mini|hochkant|Gerhard Gundermann (1994)
Gerhard Rüdiger „Gundi“ Gundermann (* 21. Februar 1955 in Weimar; † 21. Juni 1998 in Spreetal) war ein deutscher Liedermacher und Rockmusiker.
In der DDR galt der Baggerfahrer Gundermann ab den 1980er Jahren als Sprachrohr der Menschen im Lausitzer Braunkohlerevier. Nach der deutschen Wiedervereinigung widmete er sich verstärkt dem Umweltschutz und äußerte sich kritisch über die soziale Entwicklung in Ostdeutschland.
Seine oft von einem melancholischen Unterton geprägten Lieder spiegeln teils eine sehr persönlich wirkende Auseinandersetzung mit niedergehenden Industrierevieren, Leben und Sterben, einfachen Alltagsgeschichten, Umwelt oder Arbeitslosigkeit wider. Durch die derart vermittelten Themen gelten Gundermanns Lieder als von einer persönlichen Authentizität getragen.
Gundermann war von 1976 bis 1984 Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), was 1995 bekannt wurde.
Leben
Kindheit und frühe Jahre Gerhard Gundermann wurde 1955 in Weimar als Sohn eines Werkzeugmachers und einer Sachbearbeiterin und Gewerkschaftsfunktionärin geboren.Christine Wagner: . IG Medien, Kunst+Kultur 36, September 1999. 1966 ließen sich die Eltern scheiden. Als Zwölfjähriger fand Gundermann eine aus dem Krieg stammende Pistole 08 seines Vaters, die er Spielkameraden zeigte. Sein Vater wurde wegen illegalen Waffenbesitzes zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und brach daraufhin jeden Kontakt zu ihm ab. Gundermann beschrieb 1979 diese Episode in dem Lied 08.Gundermann. Das Liederbuch 2. Nr. 42. Seine Mutter zog 1967 mit ihren Kindern nach Hoyerswerda im Bezirk Cottbus. Während seine Schwester in einen Jugendwerkhof geschickt wurde, war Gerhard in seiner Schulklasse in Hoyerswerda isoliert und sehnte sich nach Zugehörigkeit.
1973 legte Gundermann sein Abitur ab und studierte im Rahmen der Ausbildung zum Politoffizier der NVA zunächst in Löbau an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte „Ernst Thälmann“. Dort sang er im Armeesingeklub. Da er sich weigerte, ein Loblied auf den General Heinz Hoffmann zu singen, wurde er 1975 exmatrikuliert.
Erwerbstätigkeit Gundermann arbeitete vorrangig als Baggerfahrer im Braunkohlebergbau.
Die längste Phase der Erwerbstätigkeit war 1975 bis 1992 im Tagebau Spreetal. Er begann als Hilfsarbeiter, absolvierte die Abendschule zum Facharbeiter 1976 und bestand 1978 die Prüfung zum Baggerfahrer. Er fuhr den Schaufelradbagger SRs 500/630 mit der Gerätenummer 1417. Sein konfliktbehaftetes Wirken an diesem Arbeitsplatz ist im Film Gundi Gundermann dokumentiert.
1992 wurde Gundermann in den Tagebau Scheibe versetzt, wo er weiterhin als Baggerfahrer arbeitete. Durch den Wechsel von Ort und Kollegen wurden die Beziehungen fragiler und das Ende immer absehbarer: Zum Jahresende 1996 wurde er entlassen.
1997 war Gundermann zunächst kurz arbeitslos. Er begann eine Umschulung zum Tischler. Dabei leistete ihm der Staat finanzielle Unterstützung. Seine Schwierigkeiten im Handwerk und mit dem Radioprogramm der Kollegen sind im Film Gundermann – Ende der Eisenzeit dokumentiert.
Musik
Brigade Feuerstein 1978 fuhr Gundermann mit dem Singeklub Hoyerswerda zum Festival des politischen Liedes nach Ost-Berlin, wo er auch noch später auftrat. Im selben Jahr benannte sich der Singeklub in Brigade Feuerstein um. Das musikalische Märchen Raskadonien wurde erstmals aufgeführt.
1980/1981 schrieb Gundermann zusammen mit Alfons Förster das Kindermusical Malvina, mit dem er zusammen mit der Brigade Feuerstein erfolgreich tourte. Gundermanns spätere Ehefrau Conny war Mitglied der Gruppe und spielte die Titelrolle der Malvina.
