mini|hochkant|Franz-Josef Schöningh (1958) Franz Josef Schöningh (* 25. Juli 1902 in Paderborn; † 8. Dezember 1960 in München) war ein deutscher Publizist, Verlagsleiter und Gesellschafter des Süddeutschen Verlags. Seit 1935 war er Redakteur und seit 1939 bis zu ihrem Verbot 1941 Hauptschriftleiter der Zeitschrift Hochland. Von 1942 bis 1944 amtierte Schöningh als stellvertretender Kreishauptmann der deutschen Zivilverwaltung in Sambor im besetzten Polen und in Tarnopol in der Ukraine. 1945 wurde er Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung und gilt als Erfinder ihrer Kolumne Streiflicht. Von 1946 bis zu seinem Tod wirkte er als Herausgeber der wiedergegründeten Zeitschrift Hochland.

Leben Der Sohn des Verlagsbuchhändlers Josef Schöningh und Enkel des Verlags- und Zeitungsgründers Ferdinand Schöningh machte nach dem Besuch der Volksschule und des Gymnasiums in Paderborn das Abitur und studierte anschließend Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Freiburg, Berlin und München. In München wurde Schöningh Mitglied der katholischen Studentenverbindung K.St.V. Rheno-Bavaria im KV.Siegfried Koß, Wolfgang Löhr (Hrsg.): Biographisches Lexikon des KV. 6. Teil (= Revocatio historiae. Band 7). SH-Verlag, Schernfeld 2000, ISBN 3-89498-097-4, S. 91. Schöningh blieb mit Mitgliedern dieser führenden katholischen Studentenverbindung in München, bei der er sich sehr wohl fühlte und die „gut zu Schöninghs Sozialisation passte“, zeit seines Lebens in Kontakt. So gewann er Hugo Lang, der religiöse und sozialpolitische Tagungen der Verbindung im Kloster Ettal durchführte, ab 1935 als Beiträger für die Zeitschrift Hochland, für die der spätere Abt der Benediktiner Klosterkirche St. Bonifatius in München auch nach der Wiedergründung der Zeitschrift 1946 noch schrieb.Knud von Harbou: Wege und Abwege. Franz Josef Schöningh, der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie. Allitera, München 2013, S. 39 f. 1926 promovierte Schöningh bei Jakob Strieder mit einem Beitrag zur deutschen Wirtschaftsgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts zum Dr. oec. publ. Von 1928 bis 1930 hielt er sich in Berlin auf, um Schauspieler zu werden, und hatte Engagements in kleineren Rollen am Theater am Schiffbauerdamm. Im Februar 1932 kehrte Schöningh nach München zurück und wurde, wohl in der Absicht, sich zu habilitieren, an der Universität München wissenschaftlicher Assistent für Wirtschaftsgeschichte.

Am 3. Juni 1929 heiratete er in Kassel Irmgard Wegner (5. Dezember 1908 – 14. November 1967), die an der Münchner Hochschule für Musik studiert hatte. Das einzige Kind aus dieser Verbindung, Tochter Karen, wurde am 5. Juli 1930 in Berlin geboren. Bereits sechs Wochen danach trennte sich Irmgard von Schöningh und reichte die Scheidung ein, die 1932 rechtskräftig wurde. 1939 heiratete das Paar ein zweites Mal und lebte bis 1941 erneut zusammen, die Scheidung erfolgte 1946.Knud von Harbou: Wege und Abwege. Franz Josef Schöningh, der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie. Allitera, München 2013, S. 55 f. u. S. 90 f. Irmgard Schöningh war bereits vor ihrer ersten Heirat Kommunistin, 1946 wechselte sie in die SBZ und machte in der DDR im Bereich von Bildung und Kultur Karriere.Ralf Stabel (Hrsg.): Palucca Schule Dresden. Geschichte und Geschichten. Verlag der Kunst, Dresden 2000, ISBN 90-5705-157-5, S. 44, 54, 117.Bettina Hinterthür: Noten nach Plan: Die Musikverlage in der SBZ/DDR – Zensursystem, zentrale Planwirtschaft und deutsch-deutsche Beziehungen bis Anfang der 1960er Jahre (= Beiträge zur Unternehmensgeschichte Band 23.) Franz Steiner Verlag, 2006, ISBN 3-515-08837-7, S. 123–124.Knud von Harbou: Wege und Abwege. Franz Josef Schöningh, der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie. Allitera, München 2013, S. 282 ff, S. 309.

