mini|Der rätische und norische Donaulimes mini|Lage der Kastelle in Passau und am südlichen Ufer des Inn, 1. bis 5. Jahrhundert n. Chr. mini|Befundplan des Kastells, der Therme und des Vicus, 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. mini|Befundplan der Grabungen 1905–1911, nach F. J. Engel mini|Befundplan des Osttores

Das Kastell Boiodurum war Bestandteil des Limes in der römischen Provinz Noricum auf dem Gebiet der kreisfreien Stadt Passau, Regierungsbezirk Niederbayern, Ostbayern, Deutschland. Kastell und Lagerdorf (vicus) wurden zur Verteidigung und Kontrolle der Donaugrenze und eines Innübergangs angelegt. Es folgte einem spätkeltischen Oppidum nach, dessen Zentrum auf der Halbinsel zwischen Donau (Danuvius) und Inn (Aenus) lag. Nahe der Mündung des Inn in die Donau entstand um 60 n. Chr. auf dem Gebiet der Provinz Noricum ein Kastell. Das Holz-Erde Lager wurde im 2. Jh. durch ein Steinkastell ersetzt, zusätzlich gesichert mit drei Gräben. Wie das Kastell war auch sein Vicus zweiphasig. Nach der gewaltsamen Zerstörung des Lagers durch einen Germaneneinfall in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts übernahm ab der Spätantike das etwas weiter flussaufwärts gelegene Kastell Boiotro die Sicherung dieses Abschnittes der Donaugrenze.Fischer: 2002, S. 31. Das Bodendenkmal ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.

Name Der Ortsname ist mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit keltischen Ursprungs und bedeutet „Festung des Boious“ oder „Stadt der Boier“. Er wird vom griechischen Geographen Claudius Ptolemäus Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. erstmals als Boioduron erwähnt.Ptolemäus 2, 12, 5: Βοιόδουρον. Weitere Nennungen sind aus dem Itinerarium Antonini, wo das Kastell als an der Fernstraße von Taurunum (Zemun) nach Vetera (Xanten) gelegen bezeichnet wird, und der Tabula Peutingeriana bekannt.Segmentum III, 4, castellum Bolodurum (vermutlich ein Abschreibfehler)249, 5, Boiodoro Auf letzterer ist der Ort fälschlicherweise auf der linken Donauseite eingezeichnet. Weiters existieren zwei Inschriften, in deren Text Boiodurum ebenfalls aufscheint: eine Weihinschrift für Mithras aus Atrans/Trojane und die Nennung auf einem (heute verschollenen) Meilenstein der Donaustraße bei Engelhartszell., servus contrascriptor stationis Boiodurensis und , aus den Jahren 239–241 n. Chr., Boioduru. Die vor Ort geborgenen Ziegelstempel mit dem Aufdruck NVMB (Numerus Boiodurensium?) stützen zusätzlich die Theorie, dass die Römer die Benennung des keltischen Oppidums auf das Kastell und seine Zivilsiedlung übertragen haben.Fischer: 2002, S. 31 f.

Der spätantike Name des Ortes, Boiotro, eine verschliffene Form von Boiodurum, wird durch die Notitia dignitatum und die Lebensbeschreibung des Severin von Noricum überliefert. Bis um die Zeit um 1900 war das Kastellareal bei der einheimischen Bevölkerung als „Biburg“ bekannt.Notitia Dignitatum occ. XXXIV 44, tribunus cohortis Boiodoro, Vita Sancti Severini 22, 36, Boitro, Boiotro und ähnlich, Gassner/Pülz 2015, S. 131–132.

Topographie und Lage Die Region um Passau gehört geologisch zu einem Ausläufer des Bayerischen Waldes, der besonders durch die schiffbaren Flüsse Donau und Inn geprägt wird. Die von Norden in die Donau mündende Ilz ergänzt dieses Flusssystem und eröffnet gleichzeitig eine Route nach Böhmen. Die von West nach Ost fließende Donau und die Nord-Süd-Achsen von Inn und Ilz bildeten schon seit vorgeschichtlicher Zeit einen bedeutenden Knotenpunkt für Verkehr und Handel und begünstigten die Anlage von größeren Siedlungen. Ob hier auch in römischer Zeit eine Brücke existierte, ist nicht bekannt. Die Flüsse schützten vor allem die Halbinsel des sogenannten Dreiflüsseecks auf natürliche Weise. Der Zugang von der Landseite ließ sich dadurch ohne großen Aufwand blockieren. Wie in den Jahrtausenden zuvor spielte auch für die Kelten der Spätlatènezeit die günstige topographische und wirtschaftsgeographische Lage der Flussinsel eine entscheidende Rolle für die Anlage eines größeren Oppidums, obwohl gutes Ackerland nicht in unmittelbarer Nähe zu finden war.

