mini|thumbtime=11|Das Cabinet des Dr. Caligari (1920) Das Cabinet des Dr. Caligari ist ein deutscher Horrorfilm von Robert Wiene aus dem Jahr 1920 über einen Schlafwandler, der tagsüber vom zwielichtigen Dr. Caligari als Jahrmarktsattraktion herumgezeigt wird und nachts Morde begeht; in einer weiteren Handlungsebene wird diese Geschichte vom Insassen einer Irrenanstalt erzählt, der seinen Direktor bezichtigt, eben jener Dr. Caligari zu sein. Der expressionistische Stummfilm gilt als ein Meilenstein der Filmgeschichte.
Handlung Die Handlung des Films ist in sechs Akte eingeteilt.
I. Akt mini|hochkant|Friedrich Fehér in der Rolle des Francis Zwei Männer unterhalten sich auf einer Gartenbank. Der ältere erzählt dem jüngeren, Franzis, dass ihn Geister von Haus und Familie vertrieben hätten. Aus dem Hintergrund nähert sich Jane, die Franzis als seine Braut bezeichnet. Dieser entgegnet, dass er mit dem Mädchen eine weitaus seltsamere Geschichte erlebt habe, die er nun zu erzählen beginnt. Der Film blendet zurück:
In Holstenwall, Franzis’ Geburtsstadt, wird ein Jahrmarkt angekündigt, den Franzis und sein Freund Alan gemeinsam besuchen wollen. Zwischenschnitte zeigen, wie ein alter Mann – Dr. Caligari – durch die Stadt irrt. Er will bei der Stadtverwaltung die Erlaubnis erwirken, auf dem Jahrmarkt einen Somnambulen (Schlafwandler) vorzuführen. Ein übel gelaunter Stadtsekretär verärgert Caligari, lässt ihn lange warten und verweist ihn schließlich an einen anderen Beamten. Der erlaubt die Schaustellung und Dr. Caligari kündet auf dem Jahrmarkt seinen Somnambulen Cesare an.
II. Akt mini|hochkant|Werner Krauß, Promotionsfoto für Das Cabinet des Dr. Caligari In der folgenden Nacht wird der Stadtsekretär in seinem Bett erstochen, doch vom Täter fehlt jede Spur und für seine Ergreifung wird eine Belohnung ausgeschrieben.
Franzis und Alan besuchen indessen das Volksfest und stehen bald vor der Bude (dem „Cabinet“) des Dr. Caligari. Dieser preist marktschreierisch „Cesare, den Somnambulen“ an. Vor den Augen des Publikums wird er „aus seiner Todesstarre erwachen!“ Neugierig geworden betreten Franzis und Alan das „Cabinet des Dr. Caligari“ und erleben, wie der „Somnambule“ erwacht. Da er „die Zukunft kennt“, fragt Alan ihn, wie lange er leben werde und Cesare antwortet: „Bis zum Morgengrauen!“ Bedrückt entfernen sich die Freunde. Auf dem Heimweg treffen sie Jane. Franzis und Alan gestehen sich, beide das Mädchen zu lieben, sie aber zwischen ihnen wählen zu lassen. Dies solle jedoch ihrer Freundschaft keinen Abbruch tun.
In der Nacht, als Alan schläft, taucht eine schattenhaft erkennbare Gestalt auf und dringt auf den Schlafenden ein. Sie kämpfen und Alan sinkt zurück.
III. Akt Eine Frau teilt Franzis mit, dass Alan in der Nacht erstochen worden sei. Franzis erinnert sich sofort an die Prophezeiung des Somnambulen. Er verständigt die Wache und berichtet dann Jane und ihrem Vater, dem Medizinalrat Dr. Olsen, von dem unheimlichen Mord. Dieser erwirkt von der Polizei die Ermächtigung, den Cesare zu untersuchen. Dr. Olsen und Franzis eilen zum Wohnwagen Caligaris. Der, sichtlich misstrauisch geworden, empfängt die beiden scheinbar freundlich und lässt die Untersuchung zu. Währenddessen schleicht durch die nachtdunklen Gassen von Holstenwall ein verdächtiger Mann. Er will in ein Haus eindringen, wird aber von Passanten überwältigt. Sie entwinden ihm einen Dolch und schleppen ihn zur Wache. Man ist überzeugt, mit diesem Mann den Doppelmörder bei seinem dritten Mordversuch gefasst zu haben. Dies erfahren Franzis und Dr. Olsen während Cesares Untersuchung, die sie daraufhin abbrechen. Sie verlassen den sichtlich erleichterten Caligari und eilen zur Wache.
