mini|hochkant|Frau mit Rahmentrommel (dāyera zangī). Wandmalerei im Tschehel-Sotun-Palast in Isfahan, Iran. 17. Jahrhundert Daira, auch dāira, daire, dāireh, dairea, dārīa, dahira, dāyere, dayre, dajre, dara, doira, doyra, ist eine Rahmentrommel mit oder ohne Schellen, die in Südosteuropa, Türkei, Iran, Afghanistan, den nördlich angrenzenden Ländern Zentralasiens und in einigen Gebieten Indiens gespielt wird. Die unterschiedlichen Schreibweisen des Namens sind vom arabischen Wort abgeleitet. Die Verbreitungsregionen von daira und daf überschneiden sich teilweise, wobei seit der begrifflichen Unterscheidung in vorislamischer Zeit die Rahmentrommel daf eher zur klassischen und unterhaltenden Musik der Männer und daira eher zur Volksmusik der Frauen gehört.R. Conway Morris, Cvjetko Rihtman, Christian Poché, Veronica Doubleday: Daff. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Vol. 6. Macmillan Publishers, London 2001, S. 832

Herkunft Die ersten Rahmentrommeln erscheinen in Mesopotamien ab dem Beginn der Ur-III-Zeit (um 2000 v. Chr.) auf zahlreichen Tontafeln abgebildet. Frauen halten die bei Kulttänzen gespielten kreisrunden Gegenstände mit beiden Händen vor der Brust, so dass es sich um beidseitig mit Haut bespannte Rahmen gehandelt haben könnte, die keine Schlaginstrumente, sondern mit Körnern gefüllte Rasseln waren, die geschüttelt wurden. Abgesehen von einigen selten dargestellten, fast mannshohen Rahmentrommeln, die von zwei Spielern mit beiden Händen geschlagen wurden, gehören in der babylonischen Zeit in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends kleine Rahmentrommeln durchgängig zum Instrumentarium Vorderasiens bis nach Ägypten.

Terrakottafiguren aus Babylon und Nippur zeigen eine Rahmentrommel, die nicht mehr wie eine Rassel mit beiden Händen gehalten, sondern mit der linken Hand an die linke Schulter gepresst und ohne Stöckchen mit der rechten Hand geschlagen wird. Möglicherweise hat die abgebildete Tänzerin bereits die heutige Spielweise praktiziert, indem sie mit den Fingern der linken Hand den Rand des Fells und mit der rechten Hand die Mitte angeschlagen hat, um so hell und dunkel klingende Töne bei unterschiedlicher Lautstärke zu erzeugen. Eine Figur aus der Zeit von Hammurapi (18. Jahrhundert v. Chr.) zeigt eine Tänzerin, die eine Rahmentrommel in Kopfhöhe weit von sich hält. Sie tritt zur Begleitung einer Leier in einem im Vergleich zu früher weniger streng geregelten kultischen Zusammenhang auf. Offensichtlich wurden um diese Zeit bei den Babyloniern und bei den weiter nördlich lebenden Assyrern die zuvor ausschließlich im Kult und solistisch gebrauchten Rahmentrommeln auch im Zusammenspiel mit Melodieinstrumenten und für andere Anlässe verwendet.Wilhelm Stauder: Die Musik der Sumer, Babylonier und Assyrer. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abteilung: Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV: Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 184f, 198

Auf einem elamitischen Basrelief aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. in Kul-e Farah im Südwesten des Iran sind Musiker mit einer Rahmentrommel, einer liegenden Harfe (van) und einer stehenden Harfe (tschang, čang) abgebildet. Persische Quellen des 10. Jahrhunderts erwähnen neben denselben beiden Winkelharfen die Rahmentrommel dāʾira, die Sanduhrtrommel kōba, die Bechertrommel tombak (dunbaq) sowie die Kesseltrommeln kōs und tabīra. Der persische Dichter Hafis (um 1320 – um 1389) führt in seinem Muganni Name („Buch des Sängers“) die dāʾira in einer Reihe weiterer Musikinstrumente auf.Persische Musik. In: Friedrich Blume (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Band 10. Erste Auflage 1962, Sp. 1093–1098