Erste Erfolge als Solokünstler mini|hochkant|Gerhard Gundermann, 1989 1986 hatte er erste Soloauftritte als Liedermacher und gewann 1987 den Hauptpreis und den Preis der Schallplatte bei den Chansontagen der DDR. 1988 erschien sein erstes Album Männer, Frauen und Maschinen, das nicht im Liedermacher-Stil, sondern mit Rockmusikanten wie Tina Tandler und Peter Gläser eingespielt wurden. Diesen Stil setzte er live und im Studio fort (z. B. Gundermann und Freunde, Die Wilderer unter anderem mit Delle KrieseDelle Kriese: Wie es war. Erinnerungen an eine Zusammenarbeit. In: Utopie kreativ 177/178 (Juli/August 2005), S. 667–669 (online)., ab 1992 dann Gundermann & Seilschaft unter anderem mit Tina Powileit). In dieser Zeit trennten sich Gundermann und die Brigade Feuerstein, da sich seine hohen Ansprüche nicht mehr mit denen der Bandmitglieder vertrugen. 1989 löste sich die Band auf, doch nach der politischen Wende gab es sporadisch noch einige gemeinsame Auftritte. Gundermann wirkte als Texter für die Silly-Alben Februar (1989) und Hurensöhne (1993) mit. Andersherum wirkten die Silly-Mitglieder Rüdiger Barton, Uwe Hassbecker, Hans-Jürgen Reznicek und Herbert Junck am Gundermann-Album Einsame Spitze (1992) mit. Auch kulturpolitisch mischte Gundermann sich ein: Auf dem Kongreß der Unterhaltungskunst der DDR hielt er am 1. März 1989 eine Rede, die dem neuen Denken von Michail Gorbatschow entsprach.
Durchbruch und Popularität im Osten In den 1990er Jahren konnten der „singende Baggerfahrer aus der Lausitz“ und seine Seilschaft mit Titeln wie Engel über dem Revier (musikalische Verarbeitung der für sein Leben einschneidenden Entlassung aus dem Tagebau 1997) oder Hier bin ich geboren (Reflexion der eigenen Heimat und Herkunft) eine wachsende Fangemeinde um sich versammeln. Mit seinem breiten Themenspektrum in den Songs über niedergehende Industriereviere, Leben und Sterben, einfache Alltagsgeschichten, Umwelt oder Arbeitslosigkeit wurde Gundermann im Osten populär, während er in den alten Bundesländern nahezu unbekannt blieb. Die kritisch-poetische Analyse der deutschen Wiedervereinigung und ihrer Folgen für Ostdeutschland nahm auf seinen späteren Platten eine zentrale Stelle ein. Besonders wichtig war ihm die Auseinandersetzung mit Themen wie Ausbeutung, Mensch, Natur, Ökologie sowie Armut, Arbeit und Reichtum.
mini|Gundermann (Mitte) & Seilschaft, 1993 im Kesselhaus in der Kulturbrauerei in Berlin
Neben seinen Band-Auftritten mit seiner Band Seilschaft, die auch alle Alben ab 1993 einspielte, tourte Gundermann häufig als Liedermacher mit seinen Soloprogrammen und wirkte an verschiedenen Projekten mit, beispielsweise am Programm Doppelkopp mit dem Liedermacher Manfred Maurenbrecher. 1994 spielten Gundermann & Seilschaft im Vorprogramm von Bob Dylan und Joan Baez.
1997 unterstützte er die Gründung des Liedermacherfestivals Hoyschrecke in der Kulturfabrik Hoyerswerda, in deren Räumen er kurz vor seinem Tod noch mehrere Konzerte spielte. Sein letztes Konzert spielte er eine Woche vor seinem Tod in Krams. Es wurde noch im selben Jahr posthum als CD veröffentlicht.
Mitgliedschaft in der SED, Tätigkeit als IM, politische Aktivitäten Das Ministerium für Staatssicherheit warb Gundermann 1976 als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) an. Er wählte den Decknamen „Grigori“. Dies war ein damaliger Spitzname von ihm, weil er sich so agitatorisch verhielt wie Grigori Kossonossow aus Die Kuh im Propeller von Michail Sostschenko, die vor allem in der von Manfred Krug rezitierten Version im Rahmen von Lyrik – Jazz – Prosa bekannt war. Während seiner Zeit als IM erhielt er für seine Tätigkeit insgesamt 1500 Mark und 1981 die Artur-Becker-Medaille in Bronze, eine Auszeichnung der FDJ.
1977 wurde Gundermann Kandidat der SED (die Vorstufe zur Vollmitgliedschaft), im darauffolgenden Jahr schloss man ihn „wegen unerwünschter eigener Meinung“ aus der Partei aus. Nach Protesten wurde der Ausschluss jedoch in eine „strenge Rüge“ umgewandelt. 1984 wurde er wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit“ endgültig aus der SED ausgeschlossen. Im selben Jahr beendete das Ministerium für Staatssicherheit die Zusammenarbeit mit ihm.
