mini|Louis Bernacchi im Jahr 1910 rahmenlos|rechts|Unterschrift Louis Charles Bernacchi (* 8. November 1876 in Schaerbeek/Schaarbeek, Belgien; † 24. April 1942 in London) war ein australisch-britischer Physiker, Astronom und Polarforscher italienisch-belgischer Herkunft, der an zwei Forschungsreisen des sogenannten „Goldenen Zeitalters der Antarktisforschung“ teilnahm. Bei der Southern-Cross-Expedition (1898–1900) führte er die bis dahin wissenschaftlich genaueste Positionsbestimmung des antarktischen magnetischen Pols durch. Während der Discovery-Expedition (1901–1904) war er gemeinsam mit fünf weiteren Expeditionsteilnehmern kurzzeitig Rekordinhaber der größten Annäherung an den geographischen Südpol. Bernacchi war der erste Australier in der Antarktis und der erste Mensch, der dort dreimal überwinterte.

Herkunft und Ausbildung mini|Das Anwesen der Familie Bernacchi auf Maria Island, Tasmanien etwa um 1890 Louis Bernacchi wurde als ältester Sohn des italienischen Seidenhändlers Angelo Giulio Diego Bernacchi (1853–1925) und dessen belgischer Frau Barbe (gebürtige Straetmans, 1858–1914) in der Nähe von Brüssel geboren. Seine Eltern wanderten 1884 mit ihm und seinen beiden Geschwistern Roderick Caesar (1879–1962) und Helena Theresa Amelia (1883–1970) nach Tasmanien aus.R. A. Swan: Louis Charles Bernacchi. In: The Victorian Historical Magazine, Vol. 33 Issue 131, S. 382, 398: Bernacchis Bruder Diego Maria Tasman sowie seine Schwestern Blanche und Vega wurden in Australien geboren. Sein Vater pachtete dort die Insel Maria Island, ließ auf ihr eine Zementfabrik erbauen, versuchte sich im Weinbau und gründete eine Siedlung mit zeitweise bis zu 250 Einwohnern, Geschäften, Schule, Post, Krankenhaus und einem 1888 errichteten Luxushotel. Das Unternehmen scheiterte jedoch 1892 wegen fehlender Rentabilität. Die zeitweilig in Melbourne lebende Familie kehrte 1897 mit den jüngeren Kindern nach London zurück, während der inzwischen volljährige Louis in Australien blieb.Gianfranco Cresciani: Italiens in Australia. Cambridge University Press, Cambridge 2003, ISBN 0-521-53778-9, S. 45 (englisch, abgerufen unter Google Bücher am 5. März 2015).Margaret Weidenhofer: Bernacchi, Angelo Giulio Diego (1853–1925). Eintrag in der Online-Ausgabe des Australian Dictionary of Biography (englisch, abgerufen am 27. Februar 2013).

Bernacchi absolvierte nach anfänglich häuslichem Privatunterricht einen Teil seiner Schulausbildung im Internat The Hutchins School in Hobart, bevor er 1895 ein Physikstudium an der Universität Melbourne begann und unter der Anleitung Pietro Baracchis, des leitenden Astronomen der Regierung von New South Wales, praktische Studien zur Astronomie und zum Erdmagnetismus am Melbourne Observatory betrieb.A. Atkin: (PDF) In: Records of the Canterbury Museum (2011), Vol. 25, S. 2. Während seines Studiums kam er in Kontakt mit den Arbeiten diverser australischer Komitees zur wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Erschließung des damals noch nahezu unbekannten antarktischen Kontinents. Besonders faszinierte ihn der Bericht des späteren norwegischen Polarforschers Carsten Egeberg Borchgrevink zu dessen Teilnahme an der Antarctic-Expedition (1894–1895), bei der das vermeintlich erstmalige Betreten des antarktischen Festlands gelang.

