mini|300px|Der Mönch Luther, Lucas Cranach d. Ä., 1520 Martin Luther (1483–1546) soll nach einer lange Zeit herrschenden Forschungsmeinung etwa im Oktober/November 1510 als Begleiter eines älteren, namentlich nicht bekannten Mönches von Nürnberg nach Rom gewandert sein. Luther begleitete den Verhandlungsführer als ein socius itinerarius.Michael Matheus, Arnold Nesselrath, Martin Wallraff: Martin Luther in Rom: Die Ewige Stadt als kosmopolitisches Zentrum und ihre Wahrnehmung. Bd. 134 Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom, Walter de Gruyter, Berlin 2017, ISBN 978-3-11-030906-5, S. 11 Dabei hätten die Reisenden die Alpen im Winter überqueren müssen. Gegen Ende März 1511 dürfte Luther dieser Rekonstruktion zufolge, die im Wesentlichen auf Heinrich BöhmerHeinrich Böhmer: Luthers Romfahrt. Deichert, Leipzig 1914. basiert, nach Nürnberg zurückgekehrt sein. Luther selbst habe nämlich laut Böhmer fast immer das Jahr 1510 als Beginn der Romreise angegeben. Die Datierungen von Philipp Melanchthon, Cochläus und des augustinischen Ordenshistoriographen Felix Milensius, die alle das Jahr 1511 anführen, versucht Böhmer hingegen als unglaubwürdig darzustellen. mini|300px|Hypothetischer Verlauf von Martin Luthers Romreise, wahrscheinlich 1511/12

Im vorliegenden Artikel wird die unter dieser Prämisse anzunehmende Reiseroute Martin Luthers nachvollzogen. Die Vorgeschichte wird dabei älteren Forschungsannahmen, z. B. denen von Böhmer („ältere“ Hypothese), folgend dargestellt, die als Anlass der Reise eine Berufung durch Papst Julius II. im Auftrag der renitenten Reformklöster vermuteten, denen Luther angehörte.

Da ein solcher Protest nicht nachzuweisen ist und der Reiseanlass aus ordenspolitischer Sicht wenig plausibel erscheint, geht eine neuere Untersuchung von Hans Schneider („neuere“ Hypothese) von einer Abreise Luthers erst ein Jahr später von Wittenberg (nicht Nürnberg) im Auftrag seines Mentors Johann von Staupitz aus und datiert die Ankunft in Rom vor Ende November 1511.Hans Schneider: Martin Luthers Reise nach Rom – neu datiert und neu gedeutet. In: Werner Lehfeldt (Hrsg.): Studien zur Wissenschafts- und zur Religionsgeschichte (= Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Neue Folge, Band 10). De Gruyter, Berlin/New York 2011, ISBN 978-3-11-025175-3, S. 1–157.Hans Schneider: Martin Luthers Reise nach Rom – neu datiert und neu gedeutet. Vorgelegt von Hans Schneider in der Sitzung vom 17. Juli 2009 PDF

Die schwer zu bewältigende Alpenüberquerung im Winter wäre damit gar nicht notwendig gewesen. Die Rückreise von Rom hätte zu Jahresbeginn 1512 stattgefunden. Bald danach, im Mai 1512, nahm Luther an einer Ordensversammlung in Köln teil, auf der ein Kompromiss in der strittigen Unionsfrage geschlossen wurde, die durch die Reise geklärt werden sollte, was die Hypothese einer späteren Reisedatierung stützt.Martin Luther in Rom. Kosmopolitisches Zentrum und seine Wahrnehmung. Internationale Tagung organisiert vom Deutschen Historischen Institut in Zusammenarbeit mit dem Centro Filippo Melantone. Protestantisches Zentrum für ökumenische Studien Rom. 16.–20. Februar 2011, Deutsches Historisches Institut in Rom, Tagungsbericht von Christina Mayer

Luthers Reise fiel in die Zeit der Italienischen Kriege, genauer des Krieges der Heiligen Liga (1511–1513). Die 1511 von Papst Julius II., Kaiser Maximilian I., Ferdinand II., dessen Schwiegersohn Heinrich VIII. von England, der Republik Venedig und den Schweizern gegen das von König Ludwig XII. regierte Frankreich geschlossene Heilige Liga (Lega Santa del 1511) bereinigte die Lage zunächst, sodass sich die französischen Truppen am 4. Oktober 1511 aus dem Herzogtum Mailand zurückziehen mussten. Im März 1513 wechselte die Republik Venedig jedoch die Seiten und verbündete sich mit Frankreich, was die politische Situation weiter verkomplizierte. Am 6. Juni 1513 besiegten die Schweizer Ludwig XII. in der Schlacht bei Novara und setzten die Sforza wieder als Regierende in Mailand ein.