Das römische Kastell liegt auf einer vor Hochwasser geschützten Schwemmterrasse in der Rosenau, am östlichen Ende von Passau-Innstadt, am Ostufer des Inns, direkt am Zusammenfluss von Donau und Inn gegenüber der Mündung der Ilz. Es umschloss im Wesentlichen den Standort der ehemaligen St.-Egidius-Kirche (Nach der Säkularisation profaniert, heute „Kapuzinerstraße 61“ in Rosenau). Der Ostteil des Lagerareals befindet sich auf dem Gelände einer Baufirma in der „Kapuzinerstraße 55“. Die SO-Ecke liegt unter dem Haus „Kapuzinerstraße 67“. Unter der Kirche sind auch die Reste des Osttores zu finden, auf Höhe eines Parkplatzes das Südtor. Bei Boiodurum traf eine den Inn am Westufer begleitende Straße auf eine der wichtigsten Fernverkehrsrouten in den Süden und Osten des Reiches, die entlang der Donau verlief, die via iuxta Danuvium, ihr Ausbau erfolgte erst am Beginn des 3. Jahrhunderts, als die strategische Lage eine rasche Verbindung zwischen den Truppen an Rhein und Donau notwendig machte. Der Abschnitt ab Boiodurum führte über Stanacum (Oberranna), Ioviacum (Gstöttenau zwischen Aschach an der Donau und Eferding) und Ad Mauros (Eferding) nach Ovilavis (Wels).Gassner/Pülz 2015, S. 31

Funktion Das Kastell war Bestandteil des norischen Limes. Zu den Aufgaben der Besatzung zählte wohl die Sicherung der Flussgrenze (ripa) bzw. des Innüberganges von der römischen Provinz Raetia (Rätien) nach Noricum (Norikum), die Eintreibung von Zöllen, die Nachrichtenübermittlung entlang des Limes sowie die Überwachung und Kontrolle der Straßenverbindung Ovilavis–Reginum und des Schiffsverkehrs auf beiden Flüssen. Das Kastell war Standort einer Zollstation des publicum portorii Illyrici, des Illyrischen Zollbezirks. Bei der Einfuhr von Gütern in den gallischen Zollsprengel wurde die quadragesima Galliarum, ein Zoll in Höhe von 2,5 % des Warenwerts eingehoben. Nach den Funden dürfte die Station ebenfalls auf der norischen Seite gelegen haben.Fischer: 2002, S. 32. In Wernstein am Inn, rund sieben Kilometer vom Kastell entfernt, am Innübergang der Limesstraße, ist durch die Inschrift (230 n. Chr.) des M. Rustius Iunianis, eines beneficiarius consularis der legio II Italica, auch die Existenz eines Straßenwachpostens gesichert.Kurt Genser: 1986, S. 31.

Forschungsgeschichte, Fundspektrum Die ersten römischen Funde aus der Rosenau, Fragmente eines Mosaiks und eine Straßenpflasterung, sind seit 1840 bekannt. Alexander Erhard (1864) und Friedrich Ohlenschlager (1884) vermuteten erstmals das Kastell in der Rosenau. Bei der St.-Egidius-Kirche beobachtete Erhard römische Münzen und die Reste einer Straßenpflasterung. 1869 wurden erneut antike Funde in diesem Bereich gemacht. Von 1904 bis 1911 entdeckte der Gymnasialprofessor Franz Joseph Engel bei seinen Grabungen das Kastell und legte Teile der Wehrmauer und den östlichen Flankenturm des Südtores frei. 1955 untersuchte das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege unter der Leitung von Hans Schönberger mittels Suchschnitten das Areal, wobei der Verlauf des Westwalls festgestellt, der davorliegende Graben und ein Teil der Südmauer mit Zwischenturm entdeckt werden konnte. Bis 1970 fanden nur wenige Ausgrabungskampagnen statt. Ab 1986 wurden im Rahmen einer Notgrabung unter Walter Wandling und Jörg Peter Niemeier wieder das Kastell (Südtor) und auch der Vicusbereich erforscht. Ein beträchtlicher Teil des Kastellareals wurde 1993 unter Schutz gestellt. 1995 wurden weitere Wehrgräben entdeckt.Kurt Genser: 1986, S. 16 f, Gassner/Pülz 2015, S. 131.