IV. Akt mini|Szene aus dem IV. Akt: Cesare verschleppt Jane Im Verhör gesteht der Verbrecher, dass er eine alte Frau töten wollte: „… mit einem Stich in die Seite mit ebenso einem Dolch, um den Verdacht auf den geheimnisvollen Mörder zu lenken.“ Jane, durch das lange Ausbleiben des Vaters beunruhigt, sucht ihn bei Caligari. Der lädt sie ein, Cesare zu besichtigen. Dieser erwacht und entsetzt flieht die junge Frau bei dessen Anblick, die Augen des Somnambulen folgen ihr.
In der Nacht schleicht sich Franzis wieder zu Caligaris Wohnwagen. Durch das Fenster beobachtet er den dösenden Caligari und den offensichtlich in seiner Kiste schlafenden Cesare. Zur gleichen Zeit aber streicht Cesare durch das Städtchen und dringt in Janes Schlafzimmer ein. Dort zückt er den Dolch, doch von der Schönheit des Mädchens überwältigt, lässt er ihn sinken. Er ergreift sie und schleppt sie fort. Ihr Schreien weckt die Hausgenossen und sie verfolgen den Fliehenden, der das Mädchen auf seiner Flucht ohnmächtig auf dem Weg liegen lässt und dadurch entkommen kann. Jane behauptet, Cesare habe sie überfallen, doch Franzis, eben vom Wohnwagen zurückgekehrt, beteuert, das könne nicht sein, da er die ganze Nacht den in der Kiste schlafenden Somnambulen beobachtet habe.
V. Akt mini|Zwischentitel am Ende des V. Aktes Auf der Wache verdächtigt Franzis den am Vortag inhaftierten Verbrecher, der jedoch weiterhin in seiner Zelle sitzt. Dadurch misstrauisch geworden, verschafft Franzis sich mit Unterstützung der Polizei Zutritt zu Caligaris Wohnwagen, um Cesares Schlafkiste zu untersuchen. Dort findet sich allerdings nur eine Puppe. Schäumend vor Wut flieht Caligari, von Franzis verfolgt, in eine Irrenanstalt. Dort erkundigt sich Franzis nach einem Patienten namens Caligari, der dem dortigen Anstaltspersonal aber unbekannt zu sein scheint, weshalb dieses Franzis an den Direktor verweist.
Entsetzt erkennt Franzis im Anstaltsdirektor den nämlichen Dr. Caligari und teilt dies sofort den übrigen Ärzten mit. Während Caligari ahnungslos in seiner Villa schläft, durchsuchen sie mit Franzis das Direktorenzimmer und finden ein altes Werk über Somnambulismus – „Sein Spezialgebiet“, wie einer der Ärzte bemerkt. Es enthält einen Aufsatz mit dem Titel: „Das Cabinet des Dr. Caligari“, dessen Handlung den vergangenen Geschehnissen gleicht: Ein „Mystiker“ des Namens Caligari versetzte im Jahre 1703 kleine Städte Oberitaliens in Panik, indem er einen Somnambulen namens Cesare, vollständig unter seinen Willen gezwungen, zu einer Serie von Morden veranlasste. Durch eine dem Cesare getreu nachgebildete Puppe verstand er es, jeden Verdacht von sich zu lenken. Außerdem findet man im Büro ein Manuskript: „Mein Tagebuch“. Es beginnt: „Endlich … endlich! Heute meldete man die Einlieferung eines Somnambulen.“ In Rückblende zeigt der Film, wie sich dem Direktor durch diese Einweisung die lang ersehnte Möglichkeit bietet, den „unerbittlichen Drang“ seines Lebens zu erfüllen – das psychiatrische Geheimnis jenes Dr. Caligari zu lösen. Zu ergründen, ob es wahr sei, „dass ein Somnambuler zu Handlungen gezwungen werden kann, die er im wachen Zustand niemals begehen, die er verabscheuen würde …“, sogar zu einem Mord. Die Begeisterung des Direktors artet in zwanghafte Wahnvorstellungen aus: „… ich muss Caligari werden …“
VI. Akt Noch während Franzis und die Ärzte über das Manuskript grübeln, wird Cesare gefunden und in das Büro des inzwischen zurückgekehrten Direktors getragen. Dieser bricht beim Anblick des Somnambulen zunächst zusammen, bäumt sich dann aber in hemmungsloser Wut auf, wird jedoch überwältigt, in die Zwangsjacke gesteckt und in eine Zelle eingesperrt.