Vorgeschichte

Martin Luther trat 1505 als Mönch in das strenge Augustinerkloster Erfurt ein. Seit vielen Jahren gab es zwei Strömungen in der Befolgung der Ordensregeln. Die „Observanten“ wollten die Regeln streng befolgen. Die „Konventualen“ wollten es den Konventen der Klöster überlassen, Befreiungen von den strikten Regeln zu erlauben. Diese Gegensätze führten zu einem OrdensstreitHerbert Voßberg: Im Heiligen Rom, Luthers Reiseeindrücke 1510-1511. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1966, S. 7–9 bzw. UnionsstreitHeinrich Böhmer: Luthers Romfahrt. Deichert, Leipzig 1914, S. 36, der den gesamten Orden erfasste.

Der Ordensgeneral Aegidius de Viterbo war direkt dem Papst unterstellt und hatte seinen Sitz in Rom. Für größere Ordensgebiete waren ihm Generalvikare verantwortlich. Deutscher Generalvikar war Johann von Staupitz. Ihm waren vier Provinzialvikare verantwortlich. Zur sächsischen Provinz gehörte Erfurt, das seit 1510 ebenfalls Staupitz leitete. Der Ordensgeneral de Viterbo und der deutsche Generalvikar Staupitz waren beide Observanten. Sie verfolgten den Plan, die Konvente mit freierer Regelauslegung mit den observanten Konventen zusammenzuführen. Dagegen wehrten sich die observanten Klöster, da sie eine Aufweichung der Observanz befürchteten.Herbert Voßberg: Im Heiligen Rom, Luthers Reiseeindrücke 1510-1511. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1966, S. 10

Im August 1507 wurde Kardinal Bernardino López de Carvajal als Päpstlicher Legat mit außergewöhnlichen Vollmachten zur Beilegung des Ordensstreites von Rom nach Deutschland entsandt.Heinrich Böhmer: Luthers Romfahrt. Deichert, Leipzig 1914, S. 52 Bereits am 15. Dezember 1507 erließ dieser in Memmingen die Bulle Bernhardinus, miseratione divina,Heinrich Böhmer: Luthers Romfahrt. Deichert, Leipzig 1914, S. 161–166 die Staupitz ermächtigte, die Vereinigung der streitenden Klöster innerhalb der sächsischen Provinz durchzusetzen. Zugleich wurde den Gegnern der Zusammenführung untersagt, direkt an den Papst zu appellieren. Diese Bulle wurde von Staupitz fast drei Jahre geheim gehalten und erst am 30. September 1510 publiziert.Heinrich Böhmer: Luthers Romfahrt. Deichert, Leipzig 1914, S. 56

Von 29 observanten Klöstern bestanden sieben Klöster, darunter Erfurt und Nürnberg, weiterhin auf ihrem Widerspruch gegen die Zusammenführung und akzeptierten die Weisungen des Generalvikars nicht. Für Herbst 1510 nahm Böhmer eine Konferenz der opponierenden Klöster im Augustinerkloster Nürnberg an, an der Luther als Vertreter des Erfurter Klosters teilgenommen habe.Herbert Voßberg: Im Heiligen Rom, Luthers Reiseeindrücke 1510-1511. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1966, S. 10–11 Hier soll beschlossen worden sein, dass Erfurt und Nürnberg je einen Vertreter zum Ordensgeneral nach Rom entsenden sollten, um die direkte Appellation an den Papst gegen die Maßgabe der Bulle zu erwirken. Nürnberg soll einen älteren, erfahrenen Mönch als ersten Mann gestellt haben,Heinrich Böhmer: Luthers Romfahrt. Deichert, Leipzig 1914, S. 58 dessen Name nicht überliefert ist; aus Erfurt sei Luther nominiert worden.

Diese Annahmen, für die es keine Quellen gibt, werfen allerdings eine Reihe von Fragen auf, die durch die neuere Hypothese, wonach zu diesem Zeitpunkt keine Reise stattfand und Luther erst ein Jahr später nach Rom wanderte, gelöst erscheinen. Die hauptsächlichen Schwierigkeiten der älteren Hypothese liegen darin, dass es für die angenommene Zusammenkunft in Nürnberg keine Belege gibt und dass eine solche Initiative von vornherein zum Scheitern verurteilt und darum sinnlos gewesen wäre, zumal der Ordensgeneral in einem Schreiben vom 29. Juli 1510 den Mitgliedern der Kongregation ausdrücklich befahl, dem Generalvikar Staupitz Gehorsam zu leisten und im Falle des Ungehorsams damit drohte gegen die Rebellen und Feinde des Ordens vorzugehen.

