mini|Kalbfell mini|Rindshaut
Als Rindshaut werden die behaarten Häute der verschiedenen Hausrind- und Wildrindrassen, als Kalbfelle die behaarten Häute der Jungtiere bezeichnet. Als Nebenprodukt der Fleischindustrie sind sie eine Handelsware des Rauchwarenhandels. Der Häutehandel unterscheidet außerdem zwischen Zahmhäuten und Wildhäuten. Als Zahmhäute werden diejenigen Häute der europäischen Hausrinder verstanden, die beim Schlachten zur Fleischnutzung anfallen. Als Wildhäute werden nicht nur die Häute von Wildrindrassen, sondern auch die von in Übersee genutzten Hausrindrassen bezeichnet, da diese Häute zu Beginn des globalen Rindshauthandels meist von ausgewildert lebenden Herden Südamerikas stammten.
Namhafte Produktionsgebiete sind dort entstanden, wo einerseits die klimatischen Verhältnisse eine Rindviehhaltung in größerem Umfang gestatten und wo andererseits die Verwertungsmöglichkeit für das Fleisch gegeben ist. In erster Linie trifft das auf die südamerikanischen Staaten, insbesondere die La-Plata-Länder (Argentinien, Uruguay und Paraguay) zu, denen deshalb hierfür auch die weitaus größte Bedeutung zukommt. Die Einfuhr dieser Häute nach Deutschland dürfte etwa um 1900 begonnen haben, insbesondere durch Hamburger Kaufleute. Da der Import von Wildhäuten vielseitige Fachkenntnisse erfordert, blieb dieser Kreis verhältnismäßig klein.
Rindshäute werden vorzugsweise zu Taschen, Stiefeln und Wohnaccessoires verarbeitet, Kalbfelle bei entsprechender Mode bevorzugt zu Übergangskleidung. In weitaus überwiegender Menge werden die Häute zu unbehaartem Leder gegerbt.
Die Häute ausgewachsener Tiere sind grob und steif und werden schon deshalb kaum für Pelzzwecke genutzt. Einige Zeit lang wurden aus afrikanischen, in Spanien veredelten Stierhäuten Mäntel gearbeitet. Büffeldecken gehörten zur traditionellen Ausrüstung der nordamerikanischen Ureinwohner.
Für Pelzbekleidung werden hauptsächlich Kalbfelle verwendet, diese Nutzung in der Moderne begann jedoch erst in den 1920er Jahren.
Hausrind mini|Herr im Mantel aus geschorenem, gefärbten Kalbfell (2009) Die Domestizierung zum Hausrind erfolgte bereits vor dem 9. Jahrtausend v. Chr.
Die in Europa anfallenden Rindshäute reichen für die hiesige, lederverarbeitende Industrie nicht aus. Deshalb werden zusätzlich Häute eingeführt, hauptsächlich aus Südamerika, Australien, Ostasien, Indien und Afrika. Diese von Hausrindern stammenden, jedoch als Wildhäute bezeichneten Felle sind meist kleiner, grobnarbiger und von gröberer, zäherer Faser als die Zahmhäute (Stand 1966). Die Bezeichnung Wildhäute für die Felle der Nachkommen der von den Spaniern im 16. Jahrhundert in den südlichen Teilen Nordamerikas, in Mittel- und Südamerika eingeführten Rinder der Criollo-Rasse trifft schon sehr lange nicht mehr zu. Wichtigstes Kennzeichen dieser Häute war das Brandzeichen des Besitzers, der ansonsten verwildert lebenden Rinder. Sie ergaben vor allem ein sehr gutes Sohlleder. Da das Fleisch minderwertig war, begann man andere Rassen einzukreuzen. 1895 bestand der Rindviehbestand noch zu 50 Prozent aus Criollos, 1922 nur noch aus 3 Prozent. Daneben wurden aber bereits reinrassige Herden gehalten, wirklich wildlebende Herden gab es bereits um 1950 nur noch ganz vereinzelt. Auch für den nordamerikanischen, kanadischen und neuseeländischen Anfall wurde die Bezeichnung „Wildhaut“ nur noch aus Tradition aufrechterhalten.