Der Film blendet nun wieder auf die erste Szene des I. Akts vor, die Gartenbank mit Franzis und dem alten Mann. Franzis schließt seine Erzählung mit den Worten: „Und seit dieser Zeit hat der Wahnsinnige die Zelle nicht mehr verlassen.“ Beide stehen auf und gehen ein paar Schritte – der Garten, in dem sie sind, gehört zur Irrenanstalt. Unter all den Irren sieht man Cesare, der eine Blume liebkost. Franzis warnt den alten Mann, sich niemals von Cesare wahrsagen zu lassen, er wäre sonst tot, doch der Alte mustert ihn nur verständnislos und entfernt sich. Franzis erblickt nun die auf einem Thron sitzende Jane und macht ihr einen Heiratsantrag. Doch sie antwortet: „Wir Königinnen dürfen nicht nach unserem Herzen wählen.“ Plötzlich erscheint der Direktor der Anstalt: es ist derselbe wie vorher. Franzis stürzt sich auf ihn: „Er ist Caligari!“ Doch die Pfleger werfen sich auf Franzis, überwältigen den heftig Tobenden und schließen ihn in eine Zelle. Der Film endet mit den Worten des Direktors: „Endlich begreife ich seinen Wahn. Er hält mich für jenen mystischen Dr. Caligari. Und nun kenne ich auch den Weg zu seiner Gesundung.“
Entstehung und Einfluss mini|Entwurf einer Filmkulisse von Walter Röhrig aus dem Jahr 1919 Das Cabinet des Dr. Caligari hatte am 26. Februar 1920 im Berliner Filmtheater „Marmorhaus“ Premiere. Berühmt wurde das Werk durch den außergewöhnlichen und neuartigen Stil, der gemalte und gebaute, grotesk verzerrte Kulissen mit kontrastreicher Beleuchtung und gemaltem Licht und Schatten kombinierte, weshalb er häufig als Musterbeispiel des expressionistischen Films bezeichnet wird. Die Bauten des Films stammten von Walter Reimann, Hermann Warm und Walter Röhrig und entstanden, wie Warm in seinen Memoiren berichtete, in dem später Lixie genannten Atelier in Berlin-WeißenseeLixie-Atelier im CineGraph Atelier-Lexikon und im Filmportal und nicht wie eine Legende will, im Studio Babelsberg.
Für den durch Das Cabinet des Dr. Caligari geprägten filmischen Stil wurde gelegentlich auch der Begriff Caligarismus verwendet. Sein Erfolg verhalf dem deutschen Film nach dem Ersten Weltkrieg zur künstlerischen Weltgeltung und prägte wesentlich sein „Image“. 1933 wurde er in Deutschland verboten und 1937 zum Bestandteil der Ausstellung „entartete Kunst“ gemacht. Heute wird dem Film, wie dem deutschen Expressionismus der Zwischenkriegsjahre generell, große filmgeschichtliche Bedeutung zugesprochen. Besonders der phantastische Film wurde von ihm erheblich beeinflusst.
1962 entstand unter der Regie von Roger Kay eine Neuverfilmung unter dem Titel The Cabinet of Caligari. Es lehnt sich inhaltlich grob an das Original an. Hommagen an den Film finden sich auch in den frühen Werken des US-amerikanischen Regisseurs Tim Burton.
Erhaltung und Restaurierungen Das ursprüngliche Kameranegativ des Films ist im Filmarchiv des Bundesarchivs weitgehend und trotz seines Alters in vergleichsweise gutem Zustand erhalten. Gegenüber den erhaltenen Positivkopien weist es eine deutlich höhere Auflösung und einen größeren Tonwertumfang auf. Bei dem Originalmaterial fehlt allerdings der gesamte erste Akt, zudem sind in zahlreichen Einstellungen einzelne Bilder und Passagen verloren gegangen. Das Negativ war zudem chemisch behandelt worden, um Kratzer zu vermindern, wodurch das Material teilweise angelaufen war.
Eine zeitgenössische farbige Nitratkopie in Deutschland ist nicht bekannt und viele spätere Sicherungskopien wurden auf Schwarzweißfilm übertragen, wodurch die ursprünglich durch Viragierung und Tonung erzeugte Farbgestaltung verloren ging. Auch die Originalkomposition der Begleitmusik von Giuseppe Becce ist weitgehend verloren gegangen, nur vier Stücke haben sich in seiner Sammlung von Klavierstücken zur Filmbegleitung erhalten.
Frühe Restaurierungen Eine erste Restaurierung des Films stammt von 1980. In diesem auf der zweiten Fassung von 1921 basierenden Film wurden nur die Zwischentitel durch die der ersten Fassung von 1920 ersetzt. Diese Schwarzweiß-Version wurde mit einer von Peter Michael Hamel neu komponierten Begleitmusik erstmals am 15. Mai 1983 im ZDF gezeigt.Gute Kopien. Restaurierungen und Editionen (I). In: Filmblatt, Jahrgang 6 (Sommer 2001), Nr. 16, S. 65–76 (70–73) (, PDF; 8,34 MB), .