mini|Iranische Studenten erstürmen die US-Botschaft in Teheran am 4. November 1979 Bei der Geiselnahme von Teheran besetzten iranische Studenten am 4. November 1979 im Verlauf der Islamischen Revolution die US-Botschaft in Teheran, der Hauptstadt Irans, um gegen die Aufnahme des gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi in den Vereinigten Staaten von Amerika zu demonstrieren. Sie hielten 52 Diplomaten der Vereinigten Staaten vom 4. November 1979 bis zum 20. Januar 1981 als Geiseln und forderten die Auslieferung des Schahs. Washington verhängte Sanktionen, die Geiselnahme endete nach 444 Tagen.
Vorgeschichte Während der Islamischen Revolution in Iran verließ der seit 1941 regierende Schah Mohammad Reza Pahlavi sein Land am 16. Januar 1979. Am 1. Februar 1979 kehrte der Ajatollah Ruhollah Chomeini aus dem Exil in Frankreich nach Iran zurück und übernahm die Führung der Revolution.
Bereits am 14. Februar 1979 wurde die Teheraner US-Botschaft von der bewaffneten, linksgerichteten Fedajin-e Chalq belagert und zum ersten Mal erstürmt. 102 Botschaftsangehörige wurden als Geiseln genommen. Bewaffnete Kräfte Chomeinis griffen ein, räumten die Botschaft, befreiten die Geiseln und übergaben die Botschaft wieder an die USA.Air Force Historical Support Division: Onlinetext, 16. Oktober 2012.
Nach Stationen des Schahs in Ägypten und Marokko vermittelte der US-Ölmilliardär und Bankier David Rockefeller ihm zunächst den Landsitz Coral Gables auf den Bahamas, der jedoch nach zehn Wochen bei Tageskosten von 24.000 US-Dollar zu teuer wurde, so dass der gestürzte Monarch nach Mexiko weiterzog., New York Times vom 5. April 2008: „David Newsom, 90, Diplomat in Iran Crisis, Dies“ Nach monatelangen Bemühungen konnten Rockefeller, der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger und der damalige Weltbank-Präsident John Jay McCloy den US-Präsidenten Jimmy Carter davon überzeugen, den schwer krebskranken Schah in die USA zu lassen, damit er sich dort medizinisch behandeln lassen konnte.Schrecklich gelitten. Mit Reagans Hilfe wollten die Amerikaner die Schmach der Geisel-Affäre von Teheran verdrängen. Doch nun gibt es neue Enthüllungen über die Hintergründe. In: Der Spiegel, 1. Juni 1981. Der Schah erreichte New York am 22. Oktober 1979 und wurde unter dem nicht autorisierten Pseudonym des „Under Secretary of State David D. Newsom“ umgehend ins Cornell Medical Center des NewYork-Presbyterian Hospital eingeliefert, wo ihm am 23. Oktober Gallensteine operativ entfernt wurden.„THE SHAH’S HEALTH: A POLITICAL GAMBLE“ von Terrence Smith, abgedruckt im New York Times-Magazine vom 17. Mai 1981
Die iranischen Revolutionäre forderten seine Auslieferung. Chomeini ließ am 4. November 1979 eine Erklärung verbreiten, in der er der Studenten gedachte, die ein Jahr zuvor bei Demonstrationen an der Teheraner Universität ums Leben gekommen waren:
Diese Erklärung galt als Rechtfertigung für die noch am gleichen Tag erfolgte Besetzung der US-Botschaft in Teheran durch iranische Studenten, woraus sich dann die Geiselnahme entwickelte. Dieser Schluss liegt nahe, denn ohne zumindest zustimmende Duldung des Revolutionsrates und Chomeinis hätte keine Geiselnahme stattfinden können. Hans-Peter Drögemüller ging sogar davon aus, dass die Islamisch-Republikanische-Partei-Fraktion des Revolutionsrates (Beheschti-Chāmene’i-Rafsandschāni) hinter der Botschaftsbesetzung stand.