Die Fellgrößen sind je nach Rasse sehr unterschiedlich. Auch die Fellfarben variieren mannigfaltig. In Abhängigkeit von der Rasse sind sie einfarbig gelb, gelbrot, rot bis dunkelrot, rotbraun, grau bis braun, schwarzbraun, seltener rotschimmlig oder weiß, häufig rot-, gelbscheckig und besonders oft – für das sehr weit verbreitete Niederungsrind und das schon in DDR-Zeiten dort bevorzugt gezüchtete Schwarzbunte Milchrind typisch – schwarzweiß gescheckt.
Die Behaarung der Rindshäute und Kalbfelle ist kurz, grob und hart, Unterwolle ist kaum vorhanden. Das Haarbild ist mehr oder weniger moiriert. Bei überwiegender Stallhaltung und in warmen Ländern bestehen keine auffallenden Unterschiede zwischen dem Sommer- und dem Winterfell. Der Fellwechsel geschieht allmählich und über einen längeren Zeitraum.
Rasseeigenschaften, Geschlecht und Alter, Lebensweise und Klima sind neben anderen Eigenschaften die Faktoren, die die Qualität der Häute am lebenden Vieh beeinflussen. Die Haut weiblicher Tiere ist meist feiner und zarter als die von gröbere und schwerere von männlichen. Mit zunehmendem Alter verstärken sich die Geschlechtsmerkmale, insbesondere bei Zuchttieren, ganz besonders anschaulich bei der Bullenhaut. Die klimatischen Verhältnisse wirken sich nicht nur direkt aus, sondern auch indirekt durch Flora und Fauna (Dornen- und Kakteenrisse, Insektenschäden usw.). Da vielfach in geschlossenen Zuchtgebieten die gleichen Rinderrassen gehalten werden, kann der Fachmann aus der Herkunft der Haut ziemlich sichere Schlüsse auf ihre Güte und mögliche Fehler schließen. Ein weiterer qualitätsbeeinflussender Umstand ist die Behandlung der Haut bei ihrer Gewinnung. Durch zu tiefe Schnitte beim Abziehen wird die Haut „schnittig“, durch unzureichende oder nicht rechtzeitige Konservierung entstehen harte, „verbrannte“ Stellen, durch zu schnelle Trocknung wird das Leder oberflächlich trocken, fault aber im Inneren.
Die Häute erwachsener Hausrinder sind meist zu schwer, um sie für Kleidung zu nutzen. Aus Rindshäuten beziehungsweise Rinderhäuten werden jedoch Pelztaschen, Pelzstiefel, Wandbehänge, Vorleger und Sitzbezüge für den Wohnbereich hergestellt. Im Altertum sollen Rindshäute auch zum Bau von Kanälen Verwendung gefunden haben.Schöps, Häse: Kalbfelle (s. dort). Primärquelle L. Fougerat: La pelleterie et lé vêtement de fourrure dans l'antique, le préhistoire, les civilisations orientales, les barbares, le grèce. Rom, Paris 1914, S. 192.
Neben den Hauptlieferanten Argentinien, Uruguay und Paraguay sind weitere überseeische Häute-Exportländer: Die südamerikanischen Staaten: Brasilien, Kolumbien, Chile, Peru, Bolivien, Ecuador und Venezuela Die mittelamerikanischen Staaten: Panama, Costa Rica, Guatemala, Nicaragua, Mexiko Die USA und Kanada Von den Antillen: Kuba, Jamaika, Puerto Rico Afrikanische Gebiete: Abessinien, Eritrea, Kenia, Rhodesien, Südafrika, Provinz Natal, Transvaal, Namibia, Westafrika Asien: Indien, Pakistan, Indonesien, China, Indochina, Burma und Siam Australien und Neuseeland.