Nach älteren Forschungshypothesen brachen die beiden Mönche zwischen Ende Oktober und Anfang November 1510 von Nürnberg auf.Herbert Voßberg: Im Heiligen Rom, Luthers Reiseeindrücke 1510-1511. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1966, S. 12; Heinrich Böhmer: Luthers Romfahrt. Deichert, Leipzig 1914, S. 79 Es waren nur wenige Reisevorbereitungen zu treffen, wie die Erstellung von Empfehlungs- und Beglaubigungsschreiben für diese Mission. Zudem waren Pässe notwendig, denn die Romreise fiel in die Zeit der Italienischen Kriege und führte durch kriegsgefährdete Gebiete.

Nach der heute zunehmend als gesichert betrachteten Rekonstruktion Hans Schneiders fand die Romreise dagegen erst ein Jahr später statt, nachdem Luther bereits von Erfurt nach Wittenberg übergesiedelt war und unter dem Einfluss des Generalvikars und Provinzials der sächsischen Augustinereremiten stand, seines Mentors Staupitz. In den Besitz des Amtes des Provinzials war er durch die Wahl des Münnerstädter Kapitels am 9. September 1509 gekommen. In dieser „Doppelfunktion“ habe er nun darangehen können, einen Unionsplan zu verwirklichen. Anlass der Reise war schließlich nämlich der Streit um dessen Unionsplan, der sich gegen den Widerstand der rebellischen Klöster noch immer nicht durchsetzen ließ. Der Grund für den Widerstand der sieben renitenten Klöster (siehe oben) war laut Schneider aber die Ausübung der Ämter des Generalvikars und des Provinzials in Personalunion.Schneider: Martin Luthers Reise nach Rom – neu datiert und neu gedeutet., S. 49: "Bald stellte sich nämlich heraus - und Staupitz bekam es binnen kurzem zu spüren-, dass die Münnerstädter Wahl ein schwerer taktischer Fehler gewesen war, gegen die sich aus den Reihen der Kongregation und interessierter Obrigkeiten Widerstände erhoben." Zudem vermutet Schneider, dass Luther nicht auf Grund eines personellen Engpasses im Jahr 1509 von Wittenberg nach Erfurt zurückberufen worden sei, sondern als Reaktion auf die Wahl von Staupitz zum Provinzial. Gestützt werde diese Deutung durch die Beobachtung, dass das ebenfalls renitente Kloster in Nürnberg für die gesamte Dauer des Unionsstreites jahrelang keine Mönche mehr zum Studium nach Wittenberg geschickt habe. In dieser Situation eines Ordensstreites suchte Staupitz nach Alternativlösungen, die mit der Ordensleitung abzustimmen waren. Luther reiste demnach nicht als Gegner, sondern als Abgesandter des Generalvikars nach Rom, mit dem ihn ein enges persönliches Freundschaftsverhältnis verband.

Reisebegleiter Als Luthers Reisebegleiter, der die Besprechungen in Rom maßgeblich führte, wird heute der Prior Jan van Mechelen aus Osbach (Orsbeck) und Prior in Enkhuizen angenommen, der kurz zuvor im Jahre 1511 in Wittenberg zum Doctor theologiae promoviert worden war.Hans Schneider: Martin Luthers Reise nach Rom – neu datiert und neu gedeutet. In: Werner Lehfeldt (Hrsg.): Studien zur Wissenschafts- und zur Religionsgeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2011, ISBN 978-3-11-025175-3, S. 45 f., abgerufen am 10. April 2018 Ulrich Köpf: Martin Luther. Der Reformator und sein Werk. Reclam, Stuttgart 2015, S. 30.Christopher Spehr: Lutherjahrbuch 82. Jahrgang 2015: Organ der internationalen Lutherforschung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-647-87447-0, S. 14 Unterstützt wird diese Hypothese durch die Aussage eines Zeitgenossen, des Nürnberger Augustinereremiten Nikolaus Besler. Er berichtete, dass am 25. Februar 1512 der Augustiner Johann von Mecheln, der „eben von einer Sendung nach Rom zurückgekehrt war, durch Staupitz von Salzburg aus nach Köln geschickt (wurde), um das dort abzuhaltende Kapitel zu beschleunigen“.Hans Schneider: Martin Luthers Reise nach Rom – neu datiert und neu gedeutet. Vorgelegt von Hans Schneider in der Sitzung vom 17. Juli 2009, abgerufen am 30. Dezember 2018 , S. 16