Southern-Cross-Expedition mini|Bernacchi als Teilnehmer der Southern-Cross-Expedition im Jahr 1899 → siehe Hauptartikel: Southern-Cross-Expedition und deren Mannschaftsliste

Im Jahr 1897 kam es in Melbourne zu einer persönlichen Begegnung zwischen Bernacchi und Borchgrevink, als sich Letzterer dort zwecks Einwerbung von Mitteln zur Finanzierung einer eigenen Antarktisexpedition aufhielt. Bernacchi war im Begriff, an der Belgica-Expedition (1897–1899) unter der Leitung des belgischen Polarforschers Adrien de Gerlache de Gomery teilzunehmen. Hierzu kam es jedoch nicht, da das Expeditionsschiff auf dem Weg in die Antarktis nicht wie geplant Melbourne anlief, so dass er vergeblich auf seine Abholung wartete. Im Mai 1898 reiste Bernacchi nach London, um sich erfolgreich bei Borchgrevink für die Teilnahme an dessen Forschungsreise in die Antarktis zu bewerben,C. E. Borchgrevink: First on the Antarctic Continent, 1901, S. 15–16. die der kartographischen Vermessung des Zielgebiets sowie der allgemeinwissenschaftlichen Datenerhebung dienen sollte. In Bernacchis Verantwortungsbereich fiel die Durchführung geomagnetischer Untersuchungen und meteorologischer Beobachtungen sowie die fotografische Dokumentation der Expedition,[Ohne Namen]: Antarctic Exploration. In: Launceston Examiner vom 8. November 1898, S. 6 (englisch, abgerufen am 28. Februar 2013). die letztlich fast ausschließlich vom britischen Verleger George Newnes (1851–1910) finanziert wurde und deren Basislager sich am Kap Adare am äußersten nordöstlichen Ende des antarktischen Viktorialands befand.

Die Expedition hatte mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen, die nicht zuletzt auf Borchgrevinks mangelnde Führungsqualitäten zurückzuführen waren. Durch die Enge und Langeweile im Quartier während der antarktischen Wintermonate 1899 war die Reizbarkeit der Expeditionsteilnehmer soweit gestiegen, dass Borchgrevink eine Meuterei befürchtete.Criss Turney: 1912 – The Year the World Discovered Antarctica. Counterpoint, Berkeley 2012, ISBN 1-58243-789-0, S. 28. Bernacchi war derart verärgert über Borchgrevinks leichtfertigen Umgang mit Messinstrumenten, dass er den Expeditionsleiter bat, ihn von seiner Verantwortung für das meteorologische Forschungsprogramm zu entbinden.T. H. Baughman: Before the Heroes Came: Antarctica in the 1890s. University of Nebraska Press, Lincoln 1999, ISBN 0-8032-6163-2, S. 95. Am 31. August entkamen Bernacchi und zwei weitere Expeditionsteilnehmer nur knapp einer tödlichen Rauchgasvergiftung durch unsachgemäßen Betrieb eines Kohleofens.L. C. Bernacchi: To the South Polar regions, 1901, S. 172. Ein schwerer Schicksalsschlag war der Tod des norwegischen Zoologen Nicolai Hanson im Oktober 1899, als dieser vermutlich an Beriberi, verstärkt durch eine Darminfektion, starb.L. C. Bernacchi: To the South Polar regions, 1901, S. 184–190.H. R. Guly: ‘Polar anaemia’: cardiac failure during the heroic age of Antarctic exploration (PDF; 131 kB). In: Polar Record 48, 2012, S. 157–164. doi:10.1017/S0032247411000222 (englisch) Die Unzugänglichkeit der Admiralitätsberge am Kap Adare verhinderte zudem, dass geplante Exkursionen vom Basislager in das antarktische Hinterland unternommen werden konnten.

mini|Bernacchi bei geomagnetischen Messungen auf dem Meereis Das Expeditionsschiff Southern Cross kehrte am 28. Januar 1900 von Australien an das Kap Adare zurück, um die Landungsmannschaft wieder aufzunehmen. Anstelle einer direkten Rückkehr nach Australien führte die Expedition eine Erkundungsfahrt durch die Rossmeerregion durch. Dabei wurden einige neue Inseln entdeckt und nach dem erstmaligen Betreten des Ross-Schelfeises mit einer geographischen Breite von 78° 50’ S am 16. Februar 1900 während einer Fahrt mit Hundeschlitten ein neuer Südrekord aufgestellt. Bernacchi gelang mit Hilfe geomagnetischer Messungen insbesondere auf der Franklin-Insel, die seine einjährige Datenerhebung am Kap Adare vervollständigten, die Positionsbestimmung des antarktischen magnetischen Pols bei C. E. Borchgrevink: First on the Antarctic Continent, 1901, S. 6. im nordöstlichen Viktorialand. Die Position lag damit etwa 313 km nordwestlich zu derjenigen, die rund 60 Jahre zuvor während der Antarktisexpedition unter James Clark Ross bei ermittelt worden war.L. C. Bernacchi: To the South Polar regions, 1901, S. 308–312.James Clark Ross: A voyage of discovery and research in the southern and Antarctic regions, during the years 1839–43, Vol II, John Murray, London 1847, S. 446–447 (englisch, abgerufen im Internet Archive am 8. November 2013).