Hauskalb
Kalbfelle sind etwa 60 bis 100 Zentimeter lang (etwa Fohlenfellgröße). Das Haar ist kurz und etwas steif. Die Färbung ist sehr unterschiedlich: rotbraun, braun, dunkelbraun, rotbraun-schwarzbraun, schwarz-weiß oder braun-weiß. Das Fell ist fohlenähnlich, selten ist jedoch eine Moiré- oder Wellenzeichnung, das Haar ist glatt; das Leder ist schwerer als beim Fohlenfell. Nur die weicheren Felle werden in bedeutender Menge zur Pelzverarbeitung verwendet. Die Felle stammen von gleich oder wenige Wochen nach der Geburt geschlachteten Tieren, später werden die Felle zu schwer. Felle von zu früh geborenen Tieren waren wie beim Persianerbreitschwanz unter der Bezeichnung Galjak-Kalbfelle im Handel.Ohne Autorenangabe: Die Pelzmode im Winter 1961/62 – Madeleine de Rauch. In: Hermelin 1961 Nr. 5, Hermelin-Verlag, Berlin u. a., S. 35 (Zitat: „Madeleine de Rauch verarbeitet als Neuheit Galjak-Kalbfelle“.) Die Verwendung der Kalbfelle erfolgt zu Jacken und Mänteln, auch für Pelzstiefel, Mützen, Handschuhe, Kissenbezüge usw.
Das Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg bewahrt einen Umhang aus Kalbfell auf, er wurde im Kayhauser Moor nahe der Ortschaft Kayhausen bei Bad Zwischenahn in Niedersachsen gefunden und stammt aus dem 4. bis 1. Jahrhundert vor Chr. Er gehörte dem sogenannten Jungen von Kayhausen – von dem man nicht genau weiß, ob er nicht vielleicht ein Mädchen war – einem Moorleichenfund aus dem Jahr 1922.
Schindlinge ist eine alte Bezeichnung für Kalbfelle mit extrem kurzem Haar, meist von zu früh geborenen Tieren oder Totgeburten stammend.Gesetze, Dekrete, Verordnungen des Kantons Bern. Band 19, 1919, S. 109, 211. Abgerufen am 20. September 2021. Die Häute von etwa vier bis zwölf Monaten alten Kälbern waren entsprechend ihrer Bezeichnung Fresser auch unter dieser Bezeichnung im Handel.Ergebnis der Berliner Auktion. In: Der Rauchwarenmarkt Nr. 36, Berlin, 17./18. Februar 1922, S. 3.
In der Moderne wurden mangels anderen Fellmaterials während des Ersten Weltkriegs begonnen, aus Kalbfellen Jacken und Mäntel zu arbeiten, bis dahin wurden sie fast ausschließlich als Leder verwendet. Lediglich aus den Fellen rotbrauner Kälber wurden schon vorher Tornister und Koffer hergestellt. Insbesondere nachdem das Fohlenfell in Mode gekommen war, geriet auch das preiswertere und besser verfügbare Kalbfell in den Blickpunkt der Modemacher. Um 1925/26 wurden in Amerika die ersten naturscheckigen Kalbfelljacken kreiert, die einen recht expressionistischen Eindruck erzielten. Philipp Manes nennt ebenfalls das Jahr 1925, in dem zum ersten Mal Kalbfelle zu Mänteln verarbeitet wurden.Philipp Manes: Die deutsche Pelzindustrie und ihre Verbände 1900–1940, Versuch einer Geschichte. Berlin 1941 Band 1. Durchschrift des Originalmanuskripts, S. 132 (Anmerkung: Im 2. Band, S. 132, nennt er es in dem Rückblick auf das Jahr 1926) (Kollektion G. & C. Franke). Die Fellart war vor allem immer dann gefragt, wenn für andere Pelzmaterialien Importschwierigkeiten bestanden.V: Kalbfell gab der Mode neue Impulse. In: Die Pelzwirtschaft Heft 9, September 1966, S. 26–27.
mini|Kalbfohlen. Anzeige in einer Fachzeitung (1942)
Zum Anfang der Hauptzeit der Fohlenpelzmode wurden moirierte Kalbfelle als Kalbfohlen gehandelt, eine Bezeichnung die nach den RAL-Vorschriften nicht mehr zulässig ist (der letzte Wortbestandteil muss die tatsächliche Fellart angeben). Etwa nach der Jahrtausendwende wurde Kalbfellkonfektion aus Frankreich in einer Saison sogar fälschlich als „Pony“ angeboten. Das Kalbfell ist an den beiden Nackenwirbeln zu erkennen, das Fohlenfell (also auch das Pony) an den „Spiegeln“, den großflächigen Haarwirbeln vor den Ansätzen der Hinterbeine. Bei der Verarbeitung werden die häufig störenden Kalbfellwirbel jedoch oft durch Drehen des Genickstücks entfernt oder aber diese Fellteile werden nicht mitverwendet.