Verlauf Besetzung der Botschaft Am 4. November 1979 um 11:30 Uhr kam es zur Erstürmung der US-Botschaft in Teheran durch etwa 400 iranische Studenten der Gruppierung „Studenten von der Linie des Imam“ (Daneschdschuyane Chatte Emam, ), unter anderem angeführt von Mohsen Mirdamadi, und zur 444 Tage andauernden Geiselnahme von Teheran.David Rockefeller: Memoirs. Random House Trade Paperbacks, ISBN 0-8129-6973-1, S. 356–375.„Die ‚Studenten‘ sind sehr gut organisiert, besser als man es normalerweise nach einigen Semestern an der Universität ist. Der Kern besteht aus zehn Leuten, von denen acht identifiziert sind.“ Sadegh Tabātabāi in einem Gespräch am 21. März 1980 in Bonn mit Außenminister Genscher. In: Tim Geiger, Amit Das Gupta, Tim Szatkowski: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1980 Bd. I: 1. Januar bis 30. Juni 1980. R. Oldenbourg Verlag, München 2011, S. 497.Terrence Smith: Why Carter admitted the Shah. In: New York Times vom 17. Mai 1981, S. 42, 44, 48.
Vor dem Gebäude versammelten sich daraufhin einige Tausend Demonstranten. Man setzte 90 Mitarbeiter der Botschaft fest und erklärte 66 Amerikaner zu Gefangenen, um die Auslieferung des früheren Schahs Mohammad Reza Pahlavi zu fordern. Die Geiseln wurden der Menge und den Fernsehkameras wiederholt mit verbundenen Augen vorgeführt. Am 5. November lehnten die USA eine Auslieferung des Schahs ab.
Die Presseerklärung des Außenministeriums der Islamischen Republik Iran vom 5. November 1979 rechtfertigte die Geiselnahme als:
Einen Tag nach der Botschaftsbesetzung drangen etwa 40 iranische Studenten auf das Gelände der US-Botschaft in Bonn vor. Sie verlangten, dass der Botschafter ihre Forderung nach der Auslieferung des Schahs an die amerikanische Regierung telegrafierte. Die Polizei räumte das Gelände, nachdem sich die Demonstranten geweigert hatten, freiwillig abzuziehen.FAZ, 6. November 1979, S. 2.
Am 6. November 1979 vermerkte der Ministerialdirektor des Auswärtigen Amtes Meyer-Landrut:
Sechs US-Diplomaten waren entkommen und konnten in die kanadische Botschaft fliehen. Der CIA gelang es, diese im Zuge einer in den USA gemeinhin als Canadian Caper bekannten Operation am 28. Januar 1980 außer Landes zu schaffen.
Der deutsche Botschafter in Teheran, Gerhard Ritzel, übermittelte am 7. November 1979 an das Auswärtige Amt das Schreiben einer unbekannten Gruppe namens Iranian Islamic Revolution Eagles, in dem „die Befreiung aller iranischen Bürger, die seit neun Monaten mit der deutschen Justiz in Berührung gekommen, verhaftet oder verurteilt worden sind“ gefordert wurde. Bei Nichterfüllung würde die deutsche Botschaft besetzt werden.
Pressesprecherin der Geiselnehmer war die spätere iranische Umweltministerin Masoumeh Ebtekar.Jane Janjigian: What next for 'Mary' of Tehran? Chicago Tribune, 26. Februar 1981, S. B4. Masoumeh Ebtekar, Fred A. Reed: Takeover in Tehran: The Inside Story of the 1979 U.S. Embassy Capture. Vancouver (Kanada) 2000
Diplomatische und politische Reaktionen Am 6. November 1979 trat die iranische Regierung unter Ministerpräsident Mehdi Bazargan zurück. Gründe dafür waren die Geiselnahme und die „Untergrabung“ der Regierung durch radikale Organisationen. Bazargan erklärte:
mini|hochkant|Jimmy Carter (1980)
Am 9. November verlangte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen die Freilassung der Geiseln. Die US-Regierung beschloss weitere wirtschaftliche und diplomatische Sanktionen gegen Iran. Am 11. November ordnete US-Präsident Jimmy Carter die Ausweisung aller illegal in den USA lebenden Iraner an. Am 12. November 1979 wurden alle Ölimporte aus Iran in die USA gestoppt. Drei Tage später wurde das iranische Geldguthaben bei US-amerikanischen Banken eingefroren. Die Summe betrug zwischen 1,5 und 8 Milliarden US-Dollar.
Die Gespräche mit der iranischen Führung liefen zunächst über die US-Botschaft in Beirut mit PLO-Chef Jassir Arafat weiter. Als Ergebnis der Vermittlungsbemühungen Arafats wurden 13 Geiseln – Frauen und Afroamerikaner – am 19. November freigelassen.Michael Ploetz, Tim Szatkowski: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1979 Bd. II: 1. Juli bis 31. Dezember 1979. R. Oldenbourg Verlag, München 2010, S. 1879. Die restlichen 52 blieben jedoch weiterhin in Haft. Eine weitere Geisel, Vizekonsul Richard Queen, wurde am 11. Juli 1980 wegen Krankheit auf Weisung Chomeinis freigelassen.
