mini|hochkant|Fakhri Kaddori (2010)
Fakhri Yasin Kaddori (; geboren 28. August 1932 in Bagdad, Irak; gestorben 25. November 2018 in Köln) war eines der Gründungsmitglieder der irakischen Baʿth-Partei, die sich Ende der 1940er Jahre in Bagdad als Schwesterpartei der syrischen Baʿth-Partei etablierte.
Nach dem Putsch vom Juli 1968 war er zuerst Wirtschaftsminister im Kabinett ʾAhmad Hasan al-Bakrs, der ersten der baʿthistischen Regierungen des Irak, die bis zum Sturz Saddam Husseins 2003 an der Macht waren, ab 1971 dann Leiter des Wirtschaftsbüros des Revolutionären Kommandorates (RKR) der Republik Irak.Who’s Who of the Arab World 1978, S. 404 In diesen Funktionen war er maßgeblich an der Verstaatlichung des irakischen Erdöls 1972 beteiligtFürstenberg 2012, S. 3. 1976–1978 war er außerdem Gouverneur der irakischen Zentralbank in BagdadKaddori 2006, S. 198–199.
1978–1983 bekleidete Kaddori erst in Kairo, später in Amman das Amt des Generalsekretärs des Rates der Arabischen Wirtschaftsunion (arabisch: , DMG maǧlis al-waḥda al-iqtiṣādiyya al-ʿarabiyya, englisch: Council of Arab Economic Unity [CAEU]), einer der einflussreichsten und bedeutungsvollsten Institutionen der Arabischen LigaArabische Liga 1982, S. 48. 1983 war er wegen Differenzen mit Saddam Hussein zur Flucht aus dem Irak gezwungen. Fakhri Kaddori lebte seitdem bis zu seinem Tod in Köln.
Herkunft und Familie Fakhri Kaddori wurde als fünftes von sieben Kindern in Bagdad geboren. Sein Vater Yasin Kaddori entstammte, ebenso wie seine Mutter Rafiqa, einer Familie von ländlichen Grundbesitzern und Händlern. Sein Vater hatte in den 1920er Jahren Agrarland erworben, das er von Bagdad aus verwaltete, war jedoch in erster Linie als Rechtsanwalt tätig. Als solcher wurde er sehr populär als einer der Verteidiger des Haupttatverdächtigen im Mordfall des Colonel LeachmanZu der Ermordung Col. Gerald E. Leachmans schrieb Gertrude Bell in einem Brief an ihren Vater: „Er (Leachman) hatte sich den Arabern gegenüber immer einer extrem zügellosen Ausdrucksweise bedient, und Scheich Dhari hegte schon lange einen Groll gegen ihn.“ (Wallach 2003: 408). Kaddoris Vater, al-muḥāmī Yāsīn Qaddūrī, war einer der vier Verteidiger in diesem damals vielbeachteten Mordprozess, denen es gelang, strafmildernd zu argumentieren, sodass die eigentlich erwartete Todesstrafe nur als lebenslange Gefängnisstrafe ausfiel. Die Bevölkerung stand (natürlich) auf Seiten des Scheichs und gegen die Engländer und die verteidigenden Anwälte genossen nach ihrem Prozesserfolg hohes Ansehen.Fürstenberg 2012, S. 7 während des Aufstandes von 1920 gegen die britische Besatzung (ṯawra al-ʿišrīn oder auch al- ṯawra al-ʿirāqīyya al-kubra).
Fakhri Kaddori war viele Jahre mit einer Deutschen verheiratet; aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor. Sie leben in den Vereinigten Arabischen Emiraten und in Deutschland.
Politische und berufliche Laufbahn 1932 geboren, wuchs Fakhri Kaddori in der Zeit der Monarchie, das heißt in der frühen Formierungsphase des neu entstandenen Staates Irak auf. Damit erlebte er die quasikoloniale Dominanz der Briten, Franzosen bzw. generell des Westens über die Nachfolgeländer des alten Osmanischen Reiches. Wie viele junge Menschen seiner sozialen Schicht fühlte er sich stark von der Idee des Panarabismus angezogen, die er als programmatisches Vehikel sah, den als übermächtig erlebten Einfluss des Westens auf die Länder der arabischen Welt abzuschütteln, um einen eigenen arabischen Weg bei der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Entwicklung der Region in die Moderne zu gehen. Aber auch, um die Erdölressourcen der Region der bis dato alleinigen Ausbeutung durch westliche Firmen zu entziehen und sie für den Irak nutzbar zu machen.