Zu den Volkskammerwahlen am 18. März 1990 kandidierte er erfolglos für das Aktionsbündnis Vereinigte Linke.
Im Jahr 1995 kam Gundermanns Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit ans Licht. Sein Lied Sieglinde kann als musikalische Aufarbeitung dieser Vergangenheit gedeutet werden.
Familie 1980 wurde Gundermann Vater eines Sohnes. Er heiratete 1983 Cornelia („Conny“), die er seit der Schulzeit kannte und die bereits zwei Kinder aus einer vorherigen Ehe hatte. 1992 kam die gemeinsame Tochter Linda zur Welt.. MDR Kultur, 28. Juni 2019. Anlässlich ihrer Geburt komponierte er das gleichnamige Lied.
Lebensstil Gundermann rauchte nicht und trank auch keinen Alkohol. Er ernährte sich vegetarisch.
Auch als ihm allein seine Musik längst ein existenzsicherndes Einkommen garantierte, ging er seiner Erwerbstätigkeit nach. Seine Maxime, nicht von der Kunst, sondern von „echter“ Arbeit zu leben, um eine kommerzielle Vermarktung seiner Lieder zu verhindern, führte zu einem übermäßig anstrengenden Lebenswandel mit extrem wenig Schlaf. Oftmals fuhr er von seinen dreistündigen Konzerten direkt zur Schicht oder umgekehrt, ohne sich eine Pause zu gönnen.
Tod mini|Gundermanns Grab auf dem Waldfriedhof in Hoyerswerda Gerhard Gundermann starb im Juni 1998 mit 43 Jahren in seinem Wohnort Spreetal an einem Schlaganfall. Sein Grab befindet sich auf dem Waldfriedhof in Hoyerswerda (Abteilung RG II). Auf der Beerdigung wurde sein Lied Gras zitiert und instrumental gespielt.
Nachwirkung
Bis zur Wiedervereinigung der Seilschaft Am 12. September 1998 fand an der Freilichtbühne in Berlin-Weißensee ein großes Gedenkkonzert für Gundermann statt, an dem die Seilschaft sowie zahlreiche Künstler und Weggefährten teilnahmen, unter anderem der Liedermacher Gerhard Schöne, die Chansonsängerin Barbara Thalheim, der Schauspieler Thomas Rühmann und die Brigade Feuerstein.
Seit 1999 hat sich der aus Fans und Freunden bestehende Verein Gundermanns Seilschaft e. V. der Pflege seines Nachlasses verschrieben. Dabei sollen vor allem seine Lieder und die dahinterstehenden Gedanken lebendig gehalten werden.
Im Jahr 2000 gründeten einige Mitglieder des Landestheaters Tübingen um den Musiker, Schauspieler und Regisseur Heiner Kondschak die Randgruppencombo.Auftritt der Randgruppencombo mit Gundermann-Liedern am 29. Dezember 2009 im Landestheater Tübingen; Konzertausschnitt mit zwei Titeln (flash-Video, ca. Minuten) auf YouTube (Kondschak als Leadsänger an der Gitarre) Die 2022 aufgelöste Band spielte Gundermann-Songs und hat mehrere Alben veröffentlicht. Im gesamten Bundesgebiet gab sie mehr als hundert Konzerte und trug maßgeblich dazu bei, Gundermann und seine Lieder auch in den alten Bundesländern bekannt zu machen.
Der niederländische Liedermacher Johan Meijer übersetzte im Jahr 2008 Lieder von Gundermann ins Niederländische und spielte sie auf der CD Hondsdraf ein. Hondsdraf ist die niederländische Bezeichnung der Blume Gundermann.
mini|alt=Sechs Musikanten in einer Reihe am vorderen Bühnenrand, vorne Publikum, hinten ein Banner mit der Aufschrift „Die Seilschaft“.|Die Seilschaft im Berliner Postbahnhof, 2012 Anlässlich des zehnten Todestages von Gundermann fand am 21. Juni 2008 in der Berliner Columbiahalle ein Gedenkkonzert statt. Auf diesem Konzert traten unter anderem die Seilschaft, die Randgruppencombo, Polkaholix, Christian Haase sowie Silly auf. Das Konzert wurde aufgezeichnet, große Teile der Aufzeichnung wurden 2009 auf der DVD Alle oder Keiner – Tribut an Gerhard Gundermann veröffentlicht.
Seit 2010 ist Gundermanns Band Die Seilschaft wieder aktiv und gibt deutschlandweit zahlreiche Konzerte. Als Sänger und Gitarrist ist nun der Liedermacher/Musiker Christian Haase eingestiegen und komplettiert damit die Band.
Seit dem 60. Geburtstag mini|Dreharbeiten zu Andreas Dresens Gundermann-Spielfilm im Tagebau Nochten