In unmittelbarer Nachbarschaft zum „Archäotop Boiodurum“ befindet sich ein knapp 2400 Quadratmeter großes Grundstück, das den südwestlichen Bereich des ehemaligen Kastellinnenbereiches bedeckt. Hier wurden im Herbst 1997 und im Sommer 1998 einige wichtige Rettungsgrabungen durchgeführt. Die hier zu erwartende südliche Wehrmauer konnte dabei aber nicht erfasst werden, weil sie offenbar außerhalb des Grundstückes lag. Das Gelände hatte hier unmittelbar hinter der Wehrmauer einen natürlichen Geländeabfall. Es gelang aber, die Holzpfostenlöcher einer langrechteckigen Kaserne zu dokumentieren.Brandl: 1997, S. 151.

In der Kapuzinerstraße wurden Anfang 2013 beim Bau eines Studentenwohnheimes Ausschachtungsarbeiten ohne die Begleitung durch Stadtarchäologen durchgeführt. Dabei wurden Befunde der Zivilsiedlung aus dem 2. und 3. Jahrhundert unwiederbringlich zerstört.Martin Reitmeier: Riesenärger um Innstadt-Bauprojekt. Passauer Studi-Wohnungen zerstören römisches Stadterbe. Bericht aus dem Wochenblatt vom 9. Januar 2013 Passau ().

Bei den Untersuchungen konnten auch zahlreiche Gegenstände geborgen werden, vor allem Metallfunde. Sie belegen die militärische Funktion dieser Anlage. So fanden sich unter anderem Waffenfragmente, ein Pionierspaten und ein Bruchstück eines bronzenen Bügels, der ursprünglich am Hinterhaupthelm einer Paradeausrüstung befestigt gewesen war. Unter den bedeutendsten Funden befindet sich eine germanische Goldblechfibel mit blauer Glaspasteneinlage. Sie stammt aus der Planierschicht des frühen 3. Jahrhunderts. Im Vicus konnte wiederum ein goldener Fingerring mit einer roten Steineinlage in Form einer Amphore geborgen werden. Er stammt aus der Wende vom späten 2. auf das 3. Jahrhundert n. Chr. und dürfte in der Antike von großem Wert gewesen sein. Wahrscheinlich wurde er absichtlich vergraben.Fischer: 2002, S. 32.

Entwicklung Die Besiedlung der Passauer Halbinsel zwischen Donau und Inn setzte schon vor 6000 Jahren ein. In vorrömischer Zeit hatten sich hier zahlreiche Kelten vom Stamm der Boier niedergelassen. Ihr Siedlungszentrum lag auf der Halbinsel zwischen Inn und Donau. Das Oppidum wurde vermutlich um 450 v. Chr. gegründet. Aus dem 20 Kilometer entfernten Kropfmühl verhandelte man beispielsweise Graphit und Graphitton, das zur Herstellung feuerfesten und wärmeleitenden Kochgeschirrs verwendet wurde. Weiters hatte man über Inn und Salzach direkten Zugang zu den reichen Salzlagerstätten in den Ostalpen. Das Oppidum wurde vermutlich nicht durch die Römer zerstört, da seine Bewohner es schon lange vor deren Ankunft, in der Zeit um 50/40 v. Chr., wieder aufgegeben hatten.

Das Kastell in der Rosenau entwickelte sich vermutlich ähnlich wie die benachbarten Kastelle von Straubing und Künzing.Kurt Genser: 1986, S. 27. Im Zuge des Limesausbaus, während der Regierungszeit des Kaisers Domitian (81–96), errichtete die römische Armee am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. (80–100) zunächst wohl ein kleines Holz-Erde-Kastell. In späterer Zeit (150–160 n. Chr.?) wurden die Befestigungen und die wichtigsten Innenbauten in Stein neu aufgebaut. Nach Ansicht Tilman Becherts wurde das Osttor erst im Zuge des Feldzuges Caracallas in das Barbaricum um 213 n. Chr. ausgebaut. Der dazugehörige Vicus entstand möglicherweise erst in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts. Während die Donau das Römische Reich vom freien Germanien (Germania magna) trennte, markierte der Inn nicht nur die Grenze zwischen den Provinzen Raetia (Passau-Altstadt) und Noricum (Passau-Innstadt), sondern auch die zwischen dem gallischen und illyrischen Zollbezirk.

Kastell und Lagerdorf wurden wohl aufgrund von Alamanneneinfällen und Bürgerkriegen, die von der Mitte bis ins späte 3. Jahrhundert stattfanden, zerstört und aufgegeben. Eine Nutzung des Areals in der Spätantike konnte nicht nachgewiesen werden. Nach 300 n. Chr. errichtete man als Ersatz unter Valentinian I. – etwa einen Kilometer innaufwärts – ein wesentlich kleineres Brückenkopfkastell, Boiotro, das bis ins frühe 5. Jahrhundert belegt war.Fischer: 2002, S. 26, Gassner/Pülz 2015, S. 132.

Kastell