeblich an der Organisation des Auto-Ordnance Plants beteiligt, einer Fabrik in Bridgeport, Connecticut, die ab August 1940 die Kriegsproduktion der Waffe aufnahm. Für John T. Thompson († 1940) und seinen Sohn Marcellus († August 1939) war es zu spät, vom finanziellen Erfolg der Thompsons zu profitieren.

Das Thompson-Selbstladegewehr mini|Thompson-Selbstladegewehr, Maschinenpistole Thompson Model 1921 Die meisten im Ersten Weltkrieg verwendeten Infanteriegewehre waren Repetierwaffen. Selbstladegewehre wie die von Mauser, Mannlicher, Cei-Rigotti, Farquhar-Hill, Bang etc. befanden sich noch im Entwicklungsstadium. Die im Weltkrieg sporadisch verwendeten Gewehre Mondragon und St. Etienne Modell M1917 waren Gasdruck- oder Rückstoßlader mit verriegeltem Verschluss. Dasselbe gilt für die leichten Maschinengewehre, das MG 08/15, Chauchat, Lewis Gun und das Madsen Lmg. Das Schwarzlose-MG mit verzögertem Masseverschluss funktionierte nur dank eines kurzen Laufs und gefetteter Patronen. Thompson nahm an, dass ein Selbstladegewehr in Anwendung des bei Höchstdrücken blockierenden Blish-Verschlusses wie ein Repetiergewehr mit feststehendem Lauf entwickelt werden könnte und auch mit nicht gefetteten Patronen einwandfrei funktionieren würde. Er beauftragte seine Ingenieure mit der Entwicklung eines solchen Gewehres im amerikanischen Gewehrkaliber .30-06 Springfield.

Die von Eickhoff und Payne entwickelten Prototypen waren aufschießende Waffen mit Zylinderverschluss. Dieser verriegelte auf dem Prinzip des Artillerie-Schraubenverschlusses. Der Verschlusskopf trug ein unterbrochenes sechsgängiges Gewinde; dieses passte in das Gewinde in einer im Verschlussgehäuse angebrachten Hülse aus Bronze. Die Gewindesteigung war so berechnet, dass der Verschluss erst entriegelte, wenn der Gasdruck weitgehend abgefallen war. Zum Entriegeln musste sich der Verschlusskopf um 90° drehen, der Winkel der tragenden Gewindesektoren war etwas kleiner als 90°. Der Verschluss bestand aus zwei Komponenten, dem Verschlusskopf und der dahinterliegenden Zusatzmasse. Deren Berührungsflächen waren als Doppelhelix ausgebildet. Die Doppelhelix bewirkte, dass die hintere nicht drehbare Komponente durch die Rotation der vorderen Komponente stark beschleunigt wurde und damit die Rotation und Entriegelung des Verschlusskopfes zusätzlich verzögerte. Beim Schuss wurde die hinter der Zusatzmasse liegende Schließfeder gespannt und damit der automatische Nachladevorgang eingeleitet.

Zum Laden der Waffe war am Verschlusskopf ein Kammerstängel angebracht. Geladen wurde, indem man entriegelte, den Verschluss nach hinten zog und nach vorne schnellen ließ. Beim Schuss drehte sich der Verschlusskopf inklusive Kammerstängel schlagartig um 90°, schnellte zurück und nach vorn und verriegelte. Dies konnte zu Verletzungen des Schießenden führen. Rasch stellte sich heraus, dass das Gewehr nicht einwandfrei funktionierte. Die Annahme der Erfinder, dass die Verzögerung auf dem von Blish angenommenen momentanen Verkleben der Kontaktflächen beruhe, war falsch. Sie beruhte einzig auf der Trägheit der übersetzt beschleunigten Massen sowie dem Reibungswiderstand in den Gewindegängen und der Doppelhelix. Um eine einwandfreie Funktion zu gewährleisten, mussten die Patronen geölt werden.

Obschon 1923 von der Firma Colt weiterentwickelte Modelle des Gewehrs, Colt’s Auto Rifle Type P.C. („P“ für Payne, „C“ für Colt) in der Evaluation der US-Armee in der Springfield Armory (Massachusetts) zum Ersatz des Springfield-M1903-Repetierers getestet wurden, blieb der Erfolg aus und die Armee entschied sich für das M1 Garand-Gewehr. Payne verließ danach die Firma.

Die Thompson-Maschinenpistolen Die Entwicklung, das Model of 1919 Die Entwicklung der Thompson-Maschinenpistole begann im Jahr 1917. Thompson verlangte eine leichte, aus der Hüfte zu schießende Waffe mit 50 bis 100 Schuss, die von einem Mann bedient und auch in der Dunkelheit nachgeladen werden konnte. Am 22. September 1917 legte Oscar Payne eine Perspektivzeichnung einer solchen Waffe vor und ein Persuader genannter Prototyp mit Gurtzufuhr wurde gebaut, jedoch nie fertiggestellt. Er ist heute im Museum der United States Military Academy in West Point ausgestellt. Der Verschluss glich bereits dem in allen Thompson-Maschinenpistolen verwendeten verzögerten Masseverschluss. Beim ersten fertiggestellten Prototyp, dem Annihilator I, Seriennummer 1, konnten wahlweise Trommel- oder 20-Schuss-Stangenmagazine eingesetzt werden. Die Kadenz der ersten Waffen betrug noch bis 1500 Schuss/Min. Vom Annihilator II wurden zwei Stück mit den Seriennummern 2 und 3 hergestellt. Die erste Thompson mit abnehmbarem Kolben war die No. 11. Der letzte Prototyp war unnummeriert. Alle diese Waffen trugen die Aufschrift: THIS GUN IS PROTECTED BY AMERICAN AND FOREIGN PATENTS.

Das Colt Model of 1921