Bereits während seiner Schulzeit engagierte sich Kaddori politisch, wurde ein Jahr vor dem Abitur sogar für einige Zeit seiner Schule verwiesen, weil er sich an den verbotenen Demonstrationen zum Gedenken an die Opfer von al-Wathba (DMG al-waṯba, dtsch.: Aufstand, Erhebung) beteiligt hatteFürstenberg 2012, S. 22. Als al-Wathba wird der Massenaufstand bezeichnet, mit dem im Januar 1948 die irakische Bevölkerung u. a. gegen den zur erneuten Unterschrift anstehenden Anglo-Irakischen Vertrag von 1930, den Vertrag von Portsmouth, opponiert hatte, der die Einflussnahme Großbritanniens auf den Irak bis zum Jahr 1973 hätte fortschreiben sollenFürtig 2003, S. 43.
Zu Beginn seines Studiums kam er Ende der 1940er Jahre in Bagdad in Kontakt mit der Gruppe syrischer Studenten, die das Programm von panarabischer Einheit, Freiheit und arabischem Sozialismus (waḥda - ḥurrīyya – ištirākīyya) der Baʿth-Partei Michel ʿAflaqs und Salah al-Din al-Bitars in das Nachbarland Irak trugen, um hier einen irakischen Zweig der Baʿth aufzubauenBatatu 1978, S. 741: Ihnen schloss sich Kaddori anFürstenberg 2012, S. 25. Einige Jahre später, 1952, wurde er von der syrischen Parteileitung in Damaskus zum vierten Parteisekretär (ʾamīn sir al-qīyāda) der neuen Partei ernannt – damit dem Syrer Faʾiz ʾIsmaʿil, dem Iraker ʿAbd al-Rahman al-Damin und dem Tunesier ʾAbu al-Qasim ʿUmar Kurru nachfolgendFürstenberg 2012, S. 30Hashim 2003, S. 69–70al-Hassan 2011, S. 280–281al-Thawra 28. Februar 1993Hana Batatu – der sich in seinem Buch „The Old Social Classes …“ bei der Schilderung der ersten Jahre der irakischen Ba’th-Partei offenbar ausschließlich auf Gespräche mit Fuʾad al-Rikabi stützte (Batatu 1978: 742 u) – lässt Kaddori als (vierten) Parteisekretär völlig unerwähnt: Der sehr ehrgeizige al-Rikabi hatte offensichtlich seine eigene Rolle in der Anfangsphase der irakischen Baʿth etwas geschönt. Den Posten des Parteisekretärs hatte er Kaddori nämlich 1954 nach einer von ihm, al-Rikabi, angezettelten, etwas unschönen Intrige entrissen (Fürstenberg 2012:30-31).. 1955 war die irakische Baʿth-Partei dann groß genug geworden, dass auf ihrem 1. Parteitag – er fand im Elternhaus Kaddoris im Bagdader Stadtteil al-ʾAʿzamiyya statt – das erste regionale [=irakische] Führungsgremium der Baʿth (qīyāda quṭriyya ḥizb al-baʿṯ fi'l-ʿirāq) sowie dessen Generalsekretär Fuʾad al-Rikabi von den irakischen Mitgliedern selbst gewählt werden konnten.
Nach Abschluss des Studiums der Wirtschaftswissenschaften in Bagdad und den USA (State University of Iowa) sowie seiner Promotion in Deutschland (Universität zu Köln) 1964 wurde Fakhri Kaddori 1968 im Anschluss an den Sturz Ministerpräsident ʿAbd al-RahmanʿArifs unter dem neuen Präsidenten ʾAhmad Hasan al-Bakr Wirtschaftsminister. Dieses Amt bekleidete er bis 1971Batatu 1978, S. 1216/17Kaddori 2006, S. 69–70. Weit mehr Technokrat als Politiker hielt er sich von Anfang an konsequent aus den parteiinternen Richtungs- und Machtkämpfen heraus und konzentrierte seine Arbeit auf die Wirtschaftspolitik des Landes, die, bereits ab 1958 von ʿAbd al-Karim Qasim und den beiden Brüdern ʿArif nach weitgehend sozialistischen Regeln in Gang gesetzt, nun weiter als sozialistische Planwirtschaft ausgebaut werden sollte.