Die Ausgrabung von Sartepe in der historischen Region Baktrien (heute in Turkestan) erbrachte die Tonfigur eines Äffchens aus dem 1./2. Jahrhundert n. Chr., die eine Rahmentrommel vor der linken Seite des Oberkörpers hält. Die Haltung lässt darauf schließen, dass die baktrische Rahmentrommel etwa der heutigen dojra in Usbekistan oder der daf in Tadschikistan entsprach.F.M. Karomatov, V.A. Meškeris, T.S. Vyzgo: Mittelasien. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 9) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1987, S. 70 In dieselbe Zeit (um 160 n. Chr.) datiert das sogenannte „Hochzeitsrelief“ der nordmesopotamischen Stadt Hatra, die im Gebiet der Parther lag. Das 1974 am großen Tempel (Tempel B) ausgegrabene Relieffries stellt eine Hochzeitsgruppe dar, die sich von Musikanten begleitet zum Haus des Bräutigams begibt. Für den Rhythmus sorgen drei Figurengruppen mit jeweils einem Musiker mit einem Paarbecken in den ausgestreckten Händen und einem Rahmentrommelspieler. Der Trommler hält sein Instrument nach der heute üblichen Methode mit der linken Hand unten am Rahmen. Mit der flachen rechten Hand schlägt er auf die Fellmitte und offensichtlich im Wechsel an den Rand des Fells und produziert so einen dunklen und hellen Klang.Subhi Anwar Rashid: Mesopotamien. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 2) Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1984, S. 164

Nach dem syrischen Kirchengelehrten Gregorius Bar-Hebraeus (1226–1286) waren die mythischen Erfinder der Musikinstrumente Söhne und Töchter Kains, von dem die arabischen Singmädchen (qaina, Pl. qiyān) ihren Namen erhalten haben sollen. Jubal, einer der Nachkommen Kains, gilt in der hebräischen Bibel als Erfinder der Leier kinnor, dessen Vater Lamech erfand laut arabischer Tradition die Laute oud. Auf Jubals Bruder Tubal-Kain wird die Einführung der Trommel (ṭabl) und der Rahmentrommel zurückgeführt.Henry George Farmer: A History of Arabian Music to the XIIIth Century. Luzac & Co., London 1929, S. 7 (Online bei Archive.org) Die alttestamentliche Prophetin Mirjam steht in den Ländern des östlichen Mittelmeers am mythischen Anfang des gemeinschaftlichen Frauentanzes, der seit vorchristlicher Zeit von Becken und Rahmentrommeln (tof Mirjam) rhythmisiert wird.

Gemäß einer türkischen Quelle aus dem 17. Jahrhundert, in der die musikalischen Einflüsse durch fremde Völker in frühislamischer Zeit in Form einer Herkunftslegende geschildert werden, traten im Umkreis des Propheten neben dem ersten Muezzin und Sänger Bilal al-Habaschi noch drei Musiker auf, die wie Bilal zu Urvätern der Musik geworden sind. Außer dem Sänger Ḥamza ibn Yatīm, dem Vorbild aller Sänger, gehörten der indische Paukenspieler Bābā Sawandīk dazu, der mit einer großen Kesseltrommel (kūs) an den Feldzügen des Propheten teilnahm, und Bābā ʿAmr mit seiner runden Rahmentrommel al-dāʾira. Letzterer wurde zum Schutzheiligen aller Trommler.Hans Hickmann: Die Musik des Arabisch-Islamischen Bereichs. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abteilung: Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV: Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 16

Seit vorislamischer Zeit wurde in Arabien die kreisrunde, einseitig bespannte dāʾira der Frauen von der rechteckigen zweifelligen Rahmentrommel daff (hebräisch tof) unterschieden. Während rechteckige Rahmentrommeln nur noch selten in der regionalen Volksmusik vorkommen, blieb die offensichtlich damals bestehende funktionelle Unterscheidung bis heute im Allgemeinen erhalten.