Nach Bernacchis Rückkehr von der Expedition nach England im Juni 1900 ernannte ihn die Royal Geographical Society zum FellowRoyal Geographical Society: A list of the honorary members, fellows and associate members. RGS, London 1921, S. 10 (englisch, abgerufen am 4. März 2013). und zeichnete ihn mit dem nach dem britischen Astronomen Cuthbert Peek (1855–1901) benannten Preis aus.[Ohne Namen]: Antarctic Research. In: The Mercury (Hobart) vom 22. Mai 1901, S. 3 (englisch, abgerufen am 4. März 2013). Die damit verbundene finanzielle Unterstützung der Gelehrtengesellschaft erlaubten ihm die Auswertung seiner während der Forschungsreise erhobenen wissenschaftlichen Daten, die er 1901 gemeinsam mit seinen Expeditionserlebnissen im Buch To the South Polar regions veröffentlichte. In einer Rezension in der London Times lobte der Autor Bernacchis Werk und würdigte im Gegenzug Borchgrevinks Bericht in dessen Buch First on the Antarctic Continent mit der Bemerkung herab: [Ohne Namen]: Reviews of Books – Antarctic Exploration. In: The Times vom 26. September 1901, Ausgabe 36570, S. 2:

Discovery-Expedition mini|Bernacchi (Dritter von rechts) als Wissenschaftsoffizier an Bord der Discovery im neuseeländischen Lyttelton im Dezember 1901V.l.n.r: Edward Wilson, Ernest Shackleton, Albert Armitage, Michael Barne, Dr. Reginald Koettlitz, Reginald Skelton, Robert Falcon Scott, Charles Royds, Louis Bernacchi, Hartley Ferrar und Thomas Hodgson → siehe Hauptartikel: Discovery-Expedition und deren Mannschaftsliste

Im Juli 1901 erhielt Bernacchi ein gemeinsames Einladungsschreiben von Sir Clements Markham, Präsident der Royal Geographical Society, und des designierten Expeditionsleiters Robert Falcon Scott zur Teilnahme an der unmittelbar bevorstehenden Discovery-Expedition in die Antarktis. Beide waren auf Bernacchi durch seine Publikationen und Vorträge über die Southern-Cross-Expedition aufmerksam geworden. Er nahm die Position des ursprünglich für die Forschungsreise vorgesehenen Physikers William Shackleton (1871–1921) ein,[Ohne Namen]: Scientific Staff – Change on the Discovery. In: Kalgoorlie Miner vom 31. Juli 1901, S. 5 (englisch, abgerufen am 28. Februar 2013). der wieder ausgeladen worden war, nachdem er sich im Streit zwischen der Royal Geographical Society und der Royal Society um die Besetzung der Expeditionsleitung nicht für Scott, sondern für den Geologen John Walter Gregory ausgesprochen hatte.Edward J. Larson: An Empire of Ice. Yale University Press, New Haven 2011, ISBN 0-300-15408-9, S. 114. Nach anderer Darstellung waren medizinische Gründe gegen Shackleton ausschlaggebend.R. F. Scott: The Voyage of the Discovery, Vol I, 1905, S. 5. Ziele dieser Expedition waren meteorologische, ozeanografische, geologische, biologische und physikalische Untersuchungen im Zielgebiet. Bernacchi war der einzige der insgesamt 50 Expeditionsteilnehmer, der über Antarktis-Erfahrung verfügte.

Während die anderen Expeditionsteilnehmer mit dem Forschungsschiff Discovery seit dem 6. August 1901 nach Süden unterwegs waren, reiste Bernacchi zunächst nach Potsdam zum Geophysiker Max Eschenhagen. Von diesem ließ er sich in die Handhabung eines neuentwickelten Magnetometers mit automatischer Datenaufzeichnung einweisen, das auf der Forschungsreise mitgeführt wurde.A. Atkin: The Quest for the Magnetic Pole: navigation and research into polar terrestrial magnetism. (PDF) University of Canterbury, Christchurch 2008 (englisch, abgerufen am 1. März 2013). Bernacchi stieß erst im neuseeländischen Lyttelton zur Mannschaft.