Zeit des Nationalsozialismus In seinem Tagebuch hielt der junge Schöningh fest, wie er diese Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft einschätzte. So notierte er am 16. Januar 1934: „Wann werden die Fieberträume dieses Volkes vorüber sein, wann werden die Spukgestalten sich in das Nichts auflösen, das sie sind? Wann wird dieses Volk sich schütteln in der Erinnerung an diese Gestalten, die aus seinen wüsten Träumen emporstiegen: sadistische Kobolde, heulende Wolfsmenschen, Narren, Shakespearsche Narren, nur ohne Tiefe? Wann wird dieses Volk sich erheben von seinem Lager aus Elend und Not und Abschütteln diese Albträume.“Knud von Harbou: Wege und Abwege. Franz Josef Schöningh, der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie. Allitera, München 2013, S. 67.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter Jakob Strieders arbeitete Schöningh an der Ausstellung „Die Straße“ mit, die von Juni bis September 1934 im Deutschen Museum in München stattfand. Initiatoren der Ausstellung waren Adolf Hitler und Fritz Todt in seiner damaligen Funktion als Generalinspekteur für das deutsche Straßenwesen. Als Hitler am 9. August mit Todt die Ausstellung besuchte, geleitete Schöningh sie im Auftrag seines Universitätsinstituts durch die historischen Abteilungen, wie ein Bericht der Münchner Neuesten Nachrichten am Folgetag vermerkte.Münchner Neueste Nachrichten vom 10. August 1934. Schöningh fertigte über Hitler noch am selben Tag folgende Tagebuchnotiz an: „Somnabuler. Ohne Beziehung zu Dingen und Menschen: fixe Idee, die vorwärts treibt, beiseite schiebt, vernichtet, bis sie am ehernen Widerstand zerschellt. Niemals wird es hier eine Anekdote geben. Völlige Einsamkeit. Ohne Misstrauen nur gegen kleine Leute, daher wüstes Geschwerl als Gefolge. Unheimlich ist seine Art, auf ein niemandem bekanntes Ziel ununterbrochen loszusteuern. Deshalb wahrscheinlich kein Ende ohne Erschütterungen. Man kann nur entschlossen beiseite treten oder mitlaufen. […] Ich erinnere mich an eine Kinderlokomotive, die wir ohne Gleise im Spielzimmer laufen liessen. Sie schnurrte unaufhaltsam […] bis die Feder abgelaufen.“Franz Josef Schöningh: Tagebuch, unveröffentlicht, zitiert in: Knud von Harbou: Wege und Abwege. Franz Josef Schöningh, der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie. Allitera, München 2013, S. 69.

Warum Schöningh seine 1932 begonnene Habilitationsschrift nicht beendete, ist nicht bekannt. Bis zum 1. März 1935 blieb er als Assistent am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte der Münchener Universität angestellt. In den Fragebögen zur Entnazifizierung begründete er sein Ausscheiden aus der Universität damit, er habe diesen Schritt getan, „um keinen Eid auf Hitler schwören zu müssen“.Knud von Harbou: Wege und Abwege. Franz Josef Schöningh, der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie. Allitera, München 2013, S. 80.

Redakteur der Zeitschrift Hochland (1935–1941) Im Jahre 1935 trat Schöningh unter Carl Muth in die Redaktion der katholischen Münchner Zeitschrift Hochland ein, die auf der Grundlage katholischen Denkens eine deutlich distanzierte Haltung zum Nationalsozialismus vertrat und Autoren der inneren Emigration die Möglichkeit zur Publikation gab. Von 1939 bis 1941 war Schöningh Hauptschriftleiter der Zeitschrift.