Bauform und Spielweise mini|Georgische daira im State Museum of Georgian Folk Songs and Musical Instruments, Tiflis Der Rahmen besteht aus einem dünnen, kreisrund gebogenen Holzstreifen wie bei einem Sieb, dessen Höhe regional unterschiedlich 5 bis 8 Zentimeter und dessen Durchmesser 20 bis 50 Zentimeter beträgt. Darauf wird über eine Seite eine feuchte, ungegerbte Tierhaut (üblicherweise Ziegenhaut) gelegt und seitlich mit dem Rand verklebt und teilweise zusätzlich festgenagelt. Beim Trocknen spannt sich die Membranhaut. Vor dem Spiel wird die daira gestimmt: Erhitzen über dem Feuer ergibt einen höheren Klang, Befeuchten der Haut einen tieferen Klang. Die meisten dairas besitzen Schellen, die in Form von metallenen Gefäßrasseln, Ringen und Plättchen im Innern des Rahmens befestigt sind oder als Zimbelpaare wie bei der arabischen riq in Schlitzen im Rahmen stecken.

Mittelgroße türkische Rahmentrommeln mit und ohne Zimbeln haben einen Durchmesser von 30 bis 40 Zentimetern. Der Rahmen (türkisch kasnak) besteht aus Kiefern-, Walnuss- oder Pappelholz, das durch eine Walze gepresst wird, bis die Streifen kreisförmig gebogen sind. Die Stärke beträgt 5 bis 8 Millimeter, an der Überlappungsstelle werden die Streifen häufig ausgedünnt. Die frische Haut einer jungen Ziege oder vom Magensack eines Rindes wird am Rand etwa 15 Millimeter umgeschlagen, mit einer Paste (çiriş) aufgeklebt und mit Messingstiften festgenagelt. Falls ein Handgriff im Rahmen ausgeschnitten wird, so geschieht dies an der Überlappungsstelle.Laurence Picken: Folk Musical Instruments of Turkey. Oxford University Press, London 1975, S. 134–136

Die daira wird meist mit einer Hand frei vor dem Körper gehalten und mit den Fingern der anderen Hand, gelegentlich auch mit der Handfläche oder dem Ballen geschlagen. Frei bewegliche Finger der den Rahmen haltenden Hand können zwischen den Hauptschlägen kurze, hell klingende Akzente setzen. Ebenso möglich ist, die daira beim Spielen gegen die Schulter, in die Armbeuge oder auf den Oberschenkel zu drücken. Annähernd waagrecht zwischen die Knie gepresst lässt sie sich mit beiden Händen spielen. Ohne Schläge auf die Membran werden die Rasseln auch durch Schütteln oder Hochwerfen angeregt.Atanassov, Doubleday: New Grove, S. 842

Verbreitung Afghanistan mini|hochkant|Rahmentrommelspieler in Zentralasien, 1865–1875 In Afghanistan sind die Musikstile und Musikinstrumente der Männer und Frauen entsprechend den Segregationsgeboten der Geschlechter strikt getrennt. Die dāira (daireh, dāyera) gehört hier überwiegend zur traditionellen, privaten Unterhaltungsmusik der Frauen, die sie bei Hochzeiten und anderen Feiern im häuslichen Umfeld aufführen. Die Schalenhalslaute rubāb oder die Langhalslauten tanbur und dutar sind aufwendig hergestellte Gegenstände und wie die meisten anderen Musikinstrumente den professionell musizierenden Männern vorbehalten.

Der Durchmesser der afghanischen dāira beträgt 35 bis 45 Zentimeter bei 6 Zentimetern Rahmenhöhe. Die Membran aus Ziegen- oder Rehhaut wird aufgeklebt oder aufgenagelt und gelegentlich mit floralen Mustern bemalt. Dāiras sind häufig an der Innenseite des Rahmens mit metallenen Rasselkörpern (zang), Metallringen (ḥalqa) oder beidem ausgestattet. In Schlitzen im Rahmen integrierte Zimbelpaare sind ebenfalls üblich. Rahmentrommeln werden in Afghanistan traditionell von der randständigen Bevölkerungsschicht der Jats gefertigt, manche industriell hergestellten Instrumente stammen aus dem Iran oder den nördlich angrenzenden Ländern.Veronica Doubleday: Encyclopædia Iranica