Unterstaatssekretär Newsom unterrichtete am 20. November 1979 den deutschen Staatssekretär van Well über seine Gespräche mit den freigelassenen Geiseln:
Am 13. November hatte der nach dem Rücktritt der Regierung Bazargan vom Revolutionsrat neu ernannte Außenminister Abu l-Hasan Banisadr alle Botschafter zu sich ins Ministerium geladen. Der deutsche Botschafter Ritzel hatte die Weisung erhalten, den Termin nicht wahrzunehmen und die anderen europäischen Botschafter abzuhalten. Trotz der deutschen Warnung nahmen mit Ausnahme des deutschen Botschafters nahezu alle geladenen Botschafter an der Besprechung teil. Banisadr kündigte an, dass man den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einschalten wolle, um zu erreichen, dass die amerikanische Regierung eine Untersuchung der Straffälligkeit des früheren Schahs akzeptierte und dass das Vermögen, das der Schah und seine Familie sowie die Führer des früheren Regimes nach Amerika verlegt hatten, an die iranische Regierung zurückgegeben werde.Michael Ploetz, Tim Szatkowski: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1979 Bd. II: 1. Juli bis 31. Dezember 1979. R. Oldenbourg Verlag, München 2010, S. 1694. Präsident Carter ging auf die Forderungen der iranischen Regierung nicht ein.
Am 26. November 1979 stellte Iran einen Antrag auf eine Sondersitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Entgegen einer Empfehlung des UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim kam es aber nicht zu der Sondersitzung.
Am 29. November 1979 reichten die USA Klage beim Internationalen Gerichtshof (IGH) in Den Haag gegen Iran ein. Die Revolutionsregierung Irans verklagte hingegen den gestürzten Schah in New York auf Rückzahlung von 56,6 Milliarden US-Dollar, die dieser auf illegalem Wege ins Ausland gebracht haben soll. Am 15. Dezember 1979 entschied der Internationale Gerichtshof unter Hinweis auf die geltenden Verträge und das allgemeine Völkerrecht einstimmig, dass die Botschafts- und Konsulargebäude sofort zurückgegeben, alle US-Staatsbürger umgehend freigelassen und den Mitarbeitern der Botschaft und der Konsulate der volle Schutz und die Achtung der Privilegien der Immunität gewährleistet werden müssten.Michael Ploetz, Tim Szatkowski: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1979 Bd. II: 1. Juli bis 31. Dezember 1979. R. Oldenbourg Verlag, München 2010, S. 1829.
Am 2. Dezember 1979 verließ der Schah New York und wurde auf einen Luftwaffenstützpunkt nach Texas gebracht. Die USA suchten fieberhaft nach einem Land, das ihm Asyl gewähren würde.
Einen Tag später, am 3. Dezember 1979 fand die Volksabstimmung über die neue Verfassung der Islamischen Republik Iran statt. Nach amtlichen Angaben stimmten nahezu 100 Prozent der Stimmberechtigten für die neue Verfassung (andere Quellen berichten von 60 Prozent Zustimmung). Ajatollah Chomeini war nun an seinem Ziel. Er hatte als Oberster Führer jetzt die gesamte Macht des Staates ganz offiziell in seinen Händen.
Ebenfalls am 3. Dezember 1979 nahm das deutsche Auswärtige Amt Kontakt mit Schah Reza Pahlavi auf, der inzwischen das Krankenhaus in New York verlassen hatte und auf die hermetisch abgeschirmte Lackland Air Force Base außerhalb von San Antonio (Texas) gebracht worden war. Der frühere Premierminister Mehdi Bazargan hatte am 1. Dezember 1979 dem deutschen Botschafter in Teheran Ritzel einen Brief an den Schah mit den Worten übergeben: Am 2. Dezember 1979 war daraufhin Ministerialdirigent Montfort in die USA gereist, um den Brief dem Schah zu übergeben. Schah Reza Pahlavi dankte der Bundesregierung für ihre Bemühungen und erklärte, er sei bereit zu helfen, soweit es um die Geiseln in der US-Botschaft gehe. Doch einen Brief von den gegenwärtigen Machthabern in Teheran entgegenzunehmen, lehne er ab, denn das seien Mörder, mit denen er nichts mehr zu tun haben wolle.Michael Ploetz, Tim Szatkowski: Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland 1979 Bd. II: 1. Juli bis 31. Dezember 1979. R. Oldenbourg Verlag, München 2010, S. 1885.