Für Kaddori war das gelenkte Wirtschaften unabdingbar für ein exportschwaches Entwicklungsland, wie es der Irak damals darstellte: Die erst noch im Aufbau befindliche Volkswirtschaft der späten 1960er Jahre bedürfe protektionistischer Regeln, so damals die Überzeugung der Baʿth-Partei, zumal die einzige nennenswerte Ressource des Landes, die dem Staat Einnahmen hätte einbringen können, nämlich seine riesigen Erdölvorkommen, seit Mandatszeiten ausschließlich von ausländischen Mineralölgesellschaften ausgebeutet wurden, mit nur relativ geringen Tantiemen an den Staat Irak. Mit den streng dirigistischen Planwirtschaften kommunistischer Länder wie der Sowjetunion, der DDR, Kuba etc. hatte das irakische wie generell das arabische Verständnis von Sozialismus gleichwohl nur relativ wenig gemein, es ging letztlich um die schützende Lenkung einer Wirtschaft, in der es neben staatlichen und halbstaatlichen Betrieben (in erster Linie der Schlüsselindustrien sowie Luftfahrt, Bahn und Schifffahrt) auch weiterhin rein private Wirtschaftsbetriebe geben sollte.Fürstenberg 2012, S. 43–46
An den Verhandlungen ab Januar 1973 mit den ausländischen Anteilseignern der Iraq Petroleum CompanyAn der IPC (Iraq Petroleum Company) waren British Petroleum, Royal Dutch/Shell, Compagnie Française des Pétroles, Exxon, Mobil und Gulbenkian beteiligt, ebenso wie an den in Basra und Mosul ansässigen Gesellschaften BPC und MPC. zur Verstaatlichung von IPC wirkte Fakhri Kaddori neben dem damaligen Ölminister Saʿdun Hammadi sowie dem Generalsekretär des Ölausschusses, ʾAdnan al-Hamdani, unter der Verhandlungsführung Saddam Husseins mit: Das resultierende Abkommen zur alleinigen Förderung irakischen Erdöls durch die Republik Irak trat am 1. März 1973 in Kraft (für die IPC und MPC; für die BPC ab Dez. 1975)Kaddori 2006, S. 143–146ʿAllam 1978, S. 36–49. Die daraufhin in die irakische Staatskasse sprudelnden Erdöl-Einnahmen ermöglichten es Kaddori als Leiter des RKR-Wirtschaftsbüros und Mitglied des Planungsrates (mağlis al-taḫṭīṭ), im Rahmen der jährlichen sowie der 5-Jahres-Planungen Strategien für Aufbau und Modernisierung des Landes zu entwickeln, die alle maßgeblichen Bereiche umfassen sollte – Landwirtschaft, Industrialisierung, Infrastruktur, Bildung, Gesundheitsfürsorge, Wohnungsbau. Bis 1980 implementierte der Irak dann auch großzügige Wirtschafts-, Sozial- und Kulturprojekte.Kaddori 2006, S. 163–175Fürstenberg 2012, S. 57–60 Der Irak-Iran-Krieg (1. Golfkrieg, 1980–1988) beendete diese Entwicklung jäh.
Es waren dann zuerst eher Störungen in der zwischenmenschlichen Kommunikation, bevor zunehmend Diskrepanzen bei inhaltlichen – wirtschaftlichen wie politischen – Fragen zwischen Fakhri Kaddori und Saddam Hussein aufkamen, die die anfangs gute Zusammenarbeit zwischen beiden ab Mitte der 1970er Jahre immer mehr trübtenKaddori 2006, S. 187–189. Saddam entwickelte sich sukzessive zum despotischen Alleinherrscher. Der Wirtschaftsexperte Kaddori versuchte, sich so weit wie möglich von den Machtkämpfen in der Partei- wie in der Staatsführung (die weitgehend identisch waren) sowie von offenen Konfrontationen mit Saddam (die damals für die Opponenten meist tödlich endeten) fernzuhalten. Es war dann wohl der Intervention al-Bakrs hinter den Kulissen zu verdanken, dass Kaddori von Bagdad aus nach Kairo (später nach Amman) wechseln konnte, wo er von 1978 bis 1983 den Posten des Generalsekretärs des Rates der Arabischen Wirtschaftsunion innehatteArabische Liga 1982, S. 48Kaddori 2006, S. 200–201. Ein Jahr nach seinem Weggang musste auch ʾAhmad Hassan al-Bakr zugunsten Saddam Husseins von allen seinen Ämtern zurücktreten.
Das Problem, bei Saddam Hussein in Ungnade gefallen zu sein, stellte sich erneut mit Ende von Kaddoris fünfjähriger Amtszeit in Amman. Zunehmend wurden ihm Hinweise übermittelt, dass er auf Saddams Liste derer stünde, die dieser zu beseitigen vorhätte. Er kehrte nicht mehr nach Bagdad zurück, sondern emigrierte 1983 mit seinen Kindern nach Deutschland.Fürstenberg 2012, S. 66–69
Kritik