Die Haltung der Zeitschrift Hochland zum Nationalsozialismus wird unterschiedlich bewertet. Für Konrad Ackermann war sie „die bedeutendste Zeitschrift des geistigen Widerstandes“. Alle maßgeblichen Mitarbeiter hätten das nationalsozialistische Regime abgelehnt, auch wenn dies bei Schöningh „etwas umstritten“ sei. Zugleich verweist er aber darauf, dass Mitarbeiter Schöninghs dessen Ablehnung des Nationalsozialismus bestätigten.Konrad Ackermann: Der Widerstand der Monatsschrift Hochland gegen den Nationalsozialismus. Kösel, München 1965, S. 183, 29, 133. Norbert Frei attestiert der Zeitschrift, „eine für Eingeweihte erkennbar ablehnende Position“ eingenommen zu haben, die vom Regime nicht unbemerkt geblieben sei. Vielmehr habe es den Anschein, als ob der „– in der späteren Historiographie oft überbewertete – ‚geistige Widerstand‘ bewußt belassen“ worden sei, um ein als nicht allzu gefährlich erachtetes oppositionelles Potential zu kanalisieren.Norbert Frei/Johannes Schmitz: Journalismus im Dritten Reich. Beck, München 1989, ISBN 3-406-33131-9, S. 68. Der Journalist Peter Köpf verweist darauf, dass in der Zeitschrift die „Kriegsschuldlüge“ und der Anschluss Österreichs propagiert worden seien. Das Hochland und sein Hauptschriftleiter Schöningh seien „nationalen und durchaus militärischen Geistes“ gewesen, dem Zeitgeist entsprechend, aber mit leiseren Tönen als anderswo.Peter Köpf: Schreiben nach jeder Richtung. Goebbels-Propagandisten in der westdeutschen Nachkriegspresse. Ch. Links, Berlin 1995, ISBN 3-86153-094-5, S. 86 f. In seinen Beiträgen positionierte sich Schöningh auch wiederholt in Distanz zur Verfassung der Weimarer Republik, deren parteienstaatliche Ordnung des Korrektivs einer stärkeren Gewichtung des Katholizismus als staatstragender Kraft bedürfe. Insgesamt hätten Muth und Schöningh, so Schöninghs Biograph Knud von Harbou, einem vermeintlich von Liberalismus und Sozialismus geprägten Zeitgeist die „katholische Weltanschauung“ entgegengehalten.Knud von Harbou: Wege und Abwege. Franz Josef Schöningh, der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie. Allitera, München 2013, S. 78. Knud von Harbou verweist hier auch auf Forschungen des Historikers Felix Dirsch: Das „Hochland“. Eine katholisch-konservative Zeitschrift zwischen Literatur und Politik 1903–1941. In: Hans-Christof Kraus (Hrsg.): Konservative Zeitschriften zwischen Kaiserreich und Diktatur. Fünf Fallstudien. Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 978-3-428-11037-7, S. 45–96 (vgl. auch die Rezension in dem geschichtswissenschaftlichen Rezensionsjournal sehepunkte). Während des Nationalsozialismus hätten sowohl Schöningh als auch sein Vorgänger bis 1935 „in einer spezifischen Historiografie die wirkungsmächtigste Waffe“ gesehen, „um die NS-Ideologie zu schädigen. Die Autoren der genannten Jahrgänge schreckten nicht davor zurück, sogar zeitgeschichtliche Analogien als Medium der Kritik gegen System und Ideologie einzusetzen.“Zitat aus: Knud von Harbou: Wege und Abwege. Franz Josef Schöningh, der Mitbegründer der Süddeutschen Zeitung. Eine Biografie. Allitera, München 2013, S. 87. Hochland wurde nach mehrmaligen Teilverboten schließlich 1941 ganz eingestellt.

Stellvertretender Kreishauptmann der Zivilverwaltung im besetzten Polen und in der Ukraine (1942–1944) Schöningh drohte jetzt die Einberufung zur Wehrmacht. Er entging diesem Schicksal durch eine Anstellung bei der deutschen Zivilverwaltung im besetzten Polen. Dort war er von 1942 bis 1944 im Distrikt Galizien des Generalgouvernements stellvertretender Kreishauptmann unter seinem Chef, dem Kreishauptmann Mogens von Harbou, zunächst im Kreis Sambor, ab März 1942 im Kreis Tarnopol – Tarnopol gehörte seit 1939 zur Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Mogens von Harbou war über seine erste Frau Marie Luise von Hammerstein Schwiegersohn des früheren Chefs der Heeresleitung, General Kurt von Hammerstein-Equord, Marie Luise war zugleich eine Freundin von Schöninghs Frau Irmgard Wegner. Beide Frauen standen der KPD nahe.Hans Magnus Enzensberger: Hammerstein oder der Eigensinn. Suhrkamp, Frankfurt 2008, ISBN 978-3-518-41960-1, S. 316. Wie Knud von Harbou berichtet, habe Hammerstein seinem Vater, „verkürzt gesagt, zu Kriegsbeginn zu dieser vermeintlich ‚harmlosen Verwaltungstätigkeit’ geraten“. , S. 4. Auf der Website von Suhrkamp (PDF; 2,5 MB). Möglicherweise kam Schöningh, der auf Vermittlung Harbous eingestellt wurde, aus ähnlichen Erwägungen in seine Stellung.